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Der Israelit · 1920-09-09 · Heft 36 (9.9.1920) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 36 (9.9.1920)
Date
1920-09-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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T. September 1820 - -■■ ■ gezahlte Vergütung, die zuletzt 10 Mk. pro Trauung betrug, wird seit 1. Juli - nicht mehr gezahlt. Dadurch haben sie einen Einnahmeverlust, der sich auf etwa lOOMk. monatlich beläuft. Die Maßnahme der Verwaltung ist umso weniger berechtigt, da die für Trauungen zu zahlenden Gebühren wiederholt , und zuletzt noch vor wenigen Monaten erhöht worden sind. Die Verwaltung geht aber noch weiter und verlangt von den Kantoren, daß sie Bureauarbeiten mit übernehmen und ohne Bezahlung leisten. Diese Arbeiten wurden bisher von besonderen Angestellten ausgeführt, die nun wohl ihre Entlassung zu erwarten haben. Den -Kantoren, die solche Arbeiten zu übernehmen sich weigern, wird Gehaltsabzug angedrohtdie Kantoren Protestieren dagegen, daß um eine Ausgabenbeschränkung zu erreichen, hier Unternehmerpraktiken auf einen gottesdienstlichen Betrieb angewendet werden. . Wie ferner berichtet wird, wurde der Streik, an dem alle Beamten der Jüdischen Gemeinde Berlins, mit Ausnahme der Lehrerschaft und der Kultusbeamten, beteiligt waren beendet. (Die beiden ausgenommenen Kategorien erklären ihre volle Übereinstimmung und Sympathie, wollen aber vorläufig im Interesse -es von ihnen versehenen Dienstes vom Streik absehen.) Der Gemeinde-Vorstand hat nach 36 ständigen Verhandlungen sich verpflichtet, bis Ende Oktober die neuen Gehaltsbestimmungen durchzuführen. Für die Zwischenzeit werden den Beamten Vergütungen gewährt. Me vorssandswabl. Berlin, 31. August. Die Repräsentantettversammlung der Jüdischen Gemeinde wählte die Herren Geh. Sanitätsrat Dr. Stern, Leopold-Badt, Amtsgerichtsrat Wolff,HugoBlankenburg,BertholdKirstein, Bruno Gale^wski, Dr. Kareski in den Vorstand, als Stellvertreter die Herren Karl F u chs, Dr. Sandler und Dr. T. Cohn. llnglaublick. Merlin, 3. September. Unter mannigfachen Klagen, die die „Rote ' Fahne" Berlin gegen die deutschen Grenzbehörden in Ostpreußen erhebt, befindet sich auch die Angabe, daß beiUebertritt von durch Polen bedrängten russischen Soldaten auf deutsches Gebiet den jüdischen Soldaten der Uebergang über die-Grenze durch den deutschen Grenzschutz verwehrt wird, so daß sie in die Hände der polnischen Verfolger fallen, die besonders Juden kein Pardon geben. Wir halten diese Nachricht für unglaubhaft, solange sie nicht durch Beweise belegt wird. üüiitfie maffsnausroanderuns* Ianzig, 1. September. Von den über 16 000 polnisch-jüdischen Auswanderern, die in der letzten Zeit in Danzig eintrafen, sind die meisten bereits nach Amerika abgereist. Nach dem „Kurjer Polskt" beabsichtigt im Ganzen über eine Viertelmillion Juden ausPolen nachNordamerikaauszuw andern, wohin sie von Verwandten eingeladen wurden. Wegen Mangel an Schiffsraum dürfte die Beförderung über zwei Jahre dauern. Ungarn. Numerus clausus. Budapest, 3. Sept. In der Nationalversammlung hat die Verhandlung über den Gesetzentwurf, betreffend die Regelung der Einschreibungen an den Hochschulen (Numerus clausus) begonnen. Kultus- und Unterrichtsminister Ha lle r verteidigte in längerer Rede den Gesetzentwurf, wobei er ausführte, daß die Anzahl der jüdischen Hörer sich in einem mit der Bevölkerungszahl in gar keinem Verhältnis stehenden. Maße vermehrt habe. Auch bei der Nostrifizierung von im Ausland erhobenen Diplomen würden die gleichen Grundsätze Der JSraeltt. _ zur Geltung gebracht werden wie