Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 32 (12.8.1920)
- Date
- 1920-08-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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12, August 1920 , Besonders günstig ist hierfür die Lage, irr Litauen, wo ein von den bestimmenden politischen Mächten Europas anerkannter Freistaat entstanden ist, der seinen jüdischen Bürgern vollständige Kulturautonomie gewährt hat. Doch der so gesetzlich organisierte jüdische Wille, nach der Erschlaffung und Zerrüttung des Kriegs- und Okkupationselends auf sich selbst gestellt, fühlt seine Schwäche und fehlende Gestaltungskraft, die verliehene Macht ztelbewußt in den Dienst seiner Idee zu stellen. Der Wille ist ja nicht mehr einheitlich, ist zerklüftet geworden, und statt des einen gleichgerichteten Willens zerren an'der jüdischen Seele widerstrebende, von Parteigesichtspunkten geleitete Richtungen. Wenn wir von den Bestrebungen der starken und ernst zu nehmenden radikalen Sozialisten, den Bundisten, absehn, die das Recht auf jüdische Eigenkultur überhaupt verwerfen, so sind es wesentlich die beiden oben charakterisierten,, aus dem Äsfimilationsprozeß des westeuropäischen Judentums hervorgegangenen Wege, die dem litauischen Judentum am Scheideweg als allein selig machende Formeln gewiesen werden. Für den jüdischen Nationalismus gibt es kaum ein politisch günstigeres Wirkungsfeld als dieses Land der unbeschränkten jüdischen Kulturarbeit, wo wir als Volk politisch gewertet werden, als Brudervolk neben den Litauern politisch, kulturell und wirtschaftlich unsere Entwicklung mitbestimmen. Hier sind ja alle Bedingungen für ein rein völkisches Ausleben im Sinne der anderen Nationen in bester Weise gegeben, ein wahrer Tummelplatz nationaljüdischer Bctättgungsmöglichkeit — freilich mit dem bedenklichen Vorzeichen der Umwertung aller jüdischen Kulturbegriffe, der Entgöttltchung der jüdischen Zwecke. Wenn demgegenüber sich der noch ungebrochene Wille auf Behauptung feiner einzigartigen und umfaffendcnKulturPrägung zur Wehr setzen will, wenn er, der unorganisierte, bisher jeder Selbstreflektion abholde Typus des K3D sich im Kampfe mit dem mehr gefühlten als erkannten Gegner messen will, so lag es nahe und war es bequem, die im deutschen Grenznachbarlande bewährte Methode der modernen Orthodoxie zu übernehmen, einen Bund zu schließen mit den ernsten, kampstüchtkgen Geistern, die in ihren Kreisen und unter den Sternen ihres Kulturhimmels die Lebensfähigkeit des Judentums erhalten haben. Doch sei es darum in aller Bestimmtheit ausgesprochen: Wie es dem von ihrer jüdischen Ausgabe ergriffenen heroischen Denkern und Kämpfern der deutschen Orthodoxie niemals in den Sinn gekommen ist, in den' Lösungen ihrer Probleme, ihren Kompromissen an bestehende Machtverhältniffe der allgemeinen Kulturgemeinschaft, den Einstellungen ihrer Lehren | Gemein den zu einem Bunde, die Gründung von Agudoh- und Esra-Gruppen sind nur einige davon. Aber — legen Sie mir es nicht als Größenwahn aus — ohne die regste Mitwirkung der jüdischen Lehrer sind alle diese Unternehmungen nicht zu denken". „Gewiß! Kein Einsichtiger wird dies bezweifeln", begann mein Freund. „Der Lehrer als oft einziger „Mistender" in einer Gemeinde wird diese Erneuerung leiten müffen. Gestatten Sie mir aber auch die Frage: Warum haben es die Lehrer bis zu diesem Verfall kommen lassen"? „Sie sind gerecht genug um einzusehen, daß bei diesem Niedergang sehr viele Momente mitgespiell haben, für die der Lehrer nicht verantwortlich gemacht werden kann. Gegen die Assimilationsversuche, gegen. die einreißende Genußsucht, gegen die Jagd nach Titel und Reichtum, die allesamt die Grundfesten der jüdischen Religion ins Wanken bringen, konnte er nur wenig ankämpfen. Aber selbst wenn wir diese Einflüsse außer Betracht lasten, bleibt Ihre Frage zu Recht bestehen: Denn die Lehrer hätten oft mit günstigen Resultaten gegen die einschleichende Indifferenz arbeiten können. Diese Antwort mag meine Objektivität beweisen! Eben diese verlangt es aber auch den Gründen nachzugehen, weshalb die Lehrer manche Schuld auf sich zn nehmen haben I Ich will laut anklagen alle jene, die aus Bequemlichkeit und Indolenz in ihren Gemeindenlangsam alles verkommen ließen. Ich will alle jene verantwortlich machen, die in einer fetteren Pfründe fitzend, nur Heren reiche