Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 36 (9.9.1920)
- Date
- 1920-09-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Rr. 36 stattfanden, wurde auch von Warschau aus eine rege Hilfsaktion eingeleitet. Für die Stimmung charakteristisch ist auch der neuerliche Beschluß auf Entfernung aller jüdischen Offiziere aus dem Militär. Auch darüber dürfen die jüdischen Zeitungen anscheinend nicht direkt berichtensie melden nur von verschiedenen Beratungen der jüdischen Repräsentanten mit den Negierungsvertretern über „die letzhin erlassenen Verfügungen, die Juden im Heer betreffend". Die Juden verlangen einen Widerruf der erlassenen Verfügungen und Einsetzung einer speziellen Kommission zwecks Untersuchung der gegen die Juden erhobenen Vorwürfe. Positives ist bisher noch nicht erreicht worden. Der Vertreter des Kriegsminifteriums hat bet dieser Beratung lediglich versprochen, den höheren Instanzen die jüdischen Forderungen vorzulegen und über das Resultat auf der nächsten Sitzung zu berichten. Eine orthodoxe Konteren? in Lod?. Lodz, 5. September. Auf einer Konferenz der „Schlume Emune Jisroel" in Lodz, auf der das Rabbinat wie, auch die orthodoxen Ratmänner vertreten waren, wurde die C h ed a r im f r a g e behandelt. Allgemein war man der Ansicht, daß der derzeitige Lehrplan für die profanen Fächer in den Chedartm den Verhältnissen mehr als genug Rechnung trägt. Aufgabe der Schulleiter muß es jetzt sein, auch die religiösen Disziplinen möglichst zu erweitern und auf eine größere Höhe zu bringen. Herr Direktor Schweizer referierte über den Schulzwang und hielt der jüdischen Gemeinde vor, daß sie bis jetzt für die jüdische Erziehung nichts getan hätte. Sie trage auch die Schuld daran, daß die Cheradim pädagogisch nicht auf der Höhe stehen. Er teilte ferner mit, daß der Schulrat darauf bestehe, daß die Schulen den Namen Che dar nicht mehr tragen und den Normallehrplan für allgemeine Volksschulen einführen. Direktor Schweizer erklärt sich gern bereit, alle orthodoxen Bestrebungen zur Reformierung der jüdischen Schule unter Beibehaltung ihres alten jüdischen Charakters zu unterstützen. Auch die Rabbiner und Dajanim unterstützen alle Verbesserungsvorschläge und sind bereit, an der Sache } mitzuwirken. Es wird beschlossen, der Kommission für allgemeine Bildung ein ausführliches Memorandum über die Chederfrage zu unterbreiten. Die Not der oalfcifchen Rabbiner. Zürich, 3. September. Vonder Agudas Jisroel Lemberg geht unter ^dem 18. August dem Zentral-Büro der Agudas Jisroel Zürich ein Schreiben zu, aus dem die furchtbare Not zu ersehen ist, in welcher sich unter den neuen verworrenen Verhältnrffen besonders die Rabbiner Ostgalizlens befinden. Sind schon vom Jahre 1914 her Rabbinerfamilien — deren Gemeinden bis auf den heutigen Tag überhaupt nicht mehr existieren — in Lemberg unter den erbärmlichsten Umständen ansässig, so gesellen sich zu diesen jetzt tagtäglich noch neue Flüchtlinge, sodaß die Stadt Lemberg heute schon einige zwanzig Rabbinerfamilten beherbergt, die, von ihren Gemeinden ganz abgeschnitten, ganz mittellos sind. Die Schonung der Autorität unserer Thora erlaubt uns nicht, die Rabbiner der Schmach der Bettelet auszusetzen. Die Summen aufzubringen, die zur Erhaltung dieser heute schon großen und täglich zunehmenden Zahl der Rabbinerfamilien unter den in Galizien ' herrschenden Umständen erforderlich sind, ist schlechthin unmöglich und muß daher auf auswärtige Hilfe gerechnet werden. — Auch die Agudas Jisroel in Frankfurt a. M. nimmt gern Spenden zu diesem Zwecke entgegen. Ukraine. Sliidiflinge