Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 34 (26.8.1920)
- Date
- 1920-08-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 No. 34 Der JSraeltt. Volkstum ist unvergleichlich nur jedem anderen Volk. Das ist die grundlegende Wabrheit, von der alle Juden durchdrungen sein müssen. Wir wurzeln in Gott, in der Thauro, im Geist, aber nicht in der Materie wie alle anderen.Völker. Wir waren die einzigen, die praktische Politi! getrieben haben, zu uns sind die Armen gekommen. Wir haben die Gefahren, die das Judentum bedrohen, abzuwenden versucht. Mit letzter Kraft sind wir den Gegnern des Judentums entgegengetreten. Wir wollen keine Welt- und keine Handelspolitik. Wir wollen nicht der Spielbaü der Völker werden. Einfache, schlichte Juden wollen wir sein. Wir wollen nicht nach Palästina um die Thauro zu retten. Das liegt bei Gott und in seiner Kraft, nicht in unserer Schwäche. Uns selbst zu retten ist unser Geschäft. Unsere Verwirklichung in der Thauro erhoffen wir in Palästina, nicht die Verwirklichung der Thauro. Wir wollen gerüstet sein. Hüten müssen wir uns aber, die jetzigen-Wochen als Geulaywochen zu feiern. Wie tief schmerzlich ist ^es, daß so Heiliges so mißbraucht wurde. Jüdische Söhne, Gottes Kinder konnten sich so weit vergessen, irdisches Geschehen mit Geulah, dem schönster« und tiefsten Hoffen Judas an Gott, zu bezeichnen und zu jubeln. Wer Gottes Wege durch die Welt beobachtet u d prüft, die vergangenen Zeiten durchforscht, der wird unsere Bedächtigkeit in heiligen-jüdischen Dingen verstehen, wir spielen nicht mit solchen Dingen, wir suchen sie zu erlangen und harren ihrer Ankunft durch Gott. Wir Juden dürfen uns nicht Volk nennen, denn mit Volksverrätern, die vom Volkstum abirren, haben wir nichts gemein, sie müssen Len Weg erst, wieder zurückfinden. „Gemeinschaft" steht höher als Volk) Volk führt zum Staat und Staat führt zur Unsitilichkeit. Wer die Staatsgeschichte verfolgt und kennt, versteht diese Auffassung. Definiert doch Franz Oppenheimer den Staat als die Unterdrückung eines Volkes durch ein anderes. Im Staat fragt man: „Was kannst du mir bieten?" Das Got kodausch sagt: „Was kann ich dir leisten?" Wir sind eine Gemeinschaft an Körper und Idee. Gemeinsam ist unser Weh und Leid, unsere Geschichte und unser Inhalt, aber ich leugne das jüdische Volkstum, wenn es den andern Völkern gleichgestellt werden sollte, denn das ist die augenfälligste Verirrung. Gemeinschaft ist unser Stolz, sie wirkt aufbauen-: Nur durch deine Stätte kann ich stark sein." Dr. Feßler-Wien geht ebenfalls auf die Begriffe „Volkstum" und „Gemeinschaft" ein. Durch Ausiedlung in Erez Jisroel muß von Seiten der Orthodoxie dem dorr überhand nehmenden antireligiösen Geiste entgegengearbeitet werden. Ein Mtüionfonds müßte innerhalb eines Jahres zu diesem Zwecke aufgebracht werden. — Dr. W. H 0fman n-Franksurt a. M. teilte darauf mir, daß die Paläftinazentrale im Begriffe sei, mit einer Million Mark in Deutschland oder Palästina ein Lehrgut zur Ausbildung von jungen Chaluzim anzukausen. Die RosHchodesch Spende bilde keine Konkurrenz für andere Sammlungen und habe den Zweck, das Schulwerk zu unterstützen, das sich, nach den Briefen des Herrn Dr. Auerbach, in trauriger Lage befindet. Vom niedrigen Stande der Valuta dürfe man sich bei den Sammlungen nicht irre machen lassen, schon mit Rücksicht auf den moralischen Wert der Palästinaspende. Erforderlich sei es, daß sich der Paläftinazentrale