Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 27 (8.7.1920)
- Date
- 1920-07-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 27 des „Maelit". udenflaat der Ehasaren. o-eischer Roman aus dem achten / Jahrhundert. (21. Fortsetzung.) fine dumpfe Stille trat ein, dann ein un- Herstiliches Gemurmel und Grtuschel. Endlich schwang sich Tab an aufs Podium. Seine weiße würdige Gestalt wirkte beruhigend und seine sonore Stimme erzwang sich sofort das Ohr des Volkes. Er hielt den goldenen Stab in der Hand — als Zeichen, daß er im* Namen und im Aufträge des Chakan sprach. ' „Männer und Frauen Clasariens! Butan, der gnädigste all-?r Erdgeborenen, hat euch durch mich zu sägen, daß es ein Fehlschluß auf Seiten des trefflichen Pegan ist, wenn er annimmt, im Namen des Chakan euch zu den Göttern zu rufen ..." Erneutes Gemurmel und tiefe Bewegung. Die Hörner mußten wieder Ruhe gebieten. . „Volk von Chasarien! Butan hat bei allem, was uns in Blut und Seele fftzt, gelobt, diesen Sieg nicht im Tempel der Götter zu feiern, sondern in dem der Wahrheit. Fragt ihr, wo dieser ist, so lautet die Antwort: Noch wissen wir es selber nicht recht, aber wir suchen ihn ... Seit Jahr und Tag wird unser großer Chakan in nächtlichen Traumbildern auf den rechten Weg gewiesen, wo sich zu seinem guten Willen auch die gute Tat gesellt. Im Lande erzählt man sich viel von diesen Träumen, aber die ganze Wahrheit soll jetzt -an den Tag kommen . . . So viel ist sicher: nicht die Götter haben uns den Sieg gemacht, da wir diesmal mit Wiffen und Bedacht ihre Mithilfe ablehnten. Wir sind den Göttern, die nicht unsere Götter sind, sondern unseren Urvätern von den Moskowitern und Anderen zugeführt, zum Teil mit dem Schwerte aufgezwungen wurden, in keiner Weise verpflichtet, schulden ihnen keinen Gehorsam noch Dank ...'/ Für Minuten trat lähmendes Schweigen ein. Ruhe vor dem Sturm. Und dieser kündete sich bald genug sausend an. Die Menschen kamen in Bewegung. Eine Anzahl älterer und jüngerer Männer schaarte sich um den Pegan und schrie ungestüm nach den Göttern. Die Soldaten blieben stumm, eisern und bewegungslos um ihre Führer. „Wir haben das Heer fest in unseren Händen. Ein Zeichen von uns und es ist um den schreienden Haufen geschehen", flüsterte einer der Führer Saliman ins Ohr. Der Thronerbe sah fragend nach dem Ehrensitze Bulans. Die Lage war bedrohlich und es hatte den Anschein, als sollte das Stegesfest ein blutiges Ende nehmen. Doch schon wieder hatten sich die Brusttöne TabanS, nachdem er mit Bulan Zwiesprache gehalten, die Bahn durch das Gewoge geebnet: „Es ist nicht die Art des großen Chakan, Jemanden zu Handlungen. Wider seinen Willen und die innere Stimme seines Herzens zu zwingen. Wer mit dem trefflichen Pegan den Drang verspürt, Sidharte zu opfern, tue es"immer und ungestört . . . Wir, der Chakan, Saliman und der größere Teil der weisen Räte werden, wenn achtmal die Sonne, auf und untergegangen, hier auf dem gleichen Platz vor allem Volke einen Weisen der Religion der göttlichen Emzigeinheit anhören, nachdem wir die Wahrheit bereits ver- * gebens>auf anderen nebenlaufenden Wegen gesucht haben. Zu dieser Siegesfeier sind aste gebeten, die Al^en haben zu sehen und Ohren zu hören und deren Sinn für die Wahrheit noch nicht gam, .verschlossen ist .. . ." Das wirkte wie Oel auf die Wogen. Der Sturm legte sich. Besonders nachdem bemerkt wsrden war, daß sich der Chakan mitsamt dem Thronerben während der Rrde Tabans durch den Park in den Palast begeben hatten. Unter den Tönen von Pauke und Trommel zogen die Kciegertruppen eine nach der anderen ab. Eine kleine Gcuppe blieb um Hamenas und Milkamin und begab sich gemessenen Schrittes und' schweigend irr die Vorhöfe des Tempels zu den rauchenden Altären des Sidharte. Hinter^ dem Garten des Chakanates harrte Nechamah ihres Gemahles und hier konnte endlich Ben Chisdai seine Gefährt n in die Arme schließen. „Hast mich auf eine lange, harte Protze gestellt, Ben Chisdai", schmiegte sie sich an ihn. „Ich schaute mir die Augen wund nach dir. Man jagte mir, dein Platz wäre dort an der Sette Saltmans und man erzählt sich Wunderdinge von deiyen Taten draußen. - Alle Amt spricht von dir, nur ich, dein Weib, muß warten und verzichten". „Ntcht mehr lange, Nechamah, wir schreiten zur letzten Handlung. Wir'ziehen, wie es einst die Makkabäer taten, in den Tempel des Herrn, um ihm Dank und Lob zu singen, der unsere Sache geführt. Dann bin ich dein, ewig dein und &Tt allein . . . Doch, wie geht es Batsua, wo ist sie?" „Sie ist krank und erlebt zu Hause, ganz für sich allein, den Einzug der Sieger . . ." „Wir gehen nachher zu ihr hin", sagte er. „Nein, Ben Chisdai, heute nicht, es darf dir die Freude und das Glück des