Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 36 (9.9.1920)
- Date
- 1920-09-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bette 3 Nr. 36 IrchaltsÄkrvstcht. 1. Leitartikel: $uw neuen Ishre. — S. Homiletik: Dr. M. Lewin: MMtrr. — Dr. Felix Kanter.: Einige Gleichnisse für die hohen Feiertage. — S. W ochenrundschau: Eine schulpolitische Einheitsfront? — Die Erledigung deS „Falles Delitzsch". — 4. Aufsätze: John Jaeobsohn: Die Seligionsgrftllschäften und ihre Mitglieder, insbesondere das orthodoxe Judentum, in der Gesetzgebung der Deutschen Republik. — 5. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, (Au§ der Berliner Gemeinde). — Berlin, (Die Vorstandswahl). — Berlin, (Unglaublich). — Danzig, (Jüdische Massenauswanderung). — Budapest, (d)umeru8 clsusus). — Warschau, (Die amtliche Hetze. — Hinrichtung des Plozker Rabbiners). — Warschau, (Die Schlacht bei Radsimin). — Warschau, (Die Untersuchung). — Lodz, (Eine orthodoxe Konferenz in Lodz). — Zürich, (Die Not der galizischen Rabbiner). — Wien, (Flüchtlinge aus der Ukraine). — London, (JmBereicheWrangels).—London,(Vom jüdischen Leben inBagdad). — New 3)ork, (Der Bericht der ,,Joint"-Vertreter). — Jerusalem, (Die Grenzen Palästinas.) — 6. P e rs v n a l i e n. — 7. Vermischt es. — 8. Sprechsaal. — 9. Frankfurter Berichte. — Vereinskalender. — Gebetzeiten. — 11. Feuilleton Beilage: Karl Darmstädter: „nynn" —• Heinrich Einstäbter: Auf der Sommerreise. — A. Mannheimer: Friedhofsbesuch. — (Ein 4000 Jahre alter Scheck.) 12, Ktnderecke: Vom Gottesrecht. Das Jahr klingt mit einem Schrei aus, mit einem Verzweiflungsschret aus Brüderherzen, der schier alles Beten und Hoffen des Festes übertünt. Fünf Jahre hindurch fuhr der Tod über die Erde, ein Jahr zitterte banges Erwarten durch aller Herzen. Alte jüdische Hoffnungsfreude glaubte bereits den Acker genügend gedüngt und gauckslte schon die goldene Frucht des ErdenfriedenS, der Völkerlieöe und der Weltenruhe vor, das Auge. Nun ist es wieder Rosch-haschono und die Erde erzittert von neuem Kriegslärm, und ein Notschrei aus Bruderhaus reißt uns jäh aus all den himmlischen Träumen. Wo * ist „die Furcht vor Gott", die alle Werke beseelen soll, solange der Mensch vor dem Menschen zittert? Wo „der Bund, der alle Menschen um den Willen Gottes einen soll^, wenn Schutz- und Trutzbündnisse geschloffen werden, die Haß und Vernichtung auf ihre Fahne geschrieben? Wo bleibt das Gebet von der „Ehre Deinem Volke", solange Massenverleumdung und Volksverhetzung die Menschen trennen? Wie sollen „die Gerechten sich freuen," wenn überall das Unrecht frech das Haupt erhebt und die Gewalt des Bösen die Wett beherrscht? Wie ferne Musik klingt uns das "pnö [fl 1221 ins Ohr. Lebendige Wirklichkeit ist aber der Mer Sarah, Sanna, Mel. Eine Rauschhaschono-Betrachtung von Rabbiner Dr. M. Letvin in Wreschen. Das Haus ist der Born deS jüdischen LebenS und damit der granitne Fels unserer religiösen Gemeinschaft. Des jüdischen Hauses Genius ist aber das jüdische Weib. Ihm singt der Gatte allsabbatlich das Lied vom „Biederwetb" und ihm gilt auch die gottesdienstliche Vorlesung am Neujahrsfeste. Was Israel ersehnt und erhofft, was es glaubt und mit seiner Volksseele empfindet, all' das ist ihm versinnbildlicht in den trauten Familienbildern, in deren Mittelpunkt jene drei edlen Frauengestalten des biblischen Altertums stehen —, all daS strahlt uns entgegen aus dem Licht, das Earah, Hanna und Rahel mit dem Glanze ihrer Frauentugenden zur Entfaltung bringen. — Sarahs Hoffnungsfreudigkeit, Hannas Glaubensstärke s Der JSraeltt. Hinweis des „Owinu Malkenu" auf die OTin D"ö2i '«2 •Tnrp Sj? V'ni2r2, yv*® 2V 2V ttnTj? Frage, des Tages ist: N21V2 nwn „Wo ist das Lamm zum Opfer?" und die Antwort in der weitsichtigen Ausdeutung der Weisen gilt heute noch: ^2 nSl£2- „Das Opferlamm