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Der Israelit · 1920-08-19 · Heft 33 (19.8.1920) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 33 (19.8.1920)
Date
1920-08-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Gelte 6 Rr. St_ -er Hilfe besteht also. Denn wenn auch der Boden nationalisiert ist, die freie Arbeit ist nicht verboten. Der Handel ist wohl ausgeschlossen, aber die Bearbeitung des BodenS ist nicht ausgeschlossen. Man muß daher den Juden die Möglichkeit geben, die nötigen Werkzeuge zu beschaffen, damit sie sich mit der Landwirtschaft beschäftigen können. Das ist jetzt das Bestreben der Organisation zur Förderung von Handwerk und Landwirtschaft, deren Präsident der Vortragende ist. So hat die Notlage vielleicht zum Wohle der Juden eine ganz neue Möglichkeit der , Hilfe ausgebildet: die Unterstützung der landwirtschaftlichen Betätigung. Eine weitere große Aufgabe ist, den Handwerkern die Möglichkeit zu geben, ihr Handwerk zu betreiben. Die Möglichkeiten dazu mehren sich. Nach einigen letzten Dekreten der Sowjetregierung wird die Hausindustrie begünstigt, hier kann schon vieles geleistet werden. Aber die Juden haben auch keine Möglichkeit, sie in Rußland zu beschaffen. Sie müssen importiert werden. Es gibt auch kein Material für das Handwerk, das alles muß durch jüdische Organisation geschaffen werden. Eine weitere Notwendigkeit ist die Kreditbeschaffung. 6n IlürmWer vortrsgLsbenS. Karlsbad,' 10. August. Am Samstag Abend fand ein großer Vortragsabend statt, an dem Dr. Nathan Birnbaum über das Thema „Vor dem Wandersturm", Davis Trietßch über „Wirtschaftliche Möglichkeiten in Palästina" sprach. Dr. Birnbaum sagte, seit Jahrrn kämpfe er für Regulierung der Emigration. Heute müsse die Palästinafrage in das allgemeine Emigrations- Problem eingebettet werden, damit die Lösung beider gelinge. Es müßten im Judentum nicht nur die Programme der Parteien berücksichtigt werden: zwölf Millionen gesetzestreue, gläubige Juden gehörten vorläufig keiner Partei an. Die Weltanschauung, die Wünsche, Bedürfnisse dieser Juden müssen beachtet und respektiert werden. Lärmende Zwischenrufe jungerZionisten führten zu erregtem Wortwechsel zwischen diesen und dem Redner, wobei der größte Teil der Versammlung für Birnbaum Partei nahm. Davis Trier sch erwiderte auf einen Zwischenruf Anita Müllers, die „Zionisten hätten Palästina erobert" zu Beginn seiner Ausführungen u. a. mit de» treffenden Worten: „Nicht der pflügende palästinensische Bauer, sondern der Jude an der Ktagemauer hat Palästina erobert. Dietausende frommer Juden mit ihrer herrlichen Strategie des Sterbens haben die Völker davon über-! zeugt, daß Palästina dem jüdische» Volke gehöre." I Dann besprach er die große Aufnahmefähigkeit Palästinas. Zum Schlüsse legte er eine Resolution im Sinne seiner bekannten Theorien vor. Dr. Birnbaum protestierte gegen die Annahmedieselbe wurde von der Tagesordnnng abgesetzt. Karksßad, IS. August. Die WelthUfskonferenz wählte einen dauernden Ausschuß mit dem Sitze in London als „Welthilfszentrale", die einen Aufruf an die gesamte Judenheit erlassen soll. Alsdann wurde die Konferenz geschlossen^ Hie HJelfhilfsftanferen?