Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1920)
- Date
- 1920-07-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Auilleton-Veilage zv Ar. 28 des „ME. in 3m Zudenfiaat der Ehafaren. Historischer Roman aus dem achten Jahrhundert. (22. Fortsetzung.) „Still Chisdai!" wehrte das Mädchen mit stehenden Händen kaum hörbar ab.. „Stehst du ihn nicht kommen, herbei«!ürzen, den Bergbach? Stöie nicht seinen Lauf ... Es hebt sich der Nebel. Sonne leuchtet, Strahlen sengen . . . Pscht... Auf der Höhe winkt er... Monobaz!..." „Armes Mädcken, möge der Allhetler.de Gesundung deinem Körper und Erleuchtung deinem Geiste gewähren" betete Ben Chisdai leise zum Abschiedsgruß.- Draußen am Fenster Batsuas stieß er beinahe mit Machir zusammen, der sich beim Anblick Ben Chisdais eilig davon machen wollte. Dieser hielt ihn aber fest. „Du gehst mir aus dem Wege, Machir. Hab ich dir je was zuleide getan?" „Ich bin in Acht und Bann getan, Ben ChiSdai, du darfst nicht meine Hand drücken, noch meinen Namen nennen". „Was ist aus dir geworden, Machir? Willst du dich nicht aussprechen vor deinem Freunde, Machir, du hörst, ich nenne deinen Namen noch mit der gleichen Wärme wir ehedem". „Weißt du nicht,daß ich für einen Abtrünnigen gehalten werde?." „Und bist es nicht? So wird sich die Sache bald klären. Sprich dich aus. WaSsoll deine neue Lehre und wohin soll dein Trotz führen?" „Neu, nennst du die Lehre, die alte Lehre des Mosis, zu der ich mich, wie viele heute in Babylon, der Kcim und in Jerusalem aus dem Wusle, aus dem^wilden Gestrüppe der talmudtfchen Lehrsätze zurückgefunden habe?" „So weit steht es bereits mit dir, Machir, und ich dachte, man hätte dir Unrecht zugefügt, voreilig über dich den Stab gebrochen". „Ich habe nicht erwartet, daß du mich bester verstehen würdest wie die Anderen," sagte Machir verbittert. „Recht verstanden haben wir uns ja nimmer. Nun aber habe ich doch eine Bitte, sprich für mich bei Sangori, ich darf ja nicht mehr zu ihm." „Du darfst, wenn du reuigen Herzens wiederkommst, du weißt, Sangori ist der Gütigsten einer und brauchst keines Fürsprechs." „Ich komme aber nicht reuig und habe nichts zurückzunehmen." „Und was willst du beim Rabbi?" „Ihn nur zur Vernunft mahnen." - „Du ihn zur Vernunft mahnen?" „Jo, in acht Tagen soll die große öffentliche Aussprache vor dem Chakan und seinen Räten vor sich gehen. Sangori wird die jüdische Lehre künden, begründen und verteidigen, wie gedenkt er dieses zu 1-un?" „Wie es ihm Wissen und heilige Ueberzeugung einsseben". „Also nach den Lehren und Grundsätzen des Talmud? Wißt ihr, daß Großes, Gewaltiges von dieser Aussprache abhängt und glaubt ihr ernstlich, die Chasaren, ein fach,'bieder und schlichten Sinnes wie sie find, könnten der talmndischen Lehrweise Geschmack abgewinnen, ihr Verständnis entgegenbringen?" I „Was willst du"? j „Ich will, daß nicht alles verloren gehe * und darum wünsche ich und beschwöre Sangori, sich bei' hex , Aussprache mir auf Lehre und glatten Wortsinn oer Schrift zu beschränken, ohne zu drehen und deuteln. Alles hängt von dieser Art der Aussprache ab". „Du wünschest, daß wiruns für deine karäischen Lehren einsetzen"? „Nenne es, wie du willst. In diesem Falle ist es auch für euch ein Gebot der Vernunft, euch nicht alles aus der Hand spjelen zu lasten ..." „Höre, Machir, wir kennen keine halben Wahrheiten, darum werden wir aufs Ganze gehen. Auch kennen toir keine Richtungen im Rahmen des Gesetzes. Wer nicht ganz mit uns geht, ist ganz gegen uns. ^Das Wiederaufleben des Sadduzäertums wird bet uns keine anderen Gefühle auSlösen, als zur Zeit seiner Urheber, des Zaddok und BovchoS". „Es ist ein Irrtum, uns Sadduzäer zu mennen. Jene hatten politische Ziele, wir wollen nur zur Grundwahrheit zurück". „Diese bleibt euch verschlosten und der Schlüssel dazu geht euch verloren. — Doch scheint es bereits der Worte zuviel . . . Willst du hier unter den Augen des Rabbi dein Treiben sörtsetzen"? „Nein, ich gehe nach Jerusalem, der heiligen Stadt, von wo die Thora durch Änan sich nun in alter Reinheit über die Welt ergießen wird. Ich gehe hin — mit oder ohne Batsua —, aber nicht eher, als bis ich hier meine Aufgabe gelöst ..." „Was willst du noch tun"? „Ich wußte wohl, daß ihr für meinen Vorschlag kein Verständnis habt, so übernahm ich die Arbeit auf eigene Faust. Zum Chakan darf ich ohne Elnlaßring nicht hin und weder Astarius noch Kaspi und Balschan wollten mir zu einem solchen verhelfen. Der Thronerbe Saliman, der sonst wohlwollend alle anhört, weigert sich, bei allen meinen dringenden Bitten, mich vorzulasten. So habt ihr es bereits verstand?