Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1920)
- Date
- 1920-07-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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29. Mi IM - dieses Gebietes herzlich wenig — bezog sich nur auf den ersten Teil des Wanderprozesses, auf die Durchwanderung.; An das Wichtigste wagte man sich nicht Heran, hatte überhaupt keine Lust dazu. Weil man das ganze Problem von einem ganz verkehrten, absolut falschen Standpunkte aus betrachtet hat. , -• - £ ' $ * Die drei Hauptaufgaben, die gegenwärtig beim jüdischen Volke im Vordergründe des Interesses sieben, können bekanntlich in den drei Worten zusammengefaßt werden: P a l ä st i n a, W i e d e ra u f b a u, E mtg r a t i o n.. Die erste Aufgabe ist zur Zeit auch die populärste, weil sie am stärksten die Gefühle der Massen anspricht, weil sie die für ein Volk heiligsten Imponderabilien ins Feld führt. Auch die zweite Aufgabe erfreut sich einer warmen Anteilnahme seitens breiter Volksschichten. Diesmal, weil sie gerade das. rein Materielle, die ungeheure, sichtbare, faßbare Not von Millionen zur Unterlage hat. . Die Emigration hingegen wird auch jetzt, ebenso wie vor dem Kriege, am stiefmütterlichsten behandelt, obwohl sie, was die Zahl der Betroffenen anbelangt, den beiden anderen oben erwähnten Aufgaben durchaus nicht nachsteht. Die Ursache? Sehr einfach. .Die zwei anderen Probleme sind äufbau e'nder Art. Die Emigration aber.wird immer noch durch die trübe p h i l an t r o p i s ch e Brille angesehen. Die Tätigkeit auf diesem Gebiete fei rein vorübergehender Natur, diene nur der Linderung eines momentanen Notzustandes und könne keinerlei positive Früchte zeitigen. Es sei eine Last, die man so schnell als möglich 'abschütteln muß, um sich den anderen aufbauenden Aufgaben zuwenden zu können. Ist-dem wirklich so? Gewiß, wenn wir die Emigration mit den Augen unserer Politiker aus dem vorigen Jahrhundert betrachten. Ganz anders sieht jedoch die Sache aus, wenn wir uns die Mühe nehmen, einmal über das übliche kleinliche Parteigezänk hinweg auf eine höhere Warte zu steigen, um aus der Vogelperspektive einen .besseren Ueberblick über das verworrene Getriebe des Augenblicks zu gewinnen. * .* * Theoretisch gesprochen, lautet die Lösung der Judenfrage: das jüd'sche Volk in einem jüdischen Lande. Sieht man aber die Wirklichkeit mit nüchternem Auge an, so wird man sofort durch die wahren Verhältnisse gezwungen, zuzugeben: Wie die Dinge nun einmal stehen, ist diese Einheit sform einstweilen und für Jahre hinaus nur ein Ideal. Wie wird in nächster Zukunft die jüdische Welt in Wirklichkeit aussehen? Es werden sich deutlich drei Zentren ab- „Weshalb"?, sagte der Ztektewer. „Weil nur ein starkes, thoratreues Judentum imstande ist, vielen Feinden entgegenzutreten und weil nur d e r Widersacher hat, der kraftvoll ist. Ein zitterndes Judentum, das an sich selbst verzweifelt, hat keine Widersacher ... ." Propaganda ist eine Zauberformel. Mit einem Schlage wird aus dem moralisch Verpönten, moralisch Zulässiges, aus unwahren Nachrichten werden honigveseimte Aussprüche, aus unverantwortlichen Handlungen heroische Taten, aus entwürdigenden Vorgängen notwendige Augenblickserfolge .... wenn all dies die Propaganda treibende Partei betrifft. Propaganda ist eine Zauberformel.. „8i äuo ksciunt iclem not est iäem". Wehe der propaganda-passiven. Partei. Ihre Handlungen werden interpretiert, ihr Stillschweigen als Unterwerfung, ihre ruhige sachgemäße Berichterstattung als leblose Aenßerungen dahtnvegetierender Individuen erklärt Nun seid ihr genügend vorbereitet, liebe Leser, ln rriedias res: Manche unter euch wissen vielleicht, daß die „Agudas JiSröel", die Organisation der unabhängigen Orthodoxie, tatsächlich existiert. DaS weiß auch das Zentralorgan des amerikanischen Mizrachi, der New-Aorker „Mizrachi World". Doch Mizrachi World weiß mehr als ihr. In seiner Aprilnummer stand folgendes zu lesen: „Die AgudaS I i S r o e 1, eine mächtige Organisation orthodoxer Juden, ■ hat nach langwierigen Verhandlungen beschlossen, sich endgültig dem Mizrachi an zuschließen rc. . . . ." DaS ist vollkommen Propaganda. Bor zwei Wochen fand in London eine. Versammlung mizrachistischer Rabbiner statt, die, unter dem mächtigen Eindrücke des von Hunderten rabbtnischen Größen gezeichneten Aguda-AuftufeS einstimmig einen ■ »er FSraeltt.