alle NebenaLtionen unterordnen und ihr die Führung überlassen bleibt. — Zahnarzt Ehrm a nn-Frankfurt a. M. empfiehlt als bestes und einziges Retttungömittel das intensive Thorastudium und die Bildung von Jeschtwos. — Schmulowitz-Kowno wünscht,daß eine selbständige Chaluzimabteilung die Aus- und Einwanderungssrage zur Lösung bringe. — Nach weiteren Aeutzerungen über diese Frage nimmt Rabbiner Dr. Klein in einem kurzen Schlußwort Stellung zu den Aeußerungen desperrn Dr. Kohn. „Volkstum" mm m\ ■ ■■ MIIIM I im im iw II ill | t " TV“-' l— »»m-i-wjiKCggCW und „Gemeinschaft" bedeuten das gleiche, falls die „Gemeinschaft" so gedacht sei, daß beispielsweise denen, die den Sabbat entweihen, das Recht genommen wird, das jüdische Volk zu vertreten. Wir wollen mit dem Worte „nationale Rechte" kein gefährliches Spiel treiben und wollen unser Volksleben so einrichten, daß es der Thora und unserer Eigenart entspricht. Lieber soll uns die Welt für eine Religionsgemeinschaft halten) als daß sie das jüdische Volkstum mißversteht und nach fremden Maßstübsn bewertet und behandelt. Hauptsache ist, daß wir selbst wissen und fühlen, was wir sind lmö müssen. Ein Vorschlag, ohne Debatte über die Berliner Resolution aözustimmen, stieß auf die Gegnerschaft der anwesenden Esraführer. Die Resolution wurde dann zurückgezogen. Mit Schlußworten der Herren Rabbiner Dr. Klein und Dr. Birnbaum und der Aufforderung an die Anwesenden, auch in der Heimat im Geiste der Nürnberger Verhandlungen und Beschlüsse zu wirken, wurde der Dclegiertentag um sechs Uhr nachmittags g schlossen. Sorrejporrvmzen und Nachrichten. DsEÄss Reich. Zuggnölislreidung in Ugtlowib Merlin, 22 August. Die „Vossische Zeitung" berichtet: Die deutsche Behörde, die in Kart owitz angeblich die Befehle der französischen Besatzungbehörden ausführte, hat die allgemeine Verwirrung, die infolge der Unruhen in Kattowitz bestand, benutzt, um eine großzügige Judenaustretbung in die Wege zu letten. ' Bezeichnenderweise ließ man die Polen unbehelligt. Jüdische Arbeiter hingegen wurden auf Dcnunziarionen, zu denen die Polizei aufreizte, von den Arbeitsstellen geholt, gegen den Protest ihrer Arbeitgeber auf Autos geladen und, her Grenze zu abtransportiert. Das Unbegreifliche aber ist, daß die Polizeibehörde, als der Abtransport schon in vollen« Gange war, die Auskunft gab, es handle sich um eine bloße Feststellung der Personalien. Die Absperrung und Durchsuchung der Häuser wurde keinesfalls von französischem Militär, sondern von der deutschen Sicherheitspolizei vorgenommen. Bei der Zafammemre'vung kam es zu Ausschreitungen der Sicherheitspolizei gegen die unglücklichen Opfer, die geschlagen und mißhandelt wurden. MerkwürdtgL^oeise stellt sich auch die Zentralbehörde auf den Standpunkt, daß die polnischen Deserteure mit der Neutralität nichts tun zu haben. Diese Darstellung der „Vossischen Zeitung" wird von der Deutschen Nachrichtenagentur bestätigt. Die Vorgänge in SnJinemün9e., - Stettin, 20. August. . Ein Telegramm drs „B. T." aus Swinemünde meldet: Auf der Strandpromenade in Swtnemünde ka«n es Sonntag abend gegen 11 Uhr zu Kundgebungen mit antisemitischer Tendenz. Unter Führung von Reichswehrsoldaten, anscheinend früheren Baltikumern und Marineangehörigen, zog eine große Menschenmenge mit Musik und Gesang vor die vollbesetzten Vergnügungslokale, wo Vaterlandslieder gesungen und Drohungen gegen die jüdischen Badegäste ausgestoßen wurden. An