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Der Israelit · 1920-09-09 · Heft 36 (9.9.1920) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 36 (9.9.1920)
Date
1920-09-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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9 September 1920 Soll« also jüdische Schulen gegründet werden — und es ist sicher, daß es keine wichtigere Aufgabe für die Gesamtheit giebt —, so muß den Weltanschauungs-Gruppen freier Spielraum zur s e l b st ä n d i g e n Entfaltung gewährt werden. Dies auch-schon deshalb, weil grade die deutsche Orthodoxie sich nicht mehr mit dem Schema der staatlichen Lehrpläne zu begnügen vermag, sondern mit jedem Tage energischer eine echte Lhora-Kultur mit ihren starken Anforderungen an Zeit und Kraft für ihre Jugend verlangt. Vier öder fünf Stunden „Religionsunterricht" oder „hebräische Sprache" sind dem gegenüber eine unzulängliche Abschlagszahlung. Der Aufsatz Goslars ist aber noch aus einem anderem Grunde bemerkenswert. Er verrät ein auf zionistischer und misrachtftifcher Seite leider seltenes Verständnis für den Standpunkt der autonomen Orthodoxie. Goslar schreibt einleitend: „Der Riß, der heute durch das deutsche Judentum geht, ist nicht, wie etliche Augenblickspolttiker meinen, erst mit dem Einsetzen der leidenschaftlichen Debatten pro und contra Zionismus und Nationaljudentum entstanden. Er trar zu dem Zeitpunkt klar zu Tage, als Teile der süddeutschen Orthodoxie unter der Führung des wie man auch zu seiner religionspolitischen Betätigung stehen mag — zum geistigen Führer durch Begabung und eiserne Konsequenz der Ueberzeugung und Potltik qualifizierten Rabbi Samson Raphael Hirsch das staatliche Trennungsgefetz erzwangen, das ihnen den Austritt aus den Synagogengemeindeu und die Begründung eigener Religionsgesellschaften ermöglichte. Als so zum ersten Male in voller Oeffentlichkeit und vor dem Forum des christlichen Staates Juden erklärten, daß sie mit anderen Juden (an denen dieser Staat ihnen gegenüber sicherlich keine wesentlichen Unterschiede entdecken konnte) nicht mehr so viel gemein hätten, daß sie mit ihnen im geschlossenen Gemeinschastsverband leben und beten könnten. Die — wenigstens nach außen und der christlichen Oeffentlichkett gegenüber bis dahin geltende — Einheitlichkeit des deutschen Judentums hatte an diesem Tage ausgehärt, zu bestehen. Diese Tatsache sei hier ohne ein Wort der Kritik und ohne jedes Werturteil über die Handlungsweise der Separatisten oder derer, die sie direkt oder indirekt zur Secession veranlaßt hatten, festgestellt. Werturteile und Kritik wären hier, so meine ich, nicht am Platze. Wer S. R. Hirschs Schriften und Leben kennt, und wer mit wachsendem Interesse in den in der letzten Zeit erschienenen Schriften seines geistvollsten und eigenartigsten Schülers, Jsaac Breuer, gelesen hat, weiß, daß hier nicht nur Rechthaberei und Eigenwilligkeit zu finden sind, sondern ein System, eine Weltanschauung von absoluter Geschlossenheit und Einheitlichkeit, — etwas, was man wohl avlehnen, nicht aber unterschätzen oder bespötteln kann. — Das Judentum war in zwei Lager zerfallen, wenigstens nach außen hin; ans der einen Sette die kleine Schar der unbedingt Gesetzestreuen, für die das gesamte Gesetz bis irr die feinsten und kleinsten Verästelungen als uneingeschränkt verbindlich gilt, aus der anderen Seite neben einer Anzahl gleichfalls Gesetzttener, die aber die Trennung ntcht mttmachen wvllien, die Schatlierungen der