Einyahmequellen ausschöpfend, jedes weitere Interesse verloren und versumpften. Ich will jene als schuldig bezeichnen, die Mannes genug, vor eventuellen Streitigkeiten und Widerständen zurückschreckend, die Leitung unberufenen Sünden überließen. Zwar haben alle Berufe diese alten- Gleichgültigen und Furchtsamen in ihren »*r ASrarttt. auf Ort und Zeit den Königsweg jüdischer Knlturerfüllung gefunden zu Hatzen, wie sie nur vornehmlich ihren! Geschlecht, ihrer Zeit und ihrer Umwelt Führer und Erzieher sein wollten, so verkehrt wäre es, ihre bet uns bewährten Schöpfungen als fertige KÜchees anders geformten Ort- und Zeitverhältniffen aufdrücken zu wollen. Nicht N^chbetung ihrer Formen, sondern Nachschaffung in ihrem Geiste schulden wir unseren Meistern. Es ist daher, abzuweisen, wenn jetzt, wo die Erziehungsaufgabe der jüdischen Jugend in Littauen das erste Werk jüdischer Selbstbestimmung bilden soll, die guten jüdischen Schulen Deutschlands zu Vorbildern genommen werden, wenn allerlei Bildungsstoff: in der von fremden Anschauungen geprägten Aufmachung zum Bildungsgut erhoben werden, wenn dadurch unser jüdisches Bildungsgut, beziehungslos und fast wie ein Anachronismus dastehend, um st ine Duldung bei Lehrern und Schülern förmlich betteln muß. Heißt es etwa Freiheit in der Gestaltung unserer Kultur, wenn wir uns zu Sklaven deutscher Durchschnittsbtldung machen, wenn wir jüdische Schulanstaltett in Litauen schaffen, die ihren Ehrgeiz in den „Berechtigungen" deutscher Bildungsstätten sehen, die mit Stolz auf ihre Zöglinge an deutschen Hochschulen Hinweisen, wo ihrer jüdischen Seele in den allermeisten Fällen das Grab gegraben wird? Jede Kulturgemelnschaft schafft sich doch ihre eigenen Kultur- und Bildungsbegriffe und sucht diese im Gleichschritt mit ihren polit schen und wirtschaftlichen Entwicklung zu verwirklichen und auszugestalten. So laßt uns auch unsere Freiheit nutzen! Unsere jüdische Kulturwelt enthält genug formale und materiale Bildungselemente, um einen gleichwertigen Begriff der allgemeinen jüdischen Bildung aufzustellen. Diesen gilt es unter den! Banner der jüdischen Kulturautonomie zu entwickeln, methodisch und didaktisch zu bearbeiten und zur Grundlage der jüdischen Volksbildung zu machen. Dann dürfen wir hoffen, daß neue jüdischeKulturzentren erstehen, in denen der jüdische Geist produktiv schafft, indem er sich mit den Stoffen des Lebens sättigt, in denen der Jude als vollendetes Menschheitsideal, jüdisch im Denken, jüdisch im Fühlen, jüdisch im Handeln, günstigen Boden zum Wachsen, ein . geeignetes Feld zum Wirken findet. Dann verliert das so vielfach mißbrauchte Wort der jüdischen Kultur seinen demagogischen Beigeschmack, begnügt sich nicht mit erborgten Werten aus fremden Welten, sondern darf sich getrost mit dem Höchsten anderer Kulturen messen. Aus allen Gauen Litauens dringt jetzt der- Ruf nach Schulgründern, -Lettern und Lehrern. Die geistige Verelendtgung dort verlangt stürmisch lim IIII i WWWrnammmmmmww» Reihen. Vom idealen Berufe des Lehrers möchte ich aber diese Gattungen ausgeschlossen wissen. Wie viele aber haben gestritten und ihre Bestrebungen sind an den Machenschaften einflußreicher Gemeindemitglieder, an dem Machtbegeyren herrschsüchtiger Parnosim, die andere Götter neben sich nicht dulden, elendiglich gescheitert! Wie mancher wollte sich einsetzen; aber seine nur geringen Verdienste haben ibn gezwungen, alle seine, freie Zeit mit seinen Stand oft herabwürdigenden Nebenbeschäftigungen auszufüllen, um seine Familie in Ehren ernähren zn können. Die Stellung des Lehrers ist oft seinem wichtigen Amte nicht angemessen. Man versagt ihm jetzt noch in vielen Gemeinden das Recht der aktiven und passiven Wahl, ein Recht, das man dem eingewandertcn Ausländer anstandslos oft zugesteht. Woher soll dann der Einfluß des Lehrers kommen, wenn er in Generalversammlungen nicht den Mund aufmachen darf? Doch all dies wird anders! Die Lehrerorganisationen rühren sich. Diese Hemmketten werden bald gefallen sein. Und haben wir von Tagessorgen unabhängige Lehrer, dann werden sie sich um die Neuaufrichtung jüdischer Ziele intensiver bemühen können - und besonders dann, wenn sie — wie es der Wunsch der meisten ist — versehen mit einem viel umfangreicheren jüdischen Wissen wie visher, ihr Amt antreten können"' „Er ist ein tüchtiger Vertreter seines Standes", sagte