Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 31 (5.8.1920)
- Date
- 1920-08-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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9 Ein Centralorgan lür das orthodoxe Jndeotnin i Icffffiiiief dod Dr.MiaiD!■ i 61. Jahrgang. Sranfiturf a. M-. Sen —- RSSSi M ®i Abonnement pro Vierteljahr r Deutschlandhei den Postämtern sowie Sei direkt. Bestellung n. rkechnungserteil. durch d.Verlag M.L.— viertelt, f. Lehrer n.Kultusbeamte (n. direkyM. 3.—viertel)!., monetl. 5 Pfg. Bestellgeld. Deutsch-Besterreich Kr.30.—viertelt-; Tschechoslowakei Kr.llS.—Ungarn Kr.36.— viertel)., Polenlmrr in deutsch. ReichSmk.M.S.viertel)., Holland fl.1,Skandinavie»Kr.2, Schweiz, Frankreich u. Belgien Fr. 1.50. Gngland 1 8h. S p., Amerika0.50 Doll, viertel). Einzelnumm.60 Pfg. Durch d. Buchhandel wie b. Derl. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag Anserate: Mk. 1.M für die sechSgesvaltene Colonel.Zeile einschl. TeuerunaSznschl.:Aurland-Jns.Mk.3.—pro Zeile Rab. nach Tarif Bei laufenden Jnseratanftr. tarifm. Preiserhöhung jederz. vorveh. Anseratenannahme durch den Verlag des Israelit G. m. b H., Frank« surta. M., Gr. 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Wochenrundschau: Ben Amsterdam nach London. — Ein VerztveiflungSschrei aus dem Heiligen Lande. — 4. A u f s ä tz e: Moses Auerbach: Agndas Iisroet in Gre; Iisrsel. — S. K o r r e s p o ndenzen und Nachrichten: Berlin, (WoHnunzsfürsorge für ostjüdische Arbeiters Berlin, (Forderungen der Gemeinde-Angestellten.) — Berlin, (Die ostjüdische Einwanderung im deutschen Reichstag.)'— München, (Judentum und Idealismus.) — Wien, (Fünfte Weltkonferenz der Poale Zion.) — Budapest, (Zeichen der Einkehr?) — Warschau, (Die dritte Sitzung der jüdischpolnischen Verständigungs-Kommission.) — Berlin, (Zur polnisch-jüdischen.Verständigungsaktion.) — London, (Die zionistische Konferenz.) — 6. Personalien: Halberstadt. — Rödelheim. — Würzburg. — Allenstein. — Gelnhausen. — 7. Vermischtes: Berlin. — Breslau. 8. Sprechsaal. Bereinskalender. — Gebetzeiten. — 9. Feuilleton Beilage: Im Iu-rnßaat der Chasarrn. — Moritz Freuder: Die letzte» Tage Krssorv-Sofer. — Kinderecke: — Max Weinberg: Aus drm Kpruchboru der Weift». Dar jüdische Kutturproblem unserer Zeit und die jüdische Kultur-Autonomie Ljt«uen§. Bon Schuldirektor N. Schlesinger in Kowno. Der Geist moderner Weltkultur und jüdischer Ekgenkultur sind Gegensätze. Man ist sich auch dieses Gegensatzes in »Len Kreisen, die über Sinn und Bedeutung der zeitgenössischen Kulturepoche und ihr Verhältnis zur jüdischen Idee Rechenschaft sich ablegen, bewußtman erkennt auch die Symptome, die auf ständiges extensives und intensives Obsiegen, des europäischen Kuliurgeistes in diesem Kampf der Gegensätze deutenman fühlt, wie der allgemeine Kulturstrom uns aufnimmt, wie er jeden Ansatz zum Anbau einer eigenen jüdischen Welt vereiteltdenn diese ist ja auf so andersarttgenr Wurzelboden gewachsen, ihre Ziele sind so wesensfremd, und - nur besondere Mittel erachtet sie als zulässig * in Erreichung ihrer Ziele. Trotz ihrer aktuellen Uebermächtigkeit versagt aber die allgemeine Weltkultur ihren Jüngern l die Befriedigungselbst immer suchend und Lappend, vermag sie keine Einheit und Geschlossenheit des Aharakters, kein Genügen der gemütvollen Seite der menschlichen Doppelnatur zu ^gewährengegenüber der seelischen Etgenkultur, die im einheitlichen Weltbilde Gott und Mensch, Geistigkeit und Körperlichkeit, Ursachen und Zwecke erfassen will, erweist sie sich als völlig inkommensurabel. Daher das allgemeine Sehnen der Menschheit nach einem beherrschenden Gedanken der Weltanschauung, der allen Ansprüchen des Denkens, Fühlens und Wvllens gleichmäßig Rechnung trägt, das Suchen nach einer zentralen Idee, die erst das Leben in der hochgezüchteten äußeren Kultur lebenswert macht, die Kultur