bist in allen Fällen Du, mein Sohn, der Du den Vorzug hast, Volk Gottes genannt zu werden!" Aus weiter, weiter Ferne klingt zu uns das D'P’IX 1221» Erschütternd nahe erreicht aber unser Ohr wieder die Mutterstimme zu Rama. N22v 7m onnan '22 vw ratw nms 21p IT32 bv- Wiederum weint Mutter Rahel um ihre Kinder, die gemarterten und gepeinigten, von Haus und Hof verjagten. Neue Tränen um neuvergossenes Blut, um neu-geschaffenes Wttwenleid und Waisenelend. Sollen wir darum an unserer Sache, an unserem tausendjährigen Glauben verzweifeln? Ja und Nein! Ja, wenn auch dieses jüngste blutige Zeichen uns nicht bis ins tiefste träfe, und wir achtlos an ihm vom Ernst der Synagoge chur festlichen Behaglichkeit der Familie vorübergingen. Nein, wenn wir sehen und hören und begreifen lernen, was alles in diesem Jahre das Schofar uns an Mahnungen in die Seele spricht. Kann ein Jude heute noch Jude sein,^ ohne im Lichterglanze seiner Synagoge an die Gotteshäuser zu denken, in denen gestern und vorgestern und vielleicht heute noch diejenigen in Todesschaurrn die letzten Minuten auskosteten, die draußen der schnaubende und mordgierige Haß suchte; die Gotteshäuser, die wtderhallten vom letzten „Schema" und /ffiex Ewige ist Gott!" Sie starben wegen einer Schuld, die wir alle begangen — weil sie Juden sind. Sie gingen und ließen uns ihren Glauben und ihr Hoffen, ihre Waisen und ihre Jeschtwaus, ihr Wetterleben in der Kette der Gesamtheit, ihre und unsere Zukunft. Wer wollte diesen Blick, der auf uns ruhte, je wieder vergessen? Vielleicht lag auch bitterer Vorwurf darin. Haben wir früher und sogar zuletzt, da der Strom der Not bereits alle Ufer zu überschreiten begann, haben wir da alles getan, was Bruderpflicht zu tun gebot, alles versucht, was der Einzelne zu leisten nie vermag, die Gemeinschaft der Gleichgesinnten wohl hätte erreichen können? Lag einem jeden des Bruders Not so sehr am Herzen, daß er Kraft und Hand denen schenkte, die mit geringen Mitteln sich am Werke der Gesamtheit abmühten? Wer weiß, ob dann nicht schon Wege aus der Not gefunden und geebnet wären, zu Heim- und Ruhestätten, und Rahels Opfermut, dieses Erbteil der jüdischen Frau, ist der Jungbrunnen, aus dem Israel beim Jahresbeginn Hoffnung und Vertrauen, aber auch den Willen zur Läuterung, und Verjüngung schöpft. Wir sehen jene Frauen als Mutter sich betätigen und wirken: Sckrah in ihrem jungen Mutterglücke schwelgen und die guten Keime im Herzen ihres jugendlichen Sohnes schützen, Hanna als Mutter jubeln, aber auch zu Ehren des Herrn Verzicht leisten und Entsagung üben und endlich Rahel das Leben ihres Kindes mit dem eigenen Leben bezahlen und im Tode noch als guter Genius ihrer Kinder sie segnen und ermutigen. Solche Mütter, wie sie am Rauschhaschono vor unsere Seele hintreten — vielleicht soll Hagar, die ja uns auch als Mutter vorgeführt wird, den Schatten zum leuchtenden Bilde bieten — mutz Israel aufmeisen, sollen seine Häuser Heiligtümer, Pflanzstätten des Reinen und Guten, Bollwerke und Wälle gegen die verheerenden Fluten des Unglaubens und der materialistischen Weltanschauung sein. Merkst du es, jüdische Frau, daß dir. die Religion an der Zeitwende Kränze flicht, deiner Gottesfurcht und deinem Sittlichkettsstreben die vollste Anerkennung zollt —, auf deine Schultern aber auch die Verantwortung für Israels Zukunft wälzt. Die glaubensstarke pflichttreue Mutter wird auch Kinder erziehen, die einem Isaak und einem Samuel gleichen und Israels Bestand und Dauer verbürgen. Das ist die Weisung, die uns die gottesdienstliche Vorlesung gleichsam als Angebinde zum Jahreswechsel reicht. Aber nicht allein der jüdischen Mutier gilt das Schristwort, es wendet sich an Israels Gesamtheit. Mit Sarah sott Israel festhalten an seinem Glauben und an seiner tt eberzeugurig, deren Ausdruck der Gtammutrer Worte