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Der Israelit · 1920-07-08 · Heft 27 (8.7.1920) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 27 (8.7.1920)
Date
1920-07-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Gelte 4 No. 27 Der Israelit. 8. JM4SM Zogen von stärkster Lungenkraft; ja jede materielle Hülfeleistung wird mtttelbax: und uumittel6at zur Berherrlichultg und Förderung derjenigen religiösen und politischen Ideale ausgenützt werden, die jenen Führern als Lebensziele vorschweben, und die von der jüdischen Neberlieferung als Irrwege verurteilt werden. Nicht einmal das ist sicher, daß ein feierlicher Kongreß, wie ihn Dr. Feßler befürwortet, sich unbedingt an seine wirtschaftlichen Aufgaben halten und nicht andere, tief in das Gebiet der Weltanschauung eingreifende Dinge in den Bereich seiner Tätigkeit ziehen würde. Warum sollen wir uns endlich darüber täuschen, daß die Grundvoraussetzung aller erfolgreichen Zusammenarbeit im Großen, das Vorhandensein einer stahlhart dis zi Pli nierten orthodoxen Well Organisation, die als absoluteWil lensein heit aufzutreten vermag, noch nicht einmal vollkommen in der Wirklichkeit gegeben ist! Steht ja „Agudas Jisroel" noch vor ihrer ersten Kenessio gebaute 1 Solange dieses Ziel der festen inneren Zusammenfassung nicht erreicht ist, müssen zwar auf einzelneu Teilgebieten — die Not des Tages erzwingt es oft genug — gewisse praktische Aufgaben von orthodoxen und anders orientierten Organisationen hie und da gemeinsam gelöst werden, aber die Tribüne eines Welt-Kongreffes scheint uns für die noch immer nicht straff organisierte und politisierte Orthodoxie der Welt vorläufig doch ein recht glattes Parkett zu sein. Konzentrieren wir alleunsreKräfte zunächst auf die Stärkung und innere Festigung der eigenen Organisation/ das allein ist der Weg zur Zusammenarbeit. . Die Gemeindewahlen in Wien und die Orthodoxie. Wie an anderer Stelle gemeldet, hat die unabhängtge Orthodoxie Wiens bet den Kultuswahlen 3 Mandate errungen, denen 13 zionistische und 20 liberale gegenüberstehen. Das Ergebnis entspricht den Erwartungen, die man an den Ausgang der Wahl geknüpft hatte, und denew wir vor Wochen an dieser Stelle auch bereitff Ausdruck gaben. Daß gegenüber der weitaus besseren politischen Schulung und den Agitation^ Methoden der vom Oberrabbinat geführten nationalistischen' Partei die Wiener Orthodoxie, wie ihr Organ, dir „Jüdische Korrespondenz" schreibt, „ohne Wahlrouttne, ohne ausgebildeten Agitatorenstab, ohne Propagandaapparat, ohne Rednerfülle, ohne Wahlfonds" nicht daran denken konnte, eine Mehrheit oder sogar ausschlaggebende Stellung in der Gemeindeverwaltung zu erlangen, war von vornherein klar. Die Beteiligung an der Wahl sollte nach außen eine Kundgebung neu erwachten politischen Willens, nach innen ein Weckruf zur bewußten Selbsterziehung für den jüdischpolitischen Kampf im öffentlichen Leben sein. Dabei hatte die Orthodoxie bei diesem ersten Auftreten nicht nur die Assimilanten und die liberalen Zionisten gegen sich, sondern auch den gänzlich der zionistischen Fremdherrschaft unterworfenen Teil der galiztschen Gesetzestreuen, deren Haß gegen die „ungarische" Orthodoxie alles gesunde religiöse und politische Empfinden in den Hintergrund drängt. Unter diesen Umständen bedeutet das Wahlergebnis an sich eine erfreuliche moralische Wartung ifer orthodoxen Kreise. Dennoch kann erst die Zukunft lehren, ob die gewählten orthodoxen Vertreter dauernd im stände sein werden, au der Verantwortung für die Gesamtsührung der Wiener Gemeinde teilzunehmen. Es warten dieser Männer gewaltige Aufgaben in rednerischer und politischer Hinsicht/ sie werden es als-kleine Minderheit vor allem als ihre Pflicht betrachten müssen, das lebendige Gewisfen