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Der Israelit · 1920-08-05 · Heft 31 (5.8.1920) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 31 (5.8.1920)
Date
1920-08-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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L. August 1920 Radikalismus in Erez Jisroel. Es heißt in dem Schreiben: „Seit Einsetzen der zionistischen Flut hier, hat die Judenheit Palästinas eine vollständige Umwandlung innerlich und äußerlich erfahren. Die Inden hier sind nicht mehr in ihrer Mehrzahl gebeugte, schlecht bekleidete, fromme, ungebildete, weltfremde Menschen, wie man sich früher die Juden Palästinas vorstellte und wie es auch tatsächlich der Fall war. Die Bevölkerung hier ist nicht mehr von einem Gusse wie früher, sondern zerfällt in drei Parteien. 1. Nationale, die hier wi3p (Hebräer) genannt werden. Diese wollen mit dem religiösen Inhalt des Judentums nichts zu tun haben. 2. a^lti soviel wie Orthodoxe, die mit den Zionisten garnicht zusammen gehen wollen, weil sie in derBerwirklichung der zionistischen Ideale die vollständige Vernichtung der jüdischen Religion erblicken. 3: Misrachtm, welche glauben, den Zionismus mit der jüdischen Religion vereinigen zu können. Von den älteren Leuten gehören noch etwa 65°/, zu den Eharedtm, 5% zu den Misrachtm und 30°/0 zu b nt reinen Zionisten. Bon der Jugend werden noch höchstens 15% zu den Cyaredim, die übrigen alle zum Zionismus in seiner reinsten Bedeutung zu zählen sein. Man weiß noch nicht bestimmt, welche politischen Rechte die Juden hier eingeräumt erhalten, das ist jedoch sicher, daß die Herrschaft über die Juden hier zu Lande bei den Zionisten bleiben wird! Es ist daher nicht zu verwundern, wenn manche Leute als Grund ihrer Auswanderung nach Amerika angeben, sie wollen ihre Kinder beim religiösen Judentum erhalten. Denn abgesehen von den Schulen, die mit sehr wenigen Ausnahmen in den Händen der Zionisten sich befinden und nur auf nationaler Basis fußen, ist die tonangebende Gesellschaft hier nicht' mehr jüdisch im religiösen Sinne. Wie kann ein Kind die jüdische Religion achten wenn es weiß, daß alle Vornehmen und alle seine Vorgesetzten, von denen seine und die anderen frommen Familien abhängig sind, und denen sie Ehrerbietung bezeugen, nicht religiös leben und doch als gute ja sogar als beste Juden angesehen werden und als Führer des Volkes verehrt werden. Ueörigens hat die Idee der reinen Nationalität schon solche Verbreitung in Hiesiger Judenschaft gefunden, und gewinnt immer mehr an Stärke, daß manche der zionistischen Führer selbst erschreckt sind und gerne der Entwicklung eine andere Richtung geben möchten. Nun will ich Ihnen eine richtige Vorstellung von den hiesigen Zuständen geben, mit der Hoffnung, es könnte Ihnendoch gelingen, eine Rettungsaktion einzulelten, um das gesammte Judentum vor der Schande zu bewahren, daß im heiligen Lande keine religiösen Juden sich mehr befinden sollen, was imLaufe einer oder zweier Generationen naturgemäß kommen mutz, wenn keine Gegenströmung einsetzt. Kein Der ZLrarm. Volk der Welt hat verhältnismäßig soviel sogenannte Kulturanstatten und soviel sogenannte Kulturmenschen, wie jetzt die Judenheit Palästinas. Wir zählen hier im ganzen etwa 50009 Seelen und haben über 100 Volksschulen und eine Menge Mittelschulen, darunter ein Gymnasium