Konservativen, Halborchodoxen, Liberalen, völligen Freidenker usrv. Schon diese Aufzählung, die Einige Gleichnisse für die hohen Feiertage. Bon Dr. Felix Kanter in Zwittarr (Mähren). I. Das Leben — ein Craum- Das Glück und der Traum unternahmen einst gemeinsam einen Flug durch die Welt. Eines Tages kamen sie in die Nähe einer Stadt, deren Bewohner schlecht und sündhaft waren. Da die Sonne unierging und die finstere Nacht heranzudämmern begann, sprach der Traum zum Glück: - „Komm, Bruder, laß uns in dieser Stadt übernachten!" Das Glück aber meinte: „Nein, in dieser Stadt kann ich unmöglich weilen, ihre Bewohner haben das Recht verwirkt, mich in ihrer Mitte zu haben. Du aber „so fügte er hinzu, „kannst dort deinen Einzug halten, ich erwarte dich hier vor dem Tore". Der Traum zog darauf in die Stadt ein und begann gleich ein bekanntes Blend- und Trugwerk. Er zavberte den Aermslen und Elendsten die schönsten Traumbilder vor, erhob sie zu Königen und Fürsten, gao ihnen Gold und Schätze und Retchtümer, verlieh ihnen Macht und Ehren, wie es die Menscheu lieben und machte all« zu den Glücklichsten der Sterblichen. Allmählich begann der Morgen zu dämmernder Osten rötete sich und die finstere Nacht schickte sich an, dem jungen Morgen, der ausgehenden Sonne zu weichen. Da stellte der Traum seine Tätigkeit ein und — verschwand. Die Träumenden erwachten aus ihrem Schlafe; allein, je süßer und köstlicher ihr Traum Der JSrarM. Nr. 38. Seite 8 j\ajssm&L> Sjsandauer Str. 16 J5jBjRC Königstraße 11-14 | Jet 1815 SiKS Xn Kaufhaus för Wäsche, Klei-vag, Seltenst *ffc, Voll-, wirkan- Webwaren, Gartiaea, Teppiche Wästhe-Zasstattna-ea , ftnfertiguug in eigenen Werkstätten Wohnungs-Einrichtung«» vier Stockwerke Möbel Moa verlange Str Mrstrtrrtr Preisliste Nr. 1920 nur abgegriffene Gattungsbegriffe für unzählige Variationen und Abstufungen zu setzen vermag, zeigt, daß auch das große Lager keineswegs eine in sich geschloffene Einheit bildete. Den streng gesetzestreuen „Trennungsgemeinden" stand beileibe nicht etwa eine bomogene, eine vor^glelcher Weltanschauung und denselben Grundgedanken der Lebensführung beherrschte Masse gegenüber. Und wenn es zwischen diesen einzelnen Gruppen, in die das große Lager zerfiel, nicht zu weiteren auch nach außen dokumentierten Spaltungen gekommen ist, so nicht deshalb, weil die Divergenz nicht sehr schwerwiegend gewesen wäre, sondern nur darum, weil eben fest umrrssene Gruppen von derselben Uebedinqtheit und Konsequenz der Anschauung wie der der „Trennungsorthodoxie" fehlten, weil alles im Fluß war und die Grenzen und Unterscheidungsmerkmale sich ständig verwischten und verschoben. Deutlicher erkennbar wurden die Abstufungen und Grenzlinien erst dann, als allmählich der Kampf, um die Begriffe dos Nationaljudentums etnsetzte und damit das Judentum wieder aus einer nicht unbedingt aktuellen Angelegenheit, die für sehr viele schon eine Bergangenheitssrage geworden war, zu einem Gegenwartsproblem wurde, zu der Stellung genommen werden mutzte, was zunächst einmal ein Stellungnehmen zu sich selbst und der oft schon in Vergessenheit geratenen oder nur noch im Unterbewußisein vorhandenen Tatsache des Jude-Seins bedeutete". Wenn Goslar seine Gedanken konsequent weiter entwickelt, so wird er allmählich auch darüber zur Klarheit gelangen, daß die Reinheit der jüdischen Idee nur durch organische Lebensgestaltungen von innen h er aus, — wie sie heute Agudas Jisroel erstrebt — nicht aber durch Kompromisse und künstliche Einheitsfronten für die Ewigkeit gesichert