einigen Stellen wurden Ansprachen ähnlichen Inhalts gehalten. Der verstärkten Polizeimannschaft genug es, durch sofortige Schließung der Lokale die Ansammlung zu zerstreuen und ernstere Ausschreitungen zu verhindern. Aehnltche Kund- __26. August 1080 gebungen haben in der vergangenen Woche schon wiederholt stattgefunden. Am Montag haben die hiesigen Gewerkschaften zu einer Gegendemonstration aufgefordert. Oesterdeich. Ausweisungen. Wien, 20. Aug. Die,Auswersungspraktiken der Wiener Behörden gegen Ostjuden haben zu den verschiedensten Schikanierungen von erwerbenden Elementen geführt. Vor einiger Zeit hat die Behörde einige taufend Abschaffungsbefehle gegen solche Flüchtlinge erlassen, die zum größten Teile in Ostgattzien beheimatet sind, wohin eine Rückkehr infolge der kriegerischen Wirren gänzlich ausgeschlossen erscheint. Die von der ungerechten Verfügung Betroffenen haben gleichzeitig die Verständigung erhalten, daß sie ihre Wohnungen ftfort räumen müssen, widrigenfalls sie delogiert würde««, ohne daß ein Rechtsmittel zulässig wäre. Abg. Stricker hat gegen diese Gesetzwidrtgfetren bet der Regierung Verwahrung eingelegt und vom Staatssekretär für Inneres die Zusicherung erhalten, daß eine sofortige Revision, des gegenüber den Flüchilichen eingefchlagenen Verfahrens erfolgen solle. Ungarn. Nur llngurn. Mudapest, 20. Aug. Der 5. September, 'K, wurde als Trauergedenktag für die jüdischen Märtyrer in Ungarn bestimmt. Das Rituale für den Trauergottesdtenst entspricht hem in den Wormser, Nürnberger und Kölner Memorbüchern niedergelegten Vorschriften und Anforderungen. In dem vom Minister des Innern, Göndös, im „Szoszat" veröffentlichten Leitartikel, in welchem er, wie bereits berichtet, in dezidierter Weise den Antrag des Abgeordneten Budgpeny auf Ausnahmsgejetzgebung gegen die Juden unterstützt, wird auch die Forderung ausgestellt, daß ein 5prozentiger Nuvasrus olausus gegen Juden in Schulen, Zeitungen und Banken eingeführt werde und dafür agitiert, daß eine derartige Bewegung in der ganzen Welt ein setzt. Jene Budapester Blätter, die seinerzeit so weitschweifig, aber auch so einseitig über den angeblichen Vaterlandsverrat des Szegediner Oberrabbtners Dr. Immanuel Löw berichtet haben, verlieren nicht ein Wort der Anerkennung über die Haltung eines anderen Rabbiners, der seine Vaterlandsliebe mit dem Martyrium der Gefangenschaft bezahlt hat. Der Nagyvärader Rabbiner Dr. Leop. Kecskemött wuroe von den rumänischen Militärbehörden verhaftet und soll vor ein Kriegsgericht gestellt werden, weil er sich in einer öffentlichen Predigt als unentwegter Ungar bekannt. Dr. Leopold Kecskemsti beging am 31. Mai sein dreißigjähriges Amtsjubtiium. Bei dem Festgottesdienfte hielt der Rabbi eine Predigt, in der er die den rumunischen Behörden anstößig erscheinende Bemerkung gemacht haben sollten In dem Prozesse wegen der seinerzeit von antisemitischen Mordbuben ausgeführten Ueberfall auf die jüdischen im Cafe Club wurde am 19. August das Urteil gesprochen Sechs Angeklagte wurden zu Strafen von 5 Jahren Gefängnis bis 13 Jahren Zuchthaus verurteilt. Noten. Marsch««, 15. Aug. Für den 12. August hatte die Warschauer Evakuations-Kommission dem Direktor des Hilfskomitees einen Extrazug für 1200 jüdische Emigranten nach Danzig zugesagt. Infolge des großen Andranges war eine besondere Auswahl unter den Emigranten getroffen werden und es kamen vor allem die heimlosen Emigranten aus den Grenzgebieten in