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Der Israelit · 1920-07-22 · Heft 29 (22.7.1920) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 29 (22.7.1920)
Date
1920-07-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 8 Nr. 29 Der JSraeltt. aber die Wege, die er dazu wies, waren höchst problematisch, und am Schlüsse seiner Rede ist ihm ein Wort entschlüpft, das der geäußerten Zuversicht einen etwas fragwürdigen Beigeschmack verleiht: „We are embarked on a great ad venture". „Wir steuern in ein großes Abenteuer hinein!" Ein Abenteuer! Das ist in der That die objektiv richtige Bezeichnung für die Situation, in die sich das jüdische Volk durch die zionistische Politik hat hineinreißen lassen, und wenn Balfour so liebenswürdig war, England und das jüdische Volk als Partner an diesem Palästina-Abenteuer darzustellen, auf Gedeih und Verderb dabei mit einander verbunden, so müßte rnan schon gänzlich mit Blindheit geschlagen sein, um den verhängnisvollen Unterschied der Risiken zu verkennen, der hier zwischen den beiden Partnern obwaltet. Die Geschichte wird dem Zionismus als Bewegung gewiß das objektive Verdienst zusprechen, als wirksames Gegenmittel gegen eine uferlose Assimilation der jüdischen Individuen gewirkt zu haben — wobei er allerdings das nicht minder gefährliche Gift der Volks-Assimilation als Nebenprodukt erzeugte —; er hat weiter objektiv das historische Verdienst, fürs erste gewaltige Geldmittel für Mizwas Jschuw Erez Jisroel mobilisiert zu haben, aber für die praktische Verwirklichung der von ihm selbst erstrebten nationalen Heimstätte hat er bei aller Geschäftigkeit und politischen Rellame tragischer Weise nichts als ungeheure Hindernisse heraufbeschworen. An Stelle einer — ohne Zionismus — unter englischer Herrschaft selbstverständlichen freien Einwanderung und Ansiedlung jüdischer Massen, begrenzt nur durch die oekonomischen Vorbedingungen im Lande, an Stelle unbefangener, geräuschloser Verhandlung zwischen Mandatarmacht und jüdischen Landankaufs-Gesellschaften, an Stelle eines stillen, organischen Wachstums jüdischer Siedlungen im Lande unserer Zukunft — stehen wir heute vor einer Situation, in der jeder Schritt zu Gunsten eines jüdischen Erez Jsroel von dem künstlich gezüchteten Mißtrauen der arabischen Welt überwacht, die wohlmeinendsten Gesinnungen der englischen Politik durch die natürliche Angst vor den Gegenwirkungen aus Indien, Mesopotamien und Syrien ihrer Wirksamkeit beraubt werd'n. Wir wollen niemandem, am allerwenigsten Männern von reinem Idealismus, Vorwürfe machen — Zionisten und Zionismus sind uns unbewußte Werkzeuge provtöentieller Waltung wie die Massenbewegungen der europäischen Machtpolitik, in die wir verstrickt sind und unter denen wir soviel zu leiden haben — nur dem geistlosen, von Partei-Interessenten ausgebeuteten Wahn möchten wir entgegentreten, als ob das jüdische Volk Ursache hätte, dem Zionismus für seine verfehlte Palästina-Politik auch noch dankbar zu sein! Blüht uns in Erez Jisroel Hell — und wir hoffen es, wenn der Kern des jüdischen Volkes, wenn die Orthodoxie in tatkräftiger Arbeit ihre Schuldigkeit tut —, so wird das nicht durch den Zionismus als politische Partei, sondern ungeachtet seiner Fehler der Fall sein. Es ist höchste Zeit, daß der Blick der jüdischen Gesamtheit, deren Herz für Erez Jisroel schlägt/ von den. Blendwerken der hohen und höchsten Politik, von dem Wahne einer künstlichen Geula sich abwendet und, wie ehemals, gänzlich auf den inneren Ausbau eines wahrhaft jüdischen Lebens in Erez Jisroel — mag es politisch mehr oder minder glanzvoll sein — air niäfö sich richtet. Dort warten ungeheure Aufgaben, drohen — zunächst — furchtbare Gefahren. Für den .Augenblick ist im jüdischen Erez Jisroel die Macht in den Händen derer, die über den politischen