Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 34 (26.8.1920)
- Date
- 1920-08-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Bette S Nr. 34 . Der Israelit. 36. August 1920 tifcl 136, Absatz 3 a. E.). Eine derartige Erhebung — die auch das Landesgesetz anordnen kann — ist inzwischen bereits durch den mit Gesetz vom 12. Juni 1920 (R.G.B!. S. 1210) neugeschaffenen § 82s. des Personenstandesgesetzes für standesamtliche Akte vorgeschrieben; von diesen statistischen Erhebungen ist denjenigen, die ein berechtigtes Interesse daran Huben, insbesondere den Religionsgesellschaften, Kenntnis zu geben. Durch das gleiche Gesetz ist u. a. bestimmt, daß in Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden eine Religionszugehörigkeit nicht mehr anzugeben ist. Sollten diese Vorschriften ernstlich durchgeführt werden, so können sie zu einem Freibrief für alle diejenigen werden, — und ihre Zahl ist nicht gering —, die sich zwar scheuen, ihre äußerliche Trennung mit dem Judentum zu vollziehen, aber dennoch nicht den Mut finden, ihr Judentum öffentlich zu bekennen. Der erzieherische Einfluß, den früher der Zwang zu bekennen, auf. sie ausüben konnte, ist nicht zu unterschätzen. (Fortsetzung folgt.) Wochenmndschan. Ungarische Vernichlnngse-ikte. Man hielt es für einen schlechten Witz, als man zuerst vom Antrag Budapenys in der ungarischen Nationalversammlung zur Lösung der Judenfrage hörte, und ernste Blätter zögerten, diese Bärenkunde den Lesern aufzut'schen. Es ist aber wirkliche bittere Wahrheit. Die ungarischen Nationalhelden wollen „keinen Verntchtungsfeldzug gegen die Juden", aber sie wollen den Juden Grundbesitz und Grundpacht entziehen, ihnen Häuser und Wohnräume abnehmen, Bürger- und Niederlaffungsrechte verweigern. Alle Juden, die noch 1914 aus der damaligen anderen Reichshälfte kamen, müssen samt und sonders das Ungarland verlassen,, und zwar unter Zurücklassung ihres Vermögens. Daß Juden keine Aemter — auch keinerlei Lehrämter — bekleiden und keine leitenden Stellungen einnehmen dürfen, ist nach diesem neuesten Ausfluß magyarischer Humanität und Toleranz nachgerade selbstverständlich. Als Köder für die Sozialisten, die im Gewöhnlichen kein großes Verständnis für diese Art von weißnationalistischer Volksbeglückung haben und den Herren auf dieser Sette wenig trauen, sind sechzig Prozent der jüdischen Fabrtkunternehmungen in diesem Projekte den Arbeitern zugedacht, und der Rest der jüdischen Fabriken erhält keine Rohstoffe. Aus den Judenedikten früherer Jahrhunderte ist auch die Verordnung übernommen, daß Juden keine christlichen Dienstboten beschäftigen dürfen. Auch bleiben die Juden vom Militärdienste ausgeschlossen. Zuguterletzt wird noch den Henkern vom „weißen Terror" ein weitreichender Blankowechsel ausgestellt mit der Verordnung, daß „alle, die irgendwie in Beziehungen zur bolschewistischen Bewegung standen, standrechtlich zum Tode verurteilt werden." Also eine echte, wohlgelungene Teufelsmischung aus den Judenedikten aller Jahrhunderte vom frühesten Mittelalter bis zur Zeit der Reformation, den zaristischen Verordnungen unter Alexander III. und Nikolaus II. und den rumänischen Fremdengesetzen bis zum Versailler Frieden, von allem das Beste und Wirksamste und im Ganzen ein Kulturdokument, das dem selbständigen Ungarn ein Derkmal in der Geschichte der Nachkriegszeit sichern wird. Und dabet wollen Budapeny und Konsorten bei Leibe „keinen Bernichtungsfeldzug gegen die die Juden." Ist im ungarischen Parlamente ein homerisches Lacyen ausgebrochen, als der Abgeordnete Budapeny seine gehirnverbrannten Ideen zum Besten gab, hat man etwa daran gedacht, den Herrn schnell auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen, um so das Prestige eines zu Europa sich zählenden Landes zu retten? Nein, die Wirkung der Rede war eine ganz andere und äußerst überraschende für