aus 8er Uftraine. Wien, 2. September. lieber das Martyrium der nach Beßarabien sich flüchtenden jüdischen Pogromopftr aus der I Der Ksraetu - Ukraine schreibt die „Mantuira" unter dem Titel „Das Ende einer Tragödie": Vor einiger Zeit hat der Minister des Innern Argentjanu die Einreise dieser Unglücklichen nach Beßarabien gestattet, die Bewilligung jedoch nach zwei Wochen rückgängig gemacht, so daß niemand jetzt das Recht besitzt, sich aus der ukrainisches Pogromhöhle nach Beßarabien zu retten. Mehrere hundert Flüchtlinge die keine Aufenthaltbewilligung haben, sind der Gefahr ausgesetzt, über dm Dnjster zurückgejagtzu werden Eine Anzahl anderer ist im Armeekommando interniert und läust gleichfalls Gefahr, über die Grenze geschafft zu werden, wo ihnen der grausame Tod droht. Man darf keinen Augenblick versäumen, um diese Unglücklichen vor der Auslieferung in die Krallen der Pogrombestien zu retten. UirAland. Im öereiche Htranoeis- London, 2. September. Trotz den Aeußerungen General Wrangels über tolerante Behandlung der Juden, treffen hier überaus beunruhigende Nachrichten über die Lage der Juden in der Krim ein. Eine neue antisemitische Hetze, die sowohl von unverantwortlichen Elementen als auch von offiziellen Personen und Behörden, ja von den offiziellen Communiques des Generals Wrangel selbst betrieben wird, bedroht die dort lebenden Juden täglich tu ihrer Existenz. Viele zittern um ihr nacktes Leben. Aus zuverlässiger Quelle wird berichtet, daß sie jeder Bewegungsfreiheit benommen sind, und zwischen gewissen Rayons sei den Juden jeglicher Verkehr überhaupt verboten. Trübe Nachrichten kommen auch aus Tiflis. Das dortige spanische Konsulat verständigte das Großrabbinat in Konstanttnopel, daß zirka 150 jüdische Familien in Tiflis in der größten Not leben. Da sie in Baschkale geboren und somit türkische Untertanen sind, droht ihnen die grusinische Regierung mit Austreibung, weil einer Verordnung zufolge alle Ausländer das Land verlassen müssen. fr~-T ■ "- GnSland.^ Vom Milchen heben in Raodad- London, 20. August. Die Nachrichten aus Bagdad lauten ziemlich günstig. Schon zur türkischen Zeit nahmen die Juden in Bagdad eine ansehnliche Stellung iü Politik und Gesellschaft ein. Unter den Engländern hat sich die jüdische jüngere Generation, die zum größten Teil aus der Allianceschule hervorgegangen ist und daher die englische und französische Sprache gut beherrscht, sehr bald zurechtgefunden. In allen höheren wie niedrigen Amts- und Regierungsstellen sind Juden vertreten. Bagdad zählt auch eine ansehnliche Zahl jüdischer Richter und fast sämtliche Uebersetzer sind Juden. Der Handel liegt vollends in Händen der Juden. Auch vom geistig-religiösen Leben in Bagdad läßt sich nur Gutes, sagen. Fast alle jüdischen Mitglieder der Gemeinde sind religiös gesinnt und halten streng Sabbat und Feiertage. AnrerMcr. Der Bericht der „Joint"-Dertreter. Wem Horü, 10. August. Am 2. August trafen in New-Aork die aus Rußland zurückgekehrten Delegierten des Joint Distribution Comite, Richter Fischer und Max Pi ne ein. Ihr Bericht an den „Joint" ist noch nicht veröffentlicht. Beim Empfange von Zeitungsvertretern schilderten sie die ökonomische Notlage der jüdischen Bevölkerung in Rußland. Pogrome habe es zwar dort nicht gegeben, aber die Notlage sei eine unglaubliche. Alle Juden warten auf die Gelegenheiten zur Emigration, da sie in einem sowjetistischen Rußland gar keine Zukunft haben. Die Delegierten erwähnten auch Einzelheiten über die dank ihren Bemühungen gelungene 9 September 1936 Befreiung der verhafteten zionistischen