Tages der Anblick der Kranken nicht trüben. Doch, sage Teuerer, hast du Kosarios ntcht angetroffen und ist er nicht hier?" „Ich traf ihn und traf ihn nicht, er.ist hier und ist es auch nicht, wir müssen uns Kosarios aus der Erinnerung ganz wegwischen..." „Du sprichst in Rätseln^ Lieber,, war also der Verdacht ntcht unbegründet?" „Sprich nicht von Verdacht und sprich nicht von Kosarios. Es gibt für uns keinen solchen! Namens . . ." „Arme Batsua! ..." „Erwartet sie ihren Kosarios, und ist dies der Grund ihrer Krankheit, so wird sie gesunden, wenn sie hört und erfährt, daß dieser Name nur ein Phantom sei, ein Traum, der vergangen ist, um nicht wiederzukehren . . . Sie wird gesunden und zur Vernunft erwachen." „Willst du nicht deutlicher sprechen zu deiner Frau, der Gefährtin deines Lebens?" „Noch kann ich nicht, noch bin ich an Eid gebunden. Die Stunde wird schon bald selbst für mich sprechen — doch hörst du, Nechamah, Spiel und Gesang? Es find meine Leute, sie formen sich, zum letztenmal in Reih und Glied, und holen die freigegebenen Gefangenen aus der Zitadelle, um sie im Triumph durch die Jüdenstadt in das Bethaus zu geleiten. Ich darf meine Getreuen bei dieser letzten Handlung ntcht allein lassen. Lebe wohl Nechamah, bis zu? Abendzeit."-— In gleichem Schritt und Tritt marschierten die Chisdater, zu einer Ehrenwache geformt,. Rabbi Jzchak Sangori und R. Amram in der Mitte, mit Sang und Klang den Gaba hinunter. Aus den Chafarenhäufern begrüßte man den Zug mit freundlichem Händeklatschen und. Blumen. Viele schlossen sich ihm an. Am Eingänge zur Jüdenstadt pran;ten auf blumigen Ehrenbogen Schalomgrüße in h brätschen.Bibelsätzen, z Im Bethause selbst hatte Kutiel sein Möglichstes r aufgeboten, um die Feier so würdig wie möglich zu? gestalten. Die Ehrensitze des Rabbi und R. Amrams waren mit frischem Grün geschmückt. Alle Lichter brannten und Chöre sangen Psalmlieder. Als 'der babylonische Chisdaigesang „Gott ist mein Hirte", ein Lied, das die Chisdater so oft draußen durch Nacht und Leid geleitet hatte, ertönte, brauste es gewaltig durch den Raum und Tränen befeuchteten die in Wind und Wetter hartgewordenen Gesichter. Dann betrat Rabbi Sangort die Stufen zur heiligen Lade zu einem kurzen Dankgebete und einem Gruße an die Heimgekehrten. Im Talmud, sagte er, wird es orei Männern, Eli es er, dem Knechte Abrahams, König Saul und I stach zum Vorwurf gemacht, daß sie zu viel wagten, zu viel aufs Spiel setzten, von denen aber die ersten zwei es mit dem Erfolg ihrer Tat hinterdrein rechtfertigen konnten. Ihr, meine lieben jungen Brüder, habt nicht gefragt und viel gewagt. Der gute Gott hat es zum Guten geleitet, für uns alle. Darum treffe euch kein Vorwurf, vielmehr sei euch Dank und Lob zu Teil und ein ewig Gedenken euerer Ruhmestat gesichert. Aber nun, da euere Aufgabe glücklich zu Ende gelöst ist, geht heim, legt den Kriegsrock ah und die Waffe aus der Hand und seid wieder, was ihr stets gewesen: Kmter euerer Väter, Männer euerer Frauen und Jünger der Thora. Gott verleihe euch den Frieden!" ' „Amen!" tönte es wie aus einer Brust und aus einem Munde im heiligen Raume. „Gott segne Chisdai!" rief noch jemand aus der Schaar und fand lauten Widerhall. Und mit diesem Segenswort hatte die Feier und die Mission der Chisdaier ihr Ende erreicht. Batsua empfing Ben Chisdai still mit kalten fragenden Augen. Nur ein Wort kam über ihre Lippen: „Wo ist er?" „Er ist nicht, war nie gewesen." „Aber er wird sein!" fiel die Kranke lebhaft ein. „Schlage dir das Phantafiegebilde aus dem Kopfe, Batsua, der Krieg ist aus und wir müssen alle erwachen — zur Vernunft und zur Arbeit." „Ein Erwachen, ein Leuchten, wie ein Heller Morgen am Osthimmel . . ." griff die überreizte Phantasie das Wort auf. „Batsua", versuchte Ben Chisdai noch einmal, „weißt du noch, wie ich damals aus Babylonien heimkehrte, wie du mich mit so viel Liebe und Lachen empfangen hast und alles von meiner Reise und. meinem Erleben bis ins Kleinste wissen wolltest. Liegen dir meine Erlebnisse im Kriege im Heere Salimans weniger am Herzen?" Batsua besann sich. Die Worte Ben Chisdais sickerten scheinbar durch einen schmalen Spalt im geschlossenen Sinnesraum langsam in ihr Bewußtsein. „Du warst im Kriege, Ben Chisda und ich erlebte den Krieg hier an der Fensterecke von Anfang an mit . . . Ich sah dich an seiner Seite . . ." „An wessen Sette?" Mit unheimlichem Staunen, von leichtem Grauen bewegt, sah Ben Chisdai ins aufglühende Gesicht der Kranken. „Wo ist er?" fragte sie mit vibrierender Stimme, die einen Tränenstrom nur mühsam zu unterdrücken schien. „Meinst du Kosarios?" „Ich meine ihn . . „Ich sagte es dir doch, diesen Namen gibt es nicht, hat es nie gegeben." (Fortsetzung folgt).