^.. 1 heben: das alte Zentrum tn Osteuropa, d. h. die zurückgeblieben, jedenfalls noch sehr erheblichen Urmassen in den Randstaatell. Zweitens das neue mächtige Zentrum jenseits des Ozeans, dessen Einfluß auf die Gestaltung der Geschicke unseres Volkes unzweifelhaft von Jahr zu Jahr zunehmen wird. Schließlich das allerneueste (eigentlich erst noch zu schaffende) Zentrum in Palästina, zwar nicht groß an Zähl, aber stark durch Tradition und Zukunstshoffnung. Weder kann Palästina im günstigsten Falle auch nur den vierten Teil des jüdischen Volkes aufnehmen, noch werben die drückenden Verhältnisse im Osten Europas 'alle dort wohnenden Juden ivakuteren. Wir werden leider noch lange diese uns durch die historische Entwicklung aufgedrungene „Dreiheit" mitschleppen müssen. Und damit müssen wir'rechnen, als mit einer vorder-, Hand, unabänderlichen Tatsache. Da wir aber doch durch nationale Bande eine Drei-E inigk ei t bilden und da eS uns allen doch daran gelegen ist, das jüdische Volk als Ganzes ausrecht zu erhalten, so müffen wir konsequenterweise allen diesen drei Zentren unsere Aufmerksamkeit schenken und sie nach Möglichkeit zu kräftigen suchen. 4- He * Und merkwürdig: man tut es auch, wenn auch unbewußt, zum Teil auch ungewollt. Denn die drei Aufgaben, die man, wie gesagt, als die wichtigsten anzusehen pflegt, haben eben letzten Endes zum Ziele die Gtärkung der drei erwähnten jüdischen Hauptposittonen: Zionismus — für Palästina, Wiederaufbau — für Osteuropa, Emtgrationsregulierung — für Amerika. Wozu man sich indessen noch nicht Hindurchgerungen hat, das ist die Erkenntnis, daß alle drei gleich wichtig für die Zukunft des jüdischen Volkes sind, daß insbesondere gerade die Regulierung der Wandcrung einem unserer bedeutendsten Vorposten ungeheure lebendige Kräfte zuzuführen imstande ist. Man vergißt eben, daß gerade die Emigration es war, die das Unglaubliche in unfaßbar kurzer Zeit vollbracht hatr Die jüdische Wanderung war es, die im Laufe von kaum drei Jahrzehnten den Schwerpunkt des jüdischen Volkes aus einer Hemisphäre in die andere htnübergeschleudert hat. Ja noch mehr. Die bis zum Beginn des Weltkrieges in Amerika gelandeten jüdischen Emigranten könnten jetzt zu ihren zurückgebliebenenen Brüdern mit vollem Rechte, wie ehemals Josef, sagen: Denn um e ures Lebens Willen hat uns Gott vor euch hergesandt. Es ist tn der Tat nicht auszudenken, wie die Judenschaft in Europa nach dem vier- ■aBnBBBBnBBWaaHKaHBBBHBn Antrag unterstützten, mit der Aguda zusammenzuarbeiten. Einer der Führer erklärte sich vorher sogar bereit, für die Aguda in England Propaganda zu machen, da er sich mehr zur Aguda als zum Zionismus hingezogen fühle .... Auf stand in Heller Entrüstung eine der offiziellen Größen und sprach gelassen: „Die Aguda existiert gar nicht". Das ist eine ganz .... prächtige Propaganda. Je nachdem: baldist die Aguda mächtig, bald existiert fie nicht. Der Präsident des Englischen Mizrachi ist Sir Sruart Samuel. Das darf beileibe nicht so aufgefaßt werden, als ob der Mizrachi ein Monopol auf Sir Stuarts Wohlwollen erworben hätte Im Gegenteil, Mr Stuart ist auch Mitglied der polnischen Aguda. Als Präsident der einflußreichsten Körperschaft englischer Juden, des „Board of Depuiies" erachtet Sir Stuart es als seine Pflicht, allen jüdischen positiv' arbeitenden Parteien zu helfen. Als die polnische Aguda im Februar durch Dr. Jung ihr Memorandum an die Friedenskonferenz überreichen ließ, da war es Sir Stuart Samuel, dem das Memorandum unterbreitet wurde und der die Verantwortung mitübernohm für einen Schritt, der von allen besonnenen ehrlichen Jehudim gutgeheißen wurde. Sir Stuart batte es in feiner Hand, der Uevergabe des Memorandums große Schwierigkeiten in den Weg zu legen .... . - - In dem offiziellen Briefe des Sekretärs des „Conjoint Foreign Commitee" (das die Stelle eines Ministeriums des Aeußern der englischen Judenheit vertritt), an die Londoner Aguda heißt eS wörtlich : .; . . »Ich habe mich mit unserem Präsidenten wegen deS Memorandums, beraten, das Sie an die Friedenskonferenz weiterleiten wollen. Wir werden das Memorandum