Delegierten. Tschitscherin fürchtete, ihr Bericht über Rußland könnte ungünstig ausfallen, weshalb er nach langen Interventionen sich dafür einsetzte, daß auch die letzten noch verhafteten 19 Zionisten, - eine Stunde vor Abreise der amerikanischen Delegierten befreit wurden. Richter Fischer erklärte noch, daß die Gefahr für die Juden sehr groß wäre, falls die sowjetMsche Regierung gestürzt würde, da in dem darauffolgenden Chaos wohl niemand imstande wäre, die Ordnung im Lande aufrecht zu erhalten. Auf die Frage eines Reporters erklärte Fischer, daß er trotz allem die kommunistische Re gierungsform noch immer der zaristischen vorzöge. gtaläßina. Die 6ren;en Paläffinas- Jerusalem, 5. August. Die von hier nach Sam ach dem See entlang führende Straße, deren gute Instandhaltung von der größten Wichtigkeit ist für die Verbindung dieser Eisenbahnstation mit Liberias und dadurch mit den Militärlagern in Tabgha, Rosch Pina und Obergaliläa, soll jetzt bedeutend erweitert und verbessert werden. Besonders in der Winterzeit ist bei Süd- oder Ostwtnd der Motorverkehr auf dem See selber unsicher, obgleich gegenwärtig vier Motorboote in Tätigkeit sind, zwei derselben der Regierung gehörig, die zwei anderen einer jüdischen Gesellschaft. Die Arbeiten sind einer landwirtschaftlichen Gesellschaft von der Regierung anvertraut wordensie sind schon in vollem Gange. Da von den englischen Truppen jetzt auch ein Säger in Kunetra, 20 Kilometer nordöstlich vom Huleh-See, bezogen wird, kann man sich schon einen Begriff machen von der zukünftigen Grenze Palästinas im Norden und Osten, die nach der Erklärung Herbert Samuels noch nicht völlig festgelegt sei. Die räuberischen Beduinen dieses Gebietes haben sich mit ihrem Emir zurückgezogen - die friedlichen Anwohner scheinen froh zu sein, daß wenigstens wieder eine Regierung ins Land kommt, das ganz sich selbst überlassen war. Bet seinem Besuch der Kolonie Rtschon°le-Zion erklärte S. H. Samuel: „Die Flagge der Juden und die englische Flagge sollen das Wahrzeichen dieses Landes sein, aber man muß nicht vergessen, immer vorzugehen zum Nutzen aller Einwohner, ohne Unterschied der Raffe oder Religion." Die von ihm besuchte jüdische Vorstadt Jaffas Tel Awiw^ beantragte volle Unabhängigkeit von Jaffa. Traurige Nachrichten kommen von Sidon, dem französischen Syrien. Die Teuerung daselbst ist unglaublich. Erstens wird der Hasen viel von / Kriegsschiffen zum Lebensmitteletnkauf besucht - zweitens sind dort Tausende von Flüchtlingen htngesirömt aus den aufständigen Nachbargebieten, drittens ist die Umgegend so unsicher, daß alle Zufuhr stockt. Da begreift es sich, daß die Auswanderung von dort nie so stark gewesen ist wie in letzter Zeit. In Beirut wurde, nachHavas, am 1. Sept. durch General Gourand in Anwesenheit einer ungeheuren Menschenmenge der neue Staat „Gr oß - L t b an o n" verkündet. Dieser wird vom Flusse Nähr el Kebir bis an die Grenze von Palästina und vom Meere bis zu den Kämmen des Antilibanon reichen. Sitz der Regierung ist Beirut, das eine weitgehende administrative Autonomie mit direkten Beziehungen zum Oberhaupt des neuen Staates erhält. Tripolis in Syrien wird zu einem Muntzipiüm erhoben. Rabbi Scholem Ahlbeck Lübeck,, 2. Sept. In kurzen Worten berichteten wir bereits von dem Hintritt des Talmudforschers Scholem Ahlbeck. Ueber sein Leben und Leisten sei noch kurz Folgendes hinzugesügt. In Warschau geboren, aus der Jeschiwah mit reichem talmudischem Wissen ausgestattet, harte Ahlbeck sich dem Kaufmanusstande widmen wollen. Aber es winkte ihm in dieser Laufbahn kein Erfolg,