Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 33 (19.8.1920)
- Date
- 1920-08-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450088-2450119--68409-2525527- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
9*. 88 «Me » ü. wm$ sowie eine geistige Msche^ und Regsamkeit verleihende Presse. Es fehlt auch! eine gläubige und volkstümliche Literatur für die Massen und vornehmlich für die, teilweise unter^Idem Banne der europäischen Weltanschauung und Literatur, teilweise unter dem Einflüsse deL-jüdisch-nationalistischen areligiösen literarischen Neuschöpfungen stehende, jüdische Jugend. Es^ehlt Mch in wirtschaftlicher Beziehung an einem klar durchdachten Golusprogramm. Hauptsächlich aber steht der Entwicklung der Agudah der Umstand im Wege, daß sie bis jetzt — abgesehen von sporadischen 'Versuchen und Anläufen — es zu keinem großzügigen Palästina- und EMehungsproaramme brachte, — ein Umstand, der bei der heutigen Stimmung der jüdischen^ Öffentlichkeit das Populärwerden §er Agudah verhindert. Dieses soeben festgestellte FHlen klarer strengeinheitlicher Gesichtspunkte in der Agudah- «rbeit muß aber schon in der nächstenJ Zeit oinem großzügigen Arbeitsplan Platz machen, wenn noch in letzter Stunde verhindert werden soll, daß die gut organisierte, zielbewußt arbeitende zionistische Organisation, -welche durch leicht begreifliche, also populäre Programmpunkte auf politischem, wirtschaftlichem, nationalem und kulturellem Gebiete eine große Anziehungskraft auf die jüdischen Massen ausübt, niHt die Hegemonie in der jüdischen Welt erlange, was ja bei der bekannten zionistischen Kulturpolitik einer vollkommenen Ausschaltung des religiösen Momentes aus dem jüdischen Volksleben glerchkommejn würde. —^ Gerade in dem gegenwärtigen Momente bars es nicht verschwiegen werden, wie furchtbar dringend es ist, den großen jüdischen^ Massen in Ost und West durch Aufstellung klar umschriebener, praktischer Ziele wre z. B. .""durch Schaffung eines religiösen Jischuw in Erez Jisroel, durch Ausbau eines religiösen Schulw'erkes usw. — kurz durch ein großzügiges wirtschaftliches und kultureNes Programm für "Erez Jisroel und für die Golusländer, zu beweisend daß die religiösen jüdischen Fühler volles Verantwortlichkeitsgefühl und warmes Verständnis für atl^ Bedürfnisse des jüdischen Volkes haben. ben gendproblem mehr Aufmerksamkeit als bisher schenken muß. Bei dem jetzt in der jüdischen Jugend fast allenthalben sich volllziehLYden religiösen Abbröcklungs-. und Abfallsprozefse ist es ein Akt gebieterischer Notwendigkeit,JÄe großen, ewigen Wahrheiten des Judentums nicht nur wie bisher in allgemeiner, unbestimrMr Form der Jugend als Lebensideal zu predigen, sondern es ist jetzt unbedingt notwendig, eigen jungen Judentypus von echt- und tiefjüdischer Originalität zu züchten. Der religiös gesinnten und religiös lebenden jüdischen JUgenö soll ein leuchtend^ Muster gegeben werden, wie sie, sowohl einzelnem ihrem persönlichen Leben, als auch als Glied des jüdischen Volkes sich jüdisch ausleben^soll. Eine jüdische Atmosphäre, eine lebendig^ warme jüdische Atmosphäre muß überall dort geschaffen werden, wo nur eine geringe Anzahl vdn Juden leben, damit das JuSentum im Zentrum des jüdischen Jugendlebens stehe, nicht aber. Saß es bloß einen Rumpelkammerwinkel im jung jüdischen Herzen einnehme. Mr alles das sind in 8er Agudahbewegung schon schöne Anfänge vorhanden. Vorhanden ein gutes, im Judentum tiefer wurzelndes Menschenmateriäl innerhalb^ der Organisation; vorhanden auch die Grundzüge