Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 31 (5.8.1920)
- Date
- 1920-08-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite S Nr. 31 das sie ihre Bekenner hüllt, weist überall die Nähte und ihre Flicken auf, wo einMtß oder Eingriff in die ihm eigentümliche zusammenschlteßendeWeltbetrachtung des natürlichen und geschichtlichen Geschehens m verdecken war. Ehren wir daher in der selbstbewußten modernen Orthodoxie als einer notwendigen Zeiterscheinung die treue Bewahrerin und mutige Verteidigerin jüdischer Ideale, als absolutes Zukunftsziel unserer jüdischen Kulturarbeit kann und will sie nicht gelten. Noch weniger kann von dem jüdischen Nationalismus der Aufbau einer jüdischen Kultur erwartet werden, sobald diese sich nicht auf gewisse selbstgewählte Teilgebiete völkischen Lebens beschränkt, sondern ihrem Wesen entsprechend die Summe aller Lebensäußerungen des Einzelnen wie der Oesamtheit in sich, begreift. Schon die Einordnung unseres^ VMsdaseins, das: doch historisch und begrifflich; als Einzelerscheinung jeder Angleichungan andere historische und begriffliche Schemata spottet, in die Reihe anderer Völker bedeutet eine Trübung unseres einzigartigen jüdischen Kulturideals und läßt von der Hoheit und blldenden Kraft desselben nur die Zwerggcftalt eines formalen völkischen Prinzips übrig. Die Wesensverschiedenheit des jüdischen Volksbegriffs nach Ursprung, Berechtigung und Aufgabe wird bewußt negiert, wichtige Seiten des jüdischen Kulturideals, deren Pflege gerade die vornehmste Pflicht der jüdischen Sonderheit bedeuten sollte, werden unterdrückt, bis fein verbleibender Rest nur die Elemente nationaler Differenzierung aufweist, die der zeitgenössischen Phase des wandelbaren Nationalitätenbegriffs entsprechen. Die jüdische Nation und mit ihr die jüdische Kultur stehen jetzt auf gleicherLinie mit den anderen Nationen und ihren Kulturen als nahverwandte und gleichberechtigte Gliederdie Krone der höheren Wertung», die uns früher schmückte und allen anderen Kulturen das Ziel zu setzen sich vermaß, ist freiwillig abgetan worden. Durch Aneignung des ganzen Begriffsapparats und der politischen Arbeitsmethoden, wie sie der jüdische Nationalismus bet seinen Lehrmeistern und Vorbildern fertig vorfand, erhielt die ganze Bewegung den Stempel des Zeitgemäßen, Modernen, welche Züge sich in der ungeheuren Werbekraft auf jugendliche Gemüter bewährten. Aber das jüdische Kulturideal, das wir suchten, bas wir uns aus dem zweimaligen staatlichen Untergang gerettet hatten, findet in den wetten Hallen ihres Baues keine Stätte, es ist aus ihnen verbannt und muß seine Verwirklichung auf anderemWegen suchen. Der jüdische Nationalismus ist mehr Zerstörer als Vollender jüdischer Kultursehnsucht. (Fortsetzung folgt.) Keims Jeuillelvn. Aus jüdischen Landgemeinden. Reisebriefe von G. Br. M. 1. Tag. Das Tempo, mit dem mich der Zug aus dem beengenden Häufergewirr der Stadt davontrug, war mir zu langsam. Mürrisch betrachtete ich die hohen Mietskasernen, die berußten Fabrikgebäude. Feindselig war mir der Rauch der vielen Schlote, der dem blauen Himmel einen grauen Dunstschleier aufzwang. Nur einige Tage wenigstens dieses Starre und Tote nicht sehen müssen! Ich schloß die Augen und pro. vierte den Takt aus, mit dem diö Räder die Schienen zusammenschlugen. Als aber dann die fruchttragenden Hügel wie mächtige Girlanden den Horizont abschlossen, davor die Felder und fettgrünen Wiesen im Kreise tanzten, und aus ihnen wie große frische Blutstropfen die roten Dächer der Bauernhäuser hervorleuchteten, da fiel Müdigkeit und Beängstigung von mir ab wie die Kleiderhüllen in der Nacht. Die Freiheit des von schwerer Kette Losgebundenen brachte mir ein einfaches Kinderliedchen auf die Lippen, das ich noch leise vor mich hinsummte, a!S ich den großen Wartesaal der Zweigstation L. betrat, um vor dem Fußmarsch eine Erfrischung zu nehmen. Geschäftsreisende mit großen Koffern, Badegäste, die nach dem nahen M. weiterfahren wollten, Reichswehroffiziere einer eben auf dem Bahnhof angekommenen Batterie füllten den weiten Raum. In einer Ecke fand ich Der Israeli«. Son Amsterdam nach London. Die