«, alle Welt gegen mich zu stimmen . . . Aber ich werde nicht ruhen noch rasten, bis ich der Wahrheit auch hier die Bahn geebnet . . . Dann gehe ich still von dannen, mit oder ohne Batsua". Voller Trotz und Verbitterung wandte sich Machir zum Gehen. „Armer Machir, auch dein Geist ist verwirrt. Möge dir der Allheilende Gesundung und Erleuchtung gewähren", betete ihm Ben Chisdai nach. XVII. Acht Tage, banger und zugleich froher Erwartung gingen über die Residenz der Chasaren. Wie Brüten und Gären lag es schwer in der Luft. Die Stadt hatte etwas von der erwar. tungsvollen Weihe einer Braut, die sich für den großen Tag rüstet. Alle Parteien stellten sich auf den Tag in ihre Weise ein. Die Priester riefen, gestützt von Pagen Hamenas und seinen Leuten, die Getreuen in die Tempel. Nur wenige folgten dem Rufe. Bon den Kriegern, der Jugend und den Bestergestellten ließ sich keiner blicken. Bon der anderen Sette verkündeten Sendboten der Partei Tabans, die rührig die Aufklärungsarbeit be-! sorgte, den Zusammenbruch der Götter und schilderten in den - farbenreichsten Bildern den Chakantraum, in dem Herrscher und Holk von höherer Gewalt zur Erkenntnis gewiesen werden. Den größten Zulaus hatten diese Kundgebungen aus den Rethen der zurückgekehrten Soldaten, die an der reichen Beute zehrend, die Straßen füllten und. dem noch "unbekannten Neuen, das sie dem Volke erkämpft hatten, begeistert zujubelten. Der Jubel der Krieger fand immer und immer wieder seinen Ausdruck im Rufe: „ES lebe der glorreiche Erbe des Thrones Saliman"! Kriegsgefangene Araber mischten sich in das Straßenbild. Sie bewegten sich nach Art der Gefangenen waffenlos und entblößten Hauptes, aber in voller Freiheit durch die Gasten. Mit dem alten Kriegsbrouche, die Gefangenen auf Rechnung des Staate? auf dem Sklavenmarkte zu verhandeln, hatte Bulan fürs erste gebrochen. Auch ihr Schicksal hing an der großen Entscheidung. ' Eine tiefe Bewegung ging durch alles Volk, von der-auch die Lauesten und Unwissendsten einen Hauch verspürten. Es war, als müßte sich an einer Ecke des Horizontes das Himmelsgewölbe austun und ein neues Leuchten sich über die Welt ergießen. Und endlich lichtete der Tag heran/ wie ihn heller und sonniger Balagar nie gesehen hatte. Man hatte den Tag der Thronbesteigung BulanS für die Aussprache gewählt, an dem sich das Chasarenvolk alljährlich ein Fest gab. Es war der zehnte Ab. In der Judenstadt hatten sie Tags zuvor gefastet und auf dem Boden kauernd hie einstige Zerstörung der heiligen Stadt beweint. Heute blühte und glühte der Morgen so licht und schön heran, als wollte er alles Leid übergolden und aus allen Ruinen neues Leben zaubern. Sangori war eitel Sammlung und Abgeklärtheit. Er hatte in stillen Nachten solange an sich gearbeitet und mit dem Geist der Zelten gerungen, daß er sich für den offenen Kampf vollkommen gerüstet fühlte . . . Am Morgen dieses großen Tages ließ Saliman Ben Chisdai rufen. Er empfing ihn mit leisem Vorwurf: „Du gehst mir aus dem Wege, meidest meinen Anblick, schier muß ich dich mit Gewalt herholen lasten, um dich zu sprechen. Ist dir so schwer, Chisdai, die Kofarios gelobte Freundestreue Saliman zu halten^? „Das ist es mir in der Tat . . . Treue, ja, mehr denn früher. Aber wie sollten wir es wagen, den künftigen Beherrscher von Thron und Land, Freund zu. nennen? Er wird uns Freund sein, wenn wir seiner bedürfen, wie er Freund aller Schwachen und Bedrückten, einer jeden guten, gerechten Sache sein wird". „Unbeugsam im Stolze und unverbesserlich", klagte Saliman. „Aber noch ist der künftige Beherrscher ChasarienS nicht auf dem Throne und ist er einmal soweit, s< könnte bis dahin der Thron Chasariens so gebaut sein, daß du, Chisdai, dich ihm nicht so fremd und fern fühlst . . ." „Jnzwischeü", wandte Ben Chisdai ein, „würde es dem großen, aufrechten Chakansohrr ziemen, dem Spiele ein. Ende zu machen. Es müsse mir gegeben sein, die Kosarioslegende, die in der Schechuna Verwirrung anrichtet, aus der Welt'zu schaffen. Ich muß darum in* ständigst bitten, mich von meinem Eide zu entbinden, daß ich offen sagen kann, wer dieser rätselhafte KosarioS war. "»Der Name hat sich im Kopfe und Herzen eines unglücklichen Mädchens festaekrallt, alles ^andere Denken und Fühlen überschattend. Wir Knüffen den Namen, hinter dem nichts ist, vernichten, daß die Arme gesunde. . „Sprichst du von Batsua?" „Ja, es muß gesagt sein, um ihretwegen. Das Mädchen ist von einem Idol besessen, einem Namen, hinter dem sie einen Mann, ihresgleichen sieht. Nach Thron, und Krone steht aber nicht jüdischer Töchter Sinn. Der Schleier über Kosanos muß fallen, um Batsuas willen.. „Noch kann es nicht sein, die Entscheidung ist nahe, auch in dieser Richtung . . sagte Saliman kurz. ' (Fortsetzung folgt).