in-dieser Vorlage. Die Kontingentierung der Zahl der Studierenden würde dem Profcssorenkörper überlassen und betreffe nur neu eintretende Hochschüler. Die erworbenen Rechte der bisherigen Besucher der Hochschulen würden gewahrt und die Studierenden sich nur einem Rechtfertigungs- Verfahren bezüglich ihres Verhaltens während der Revolution zu»unterwerfen haben. — Abgeordneter Universitätsprofeffor Szalecsky erklärt, die Vorlage dürfe nur provisorischen Charakter tragen, so daß bei Wiederherstellung der territorialen Integrität die volle Lernfreiheit wiederhergestellt werden müsse. — Abgeordneter Basady-Balogh bemängelt, daß sich die Regierung bei Einbringung der Vorlage von gewissen äußeren Einflüssen leiten ließ. Statt an der Wiederherstellung des Landes zu arbeiten, befasse sich die Nationalversammlung mit Vorlagen zweiten Ranges. Der Numerus clausus verstoße gegen das bestehende Gesetz, wonach jeder, der die Reifeprüfung abgelegt hat, das Recht zum Besuche einer Hochschule erwirbt. — Abgeordneter Universitätsprofeffor Bernolak ,wünscht, daß die Verhältniszahl der einzelnen Nationalitäten und Konfessionen festgesetzt werden müsse. Die Interessen des Ungartums erfordert es, daß diese Verhältniszahl für das Magyarentum neun Zehntel betrage. — Abgeordneter Petö (Nationaldemokrat) erklärt die Vorlage als antikulturell. Nicht das Judentum, sondern der Weltkrieg hat-Ungarn ins Unglück gestürzt. Noten. Die amtliche Netze. — tlinrichfung des Plo?her Rabbiners. Warschau, 6. September. Unbeschreibliche Aufregung und Bestürzung hat in der polnischen Judenheit die standrechtliche Hinrichtung des Rabbiners von Plozk des allverehrten Rabbi Schapiro, durch das polnische Feldgericht hervorgerufen. Unter dem Drucke der Zensur muß sogar der jüdische Schrei in der Kehle ersticken. Die jüdischen Zsttungen Warschaus müssen sich darauf beschränken, den amtlichen Bericht über den Fall wtederzugeben. Und dieser lautet, nach einer wortreichen Schilderung der „bolschewistischen Untaten" in Plozk ungefähr folgendermaßen: „Die jüdische Bevölkerung, die in Plozk ungefähr 30 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, verhielt sich feindfelig gegen das polnische Heer und sympatisierte offen mit den Bolschewikis. Es ist festgestellt, daß die Juden die polnischen Soldaten mit kochendem Wasser überschütteten. Bier Juden wurden dabei ertappt, wie sie mit Hilfe eines unterirdischen Telephons eine Verbindung mit den Russen suchten. Den Rabbiner Schapiro überraschte man in dem Momente, als er von seinem Balkon aus den Bolschewisten ein Zeichen gab, ihre Bewegungen gegen die Polen zu richten." Dieser Bericht ist einem Kommunique über den Besuch desMinisterpräsidenten in Plozk entnommen. Die Bärennachrtchten von dem Verrat der Juden sind allzu kraß und widersinnig, um von jemand ernst genommen zu werden. Schon die ganze Art und Aufmachung zeigen, wohin das alles hinaus soll. Aber wahr ist, daß, wie in Schedlitz auch in Plozk viel jüdisches Blut geflossen ist. Und um den „jüdischen Verrat" ganz besonders grell -zu illustrieren, mußte man noch einen Rabbiner als Opfer haben. Die vom Rabbiner Schapiro gegebenen „Zeichen" erklären sich damit, daß er im kritischen Momente, als die Bolschewisten von Osten her einzogen, am Fenster mit großer Andacht sein Minchogebet verrichtete. In einem Jnterwtew mit einem Pressevertreter äußerte sich der Ministerpräsident, zur Rechtfertigung der begangenen Greuel, daß in Plozk und Schedlitz, ebenso in Byalostok und anderen Städten, viele Fälle von Verrat von Seiten der Juden vorgekommen seien, gibt No. 36 Seite 8 aber andererseits zu, daß an vielen Plätzen