werden kann. Die Erledigung der »Falles VMch - Wir hatten öetnr Erscheinen des letzten Delitz'schen Pamphlets „Die große Enttäuschung" an leitender Stelle nachgewiesen, wie dieses ganze Werk einzig auf Wahlmache angelegt war. Wie. war, desto größer und niedermetternder mar ihre Enttäuschung bei ihrem erwachen. Wer arm war blieb arm, der Verlassene — verlaffen, der Unglückliche -* unglücklich. Der Traum sah dies alles und konnte sich des Lachens ntcht enthalten. Er eilte zum Glück vor dem Tore der Stadt und berichtete ihm lachend von dem törichten Spiele, das er mit den törichten Menschen getrieben, von ihrer Freude und ihrer Trauer, von ihrem Lachen und ihrem Weinen, ihrem Glück und ihrer Enttäuschung. „Dieses Spiel", erwiderte das Elück ernst und verweisend, „war sehr frevelhaft und daher verwerflich. Wie kann man so herzlos sein, Menschen zu blenden, zu täuschen und so grausam, zu enttäuschen. Und dazu noch die Aermsten und Elendsten?" „Und du," fiel ihm der Traum ins Wort, „sprich, handelst du etwa besser als ich? Blendest du nicht die Menschen, ja die Menschheit noch mehr als ich und treibst du nicht mit ihnen ein viel ärgeres Spiel? Wohin man geht und wo man sieht spricht man nur von dir, vom Glücküberall rennen und jagen und eilen und laufen die Menschen nur nach dir, nach dem Glück,' jeder wünscht sich und nur wenige auch andern nichts Befferes und Sehnlicheres als dich, das Glück, und dennoch bist du nicht mehr .und nicht besser als ich. Nur mit dem Unterschiede: ich blende und täusche die Menschen für kurze Zeit, für Stunden bloß, du aber zuweilen das ganze Leben hindurch. Du erscheinst und verschwindest, lockst und rufst, um dich dann zu verbergen- und wie wenigen, die dir alles opfern: Religion, Glauben, Ehre, Leben, Freude, Familie und Frieden, gelingt es, deiner habhaft zu werden! Aber wer dich schon findet, ist er etwa zu beneiden, kann er dich dauernd feffeln, bleibst du ihm ewig treu, kann er dich dauernd festhalten? Wtffe Freund, ich und du — wir haben einander nichts vorzuwerfen- Wir beide sind dazu berufen, die törichten Mensche zu täuschen, zu betören und zu blenden — der eine mehr, der andere weniger, der eine länger, der andere kürzer." D'l2tP! ruft unS die Schauforstimme am Beginne des neuen Jahres zu. Brüche, Bruchstücke ist alles im Leben, nichtig, flüchtig und vergänglich ohne Bestand und Dauer, morsch und zerbrechlich gleich Scherben, eitel und vergänglich gleich dem Traume. Mrtipa dw m ruft uns die Schauforstimme nach Ansicht unserer Weifen zu, „wachet auf aus eurem Schlafe!", raffst euch auf und bedenket, wer ihr seid und was ihr seid, woher ihr kommt und wohin ihr gehet. „121 nvo^ö 'üb*? iivn" huldigt Gott als König der Erde und erkennet seine Herrschaft. Er ist ewig, seine Herrschaft und Herrlichkeit sind ewig und er ist der Lenker eurer Geschicke und Schicksale, aorinvlp avai i"2i DJiypni. An euren Freudenragen und bet euren freudigfestlichen Zusammentünften, ebenso wenn eine neue Zeit heranbricht, sei es nun eine Zeit der Freude oder der Trauer, eine Zeit der Prüfung oder des Jubels — da soll die Schauforstimme ertönen, mahnend und warnend, aber auch tröstend und stärkend. Das ist die wahre rwvm, die wahre Huldigung, die nr.in die Huldigung des Weltenkönigs. Ja, „Heil dem Volke, das diese Stimme versteht- Herr! im Lichte deine- Angesichtes wandelt es." (Schluß folgt.) Äarmizwohfeier. Hermann Landau, Sohn von iS I. Landau Fürth i B. am naiv» rav.

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