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Der Israelit · 1920-07-08 · Heft 27 (8.7.1920) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 27 (8.7.1920)
Date
1920-07-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 Nr. 27 Eine Stunde als Me.*) Es war im Fahre 1775, just in dem Jahre, ttls der allgemeine Volkskalender zum ersten Male erschienen, da wanderte ein fröhlicher Student aus dem Tore Erlangens heimwärts. Niemand ahnte und er selbst, am wenigsten, daß der Student einst der treffliche deutsche Kalendermann werden sollte; denn es. war der -junge evangelische Theologe Peter Hebet, der nach zweijährigem Aufenthalt auf der Universität Erlangen nun heimwärts zog, um, wie mans nennt, ins Philisterleben einzutreten. Der Student, der Mit dem Ränzel auf dem Rücken und dem Wanderstab in der Hand dahin zog, hatte wohl manches frische Liedlein und manchen lustigen Schwank im Kopfe; heute mochte es ihm aber nicht fingrig und nicht spassig zü Mute sein, denn wer je die bunte Mütze trug, der weis;', was die Worte des Liedes bedeuten: „Zur alten Heimat zieh ich ein, muß selber nun Philister sein." Ja, in einem hcimkehrenden Studenten streiten sich zwei Welten, eine sorglos heitere und eine sorgenvoll ernste, und in manchem Manne hört dieser Streit nie auf, und das hat auch sein Gutes; wer nicht einen unsterblichen Studentxn in sich hat, der hat kein frisches Herz. Der Student Hebel wanderte frisch seine Straße, bald ernst, bald fröhlicher Zeiten gedenkend, bald Hu die Zukunft jnnausträumend. „5)alt. Jud! Zoll bezahlen!" wurde Hebel plötzlich angerufen. Er stand vor dem Tore von Seegringen, dem damals anspachischcn Grenzvrt. Hebe! sah sich um und dann wieder den Rufenden an. Wem gilt das? Wer ist damit gemeint? - „Was stehst du so da, verdammter Jüd! Meinst du, du kannst den Zoll betrügen?" so rief der einäugige Zöllner am Tor und ballte durch das Fenster die Faust gegen Hebel und der Hund sprang aus der Tür und bellte ihn un; er wußte, was sein Herr gerufen hatte und daß auch er ohne Scheu seinen Zorn auslassen und wenn er will, die Kleider zerreißen darf. Jetzt erst merkte Hebel, daß der Zuruf ihm gegolten hatte. Wie wenn im Wald ein Mensch, der sich' hineintränmte in dasewig unversiegbare wonnige Natn.rleben, unversehens von einem wilden Tiere oder noch ärger von einem Hammerschlag aus. Menschenhand getroffen wird, so stand Hebel plötzlich da. Also das ist die Welt, in die man cintreten soll, um das Wort der Liebe zu predigen? Unrvillkürlich rief Hebel nach dem ersten Schrecken: „Ich bin kein Jude." „So," rief der Zöllner, „du leugnest noch? Warte, ich will dir. .. ." Und jetzt kam er heraus und geradenwegs auf Hebel zu und wollte ihn packen Und der Hund war bereit, Beistand zu leisten. Doch Hebel mit einer Miene, in der sich Wehmut und Schalkheit miteinander stritten: „Ich kann schon allein gehen und ich gehe mit euch." Plötzlich war er des Schmerzhaften Und Lustigen inne geworden, das in feiner jetzigen Lage war und er wollte es ganz auskosten. „Muß doch einmal sehen, wie man als Jude irr der Welt lebt," dachte er, und da er die hebräische Sprache gut verstand, sagte er: „Soll sch vielleicht Judenzoll bezahlen, weil ich hebräisch gelernt habe? Es ist mir schmeichelhaft, daß ihr mich für einen so guten Hebräer haktet, ials ob ich ein geborener Jud wäre," und mit einer pfiffigen Miene setzte er hinzu: „klebrigen?, bezahle ich nicht. Führt mich zum Richter." Lächelnd ließ sich Hebel durch die Stadt transportieren und alles spottete ihn aus und die Kinder schrieen hinter ihm drein: „Hephep!" als ob sie's nach Noten in der Schute gelernt hätten. Hebel aber lächelte und lächelte immer, selbst noch da, als er vor dem unsäglich einfältigen Richter stand, der ihn sofort mit einer Prügelsuppe bewirten und dann frei beherbergen wollte. *) Aus Berthold Auerbachs Bolkskalender für das Jahr 186>0. _ Der Israelit. , Run fing der Spaß doch an, über den Spaß hinaus zu gehen. Hebel legte seine Umversitätszeügnisse Und seinen Reisepaß vor. Der Richter stutzte, aber besiegt war er nicht; er wollte den Studenten bestrafen, weit er sich für einen ausgegeben, der er nicht