den, der sich vom Gedanken an das alte Ungarn der Freiheit und Toleranz noch nicht ganz befreit hat. Ern ährung sminister Szaba wünschte, obwohl er mit dem Antragsteller nicht vollkommen übereinsttmmt, daß der Antrag zur Verhandlung gelange, und das Haus beschloß, nach dieser ministeriellen Kundgebung, demgemäß. Der Minister des Innern hat aber in der Budapester Presse sogar seine v öllige Zustimmung zu dem Anträge kundgetan. So hat Uv garn alle Aussicht, in nächster Zeit das zaristischeErbein vermehrterForm anzutreten, wenn nicht die Alliierten, die die kletnenStaaten unter der Voraussetzung der gerechten Behandlung aller Bürger aus eigene Füße gestellt haben, für gut finden sollten, auch Ungarn über seine primitiven Pflichten gegen seine eigenen Bürger und die ersten Gebote der Menschlichkeit zu belehren. UJ.&- i ■; i >-•- - 3nr Offjudenstage in Deutschland. Der Generalsekretär des „Verbandes der Ostjuden in Deutschland", Alfred Marcus, veröffentlicht in der Berliner „Nationalzeitung" einen Artikel, in dem mit interessanten Tatsachen den über die Oftjudeneinwanderung verbreiteten Uebertreibungen wirksam entgegengetreten wird. Marcus beleuchtet die inneren Gründe und Zusammenhänge dieser Einwanderung, die bis auf die Zeit der russischen Unterdrückung aber auch^der wirtschaftlichen Nöte in der Okkupationszeit zurückgreisen. Es wird auch allgemein .übersehen, daß während der Kriegszeit seitens der deutschen Behörden mit allen Mitteln wahllos viele Ostjuden, auch kleine. Handwerker und Kausleute, die irgendwie zu den geringsten körperlichen Arbeiten geeignet schienen, nach Deutschland zur Arbeit in kriegsindustrielle Betriebe, Bergwerke usw. geschafft wurden. Diese großen zwangsweise in Deutschland festgehaltenen ostjüdischen Massen hatten, obwohl sie nach der Revolultion im Frühjahr 1919 infolge der. verschiedenen Demobtlmachungsbeflimmungen wieder in die Heimat zurückgeschafft wurden, ganz natürlich das Bestreben, die ihnen einmal vertrauten deutschen Arbeitsstätten, wenn auch nur vorübergehend, zur Abwendung -der schrecklichen Not wieder aufzusuchen. Die Statistik zeigt, daß diese „Rückwanderer" einen nicht unerheblichen Teil, der seit dem Frühjahr 1919 nach Deutschland gelangten Ostjuden ausmachten. Einen wetteren sehr ins Gewicht fallenden Grund für die Einwanderung stellt der systematische wirtschaftliche Boykott der Polen gegen die Juden dar. Hinzu kommt ferner die während der Kriegsjahre eingetretene zwangsweise Stauung der Amerika- Emigration, die, von 1880—1914 insgesamt 2496527 Juden umfaßte, und in den weitereren fünf Jahren unmöglich gewesen ist. Für dieses zahlenmäßig starke Element (beim amerikanischen Konsulat in Warschau schweben zur Zeit 300000 Gesuche um die Reiseerlaubnis nach Amerika), das mit starken Fäden persönlicher Natur mit den bereits in Amerika lebenden Juden verknüpft ist, kommt Deutschland nur als Durchwanderungsland in Frage. Mit dem Moment nun, da der Verkehr mit Nordamerika wieder ausgenommen worden ist, versuchten die in Amerika lebenden Juden, ihre im Osten lebenden Verwandten Nachkommen zu lassen. Diese wenden sich bet der sich bekannten Unsicherheit derVerhältniffe in den meisten russischen Randstaaten naturgemäß zunächst nach Deutschland, um hier Schiffskarten und Geld zu erwarten. Aehnlich liegen die Verhältnisse bet denjenigen Personen, die Deutschland passieren, um nach Palästina zu gelangen. Daraus ergibt sich, daß man zu unterscheiden hat zwischen dem verhättntsmäßig geringen Teil der Immigranten, die in Deutschland ein Ausenthaltsgebtet von längerer Dauer erblicken, und dem beträchtlich größeren Teil derjenigen, die Deutschland als Durchwanderungsland betrachten. Uebrigens ist aus einer Aufstellung über die berufliche Gliederung dieser Immigranten zu ersehen, daß es sich hier nicht um eine Von der Gottesfurcht. Aus dem „Sefer Chassidim". (Fortsetzung.) 