für Knaben und eins für Mädchen. Ein Gymnasium gemischt, d. h. Knaben und Mädchen zusammen. Zwei Lehrer-Seminare, ein Lehrerin-Seminar, eine landwirtschaftliche Schule, eine Kommerz-Schule, vier Musikschulen und viele Abendkurse, auch etwa zehn Näh- und Arbeitsschulen, zwei Kindergarten-Seminare usw. Es gibt -gewiß keinen Platz auf der Welt, mit nur 50009 Einwohnern, wo soviel „Intelligenz" sichbefindet wie hier. Es wimmelt hier von Aerzten, Ingenieuren, Architekten, Technikern, Schriftstellern und Journalisten, Mechanikern, Juristen, Philosophen, Philologen, Elek' trikern, Chemikern, Archäologen, Zeichnern, Malern, Bildhauern und unzähligen anderen Fachleuten, dazu gibt es noch mehrere hundert Angestellte beim Zionsmus oder des Zionismus, ich will damit sagen, solche die direkt oder indirekt vom Zionismus abhängig sind, denn alles Geld das nach Palästina kommt, geht durch die zionistische Organisation, ja sogar das Geld von Amerika für die TalmudzThorafchulen und Jeschiwos. Die nationalen Führer benutzen diesen Umstand, um ihre Leute mit Aemtern auch tu solchen Institutionen zu versehen, die sie am liebsten verschwinden sehen möchten. So kommt es, daß auch die frömmste Jugend über sich die nationalen in Amt und Würden stehenden Leute als eine h ö h e re R a s s e betrachtet, dagegen die religiösen Juden als von de». Natur selbst zur Armut, Abhängigkeit und Würdenlosigkeit verdammt an sieht. Viel trägt dazu bei die Aufführung derMacht- Haber gegen den religiösen Teil der Bevölkerung, den sie bei jeder Gelegenheit seine Minderwertigkeit fühlen lassen. Wer unter der neuen Generation sich bewegt, weiß es, daß bei dieser das Wort „fromm" einen Fehler bedeutet. Für die Mehrzahl der Mädchen hier würde dieser Fehler alle anderen Vorzüge bei einer Heirat überwiegen. Ich habe über diese Berhältniffe mit verschiedenen Größen des orthodoxen Judentums hier gesprochen. Manche von ihnen verzweifeln, andere er, warten Rettung von der erwarteten Immigration, welche die religiösen Elemete vermehren und dadurch verstärken solle. Diese Hoffnung wird leider nicht in Erfüllung gehen, denn es fehlt den gesetzestreuen Elementen hier, auch wenn sie in der Majorität sein sollten, alles, was sie vom restlosen Versinken in die nationalistische Flut erretten könnte. Es fehlt ihnen alles, was ihre prinzipiellen Gegner in so reichem Maße besitzen: G e l d m i t t e l, Weltkenntnis und Organisationsfähigkeit, wie überhaupt alle moder nenK am pfesmetho den, ohne welche in unserer Zeit eine siegreiche Verteidigung, Nr. 31. Seite 3 auf welchem Gebiete eS auch immer sei, aussichtslos ist. Diese unerläßlichen modernen Waffen zur Verteidigung ihrer Extstenz, könllen die hiesigen noch religiös gebliebenen Juden nur von außen beziehen. Nur mit Hülfe ihrer Gesinnungsgenoffen in der großen Welt, können Sie hoffen, das ihnen Fehlende zu erhalten. Das kann und wird geschehen, wenn alle diejenigen, welche Interesse an der Erhaltung der jüdischen Religion im heiligen Lande haben, von dem wahren Zustand hier in Kenntnis gesetzt werden, dies soll der i Zweck meines Schreibens sein." Was in dieser Darstellung besonders bemerkenswert erscheint, ist die noch selten so deutlich ausgesprochene Erkenntnis der demoralisierenden Wirkung, die von der bloßen Anerkennung zionistischer Führerschaft aus die religiösen Bolksmassen ausgeht. In der Tat: mit der Selbsttäuschung, der leider auch frommen Juden, insbesondere die Misrachtsten, verfallen sind, es sei un s ch äd li ch, Männer wie Nordary Sokolow, Weizmann rc. als politische Führer zu verehren, fing es an, und an der „höheren Rasse" zionistisch-radikaler Religionsfeinde, als Vorbilder und Erzieher des armen jüdischen „Plebs" mit seiner veralteten Thora, find wir bereits angelangt. : Bestätigt Wird.