eben beendete zionistische Jahreskonferenz in London, über deren wichtigste Phasen an anderer Stelle berichtet worden ist, hat auf die Teilnehmer und das große Publikum nicht den' erhebenden^ Eindruck gemacht/ der angesichts der ganzen politischen- Konstellation erwartet, worden war. Ob daran die scharfenGegensätze schuld sind, die in der Versammlung zutage traten, oder die allzu große Diskrepanz zwischen den phantastischen Hoffnungen aus einen Judenstaat und der etwas nüchterneren Wirklichkeit -- läßt sich yicht ohne weiteres sagen. Aber eine grade: vom-unserem Standpunkte höchst bedeutungsvolleGntwicklung hat'sich unter dem Druck dieser ernüchterten Stimmung in. beschleunigtem Tempo vollzogen: die Umwandlung der zionistischen Organisation in einen großen Kultur- und Erziehungsverein. Wir haben bereits früher festgestellt, daß der Zionismus umso entschiedener in diese—anfänglich allerseits, nicht nur. vom.Misrachi verpönte — Bahn gedrängt. wird, je mehr der Zionismus im heiligen Lande" angesichts der ungeheuren politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten sein Schwergewicht aus das kulturelle Gebiet zu legen gezwungen ist und, jemehr auch in der Diaspora an die Stelle der politisch-wirtschaftlichen Erlösung die Kultivierung der Massen im Geiste des Nationalismus in den Mittelpunkt des zionistischen Programms rückt. Diese Entwicklung war unvermeidlich. Sie führt diejenigen gesetzestreuen Kreise ad absurdum, die ihre Teilnahme am Zionismus damit begründen zu können glaubten, daß sie die zionistische Organisation als politisch-wirtschaftlichen Zweckverband ohne geistig-religiöse Tendenz betrachteten. Die erste schroffe Desavouierung, die man diesen Kreisen durch die Kulturresolutionen des zehnten Kongreffes bereitete, hat sie leider nicht gehindert, die Fiktion von der religiösen Farblosigkeit und Ungefährlichkeit des Zionismus und damit ihre eigene Unterordnung unter die zionistische Organisation aufrecht zu erhaltenen Amsterdam hat. man dann feierlich erklärt, daß der „Misrachi" wenigstens jede gemeinsame Erziehungsbehörde in Erez Israel angesichts der religiösen Gegensätze als prinzipiell unmöglich erachte, und daß man seine eigenen Wege gehen werde, wenn nicht zwei getrennte Erziehungs-Ausschüsse concediert würden. Nun scheinen die Pessimisten wieder-einmal _ 5. August 1920 xecht behalten zu haben, die dem „Misrachi" die Kraft nicht zutrauten, seine Beschlüsse durchzusetzen. Herr Weizmann soll in London laut geschrieen haben, er dulde in Erez Jisroel keine „zwei Judentümer", also auch keinen doppelten „Waad hachinuch", und vor der Wucht dieser Stimme von oben ist der misrachistische Mannesmut offenbar zusammengebrochen. Biel dürfte allerdings hierzu beigetragen haben/ daß innerhalb des „Misrachi" die Richtung Tsch ernowitz-Rabin, die in religiöser Hinsicht ungefähr auf dem Boden des Breslauer Seminars steht, offenbar mehr und mehr Oberwassererlangt undden Einfluß der Herren Struck, Pick, Barth, Frankel/ Schönfeld und Berlin — so seltsam cs klingen mag — stark zurückgedrängt hat. Denn daß diese Herrn selber sich zwischen Amsterdam und London so sehr „entwickelt" haben sollten, daß sie nun plötzlich des geradezu entscheidenden Unterschieds zwischen einem co ordinierten thoratrmen Waad und einem subordinierten Aufsichtsrat sich nicht mehr bewußt sein sollten, ist nicht anzunehmen. Die kraftvollen Worte, mit denen R. Meir Berlin in Amsterdam die Zumutung zurückwies, Misrachi solle sich mit einem Drittel der Sitze in einer Erziehungsbehörde begnügen, haben nicht verhindert, daß man sich bescheidentlich mit einem Viertel begnügt, und dabet noch allerlei Konzessionen an die Hoheitsrechte derer macht, die ihre Hoheit an die Stelle des entthronten Thora-Willens erfolgreich zu setzen bemüht sind. Ein Viertel oder ein Drittel — darauf kommt es wirklich nicht an - wird schon dem erwachenden Kindesgemüt der ganze Stolz des nur dem Willen seines Gottes gehorchenden, jede gesetzeslose Autorität verwerfenden Thora-Juden geraubt, dann wird die „innere Autonomie" den orthodoxen Schulen verzweifelt wenig nutzen können. „Es geht um die Zukunft