11. Ist sich Jemand eines Vergehens bewußt, für das ein Anderer in Verdacht kommt, so bekenne er sofort seine Schuld, um den Anderen vom falschen Verdacht zu befreien. 13. Leute, die starken Mutes sind, um sich selbst der Beschämung bei Ausübung einer Guttat auszusetzen, erfüllen den Satz: „Um deinetwegen gingen wir in den Tod alle Tage . . 13. Kränkung eines Menschen ist gleichbedeutend niit der Beleidigung einer ganzen Wett. Auch die geringste Verletzung des Feingefühls des Nächsten ist Kränkung im obigen Sinne. , r >. 14- „Bös im Guten" ist derjenige, der dem verschämten Armen öffentlich Almosen verabreicht. Aruenverwalter hüten sich davor, unterstützungsbedürftige Arbeiter zu beschäftigen, um nicht in den Verdacht der Parteilichkeit und Eigennützigkeit zu kommen. » 15. Man leiste sich keinen Spatz auf Kosten Anderer, denn auch dieses führt zur Kränkung. Selbst das Tier darf nicht durch Ueberladung, übermäßiges Antreiben oder sonstwie gequält werden. 16. Man lüge auch nicht mit den Augen, durch stummes Kopfnicken oder Bewegung der Hände. Alle Gliedmaßen des Menschen seien wahrhaftig. 17. Unaufrichtiges Benehmen und falsche Vorspiegelungen sind auch Nichtjuden gegenüber strengstens verboten. Man lade keinen zu Tisch und zwinge keinem Geschenke auf, von dem man weiß, daß er Einladung oder Geschenke nicht annimmt, nur um sich in gutes Licht zu stellen. Oeffnet man das Weinfaß zum eigenen Gebrauche, so laste man bet dem Gaste nicht die Meinung entstehen, als habe man es eigens ihm zu Liebe getan. 18. Man nehme Anteil am Schmerze und an der Trauer des Nächsten. 19. Mordverbrechen, umso schwerer, als es von den Menschen gering genommen wird, ist es, einen Menschen öffentlich zu beleidigen. 20. Gastfreundschaft steht über dem „Empfang der Schechinah". Es kommt auch nicht auf die Fülle und Güte des dem Gaste Vorgesetzten Mahles an, sondern auf die Liebe und Freudigkeit, mit der man es ihm reicht. Das freundliche gute Zureden würzt des Armen Mahl mehr als leibliche Genüste. Man unterlasse nicht, dem Armen auch etwas Reisezehrung mtrzugeben und ihn hlnauszubegleiten. Abrahams Baum, in dessen Schatten alle Wanderer Labung fanden, hieß bunt, was nach den Anfangsbuchstaben bedeuten soll: (Essen), W (Trinken), ">'h (Hinausbegleiten). (Fortsetzung folgt.) Durch Kamps zum Frieden. Eine Elulbetrachiung von Rabbiner Dr. M. Lews« in Wreschen Durch unser großes umfangreiches Schrifttum, durch Bibel und Talmud geht der gleiche gemeinsame Zug, den Frieden und seine Begleiterscheinungen in den vollsten Tönen zu preisen. Von diesem Geiste sind auch unsere Gelehrte erfüllt, die in ihren Hauptstücken in dem vielsagenden, so bedeutungsvollen Worte dw „Friede" ausklingen. 'Wir haben wohl immer in dem Frieden ein hohes Gut gesehen. Sein voller Wert aber als der Inbegriff aller Verheißungen und Segnungen hat sich uns erst in den furchtbaren Erlebntffen unserer Tage erschlaffend-jq,iütnMut.Mff meisten dann schätzen, wenn man es nicht besitzt und ein machtvolles Sehnen nach ihm das Menschenherz ergreift. Welches ist nun die Formel für die Wiedergewinnung und Sicherung des Friedens? Unser Judentum, glauben wir, reicht sie uns damit, daß es uns alljährlich immer von neuem zu einer „Mobilmachung" der Seele, der besseren Kräfte und Fähigkeiten in uns auffordert und uns gleichsam zuruft: „Kämpfe gegen dich, gegen die feindlichen Mächte in deiner Brust — und siegst du, dann erblüht daraus der Friede für dich und die ganze Well." Wer wird behaupten wollen, daß diese Formel, wenn sie überall zur Geltung käme, nicht den Frieden verbürgte? Hatz und Leidenschaft, Neid und Machthunger und wie sie sonst heißen mögen die bösen Geister der Menschenbrust, sotten beim Posauuenschatt medergerungen und von Wahrheit und Gerechtigkeit, von Liebe und i Menschenfchätzung abgelöst werden. Gibt es ein wirk-