unter der vorübergehenden Bolfchewtstenherrschaft gerade die Juden am meisten gelitten hätten. Auch sonst hat die polnische Presse ihre antisemitische Hetze gegen die Juden wieder ausgenommen und beschuldigt sie an dauernd bolschewikischerBetätigung. Sogar an amtlichen Stellen wird öffentlich erklärt, es sei erwiesen worden, daß in vielen wiedereroberten Städten'jüdische Abteilungen die Bols hewiken mit Waffen unterstützt hätten. Eine gegenüber der jüdischen Presse mit aller Strenge gehandhabte Zensur macht es ihr unmöglich, die Wahrheit über die letzten Exzesse der Oeffentlichkeit bekanntzugeben. Es unterliegt keinem Zweifel, daß schwere antisemitische Ausbrüche sich ereigneten. Jüdische Abordnungen und Sejmdeputierte, von orthodoxer Seite besonders Rabbiner Perlmutter, werden nicht müde, unaufhörlich beim Vtzeminister Daßynski Vorstellungen zu machen. Die Sdiiachf bei Radfimin. Warschau, 5. September. Ueber die Schlacht bei Radfimin, dem Sitze des bekannten „Radsiminer Rebbe", in den ersten Tagen des Elul, bringt der hier erscheinende „Jud" eine ergreifende Schilderung. Freitag abend sind die Bolschewisten in die Stadt eingezogen. Am Sabbatmorgen setzte aber von beiden polnischen Seiten eine Kanonade ein, die fast die ganze Stadt in Brand setzte. In wenigen Stunden waren über 50 Häuser, darunter zwei Synagogen und das Gemeindehaus, ein Opfer der Flammen und hunderte Familien obdachlos. Die Gemeinde hat auch keine ausreichende Synagoge mehr für den Gottesdienst an den hohen Feiertagen, da abgesehen von den großen Kosten auch die Zeit bis dahin für eine Wiederinstandsetzung der Gotteshäuser nicht ausreichen wird. In der entstandenen Panik sind später viele mit den Russen aus der Stadt geflüchtet, ihr ganzes Hüb und Gut den plündernden Horden überlassend. Der Radsiminer Rebbe ließ sich durch kein Bitten und Flehen seiner Getreuen dazu bewegen, die Stadt zu verlassen. Er sagte, er würde, auch wenn der Letzte gegangen sei, noch allein bei seinen Sifre-Thauras bleiben. Während des Kanonendonners war die ganze Gemeinde im Hofe des Rabbi versammelt. In Bes-Hamidrasch war die heilige Lade geöffnet, vor der die Anwesenden Tillim-Gebete nach Anweisung des Rabbi rezitierten. Nm das Gotteshaus, herum platzten die Geschosse, daß die Luft erzitterte. Eine Bombe flog über das Dach deS Bes-Hamidrasch, riß einige Ziegel mit sich und schlug im Boden in der Nähe des Hauses ein, eine andere fiel in den Brunnen und verschüttete ihn fast ganz. In diesen kritischen Momenten stand der Rabbi auf dem Almemor und sprach eindringlich mahnend und beruhigend an seine Gemeinde. Er wies dabei auch auf die neuesten Prüfungen der Zwangssonntagsruhe hin, die manche nicht ganz bestanden halten und ermahnte sie, fortan der Sabbatheiligung auch unter schweren Opfern gerecht zu werden. Auch sonst benutzte er die Gelegenheit, Mißstände zu brandmarken und Besserung zu bewirken. Erst um 1 Uhr nachmittags, nachdem die Schießerei ein wenig nachgelassen hatte, konnte man düs gemeinschaftliche Mußaphgebet verrichten. Das Schauspiel wiederholte sich mit verstärkter Kraft am Sonntag früh. Zum Donner der Geschütze kamen auch noch die Bomben aus der Luft. JmBeshamidrasch war wieder die ganze Gemeinde versammelt, wo der Rabbi mit der Thorarolle in der Hand Gebete verrichtete. Die llnterlucbung Warschau, 6. September. Ueber die vom Ministerium zur Prüfung der Ausschreitungen im Schlachtgebiet eingesetzte Untersuchungskommission erfährt man noch, daß ihr, der Abg. Grünbaum und Prylucki als Vertreter der Juden angehören. Für Jablonna, wo die schlimmsten Exzess

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