-ferner 'die-Tatsache/ -daß uns die Zionisten in. Palästina ein Bildungsproletariat auf den Hals laden, das jedem gesunden Aufbau einer Gemeinschaft Hohn spricht und das, wie man fürchten muß, das Land der Prophetie und der religiösen Offenbarung zu einer Brutstätte des vollendeten Rationalismus, der radikalsten Verneinung, und des rücksichtslosesten wissenschaftlichen Skeptizismus machen werden. Dennoch möchten wir den Pessimismus des Briefschreibers nicht teilen, und wir bes chwören den Rest der religiösen Gesinnungsgenossen in Erez Jisroel, doch um Gotteswillen nicht zu früh die Flinte ins Korn zu werfen! Nur jetzt keine Auswmrderrmg der Orthodoxie aus Erez Jisroel nach Amerika! Wir begreifen die verzweifelte Stimmung der Väter, die sich mit Recht sagen: besser ein ehrliches jüdisches Kind am Missouri, als ein zionistischer ->LD an den Ufern des Joi danbesser den Wanderstab ergreifen in die ungewisse Ferne, als auf den jüdischen Erdboden ffch ni.dersetzen müssen, um den Abfall unjüdisch gewordener nationaler Söhne und Töchter zu beweinen. Aber noch ist's zu früh, viel zu ftüh, um diese letzte Konsequenz zu ziehen. Der nationale Rausch mit seinen vernichtenden Wirkungen wird nicht ewig dauern: M -DJ?' Nj? taj?ü DP! war hervorgerufen durch die Art und Welse dieser Visiten. Ich will den Propheten spielen. Prüfen Sie nach, ob's eintrifft! Der Rabbiner kommt rmftefahren, hält Chuppoh ab, steigt dann einen Augenblick beim Vorstand, vielleicht auch beim Lehrer ab und tritt dann die Rückreise an". „Was sollte er noch mehr tun"? „Sie verstehen mich sehr gut! Sie'lächeln nicht umsonst so heimlich! Vor zirka 40—50 Jahren hätte man von einem Rabbiner — wenn er eS damals nicht doch getan — nicht mehr oeriangen brauchen. Das Mtkrvoh war in Ordnung. In der ReltgionS, schule wurde den ganzen Vormittag gel rnt. 1 Die Balebattlm kamen zum Schtur zusammene In der Synagoge war alles k'daß-k'din *) und jede Gemeinde hatte ihren Schochet. Der echte .jüdische Geist, der .damals überall noch zu spüren war, machte fast — verstehen Sie mich aber nicht falsch — den Raw überflüssig. Daß sich heute vieles zum Schlechten verändert hat, brauche ich Ihnen nicht erst zu erzählen. Jetzt ist die Emmunoh in Gefahr! Diesen Schreckruf haben die orthodoxen Rabbiner in Bayern ausgestoßen — mein Schwager, der im Unterfränkischen ParneS ist, hat mir darüber geschrieben — als sie glaubten, der neu zu gründende Landesverband wolle zugleich auch eine Kirchenbehörde sein. Daß man selbst grotzherzogl'tch - oberrätltche Bestimmungen nicht einzuhalten gezwungen werden kann, haben unsere badischen.Nachbargemeinden gezeigt, da sie die abgeänderte Tefilloh in daS Pult, die gute alte d a r a u f gelegt haben. Die Gefahr geht heute Won der Gleichgültigkeit religiösen Einrich. tungen gegenüber aus,- sie kommt nicht erst zu, sie sitzt breit schon in-den KehtlloS. *) Nach Vorschrift. Gehege, dann