mein Freund zu mir, als der Lehrer gegangen war.... Draußen auf der Straße spann die Sonne ihr Netz über im Mittag schlafende Dächer und den nur leise rauschenden. Dorfbrunnen. Irgendwo gackerten Hühner, rief eine Stimme über den Hof. Die Schatten krochen langsam an den Wänden der kleinen Häuser hinauf und unter dem Torbogen am Rathaus saß ein . Nr. W. Seite 3 nach Befriedigung des Mldungsstrebens. Sicher wird auch in der gesetzestreuen Jugend Deutschlarrds dieser Ruf vernommen werdenwir sind ja nicht arul an idealbeseelten Kräften, die für ernste jüdische Arbeit, für die Grundlegung und Schaffung einer jüdischen Kultur, ihr Bestes hergeben werden. An sie wollen obige Worte mahnend herantreten. Andere Ziele der jüdischen Getstes- und Charakterbildung als Deutschland heischt dieses Land, das sich stolz als die Hochburg des Thoralernens bezeichnen dursteviel steht auf deut^Spiel, es gilt Großes zu schaffen, wo die Gefahr des falschen Weges alles zerstören kann, seid daher bei jedem Schritt eingedenk HW Hpi nx ir6 an Kochennmdschäii. Zur Ostjudeilsraie. Im Preußischen Landtag wie im Haushaltungsausschuß des Reichstags hat die ostjüdische Einwanderung nach Deutschland den Gegenstand von Erörterungen gebildet, bei denen sich leider gezeigt hat, -aß mit Ausnahme der beiden sozialistischen Fraktionen keine Partei genügendes Verständnis für die menschliche Not, die hinter dieser Einwanderung steckt, besitzt und ebensowentg genügende Vorurteilslosigkeit, um das ganze Problem in seiner wahren Bedeutung für das große deutsche Volk etnzuschätzen. Auch der Minister des Innern, der Sozialist ist, fand nicht den Mut, kräftigere Töne zu Gunsten der Flüchtlinge anzuschlagen, trotzdem er darauf hinwtes, daß diese schließlich doch auch „Menschen und Europäer" seien. Ueverraschend ist die Stellungnahme der d e m o kr a - tischen Partei, die zusammen mit den Deutsch- Nationalen dem antisemitischen Antrag zur Annahme verhalf. Inzwischen ist von jüdischer Seite in B e r l l n der Plan gefaßt worden, die Flüchtlinge, die ttt* folge der wirtschaftlichen Lage in immer größerer Zahl arbeits- und obdachlos werden Lezw. bleiben, in Lagern zu vereinigen und dort Arbeitsstätten zur nutzbringenden Beschäftigung der Insassen zu errichten. Wenn diese Lager, wie anzunehmen ist, die individuelle Freiheit der Flüchtlinge nicht beschränken, ihren religiösen Bedürfnissen als Juden Rechnung tragen und neben der manuellen Beschäftigung den Insassen auch eine gewisse Vorbereitung für die spätere Auswanderung ins Ausland verschaffen, kann man die Idee im allseitigen Interesse nur be- 1 grüßen. Die Lage der aus ihrem Boden herausgerissenen heimatlosen Flüchtlinge in den Großalter Jude und schlief .... Wuchsen dort nicht Hecken auf mit vielen, vielen Dornröschen, alles zu ungestörter; Ruhe überwuchernd? Dorfschabbosnachmittag! (Nene Briefmarken in Palästina.) In Palästina sind neue Briefmarken in Kurs gesetzt worden, welche außer englischer und arabischer Aufschrift auch die hebräische Aufschrift „Erez Israel" tragen. (Zn der „Jndenbnche" von Annette v. Droste- Hülshoff.) I. Loewenberg (Hamburg) schreibt im „Literarischen Echo": Nach Paul Hehse muß jede gute Novelle — unter Anspielung auf eine Erzählung des Tekameron — Men „Falken" haben. In der „Jude nbuche" ist die hebräische Inschrift, die die Glaubensgenossen des ermordeten Judeu Aaron in die Buche eingraben, unter der der Er,chlägene gefunden wurde, ein solcher Falke. Aber diese Inschrift wird in säst allen Ausgaben in entstellter, ,inuloser Weise nieoergegcben. Auch die neueste, whr hübsche Ausgabe des Insel-Verlags zeigt denselben Mißstand. Die Droste war aber viel zu wissenschaftlich gebildet, nahm cs mit ihren Dichtungen viel zu ernst, als daß dieser Fehler von ihr herrühren könnte. Tie Erzählung bericht bekanntlich auf einer währen Begebenheit; aber ihre aktenmäßig gedruckte Darstellung, die vermutlich schon die Inschrift enthält, hat die Dichterin erst nach Abfassung ihrer Novelle können gelernt. So gehen die Fehler die sich von Geschlecht zu Geschlecht sortgeerbt und vergrößert haben, wohl nur auf die Unkenntnis der Setzer zurück. Ob sie sich schon im ersterr Abdruck im Cottaslben Morgenblatt finden, kann ich nicht nachprüsen. In der mir vorliegenden Fassung (Ges. Schriften, Stuttgart, I. G. Evita 1878, Bd. n, G, 303) ist das End, m Satzes