war. Hebel wußte ihm indes den Meister zu zeigen, denn natürlich mußte der Zöllner vorgenommen werden; er selber hatte sich für nichts anderes ausgegeben als er war. Der Richter aber wollte dem Zöllner nichts tun, eine. Krähe hackt der anderen kein Auge aus und hier wäre es noch besonders schlimm gewesen, denn der Zöllner hatte nur ein Auge. Mit einigen groben Worten als Reisesegen wurde Hebel entlassen. Der Student hatte einen gesunden Durst gehabt, als er sich dem Städtlein nahte, jetzt wollte er hier in kleinem Wirtshaus einen Tropfen trinken; auf seiner Zunge tags wie Galle und Wermut. Hebel hat es noch überlebt und lange überlebt, daß der Judenzoll — wir können es kaum mehr glauben, daß er je bestand — ab geschafft wurde; er hatte aber in der Stunde, in der er selbst für einen Juden gehalten worden war, das ganze tiefe Weh kennen gekernt, das den. Juden in der bürgerlichen Welt befchieden war. Er schloß sich mit ^besonderer Zuneigung den Juden an'und lernte, ihre Innigkeit, Dankbarkeit und Herzensgüte immer-neu kennen. Daß cs viele gab, die von einem Schachergeist umhergetrieben wurden, störte ihn nicht; es gibt solche in allerlei Konfessionen unter allerlei Formen. . Hebel erzählte gern gesprächlich und in seinen Kalender allerlei Witzworte und Schwänze von und mit Juden und er war einer der eifrigsten, der in Aufsätzen, wie der über Moses Mendelssohn und über den Sanhedrin von Paris und viele andere dazu beitrug, seine Mitchristen über die Juden aufzuklären. Wenn.jeder, der noch ein Vorurteil gegm die Juden hegt, nur einmal einen Tag> eine Stunde für einen Juden gehalten worden wäre: er würde sein Vorurteil ablegen und es in Gerechtigkeit und Liebe, verwandeln ... Im Meinen Ungarn. Israel. C vhe n (London) schildert im' „ Iewish Chronicke" vom 11. d. M. seine Eindrücke aus dem zu so trauriger Berühmtheit gelangten Lands des weißen Schreckens u. a. wie sorgt: Tie Mission, nach Budapest zu reisen, trat an mich heran, als ich bereits alte Vorbereitungen getroffen hatte, mich nach Palästina einzuschisfen, um von hier aus nach Australasien und dem fernen Osten zu reisen. Bevor es mir jedoch gegönnt ist, das gelobte Land zu schauen, mußte ich noch einmal rn das Elend des Galuth üntertauchen und Mitteilungen bringen aus einem Lande, aus welchem während der letzten Monate soviel beunruhigende Nachrichten gekommen sind. Ich wurde gewarnt, daß die Expedition gefahrvoll sei, und als ich Wien, erreichte, wurden die Warnungen immer eindringlicher. „Um des Himmels willen! Fahren Sie nicht", sagte mir.manch ein alter Freund und Gesinnungsgenosse. „Sie werden hier viel mehr über den ungarischen Terror erfahren, als in Budapest. Die Leute dort haben ja Angst, zu sprechen". Ein Freund jedoch, der erst jüngst aus Budapest gekommen oder, besser gesagt, geflüchtet war, sgate mir: „Was! Mit einem englischen Reisepaß? Da sind Sie unbedingt geborgen. Nur seien Sie vorsichtig!" In Ungarn herrscht gegenwärtig Briefzensur, und wenn ich jemanoem über den Zweck meiner Reise geschrieben hätte, so hätte ich nur dazu bekgetragen. diesen zu vereiteln. Wo Netz ich denn einen Wiener Freund an einen Freund in der benachbarten Hauptstadt telegrafieren, er würde in einer geschäftlichen .Angelegenheit an einem bestimmten Tag in Budapest eintrefsen, und er bitte, ihm ein ZimMer zu reservieren. Zur gehörigen Zeit stellte ich mich unserem Budapester Freunde vor und nahm das 'Zimmer rn Anspruch. Vom Augenblick meiner Ankunft bis zu meiner Abreise hörte ich eine endlose Folgvon Leidensgeschichten. Erzählungen von Straßenangriffen, Räubereien, grausamen Verstümmelungen, plötzlichen Raubanfällen und merkwürdigem Verschwinden vieler Personen. Ich fühlte mich in die Welt Alexanders III. und Nikolaus' II. versetzt, wo irgend ein Jude durch eine falsche Anzeige verschleppt werden konnte. Ich nahm aber bald wahr, daß die Aehnlichkeit trügerisch war, denn in den Tagen der russischen ThramM 8. Jült 1920 war schließlich doch eine Art Ordnung . wenn auch eine barbarische Ordnung' — die die Ausübung der Ungerechtigkeiten lenkte. Hier aber herricht keine Ordnung, sondern nur wilde Leidenschaft, Fanatismus, Roheit