sind: „Freude hat Gott mir - 9. September 1930 wo Judesein kein Lodverbrechen ist! Und sS hätten sich dann keine neuen Verzweiflungsschreie in die. Weihe unserer Festgebete gemischt! . . Schlagen wir uns auf die Brust undbekennen wir reuigen Herzens, daß wir gefehlt haben. Es war pure Eigenliebe, daß wir auch beim Gebete um Sühne und Lebensglück nur an uns, an unser Haus, an unsere Kinder dachten, ohne dem Ganzen, dessen wir ja nur ein winziger Teil sind, den schuldigen Tribut an Liebe und Arbeit zuzuführen. Wir haben gefehlt und durch unsere Untätigkeit verschuldet, daß Fremde ihre nicht gerade liebende Hand auf unser heiligstes Gut gelegt und uns auf ureigenstem Gebiete enterben und enteignen. Wollen wir nicht die Schuld der Vergangenheit endlich an der Zukunft gut machen? Die Welt ertrinkt in einem Meere von Haß und Bosheit und. gegenseitigem Mißtrauen, wettweg segelt sie von unseren höchsten Idealen und letzten Zielen, so arbeiten wir wenigstens daran, daß im engsten Kreise der Treugebliebenen das Wort endlich zur Wahrheit werde: D?12 tttOT nn« -.ttijk Eine fchnlpolitische Einheitsfront? Der durch feine Schrift zur Sexualfrage und sonstige zu positivem Judentum weckende Arbeiten bekannt gewordene Berliner Schriftsteller Hans Goslar, der zur Zeit als Regierungsrat im Finanzministerium tätig ist, veröffentlicht unter derUeberichrift „Eine jüdische Einheitsfront in Deutschland?" einen Aufsatz, der Beachtung verdient. Der Verfasser erkennt richtig, daß nur eines das deutsche Judentum retten könne, das) was S. R. Hirsch s. A. schon vor 70 Jahren gepredigt und — betätigt hat: die Gründung jüdischer Volks- und Mittelschulen. Als das Prinzip, auf dem diese Schulen aufgeöaut werden sollen, scheint Goslar persönlich durchaus den Gedanken der Thora-Nation anzuerkennen; er verwirft in gleicher Weise reines Religions¬ und reines Nationaljudentum. Dennoch glaubt er an die Möglichkeit einer schulpolitischen „Einheitsfront", ohne sich darüber Rechenschaft zugeben, daß sein Programm notwendiger Weise den Widerstand der überzeugt Liberalen und Nationalen finden muß, ja daß sogar zwischen dem Geist einer misrachiftischen und einer schlechtweg orthodoxen Schule in der Praxis des Unterrichts. schwer ausgleichbare Differenzen sich zeigen müssen. bereitet." Bei solcher Vertrauensseligkeit bleiben wir fest und unverzagt, auch wenn der Boden unter uns wankt und ein undurchdringlicher Schleier unsere Zukunft verhüllt. Zu tragen ~ und zu dulden. lehrt Hanna, die in ihrer Not im Tempel zu Silo ihr Herz ausschüttet und dann beruhigt von dannen geht. Und als ihrer Hoffnung die Erfüllung wird, macht sie das Glück, das sie erfahren, zur Seherin, daß sie für alle Zeiten den Sieg der Sittlichkeit verkündet: „die Füße seiner Lauteren beschützt er, die Gesetzlosen aber verstummen in Finsternis, denn nicht durch Kraft siegt der Mann .... der Herr richtet die Enden der Erde und verleiht Stärke seinem Könige und erhöht das Horn seines Gesalbten. Die weinende Rahel ttt schließlich ein Bild für das im Exil schmachtende Israel, das in der Schule der Leiden gefestigt wird wie Feuer das Eisen stählt. Jener gleich vernimmt Mutter Israel das Wort von der unverwüstlichen Kraft der Hoffnung und Zuversicht: „Halte deine Stimme vom Weinen zurück und deine Augen von der Träne, denn es gibt einen Lohn für dein Wirken, sie kehren zurück aus Feindesland. Und auch gibt es eine Hoffnung für deine Zukunft, es kehren die Kinder zurück in ihr. Gebiet." Diese letzte Verheißung-zur Erfüllung zu bringen, das sei im neuen Jahre unser aller Ziel und vollends die Aufgabe der sich ihrer großen Verantwortung voll bewußten jüdischen Mutter. So arbeiten wir an unserer-Erlösung, daß wir schauen die Zeit, wo Israels Kinder „zurückkehren aus Feindesland" und „der Israel zerstreut hat, eS wieder sammeln wird."