im Namen der Aguda in derselben Weise überreichen, tn der wir s. Zt. Nr. SS. Seite 8 jährigen Krieg und dem darauffolgenden zpreijährigen „Frieden" ausgesehen hätte, wem: nicht der jüdische Ollkel Gam so hilfreich betgesprungen wäre. Ist es doch bereits zur stehenden Phrase in Europa (und nicht nur bet Juden) geworden: „Wenn Amerika nicht mit macht, hat es gar keinen Sinn, das und jenes anzufangen." * * * Daß die amerikanische Huden heit von der Zuwanderung weiterer Scharen aus der alten Welt nur gewinnen kann, darüber braucht man keine weiteren Worte zu verlieren. Schon das überraschende Aufblühen diese- Teils der jüdischen Gemeinschaft kann auf Grund historischer Analogien nur auf eine Art erklärt werden: hier ist die richtige Menschengruppe zur richtigen Zeit auf den rechten Ort geraten. Daß anderseits das Land selbst a priori für ungezählte neue Ankömmlinge Platz und Existenz- Möglichkeiten bietet, ist wohl ebenfalls über allem Zweifel erhaben. Es genügt die einfache Feststellung, daß' eS sich um ein an Naturschätze!: fabelhaft reiches Land handelt, welches der Fläche nach so groß wie Europa ist, aber eine viermal kleinere Bevölkerung aufweist. Wir sehen denn auch, wie dieses Wunderland jahraus jahrein mehrere Hunderttausende von Zuwanderern ausgenommen hat und dabet nur immer reicher, immer mächtiger wurde. Und dieser Strom beginnt schon wieder sich in das Land zu ergießen (man meldet bereits das Ankommen von 10 000 Emigranten in einer Woche), und die lebendige Last der übervollen Ozeanriesen wird jedenfalls auch wieder ebenso unmerkltch aufgesogen werden, wie einst die fette Pharao-Kühe von den mageren. Kern Wunder. Das brennende Problem von beute ist die Steigerung der Produktion. Zur Produktion sind aber Arbeitskräfte, Menschenarme, Menschen nötig. Sogar das ausgehungerte, wirtschaftlich darniederliegende, im permanenten Krisenzustande sich windende Deutschland, stemmt sich mit allen Mitteln gegen den Abfluß von Arbeitskräften, weil man nur allzugut den eminenten Wert der menschlichen Kraft erkannt hat. Man beachte die erbitterte Kampagne, die von fast der gesamten deutschen Presse mit allen Mitteln gegen die einsetzende Massenflucht nach Brasilien, Argentinien und Nordamerika zur Zeit geführt wird. Umso widersinniger ist es zu behaupten, ein Land, welches in genügendem Maße mit Produktionsmitteln und Rohstoffen einerseits, und mit unabsehbaren freien Ländereien andererseits versehen ist, würde heutzutage den Zufluß von arbeitsfreudigen Menschen ungern sehen. Ist dieses doch der Fall, so kann man sicher das zionistische Memorandum überreicht haben .... Wir werden unser Möglichstetun, um Ihrem Memorandum eine gebührende Anerkennung zu erwirken .... Das Memorandum wurde überreicht und zwar bei derselben Persönlichkeit und mit derselben gründlichen Vorbereitung wie s. Zt. das zionistische. Das Memorandum wurde erst im letzten Momente übermittelt, nachdem wiederholte Versuche der Aguda, politische Aktionen in diesem Falle im Einvernehmen mit der zionistischen Leitung durchzuführen, gescheitert waren. Die zionistische Leitung hatte die Einigkeit des jüdischen Volkes der Außenwelt gegenüber mutwillig zerrissen.... Nun setzte „Propaganda" ein. In allen Synagogen Londons wußte man sich eS zu erzählen und in allen Mizrachi-Versammlungen hörte man von dem „Verrat" der Aguda, die an die Friedenskonferenz geschrieben hätte, Palästina dürfe nicht den Juden gegeben werden! In heroischer Stellung, seine Zwischenrufer wohl postiert und mit Instruktionen versehen, erging sich. Rabbi Meir Berlin tn einer.... Anklage gegen die Aguda. Vergeblich stritt sein guter Geist gegen die Propagandawut, die ihn dazu trieb, bewußte Unrichtigkeiten «nd Entstellungen als Wahrheiten tn die Welt zu schleudern —.Seifenblasen, die in ein paar Minuten platzen mußten — die Propaganda-Moral war stärker .... Dr. Schönfeld war bis vor kurzem Rabbiner der Adaß Jisroel in London. Bei dem AbschiedSmahle, das seine Gemeinde veranstaltete, meinte Dr. Echönseld, er sei keln Rabbiner mehr und könnte nun freier sprechen .... Dies tat er in folgender Weise. Bei einer Versammlung deS Mizrachi tn London fragte Dr. Hirschfeld, der als Gast anwesend war, waS der Unterschied zwischen dem Mizrachi