beseelt und den seelischen Kräften neue Bahnen der Betätigung eröffnet. Ob die Gesamtmenschheit in hinter uns liegenden Zeitepochen im Besitze einer solchen allgenügenden Kulturtdee war, mag Zweifeln unterliegenwir Juden, dursten uns jedenfalls einer derart orientierten das Leben, umfassenden Kultur erfreuen. Die Lebensgestaltung im Rahmen unserer göttlichen Lehre, die Ausgangspunkt und Ziel aller Lebensbetätigungen war, hinter deren fordernden Imperativen eigenes bestverstandenes Interesse gefühlt wurde, schaffte eine besondere Kultursphäre, in der Ausgeglichenheit der Charaktere, Einfachheit und Einheitlichkeit des Denkens die Triebfedern für kräftiges Wollen und tatenfrohes Handeln im Umkreise der eigenen Ideale abgaben. Kein Wunder daher, daß in unserer Zeit der seelischen Verkümmerung und geistigen Zerrissenheit der Blick sich gern zurückwendet, um des aroßen Verlustes, den wir mit dem Wechsel v<n Gestern und Heute erlitten, inne zu werden. Ueberall redet man von jüdischer Erneuerung, van der Verjüngung unseres' sterilen geistigen und seelischen jüdischen Kulturlebens durch Erfüllung mit dem den ganzen Menschen erfassenden, lebenformenden Geist unserer jüdischen Menschhettsbestimmung. Man will wieder aut jüdisch sein, sich als Volljude fühlen und betätigen, will wieder die versunkene Welt der eigenen jüdischen Kultur erstehen taffen, ihren besonderen Wert gegenüber anderen Kulturen aufweiftn I und ein Bollwerk auftichten gegen die zernagende und zersetzende Wirkung der uns auf allen l Seiten umbrandenden übermächtigen, wesensftemden Kulturströmungen, kurz das jüdische Selbst vor dem drohenden Untergange retten. Zwei wesentlich verschiedene Wege hat der jüdische Wille auf dieser Suche nach seiner ungeteilten Echtheit eingeschlagen. Der eine, der von der altüberlieferten Wesensart jüdischer Besonderheit in Lehre und Leben nichts preisgeben will, führte zu der modernen jüdischen Drthodoxie, die, aus kleinem Kern erwachsend, sich zur Hüterin des jüdischen Gedankens entwickelt hat. Der andere, auf weiten Strecken fteiwillig dem allgemeinen Zeitgeist die jüdische Welt preisgehend, erzeugte den jüdischen Nationalismus, der bei der einseitigen Hervorkehrung der rein völkischen Elemente unseres Seins in der nationalen Differenzierungstendenz der zeitgenössischen Geschichte verwandte Klänge vorfand und diesem Echo seiner volkserhaltenden Bestrebungen seine große Schwungkraft verdankt. Vermag die moderne Orthodoxie sich ihr Ziel nur in stetiger Kampfbereitschaft und Auseinandersetzung mit der allgemeinen Weltkuliur zu sichern, trägt sie selbst aus diesem Ringen die Zeichen und Narben des Kampfes heim, muß sie sich bescheiden, in konträren Zettläufen und gegenüber zeitmächtigen anderen Anschauungen die Kontinuität des jüdischen Gedankens, jüdischer Sitte und jüdischer Hoffnungen aufzuzetgen, so bleiben dadurch wesentliche kulturbtldende jüdische Kräfte gebunden, eine eigene Kultursphäre jüdischer Produktivität, jüdischen Eigenlebens vermag sie nicht zu schaffendie erkämpfte und stets neu zu erkämpfende jüdische Weltanschauung entbehrt der Natürlichkeit und Einfachheit, um aus sich heraus jüdische Kulturwerte zu gestalten - das Judentum selbst 'ist ihr ja zum Problem geworden, um das die jüdische Seele in ehrlichem Bemühn immer ringen muß. Der modernen Bildung einer formulierten jüdischen. Orthodöxie haften somit alle Wesenszüge einer Golutherscheinung an, die, geschichtlich bedingt, niemals das Judentum in seiner Totalität und lebendigen Produktivität wird darstellen können. Für die freie jüdische Persönlichkeit des erreichten jüdischen Ideals, die in naiver Spontaneität die Dinge der Außenwelt in, das Netz jüdischer Betrachtungsweise verwebt, die, des Diktats der jüdis chen Vernunft unbewußt, und kampflos im Handeln, die jüdischen Normen trifft, giebt sie keinen Nährboden abdas jüdische Kleid, in