Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 29 (22.7.1920)
- Date
- 1920-07-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Teuerungszuschl. rAusland-Jns.Mk. 3.—pro Zeile Raö. nach Tarif Bei laufenden Jnseratauftr. tarifm. Preiserhöhung jederz. vorbeh. Jnferatenannahme durch den Verlag des Israelit G. m. b H., grautfurt a. M., Gr. Eschenheimerstr.83 Tel. 884-8, Amt Hansa» sowie samt!. Annoncen-Erped. des In- und Auslands. D-rttzdMk». Zahlungen außer direkt an den Verlag — Postscheckkonto Frankfurt a. M. No. 19 868 - erfolgen nn: Conto bei der Postsparkasse Wien No. 79«6., Conto bei dem Pottsparkassenamt Budapest No. 181^4 Conto beim Postscheckamt Zürich Wr. VIII 7854 (S,ont0 beim Postscheckamt Amsterdam No. 84869 Conto bei der Böhmischen Ilnionvank, Prag und deren Filialen. Der nadrörutft 9er Drflftel un9 Corretoondenm des „Israeli!“ iff nur unter genauer Quellenangabe, unö, foroelf es lieh um größere fmffflfee " handelt nur nach norfterlger eenehmigung geifatfet. ‘S Inhaltsuvevstcht. 1. Leitartikel: Was wird in Gre; Iisroel? — 2. Homiletik: Die Trauer der Seele. — 3. Kleines Feuilleton: (Das Hakenkreuz.) — (Zur Psychologie der Mischehe.) — (Em Herzl-Film.) — 4. Wochen rundschau: Das neue Lehrerbesoldungsgesetz in Preußen.— Hilfe für die ostjüdischen Flüchtlinge. — 5. Aufsätze: A. Mannheimer: Der Kampf gegen den Antlfemitismus in Deutschland. — Dir Installation der engl. Derwaltnug in Palästina. — Leonhard Kirsch: Das Kekenutnis r«m Judentum. — 6. Korrespondenzen und Nachrichten: Frankfurt er. M., (Delegiertentag der Agudas Jisroel-Jügendgruppe). — Frankfurt a. M., (Esrogim und Lülowtm). — Berlin, (D.J.G.B. und Gesamtorganisation). — Kassel. — Kattotvttz, (Der begtnüende Wandersturm). — Wien, (Flüchtlings-Verfolgung). — Warschau, (Zwei Märtyrer der Menschenliebe). — Warschau, (Polen in schwerer Not). — Bratislava, (Aus der Agudas Iisroel Bewegung). — Bratislava. —London, (Zionistische Hegemonie?). — London, (Die große Demonstration in Albert Hall). — London, (Zionistenkonferenz). — London,(Zangwill über Balfours Rede). — New Jork, (Jüdische Einwanderung). — Zürich, (Die Notlage der Jeschiwaus). 7. Personalien. — 8. Vermischtes. — 9. Vereins- Wesen. — 10. Feuilleton Beilage: Im Iudrnstaat drr Ghafarrn. — Jehuda Halevh: Zionide. — Heinrich Einstädter: Am Ttscho boav. — Im dunkelsten Ungarn. Aus Talmud und Midrasch. — Frankfurter Berichte. — Beretnskalender. — Familtennachrichten. Was wird in Srez Iisroel? Die Rede L»rd Curzons im Oberhause, König Georgs Botschaft und die programmatische Ansprache des neuen Oberkommissars für Palästina, Herbert Samuel, gestatten nunmehr, sich ein ungefähres Bild von dem Weg zu machen, den die englische Negierung etnzuschlagen gedenkt, um einerseits dem in Erregung versetzten arabischen Chauvinismus nicht erneute Gelegenheit zu gefährlichen Ausbrüchen zu geben, andrerseits dennoch das Wort Balfours, in seinem Wortlaute wenigstens, unverkürzt einzulösen. Zunächst hat man in der Wahl Herbert Samuels einen ungemein geschickten Schachzug in Ausführung dieser Politik der goldenen Mitte getan: ein jüdischer Gouverneur, der sich offen zum zionistischen Ideal bekennt, und der doch vermöge seiner Vergangenheit und seiner Wesensart die Gewähr bietet, daß nicht der leiseste unüberlegte Versuch von ihm unternommen werden wird, dieses Ideal auch im Gegensatz zu irgendwelchen beachtenswertenGegenströmungen vorzeitig zu verwirklichen. Dem entspricht auch der sachliche Inhalt der drei vorliegenden, offiziellen Aeußerungen. Das Wort „jüdisches nationales Heim" wird nicht ganz verschwiegen, aber es bleibt ein jeder lebendigen Interpretation entbehrendes Schlagwort — man darf daran keinen Buchstaben ändern, es niemals, durch ein Synonym ersetzen, damit jede weitergehende Festlegung vermieden bleibe. Das fällt namentlich in Herbert Samuels Programmrede auf, die das ganze „Heim" überhaupt nur als Mittel zur Förderung der Landeswohlfahrt erwähnt Die Grenzen werden für eine beschränkte, jedes Massencharakters* *) entbehrende Einwanderung geöffnet werden, sodaß man sich schwer