der Gemeindeverwaltung zu sein und den beiden Verzerrungen der jüdischen Gemeinschaftsidee, wie sie die „Volks- I gemeind e" und die „Ne form gemein de" darstellen, das Ideal der alten jüdischen Kehilla immer wieder und wieder cntgegenzuh alten. Eine Minderheit vermag auch ohne allzustarke Aktivität in stolzer Würde die Reinheit einer Idee Jahrzehnte und Jahrhunderte aufrechtzuerhalten, wenn sie organisatorisch für sich bleibt und nicht in den Wettlauf der Parteien eintritt. Dieser Gedanke lag dem früher geübten Verhalten der Wiener Schiffschulkreise zu Grunde. Nachdem diese Taktik einmal aufgegeben und durch den Wahlkampf der Wille zum freien Wettbewerb der Ideen auf dem Boden einer parlamentarischen Körperschaft bekundet worden ist, kann nur die allerstärkste Tätigkeit der orthodoxen Vertreter die Losung der nächsten Zukunft feitr. Sie werden sich entweder in der Gemeindestube mit Gewalt durchsetzen oder aber den Boden dafür bereiten müssen, daß eines Tages eine möglichst starke Orthodoxie, politisch geschult und von Prinzipienklarheit erfüllt, zu der selbständigen Verwirklichung ihrer gemeindepolitischen Ideale zurückkehren kann. Das Schlimmste wäre eine orthodoxe Fraktion in der Gemetndestube, die als quantite negligeable ein Mauerblümchen-Dasein fristet und lediglich dazu da wäre, um bei schwach besetztem Hause Mehrheitsbildnugen zu ermöglichen. Wir sind überzeugt, daß unsere Wiener Gesinnungsgenossen sich dieser Gefahr bewußt sein, und daß sie alles daran setzen werden, um ihr zu entgehen. Hdenkongreß oder ' Zionistenkongreß? Von Dr. Ben Zion Feftler in Wien. Die der gegenwärtigen jüdischen Generation tzur Lösung aufgegebenen großtz^Zuden- und Judentumsprobleme sind der breiten jüdischen Oeffentlichkeit durch die seit Jabren geführte öffentliche Diskussion allzusehr bekannt, als daß sie hier nochmals prinzipiell erörtert werden müßten. Ebenso bekannt ist die Parteistruktur in der heutigen Judenhett, und der objektive Beobachter kann schon jetzt ohne viel Mühe feststellen, ob und inwieweit Programme, Forderungen qpd Projekte, welche von Setten jüdischer Organisationen und Parteien in den letzten 40 Jahren aufgestellt und aufgeworfen wurden, gegenwärtig den Anspruch auf a llgemeine Anerkennung in der Judenbeit haben. Dies festzustellen ist deshalb gerade jetzt für die Gesamtjuoenheit von fast ausWaggebender Wichtigkeit, als ja bekanntlich der*^^ltkrieg die wirtschaftlichen und kulturellen Grundlagen großer jüdischer Volksteile untergrub, somrkalso. dort die chronischen KrankhettserschejMrgen am jüdischen Volkskörper und Volksgeiste, eine Folge der mehr oder weniger unnormalen Machen Lage, zu akuten steigerte. Wer die Gärung aus ökonomischem, politischem, sozialem^kulturellem und religiösem Gebiete innerhalb der heutigen Judenhett mit Interesse beobachtet, wird wohl ohne weiteres zugeben muffen, daß man ohne Uebertretbung aea,enwärtta von einer akuten jüdischen Vottskrtsis sprechen kann. Nun ist es aber klar, daß, angesichts der großen Differenzen in Bezug auf Weltanschauung und Judentumsauffaffung innerhgUder gegenwärtig bestehenden jüdischen Parteienkmd Organisationen, eine Einigung über das nächsteZukunftsschicksal der Juden vorläufig nicht zuekkangen ist. Wohl träumten die Zionisten seit jMr von einer allmählichen Umgestaltung der zionistischen Organisation in eine allweltlich-mdticke? wobl schufen sie innerhalb der zionistischen Organisation durch Einbeziehung religiöser Juden --^Nisrachi — und jüdischer Arbeiter — Poale-Zton^— scheinbar schon alle Voraussetzungen hierfür —doch stehen die Dinge noch jetzt/rotz des San Rema-Erfolges so, daß von etner^utorttattven Repräsentation des jüdischen Volkes durch die zionistische Organisation allein nicht die Iftebe sein