und Vorbedingungen zur Entstehung einer mächtigen, ja der mächtigsten, w eil histo rischen und legitimen, Jüdenorganisation Ün8 vorhanden auch das große ewig-junge jüdische Ideal. wie es sich zu äßen Zeiten der jüdischen Geschichte!km Leben und Wirken der Wischen Geistesheroen verwirklichte. Am 10. Muß d. W. wird eine SMrn g Ger tm gmte«. Agudah-Leitung in Wien oder Prcßbürg stattfinden. Eine A gu dasJisroel ist schon vorhänAen; soll es gelingen, aus ihr eine Kn e ff es Jisroel, eine lebendia-iüdische. werktätiS-iüdische Knesses Jisroel zu machen, so muß diese Konferenz positive, großzügige Arbejt auf allen Gebieten des jüdischen Lebens leisten. Dem jüdischen Vülke müssen Wege gezeigt, der jüdischen Jugend' müssen Ziele gesteckt werden. Die Stunde der Mt hat geschlagen. Eine kostbare Stunde, die voll ausgenützt werben muß, um den Gefahren zu begegnen, die aus her gegenwärtigen jüdisch^n Bolkskrisis sich ergeben: Gefahren Mr das, jüdische Volk, Gefahren für das jüdische, heilige Land und des jüdischen Landes, den Urquelh^d'er jüdischen Volkskraft und das Rückenmark der ganzen. Menschheit: den Glauben, den alMr jüdischen Gotte'sglauben. Korrespondenzen «ch Äachrichten. VerrLPche» Msi-ch» Jsraeiitiffher Lehreroerein in Bauern. München, 1. August. Der Israelitische Lehrerverein für Bayern versendet eine Einladung zu seiner am Montag, den 23. und Dienstag, den 24. August im Saale des Hotel Goldfchmidt in Würzburg stattfindmden 38. Mitgliederversammlung. Die Tagesordnung für die Mitgliederversammlungen am 23. August 10 Uhr und Dienstag lautet: 1. Geschäftsbericht und Kassenberichte. 2. Referate über: „Der Verband der Israelitischen Gemeinden und seine Verfassung." Referent: H. Oppenheimer-Laudenbach. „Normalverträge und deren Durchführung." Referent: Ehrenreich-Jorchheim. „Einreihung in die Gehaltsklaffen." Referent: Rosenwald - Winnweiler. Bericht der Volksschulkommission. Referent: Uhlfelder-Wilhermsdorf. „Freie Lehrerzeitung, deren Sicherung und Ausbau." Referent : Krämer-Rockenhausen. 3. Anträge: Erhöhung des Jahresbeitrages der Ordentlichen Mitglieder. Für die Festversammlung am Montag, 23. August, abends 8 Uhr, im Saale des Hotel Goldschmidt ist ein Vortrag über „40 Jahre israelitischer Lehrerverein — Rückblick und Ausblick" von S. Dingfelder-München vorgesehen. Am Sonntag, den 22. August, 3 Uhr, findet im Hotel Goldschmidt eine Berwaltungssitzung statt, an der die anwesenden Mitglieder als Zuhörer teilnehmen können. Bund oefehesfreuer iüöifcher Oemeinöcn Bayerns* Mürzöurg, 15. Aug. Am 8. August kamen auf Einladung gesetzestreuer Rabbiner, Lehrer und Kultusvorstände eine stattliche Versammlung von Vertretern bayrischer Gemeinden in Würzburg zusammen. Nach einem ausführlichen, allseitig mit Beifall ausgenommenen Referat des Herrn Distriktsrabbiners Dr. Stein-Schweinfurt wurde einstimmig der Beschluß gefaßt,- einen Bund gesetzestreuer Gemeinden ins Leben zu rufen, der als Zweckoerband dem Verband bayrischer israelitischer Gemeinden angehören soll. Zum ersten Vorsitzenden wurde Herr Distrtktsrabbiner Dr. Stein-Schweinfurt, zum zweiten Vorsitzenden Herr Kulturvorstand Neuberg er-Haßfurt, zum Schriftführer Herr Lehrer H trnheimer-Höchberg, zum Kassier Herr Reuß-Hofmann gewählt. Als Beisitzer treten dem Vorstand Herr Distriktsrabbiner Dr. Hannover-Würzburg, Herr Kultusvorstand Bermann-Ellingen und Herr Kultusvorstand Meyer-Treuchtlingen zur Seite. Möge es dem Bund vergönnt sein in schwerer Zeit big gefetzestreüe Jüdenheit Bayerns in Einigkeit zufammenzufaffen