vorstellen kann, wie die jüdische Minderheit in Palästina jetzt in absehbarer Zeit zur Mehrheit soll werden können; zumal ja nicht anzunehmen ist, daß man arabische Einwanderung grundsätzlich wird ausschließen wollen. Dabet ist es allerdings bemerkenswert und erfreulich, daß Lord Curzon auch jeden organisierten Versuch zur Verhinderung des Werdens einer jüdischen Heimstätte — also doch wohl auch jede organisierte arabische Maffen-Einwanderung? — von vornherein als unzulässig zurückwtes. Irgend eine Begünstigung jüdischer Landankäufe wird mit Entschiedenheit abgelehnt — die Juden werden auf den „freien Wettbewerb' am offenen Markte" hingewiesen, wobei allerdings die Gestaltung der angekündigten Vercrdnung zur Verhinderung der Grundstücks- *) Das Berliner MtSrachi-Organ wirft uns in gewohnter brüderlicher Liebenswürdigkeit „Unterschlagung" vor, weil wir angeblich verschwiegen hätten, daß Lord 'Curzon nicht eine Maffen-Einwanderung schlechtweg, sondern nur eine „unkontrollierte" Maffen-Cinwauderung verworfen habe. Nach dem uns vorliegenden Parlamentsbericht hat Lord Curzon gesagt, daß „no man or wcrnan shall he admitted whom the country is incapable öf supporting and that indiscriminate maß immigration, whether of Jews or non Jews from Russia or from o.ther parts of the world will most certaimly not be permitted.“ Das Wort indiscriminate heißt nicht „unkontrolliert^, sondern „unterschiedslos", verstärkt also nur den Begriff der, Maffen"-Einwanderung, ohne ihn zu modifizieren. Es wäre Selbsttäuschung, wenn der Misrachi-Mitarbeiter wirklich glauben sollte, eine kontrollierte Massen-Einwanderung sei gestattet worden. Man will eben individuelle Einwanderung, die den Massen-Cherakter ausschlietzt. Der Misrachi könnte in England nicht nur befferes Verständnis des Englischen lernen, sondern auch die in England üblichen BerkehrSformen zwischen politischen Gegnern. spekulation abzuwarten bleibt. Der Begriff des freien Wettbewerbs ant offenen Markte scheint uns nämlich mit bodenreformerischen Grundsätzen, mögen sie noch so maßvoll sein, schwer vereinbar - vielleicht ist der Wettbewerb von regierungsseitig kontrollierten Landgesellschaften gemeint. Eine Ueberraschung, wohl auch für die zionistischen Kreise, hat Herbert Samuel mit seinen! „Advisory Council“ bereitet, — der an Stelle des angekündigten Jewish Council — die Bevölkerung vertreten soll und offenbar unter seinen zehn nichtbeamteten Mitgliedern eine ganze Anzahl Araber, sicher aber auch einige Juden enthalten wird. Es wird demnach — genau wie früher und genau wie in der Diaspora — völlig den Juden überlassen bleiben, wie sie ihre inneren gemeindlichen Angelegenheiten ordnen wollen, und es wirb diesen Ordnungen, je nachdem es sich um rein jüdische Siedlungen oder um städtische Religionsgemeinden handelt, wie bisher auch ein mehr oder minder kommunalpolitischer Charakter innewohnen. Ob die törichte Spielerei mit der „Constituante" nun fortgesetzt wird, oder ob man sich mit nüchterneren, der Wirklichkeit angepaßten Formen des außerreligiösen jüdischen Gemeinschaftslebens begnügen wird, dürfte von dem größeren oder geringeren Sensationsbedürfnts der Führer und der Massen abhängen. So bleibt denn als wesenhafter Inhalt des „nationalen Heims" lediglich eine Zukunftshoffnung übrig, die man religiös hoch werten mag, die aber realpolitisch geringere Aussichten auf Verwirklichung hat als je. Balfour hat in einer vorige Woche gehaltenen meisterhaften Rede (siehe den Nachrtchterrteil dieser Nummer), die übrigens einen tiefen Einblick in die wahrhaft idealen Gesinnungen dieses universellen Geistes und aufrt ch tig en Freundes des jüdischen Volks gewährt, vier gewaltige Schwierigkeiten gezeichnet, die vom Standpunkte des Realpolitikers der Aufrichtung eines jüdischen Palästina sich in den Weg stellen. Er hat — die Tribüne, von der er sprach, bedingte dies ohne weiteres — selbstverständlich der Zuversicht Ausdruck gegeben, daß es der Klugheit, der Energie und der materiellen Kraft der jüdischen Gesamtheit gelingen wird, dieser Schwierigkeiten Herr zu werden, U 1'' ■I > ü ■V 1i