kann. Denn, wäre Sanllkemo — praktisch genommen — für die Juderu. das, was beispielsweise St. Germain für die Tschechen war, das heißt, hätte San Remo Men großen Teil der Judenhett oder wenigstens eine jüdische Mehrheit in Palästina vorgefunden,dann konnten die zionistischen Führer, als Vorkämpfer des Heimftätte-Gedankens, durch Uebernabmed^r jüdischen Regierung in Palästina, wie es bei allen Völkern ähnlich ist, vielleicht den Anspruch erhebLü/ als alleinige Repräsentanten des jüdischen Volkes zu gelten. So aber, wie die Sachen jetzt ttegen, ist nicht etnzusehen, auf welchem Wege die zionistische Organisation die anderen jüdischey^Parteten und Organisationen zur Anerkennung ihrer Hegemonie wird nötigen können. Solange^öber dies der zionistischen Organisation nicht gelingt, ist es für das nächste Zukunftsschicksal dA In )enheit ungemein wichtig, ob eine gemeinsame Plattform für eine Zusammenarbeit aller großen jüdischen Parteien und^rganisation en in allen denjenigen jüdischen Angelegenheiten zu erzielen sein wird, welche derzeit, wie etngangsMemerkt wurde, der allseitsgilttgen Anerkennung innerhalb der JudenhetiMch erfreuen. . Zu diesen derzeit anerkannten Tätigkeitsgebieten gehören unstreitig Aufbautättgkeit in Palästina, die Emigrationsfrage und die Restaurationsaktton in den zerstörtenMder wirtschaftlich zerrütteten jüdischen Siedlungsgebieten in Oft- und Mittel- Europa. Die großen Parteien und Organisationen, deren ZusammenarbMZä hoc, in Betracht kommt, sind: das organisierte religiöse Judentum (die Aguda-Weltorganisati§n), die zionistische Weltorganisation, die sogenannten Assimilation-Juden (ich gebrauche diesen Ausdruck nur wegen jeiner schlagwörtlichen Bekanntheit. Sonst sollten lieber derartige Haß- und Hohnworte gegen größere Judengruppen, die do^noch mehr over weniger mit dem Judentum Zusammenhängen, trotz bewußter und beabsicht^ter Losreißungstendenzen einzelner, unterlassen werden. Für den Durchschnittsfall paßt eher dex Ausdruck Ptetätsjuden), ferner die großen HilsZorganisationen, wie„Jea", die „Esra", der „Joint" und andere mehr. Nun würden sich ja bezüglich der Emigrationsaufgaben und der Hilfstätigkeit in den gewesenen Krtegsgebteten wohl keinerlei Differenzpunkte ergeben. Ebenso ließe sich eine Einigung betreffs der wirtschaftlichen Tätigkeit in Palästina erzielen und so wäre hiermit für Jahrzehnte hinaus eine Zusammenfassung allerDdtschen Bolkskräste zum Wiederaufblühen und Erstarken der infolge des Weltkrieges empfindlich geschädigten Judenhett ermöglicht. Welches WertMs dieser jüdische Kräftezusammenschluß —und auch vom national-jüdischen Gesichtspunkte aus — dMtellt, erhellt aus den jüdischen Pressesttmmen, aus einer Rede Dr. Wetzmanns in London .und aus einer bedeutsamen Stimme' aus dem Lager der Assimilanten, einem Artikel des Dr. Baut Nathan im Hamburger Israelitischen Familienblatt, in welchem er, allerdings vom humanttäreruVesichtspunkte aus, einer wirtschaftlichen Mitarbeit in Palästina das Wort redet. Allerdings ist hier eine Schwierigkeit im Standpunkt Weizmanns gegebe^ welcher von allen an Palästina Interessierten zuerst die Anerkennung des nationalen Charakters der Arbeit verlangt. Ob aber dieser StcmdtzWkt jetzt taktisch richtig und angebracht ist, erscheint mindestens zweifelhaft. Denn emerfetts kann der Zionismus auch nach San Remo die nicht-nationalen Juden nicht zu einem Ausgeben ihres teM prinzipiellen, teils opportunistischen Widerstandes gegen einen jüdischen Nationalismus zwingen, Andererseits aber ffol l er schon aus dem Grunde keiü Juncttm Herstellen, weil die Zionisten doch auch^t nur einen "Bruchteil des jüdischen Volkes bilden und die zum Wiederaufbau erforderlichen Niesensummen-gerade

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