Reklame-Apparat und über das amerikanische Gold verfügen, und inmitten einer politisch unreifen, dem betäubenden Tamtam der Taschenspieler von San Remo verfallenen, vom Golde geblendeten Masse, lebt nur eine Minderheit nüchtern gebliebener, prinzipienklarer und charakterfester Bannerträger des alten Thoragesetzes. Aber das darf uns so wenig beirren wie die Erschütterung der politischen Palästina-Hoffnungen. Der an der Thora orientierten Judenheit, der Gott angehörigen jüdischen Nation ist ihr Weg klar und unzweideutig vorgezeichnet. Sie wird mit Kelle und Schwert, dem Schwert des geistigen Kampfes, ihr Erez Jsroel mit jedem Tage neu erwerben, um es zu besitzen, und aus der Träne um Zions Fall mit jedem Jahre neue Kraft schöpfen, ihre ewige Aufgabe an und für Erez Jsroel in unerschütterlicher Treue zu vollenden. Wochennmdschaii. Vas neue Lehrerbesoldnngsgesetz in Preußen. Der Entwurf des neuen Lehrerbesoldungsgesetzes enthält, soweit die jüdischen Interessen berührt werden, im wesentlichen die früheren Bestimmungen. Von großer Bedeutung für öffentliche jüdische Volksschule ist jedoch die jetzt dem Staate zugebilligte Auswahl und An- Sie Trauer der Seele. flW’P B’TOttn B»3Bn» 83*1* ^3 1W1 1^3E *im6 .(r»»K PTIB) J1ÖW Wiederum ruft uns der Väter Gebot und des jüdischen Volkes geheiligter Brauch zur Trauer und Klage um Zion. Wer vermag Empfindungen zu gebieten? — lautet der kurzsichtige Einwarf fein „gebildeter" Zeitgenossen, wenn sie von außen die jüdischen Trauervorschriften für den neunten Aw kritisch mustern und es vielleicht gar wagen, sich ihrer ethischen Ueberlegenheit zu rühmen, die es ablehnt, auf Kommando zu klagen oder zu jubeln. Wie wenig ahnen diese Outsiders die erzieherische, in die Tiefe des Gemütes eindringende Kraft jener scheinbaren Aeußerlichkeiten, mit denen, wenn der siebzehnte Tamus gekommen, mehr und mehr sich steigernd, Gesetz undMinhag die jüdische Seele ergreifen und gestalten, bis daß sie fähig wird, in der düsteren Nacht der Klage mit den Engeln in der Höhe und den verratenen Bölkerriesen auf der Erde willig mitzuwewen um das verlorene Paradies Israels und der Menschheit. Mehr als je gilt es heute, diesen Charakter der jüdischen Trauer den Zeitgenossen einzuprägen, mehr als je, sich bewußt zu werden, daß nicht der Verlust der politischen Selbständigkeit und der eigenen Volkswirtschaft, daß nicht der Untergang des unter Weinstock und Feigenbaum irdisches Gedeihen findenden Bolkskörpers den eigentlichen Inbegriff der jüdischen Nationaltrauer am Tischo be'aw bildet, sondern die Flucht der Gottesherrlichkeit aus dem verjüngten Paradies, das Erez Israel hatte.werden sollen für das jüdische Volk, und aus dem dieses — ms roy 8182 nom — wie einst der Menschheit Urvater an jenem Tage des Jammers vertrieben wurde. Wenn, wie in diesem Jahre, der Sabbat es ist, der uns zum Trauerfasttag geleitet, dann tritt der schroffe Gegensatz zwischen weltgeschichtlichem Ideal und gewordener Wirklichkeit auch dem Einzelnen umso handgreiflicher in die Erscheinung. Zaubert ja jeder Sabbat ein kleines „Paradies" — ob auch in tausendfacher Abschattung — in den Kreis der jüdischen ^Familie. Speise und Trank, körperliche Ruhe und Erquickung, die ganze Erhöhung und Steigerung sinnlichen Lebensgenuffes tm Dienste seelischer Heiligung: das ist das Signum unserer Sabbatfeter, an deren Beginn wir nicht umsonst in süßen Liedern sehnsuchtsvoll die „Braut" herbeiwünschen, die Schechina einladen in unseren kleinen, großen Menschenkreis um den Sabbattisch. Und wenn nun, nicht wie sonst in der Dämmerung des nahenden Tischo be'aw, aus Beschränkung und Knappheit, aus Asche und schweigsamer Isoliertheit heraus, sondern mitten aus frohem gemeinsamen Sabbatgenuß der Trauertag die Gemüter ergreift, dann hebt sich mit doppelter Klarheit die Idee