- Eindrücke. F. Karls vad, 12. Aug. Im allgemeinen macht die Conferenz den Eindruck ungenügender Vorbereitung. Es ist offenbar, daß man sich bet dem ganzen Unternehmen nicht ausschließlich von sachlichen Gesichtspunkten hat leiten lassen, sondern vor allem eine Aktion durchführen wollte, die den zionistischen Partei-Interessen zugute kommen soll. Diese Tendenz wird von einer Anzahl auch zionistischer Delegierter in anerkennenswerter Weise bekämpft, aber zu spüren ist sie an allen Ecken und Enden. So hat man schon bet den Einladungen die zionistischen Verbände «ach _ »er -rraeltr jeder Richtung bevorzugt. Da andrerseits die größten und kapitalkräftigsten Hülfsorgattisationen, vor allem der amerikanische „Joint" die Teilnahme prinzipiell ablehnten, so darf man die Bedeutung der Conferenz nicht überschätzen. Immerhin umfaßt sie eine so große Zahl erfahrener, kluger und hülfsbereiter Politiker, daß man ihren Beratungen im Interesse der schwergeprüften jüdischen Volksteile im Osten ehrlich Erfolg wünschen muß. Die Conferenz hat kein Recht, sich irgendwie als Vertreterin der Gesamtheit zu betrachten, aber sie könnte im einzelnen um so eher Gutes leisten je entschiedener sie darauf verzichtete, politische Nebenabsichten zu Verfolger. Sokolows Begrüßungsrede ließ allerdings diese politischen Absichten ziemlich deutlich durchblicken: man will ja doch jede gute Gelegenheit benützen, um möglichst weite Volkskreise auf das zionistisch-nationalistische politische Ideal festzulegen. In das siebengliedrige Präsidium wurde u. a. auch der Vertreter der „Agudas Jisroel", Dr. Nathan Vinn bäum, gewählt, der hierauf folgende Erklärung abgab: Im Aufträge deS orthodoxen Weltverbandes „Agudas JiSroel", den ich hier zu vertreten die Ehre habe, erhebe ich Protest dagegen, datz das Komitee, das diese Konferenz organisierte, trotz mehrfacher brieflicher Aufforderungen und Einsprüche unsererseits, uns weder den verlangten zweiten Delegierten zugestanden, noch eine ganze Reihe ihm von uns bezeichnerer orthodoxer Hilfsorganisationen eingeladen und dadurch uns und mit uns den Millionen deS streng-gläubigen jüdischen Volkes die Möglichkeit genommen hat, in einer der Zahl und der religiösen und sittlichen Bedeutung der Orthodoxie entsprechenden Anzahl auf dieser Tagung vertreten zu fein. Wenn sich unsere Organisation trotzdem entschloffen hat, den ihr zugestandenen einen Delegierten der Orthodoxie in meiner Person zu entsenden, so war z für sie vor allem die Notwendigkeit maßgebend, sich über die Verhandlungen und Entschließungen der Konferenz genauestens zu informierendann aber die Erwägung, datz die Konferenz in die Lage kommen kann, das vor ihrem Zusammentritt geschehene Unrecht gutzumachen: wenn sie nämlich die Grundlage schafft, aus der es der Orthodoxie möglich werden soll, für den Fall einer im Anschluß an die Konferenz einfetzenden H il fs tätigtett an dieser mit vollem Einsatz ihrer Kräfte und unter gesicherter Wahrung ihrer Interessen teilzunehmen. Von dem Willen geleitet,.! Alles, was in meinen Kräften steht, zu tun, um diese Möglichkeit mit herbeizuführen, und unter dem Vorbehalte, der durch diese Protesterklärung gegeben ist, will ich mein Mandat ausüben. Bon diesem Willen geleitet und mit diesem Vorbehalte habe ich auch die Wahl ins Präsidium der Konferenz angenommen." Am zweiten Berhcmdlungstag benutzte Herr Dr. Birnbaum die Gelegenheit des Berichtes der Mandatprüfungskommission, um in der Diskussion nochmals das Vorgehen des organisierenden Komitees in der Frage der Delegierten der Agudas Jisroel scharfstens zu kritisieren und dabei den Ueberfall eines Herrn Weinfeld auf die slowakische Orthodo xi e zurückzuweisen. Interessant ist, daß sich ad hoe eine Gruppe gesetzestreuer Delegierter bildete zur Wahrung der religiösen Interessenihr gehören Dr. Birnbaum, Dr. Rachmilewitsch und Dr. Leo Deuschländer aus Kowno, Holpern aus Amsterdam, Dr. Feßler aus Wien und einige misrachistische Herren an. Es handelt sich darum, dem Religionsgesetz bei der Durchführung der verschiedenen Hülfsaktionen Geltung zu verschaffen und der Orthodoxie zum mindesten diejenige Vertretung zu sichern, die der Zahl der zu ihrer Weltanschauung sich bekennenden Volksmassen entspricht. Oesterreich. Prien gegen lugennueweikungen- Mir«, 