unserer Kinder" — hat Herr Berlin in Amsterdam gesagt! Lin VerzweiflungSschrei ans dem heiligen Lande. Bon einem ausländischen Leser unsres Blattes wird uns Abschrift eines dieser Tage ein gegangenen Privatbriefes aus Jerusalem übersandt, dessen Inhalt, obgleich er nicht geradezu Neues enthält, doch erschütternd wirken muß - der Briefschreiber gehört, wie unser Vertrauensmann schretbt, persönlich nicht der Orthodoxie an, ist aber dennochentsetzt über die rapide Entwicklung des Platz und die neuesten Berichte über die stattgehabten Wahlen. Gerade begann ich mich über die Wahlmanöver der antisemitisch sich gebärdendenDeutschnationalen zu ärgern, als die Worte: „feines Weißmehl", „beste Brötchen" mein Ohr trafen. Schon wollte ich mich, da ich im ersten Augenblick an eine öffentliche Anpreisung durch einen Menschenfreund glaubte, als Bedürftigen höflichst melden, als ich beim Aufblicken bemerkte, daß es Bruchteile eines Gesprächs waren, das von heftig gestikulierenden Durchreisenden an einem Tische Neben dem Haupteingang geführt wurde. Unmutig legte ich die Zeitung beiseite. Zu diesen unwahren Wahlreden auch noch mit Mehl und Brot gefoppt zu werden! Ein etwas abseits sitzender Herr griff jetzt in die da vorne wettergeführte Unterhaltung ein. „Mehr wie ch e s M e o s I", rief er dazwischen. „Achthundert", übertrug ich schnell. „Nein gimmel Alost m!" Die Summen stiegen: „3008 Mk." Und nun flogen die Zahlen herüber und hinüber wie schwergewichtige Granaten. „Ochsen 8000 Mk., 10000 Mk." „Getreideladungen für 40000 Mk." Die Hunderte und Tausende jagten sich wie belfernde Hunde. Wie hypnotisiert folgte ich diesem Zahlengeschwirre, das^ weil ich es ebenso schnell übersetzen wollte, mir vor lauter Anstrengung den Angstschweiß auf die Stirne trieb. Hochrot kam die Scham über mich, jener Glaubensgenoffen wegen,' die mit ihrem auffallenden, rückstchrslosen Benehmen der jüdischen Gesamtheit größten Schaden züfügten. Und vor den wenig schmeichelhaften aber berechtigten Bemerkungen an den übrigen Tischen über die Juden, die mit ihrer lauten Unterhaltung jedes andere Gespräch und das Lesert unmöglich machten, versteckte ich mich Hinter die Karrikaturen der „Fliegenden Blätter:" Doch davorne gings itu« geniert im selben Tone weiter. Ich zahlte und schritt zum Eingang. Dort angekommen, wandte ich mich schnell zu den hier Sitzenden und mich-zwischen sie hineinbeugend, sagte ich mit Schärfe: „Gut Schabbos!“ Durch das Türglas zurückblickend, sah ich verdutzte Gesichter. Vielleicht haben sie den Zaunpfahlswtnk verstanden. Nach einstündigem Marsche auf gut gepflegter Landstraße bog ich in einen bergan führenden Waldpfad ein, der mich nach S. dringen sollte, wo von einer vor 40 Jahren blühenden jüdischen Gemeinde noch etwa drei Familien ihren Wohnsitz haben. Der harzduftende Fichtenwald ließ auf der Höhe plötzlich eine weite Fläche frei: Ein Mauerviereckin die Länge gestreckt, wenige Bäume darin, zeigte sich: das Beso l a m. Durch eine Schneiße funkelten die Fenster des Dörfchens-herauf. Was von den Juden nicht in die Stadt abgemandert, liegt hier in dieser Waldesruhe, die der Geier überkreist und der scheue Hase durcheilt. In der äußersten Ecke sind die Grabsteine bis zur Spitze eingesunken. Als hätten Kinder in nachbilden, der Geschäftigkeit einen Friedhof zum Spiele aufgebaut, so scheint es. Und wenn das hohe Gras, vom Wind bewegt, hin- und herwögt, dann werden auch noch diese letzten Reste eines dahingegangenen Geschlechts verdeckt und unsichtbar. Fast alle Mazewos zeigen in ihrer einfachen prunklosen Ausführung den bescheidenen Sinn der Verstorbenen oder deren Kinder. Der Marmor und die hochstrebenden Säulen auf den Gräbern sind oft das Zeichen des überheblichen Geistes des Reichen, der auch noch im Tode von seinem Bruder neben ihm sich abheben möchte. Um solche „Denkmäler" streicht fühlbare Kälte - wehmutsvolles Gedenken aber umweht diese roten Sandsteine mit dem weißen Verputze. Noch eine Ackerbreite freier Platz ist bis zich Mauer. Und wenn die dort noch Lebenden auch da heraus gezogen sein werden, wenn kein Annehmer mehr ist für die stürzenden Steine, für das brechende