in der Pflege von Thorawissen und Thoratreue. Kalßerstadt, 16. August. Anläßlich des bevorstehenden Gemester-Abfchluffes wird besonderdarauf hingewiesen, daß nach schulbehörölichen Erlassen jüdische Schüler und Schülerinnen unter keinen Umständen genötigt werden dürfen, am Sabbat und an jüdischen Feiertagen in der Schule zu schreiben. Ferner wird darauf aufmerksam gemacht, daß die Schulleiter auf Antrag der Eltern oder ihrer Stellvertreter gehalten sind, jüdische Kinder am Sabbat und an den jüdischen Feiertagen vom Schulbesuch zu befreien. Zu näheren Auskünften ist bereit der Gruppenverband der Agudas JiSroel in Deutschland, Halberstadt. Ts rherho-Storvcrkei. vre luSen In SowletrußlsnS. Ltartsöad, 10. Auaust. Auf der Welthilfskonferenz erstattete Adv. Schloßberg einen interessanten Bericht über die Lage der jüdischen Bevölkerung in. Sowjetrußland, aus dem nach der „Wiener Morgenzeitung" Folgendes mitgeteilt sei: Als der Krieg aufhörte, kam die Revolution. Wir erlangten wohl vorerst die Gleichberechtigung aber die Freude währte nicht lange. Die Folgen und die Ergebnisse der Revolution hatten ihre Wirkung, daß gerade die städtische Bevölkerung ihre ökonomische Selbständigkeit gänzlich verloren hat. Es gibt keinen freien Handel und kein freies Gewerbe. Alles ist verstaatlicht. Da die jüdische Bevölkerung nicht im Bauernstands vertreten ist, da überhaupt kein Rohmaterial da ist, kein Handel und kein Handwerk, so läßt sich wohl vorstellen, wie der Zustand der jüdischen Bevölkerung ist. Doch es war nicht genug an Kriegsopfern und an Revolutionsopfern. Die Judenmassakers, von denen die Ukrainer heimgesucht wurden, schlugen ihre Wellen binach Großrußlgnd. Auch hier wurden viele Städte von den yerumziehenden Banden überfallen, die Juden geschlachtet, viele vertrieben. Wieder gab eS Flüchtlinge- und noch jetzt sind nicht weniger als 10000 jüdische Flüchtlinge in Smolensk, Wttrbsk, Homel, die nicht die Möglichkeit haben, nach Hause zu kommen. Wir waren von der Ukraine abgeschnitten und nur manchmal kamen Nachrichten,' in welchen wir von den furchtbaren Pogromen derArmeePetljuras hörten. So gab eS denn eine neue Kategorie von hilfsbedürftigen Pogromopfern. Man kann kaum feste Angaben machen Aber die Zahl der Hilfsbedürftigen in Sowjetrußland. Denn der Begriff Sowjetrußland ist kein fester und immer mehr dehnt sich das Gebiet der Sowjet-Republik nach Westen aus. Rur allgemein kann man die jetzige Not schildern. Ohne soziale Hilfe muß das russische Judentum ökonomisch zugrunde gehen. Nur die Hoffnung auf Wiedergeburt erhält es am Leben. Denn der Zustand ist trotz allen Jammers nicht hoffnungslos. Es "kann vieles geschehen. Vor allem müffen die Kinder gerettet werden. Wir haben in Rußland keine nationale Schule, es gibt nur Staatsschulen, Religionsunterricht ist verboten. Die ganze Bevölkerung verhungert. Wenn ich die Zahl der ,/ in den Städten von Rußland lebenden Juden mit 7 3,5 Millionen angebe, so habe ich damit auch die ' » Zahl der Hungernden angegeben. Es gibt keinen *? einzigen der nicht hungert. Frellich hungern die f anderen auch. In dieser Beziehung herrscht voll- . - kommene Gleichberechtigung. Aber das erleichtert v die Lage nicht. Ganz besonders leidet die Jugend $ und die Kinder. Ihnen müffen wir vor allem > helfen. Die Entwicklung, welche die große Rot in wirtschaftlicher Hinsicht hervorgerufen hat, zeigt ' J schon den Weg zur Hilfe. Viele Elemente haben sich der Landwirtschaft zugewendet und suchen sicher auf diese Weise zu ernähren. Diese Möglichkeit^-!