9. August. Gestern fand hier eine große polnische Protestversammlung gegen die verfügte Ausweisung pelutfcher Staatsangehöriger auS _■_ 1» August MV Deutsch-Oesterreich statt. Ws wurde folgeM Resolution angenommen: Die heute versammelten polnischen Staatsbürger stellen fest, daß die von Deutsch Oesterreich geübte Äuswetsungspraxis ebenso gegen die in Oesterreich selbst geltenden Gesetze wie auch gegen die durch Oesterreich im St. Germainer Vertrage eingegangenen völkerrechtlichen Verpflichtungen verstößt. Die polnischen Staatsbürger stellen fest, daß die Abschiebung der polnischen Bürger im gegvdenen Zeitpunkte, da der Krieg sede Rückwanderungsmöglichkeit äusschließt, unmenschlich und mit den Prinzipien einer demokratischen Republik unvereinbar ist. Die Versammlung stellt fest, daß die Ausweisungspraxis, die mit Bezug auf vorbestrafte und bemakelte Individuen gerechtfertigt erscheint, bei ihrer Anwendung auf unbescholtene, hier redlich arbeitende Bürger zu einer ungerechte» und grausamen Maßregel wird. Spaltung Ser „posle Sion". Wie«, 12. August. Die Konferenz der „Poale Zion" hat, wie vorauszusehen, zur Spaltung der Partei geführt. Die radikalen,dem „Bund" nahestehenden Elemente aus dem Osten beschlossen den vorbehaltlosen Anschluß an die dritte, bolschewistische Internationale. Die „geinäßigte" Richtung (Amerika, Palästina), die ebenfalls für den Anschluß an die dritte Internationale, aber unter gewissen jüd'sch-nationalen Vorbehalten war, hat die Konferenz nach der Abstimmung verlassen und tagt getrennt. Es schweben jedoch noch Etnigungsverhandlungen. Ungarn. Me man ln Ungarn Sie ^uSenttagtz * 5U lösen geSenkl. Budapest, 7. August. In der heutigen Sitzung der Nationalversammlung begründete Abgeordnete Budapeny seinen Antrag, betreffend die institutive Lö.sung der Judenfrage in Ungarn. Die Lösung dieser Frage, führt er aus, hätten 90 Prozent der Ab- 1 geordneten bei den Wahlen versprochen. Es sei nicht zu leugnen, daß es.in Ungarn eine Judenfrage gebe. „Die Schuld an dem traurigen Schicksal Ungarns tragen die Juden. Er wolle gegen die Juden keinen Vernichtungsfeldzug führender verkünde keiyen Pogrom, die Judenfrage müsse anders gelöst jverden. Er beantragt aber, den Juden in Ungarn Grundbesitz und Grundpacht zu entziehen. Juden dürfen nicht mehr als ein Haus besitzen, überflüssige Wohnräume müßten ihnen abgenommen werden. Juden dürfe ferner keine Ntederlassungsbewilligung und kein Bürgerrecht verliehen werden. Die seit dem 1. Januar 1914 eingewanderten Juden müssen aus Ungarn abgeschoben werden. Ihr seit dem Kriege erworbenes Vermögen sei zu konfiszieren. Juden dürfen weder Lehrer noch Professoren werden. Private jüdische Lehranstalten seien.einzustellen. In jüdischen Händen befindliche Theater- und Lustbarkeitsunternehmungen seien strengstens zu kontrollieren. Juden dürfen keine Theaterdirektoren werden. Es dürfen ihnen keine staatlichen Bauten und Lieferungen übertragen werden. Sechzig Prozent der Fabriksunternehmungen sind den Arbeitern zu übergeben. Rohstoffe dürfen nur Christen erhalten. Juden dürfen keine christlichen Dienstboten halten. Juden dürfen ferner keine Zeitungsunternehmungen leiten. Die Journalisten haben »inen Eid hin-' sichtlich ihrer patriotischen Haltung zu leisten. Juden dürfen nicht Minister, Staatssekretäre, führende Staatsbeamte oder Beamte derAuslandsvertretungen, ferner keine Soldaten und keine Pottzeiangestellten sein. Alle Teilnehmer an der bolschkwistischenBewegung und diejenigen, die mit dem Feinde zum Schaden der ungarischen Nation ein Einvernehmen gepflogen haben und für den Bolschewismus agitieren, sind standrechtlich zum Lode z« verurteilen. *

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