und ein unglaublicher Hang zu sadistischen Exzessen. . . Im Schnellzug, der mich nach Budapest 'führte, studierte ich - aufmerksam das „Weißbuch" der englischen Regierung über„die angebliche Existenz, eines weißen Terrors in Ungarn". Dis'es ,,'>Vdiw Paper” wäre besser „White wash" (Uebertünchung) benannt worden. . Mein jüdischer Mitreisender, der in einer wichtigen geschäftlichen Angelegenheit nach Budapest reiste und in der letzten Zeit oft dort' war, erzählt^ mir in einer halben Stunde mehr, als. die vornehmen Verfasser dieses RegierüngsderichLes während eines halben Jahres erfahren^ hatten. Während meines 'kurzen Aufenthaltes in Budapest sammelte ich eine solche Fülle von Material über dir organisierte Judenverfolgung, daß ich erstaunt bür, wie jemand an deren Existenz noch zweifeln kann. Die Judenverfolgung in Budapest unterscheioet sich von der in der Provinz. In der Hauptstadt sieht man am Tage keine Gewalttätigkeiten und man kann ungestört die Schönheit der Stadt bewundern. Erst in der Nacht werden die Verbrechen begangen, wenn kleine Gruppen der „Erwachenden Ungarn" mit lederüberzogenen Eisenftöcken bewaffnet, od-r Offiziere der verschiedenen Terroristen-Tetachements tapfer - einen arglosen Juden von hinten überfallen und ihn solange bearbeiten, bis er bewußtlos zusammenbricht. Kein Wunder also, daß die in Budapest befindlichen Missionen der Alliierten so wenig vom weißen Terror wissen. Die Terroristen, Barock Pronah, Graf Ostenburg. Leutnant Hßfias usw. sind viel zu klug, um ihr schändliches Werk im hellen Glanz der Sonne zu vollbringen oder die Ruhe und oas Behagen der eleganten Hotels und vornehmen Wohnhäuser zu stören. , In der Provinz wütet jedoch der Terror am -Tage und in der Nacht überall wo Juden wohnen, denn hier ist es nicht nötig, irgend jemandes Gefühls zu schonen. Juden werden aus ihren Wohnungen geschleppt, mißhandelt, durchgepeitscht, beraubt, . gemartert und nach, einer andern Stadt oder nach Budapest gejagt. Sie werden gezwungen, erdichtete, Geständnisse strafbarer Handlungen zu unterschreiben und wenn sie sich weigern, werden sie solange geprügelt, bis sie sich fügen. Sie werden unerlaubter .Geschäfte, des'Kriegswuchers oder sonst irgend eines Verbrechens angeklagt, ihr wirkliches Verschulden aber ist, daß sie Juden find. Die Folterqualen, die über die eingekerkerten Juden verhängt worden find, sowohl in der Provinz wie auch m der Hauptstadt, lesen sich wie ein Kapitel aus der Geschichte der Inquisition. Sie werden mißhandelt, bis sie bewußtlos werden; sie werden hierauf mit Wasser bespritzt, und gefragt, was eigentlich geschehen sei. Wenn das Opfer klug genug ist, zu sagen, cr sei von einem plötzlichen Unwohlsein befallen worden oder etwas ähnliches, so wird er, entlassen, jedoch nicht ohne vorher gewarnt zu werden, daß cs ihm, falls er schwatzen würde, was ihm passiert sei. nächstes noch ärger ergehen könnte. Einige der ärgsten Marterqualen wurden in der Festung Komärom angcwendet. Diese näher zu schildern, sträubt sich die Fever. (Schluß folgt). . Aus dem Talmud und MidrasH. N. Josua ging nach Rom/ da hörte er, daß ein Kind von Jerusalem, rotfarbig, mit schönen Augen und wohlgestaltetem Gesichte, über das die Locken herabsielen, im Gefängnis schmachte- Er begab sich dahin. Als er an die Kerkerpforte kam, richtete er die Frage aus Fes. 42,24 an das Kind: „Wer gab dem, Raube Jacob preis und Israel den Plünderern? War es nicht der Ewige?" Das Kind antwortete mit folgende Worten des Verses: „Das haben wir verschuldet, da sie nicht wandelten auf seinen Wegen und nicht hörten auf sein Gesetz." Dem R. Josua traten Tränen in die Augen und er sprach: „Ich rufe Himmel und Erde zu Zeugen, daß ich nicht eher von hier weichen will, bis ich das Kind erlöst habe." Er verwandte eine große Summe darauf und sandte das Kind nach dem Lande Israel, die Worte Klagel. 4, 2 anwendcnd: „Zions Söhne, die teueren, ausgewogen mit gediegenem Gold." Jer. Horajoth III 8. hko Dr. Goldschmidt tbo. Ta u n u s - S an at o r iu m Bad Homburg v« d. H. (3468 kür Nervös«, Inaerlich Kranke, Erholnsgsbedirftige.

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