unserer Trauer von dem sabbatlichen Hintergründe ab. Nicht dem ' _ 33. Juli 1920 stellung der Lehrkräfte. Die Schulverbände sollen bloß angehört werden, sodaß die Gefahr der Anstellung religiös liberaler Lehrer an Volksschulen orthodoxer Gemeinden nicht zu. verkennen ist. Dadurch können furchtbare Konflikte heraufbeschworen werden. Die ganze Bestimmung stellt einen neuen schweren Eingriff in die natürlichen Erziehungsrechte der Eltern dar und sollte mit Entschiedenheit bekämpft werden. Berbefferungsbedürftig dürsten auch die Bestimmungen über die Anrechnung der Dienstzeit an Prtvatschulen sein, wobei ungeheure Nachzahlungen der Lehrer gefordert werden. Silse für die »Mischen Flüchtlinge. Die Lage der in Deutschland befindlichen ostjüdischen Flüchtlinge wird von Tag zu Tag trauriger. Bei dem derzeitigen Stand des deutschen Wirtschaftslebens können die wenigsten von ihnen noch in Arbeitsstellen untergebracht werden, und es bedarf schon eines ganzen Systems durchdachterMaßnahmen, um die Bedauernswerten nicht nur vor völliger Verelendung zu schützen, sondern sie vor allem moralisch aufrechtzuerhalten durch irgendwelche für Gegenwart oder Zukunft nützliche Beschäftigung. Um diese Maßnahmen in den Großstädten durchzuführen braucht man vor allem Persönlichketen, die gewillt und befähigt sind, ihre Zeit und Kraft in den Dienst eines jüdisch-sozialen Hilfswerkes zu stellen. In Berlin das „Arbeiterfürsorgeamt der jüd ischen.Organisationen",inFrankfurtdieBerat unngsstelle für ostjüdtsche Flüchtlinge, an der auch die Agudas Jisroel beteiligt ist, wenden sich mit einen dringenden Aufruf an die jüdische Oeffentlichkett, in dem drei Wünsche ausgesprochen werden: ' a) Mitarbeit von geeigneten Hülfskräfteu (junge Nationalökonomen, in der sozialen Arbeit erfahrene Kausteute, ältere Studenten rc.), die bezahlt werden sollen b) Ehrenamtliche Mitarbeiter c) Meldung jüdischer Familien, die gewillt sind, wenn' auch nur auf kurze Zeit für besonders schutzbedürstige Flüchtlinge, für deren Persönlichkeit jede Garantie Übernommen werden kann, Unterkunft, ein Zimmer, ein Bett oder sonst eine Schlafgelegenheit zur Verfügung zustellen. Es wäre erfreulich, wenn dieser Appell feen rechten Widerhall finden möchtesind ja ohnedies die Schwierigkeiten riesengroß, mit denen die organisierte Hilfstätigkett für die Flüchtlinge zu kämpfen hat. Eine besondere Aufgabe hat die an der allgemeinen Hilfstättgkeit mitbeteiligte ersetzbaren Sinnenglück gilt sie, sondern der verlorenen Gottesnähe. „Nachdem sie gegessen und getrunken bjts zum vollenGenüge, setzen sie sich nieder zur Erde und sprechen die Lieder der Kl age". Dieses Midraschwort will der Ksäw Sofer ganz im Sinne des entwickelten Gedankenganges aufgesaßt wissen. Er meint: „Gerade um zu zeigen, daß wir nicht trauern um der sinnlichen Entbehrungen willen, die das Golus, der Verlust des nationalen Wohlstands uns auferlegt, gerade darum sättigen wir uns vor des Fasttags Beginn. Es fehlt uns nicht an Speise und Trank, und wir weinen dennoch, wenn wir Zions gedenken, weil der Thora Herrlichkeit uns genommen ward. Um des Golus unsrer Seele, um des Golus der Schechina willen, setzen wir trauernd uns nieder — wer zu solcher Trauer sich erzieht, der schaut beglückt den Trost, der Zion einst werden wird x"33." Möchte das Wort des großen Lehrers gerade in unsrer Zeit vom Alter, vor allem aber von der Jugend beherzigt werden. •in (Das Hakenkreuz). Der Drache berichtet aus Leipzig folgende Stratzenszene: Ein Kavalier mit einem kleinen silbernen Hakenkreuz im Knopfloch, bewundert die bet Ury ausgelegten Herrenarttkel. Zwei Frauen hinter ihm beäugeln das Hakenkreuz. Sie wiffen nicht, was es für eine Bewandtnis damit hat. Der Kavalier geht. Die eine Frau fvricht: „Wahr-

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