wird die Fichte ihre braunen Samen hinein streuen, und der Haselbusch seine runden Nüsse auswerfen, und ihre Wipfel und Zweige werden schützend sich wiegen über vergangenes Menschendasein I Ein herber Blütenduft, vom Abendwind mttgeführt, zieht an mir vorüber. Ist Menschenleben mehr? 2. Tag. Das Gastwtrtsbett in S.war weich und so tief, daß ich während deS langsamen Hinuntersinkens bereits einzuschlafen begann. Aber der Himmel hatte seine Nachtsarbe noch nicht ganz verloren, als ich schon an der .kleinen Synagoge vorbei das Dorf verließ. Der Fluß in den Wiesen dampfte breite Nebelschwaden über sich hin und in die Wälder, welche die kugeligen -Hügelköpfe bis zur Spitze erstiegen. Der feine Wasserdunst versuchte sogar sich, vor die ausgehende Sonne zu stellen. Doch mit königlicher Gebärde teilte sie dieses leichtes Gewölke, sodaß die einzelnen Fetzen, wie Halt -suchend, hier an> eine hohe Tanne, dort an ein stilles Kapellchen sich ansetzten. Von überallher kam der surrende Ton der mähenden Sense. Und ein leises Erschauern ging über die taufrischen Gräser, als wüßten sie von dem blinkenden Tode, der Schwaden um Schwaden ntederlegte. Die Höhen wurden niedriger und verebbten in der weithin sich breitenden-Ebene, in der sich die Dörfer wie Rubine an einer Kette aneinanderreihten. Und der Morgengesang -der Glocken von der Nähe und aus der Ferne vermischt mit dem Siegesttede des neuen erstandenen Vages aus dem Kehlen der.'Vögel, dem -Rauschen der Wipfel, dem Raunen des Wassers erzeugten» eine Hymne^von so überwältigender Kraft und - von solch' reinem - Züsammenklang,' daKich von-rdteseht - Zauber^gebannt'MtttenimWegestehen' blieb. - Schritte störten mich auf: Es»-war der Händler i R. aus S., der, mit einem blauen Packen auf dem! Rücken, als guter Bekannter von früher mich herzlichst begrüßte: „Sie haben wohl wieder einmal Sehnsucht nach unserem Ländchen! Wohin gehen Sie?" „Ich bin der Stadt überdrüssig geworden! Ich habe Heimweh nach engen Straßen und kleinen. Häusern! Ich will wieder einmal Schabbos feiern im stillen Dorfe und an Kindertage zurückdenken! Mein alter Freund Stern in N. hat mich eingeladen. Dorthin gehe ich jetzt." „Wenn es Ihnen nicht auf einen Tag ankommt, so würde ich Ihnen den Vorschlag machen, nicht dem näheren, ziemlich gleichförmigen Weg zu nehmen, sondern den über K., von wo aus Sie die sogenannte Schwedenstraße durch die von vielen Fremden ausgesuchten Waldschluchten auf Umwegen, aber unterhaltsamer nach N. bringt." Ich hatte nichts zu versäumen und-ging mit R., der dieselbe Richtung einschlug. „In K. können Sie sich übrigens .heute — eben fällt mir's ein — etne Dorfhochzeit ansehen. Dadurch bekommen Sie dort doch wieder einmal unseren Rabbiner zu sehen". „Warum sagen Sie das mit soviel Spott, mein lieber Herr R. . . .? Was hat Ihnen der Rabbiner , getan, daß Sie so schlecht auf ihn zu sprechen sind"? „Mir hat er wirklich nichts in den Weg gelegt, ch bin viel zu poscheter') Dorfgeher, als daß ein abbiner sich viel mit meiner Person abgeben würde. Sie haben da ein wenig falsch gehört. Ich wollte damit nur sagen, daß unser Raw, außer dem ihm vertraglich auferlegten einmaligen Besuch, ein zweites Mal — alleriüngS nur infolge der abzuhaltenden Trauung *— «ach K. kommt. Der Aerger im Ton 1) pofchet *= einfach.

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