Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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3m Zudenffaal -er Lhafaren. Historischer Roman aus dem achten > Jahrhundert. (20. Fortsetzung.) XVI. Eines schönen Morgens in aller Frühe weckten Fanfaren Balagars Bewohner ans dem Schlafe und Herolde zu Roß durchzogen die Straßen. „Sieg! Sieg!" pflanzte es sich von Mund zu Mund, von Gasie zu Gasie, wo die Menschen aus den Häusern in brausendem Jubel stürmten, um von den Boten und , Straßenrufern Näheres zu hören.- Auch über den Gaba hinaus bis zur Judenstadt fand die Jubelbotschaft ihren Weg und versetzte alle Gemüter in tiefste Bewegung. Im Gemache Rabbi Sangoris in der Zitadelle waren an diesem Morgen um den Rabbi und R. Amram der Arzt Rafael Affcirtus, die Amtspersonen aus derChasarenstadtund alleAngesehenen aus der Schechunah zur ernsten Beratung versammelt. Assarius begrüßte die Männer aus der Judenstadt und eröffnete ihnen, was sie bereits alle wußten, den vollen Sieg Salimans über die Araber. Balschan der Schriftführer Milkamins wußte Einzelheiten über den Einzug der Sieger zu berichten, der am Nachmittag desselben Tages erfolgen sollte, und Kaspt hatte mit Dahabel den Plan für den Empfang und die Siegesfeierlichkeiten ausgearbeitet und konnte daher ein Bild der Freude im Volke und im Chakanate entwerfen. Weniger ermutigend war das, was Balschan von der Stimmung seines Vorgesetzter: zu berichten wußte. Milkamtn und auch der Pegan Hamenas hielten stille Beratungen ab und es sei ihnen anzumerken, daß sie der Lau und die Wendung der Dinge wenig befriedigen Der siegreiche Einzug Salimans gehe ihnen ganz gegen den Strich . . . Im Geheimen seien alle Priester und bewährten Anhänger Stdhartes zu einem Bunde zum Schutze der Götter aufgerufen ... „Jetzt aber", sagte Asscri-is, „geht es darum, auch von der Judenstadt aus den Sieg feierlich zu begehen, wozu wir zunächst den Rat und die Mitwirkung Rabbi Sangorts bedürfen". Kaspi, ein Freund -er Ordnung, hatte einen Plan in allen Einzelheiten entworfen. Die ganze Judenheit sollte in Festkleidern zur Stelle sein und die Nettesten der Gemeinde unter Anführung Sangoris sollten sich an der Begrüßung beteiligen. „Ich fürchte, Milkamin und der Pegan werden es zu verhindern wissen", wandte der vorsichtige Balschan ein. Kaspt war anderer Meinung. „Da alles Volk zum Empfange aufgefordert ist, so kann auch keiner die Juden daran hindern, dabei zu sein. Der feierliche Au'zug wird. Bulans und des Thronfolgers Aufmerksamkeit auf uns lenken. Alles andere ergibt sich von selbst .. ." Sangort hielt es für gut, in seiner klaren Art noch einmal die Sachlage zu überblicken: „Es ist nicht zu leugnen,- daß der Sieg der Chasaren zugleich ein Sieg unserer Sache ist, nachdem Uebelwollende den ganzen Kampf in das Zeichen des Fremdenhasses gestellt haben und von Byzanz beeinflußt, am liebsten mit den Juden den Göttern den Sieg bezahlt hätten . . . Man hat es versucht, uns zu verdächtigen, uns zu verleumden, aber all diese Versuche scheiterten am edlen Willen des gnädigen Chakan, der von Gott, der der Könige Herzen leitet, auf den Weg gewiesen ist, dem Willen auch die T at anLupassen... Der Pegan und seine Freunde lassen kein Mittel unversucht, drohen mit der Rache der durch die Duldung der Fremden und das Gottsuchen des Chakan gekränkten Götter. Der glückliche Ausgang des Krieges bedeutet aber den Sturz des lange schon ins Wanken geratenen Götterglaubens. Dies allein genügte schon, für uns Lob- und Dankgebete anzustimmen. Wir werden mit der heiligen Thora kn der Hand, aber in aller Stille und Bescheidenheit in unserem Gotteshause, den Tag feiern". Mit diesem abschließendem Worte des Rabbi fand die Beratung ihr Ende. Im Hause R. Amrams horchte Batsua scharf auf, als die Fanfaren der Herolde den Sieg durch die Gassen schmetterten. Schrilles Lachen und konvulisivisches Weinen schüttelten abwechselnd den feinen Körper. Die Augen des Mädchens bekamen eine dunkle Glut und die Völlen Lippen bebten als sei ihr ganzes Innern in Brand geraten. Noch nie sah sie Nechamah so schön, wie in diesem Momente. „Ich hörte es schon mit dem ersten Morgengrauen", sagte Nechamah, zmnd ich kam, es dir zu melden. Nun hörst du es selber, der Krieg ist aus, Sieg!" „Ja, ich höre es, sehe... sehe, wie er kommt Prr... Wie ein Bergbach stürzt er daher... Verhülle mich, schütze mich, Nechamah, er darf mich nicht sehen ... Nein, laß mich, er soll aus mich fluten, mich mit hinreißen . . . Hörst du, wie die Trompeten blasen? . .. Platz! Platz für Monobaz! . . ." „Du bist wieder erregt, Liebe, sieh doch klar und vernünftig. Der Krieg ist aus und zu Ende. Unsere Väter sind frei, die Gefahr von der Gemeinde abgewendet. Bevor es noch Abend ist, ziehen die Sieger in die Stadt ... Ben^Chtsdat, mein Gemahl ist dabei — er bringt auch Kunde von ihm . . . Beruhige dich, Liebe, willst du mit zum Empfange auf den Balagaplatz?" „Balagaplatz? Empfang?" — Die Kranke lachte dumpf. — „Ich empfange und empfange schon seit Wochen, seit Monaten, seit die ersten Blüten sichtbar waren ... Ich erlebe alles in mir und sehe weit bis ans Ende der Welten, aus mir heraus . . . Hörst du die Trompeten? Nein? I ch höre sie und sehe alles, hier in meinem Gemache..." „Arme Batsua, wüßte ich nur, wie dir zu helfen ist ..." „Ich bin so glücklich, Nechamah, so glücklich... Weißt du, Liebe, was das heißt, so alles in sich selbst zu tragen und daraus das Glück und das Licht und das Dunkel zu schöpfen so oft und so viel man will? ... Nur manchesmal ist es drinnen so leer, so öde... Als wäre alles ausgeschöpft . . . Dann, dann muß ich weinen . . ' Dann aber füllt es sich wieder und ich lache .. „Glückliche Unglückliche!" „Und sage Machir, er möge nicht mehr am Fenster meines Gemaches mir die Sonne verstellen und Schatten in mein Herz werfen . . . Er ist A n a n, Wolke, die zerrinnt, verfliegt .. „Batsua, ich gehe, und gäbe Gott, ich bringe dir bald gute Botschaft ..." Batsua sah weithin und ihr Auge funkelte als brannte es in ihr lichterloh. Aus dem weiten Viereck des Balagahügel prangten Ehrenbogen und wogte eine ftstgestimmte Mesige. Der Weg zum Osttor, durch das Salimans Zug etnziehen sollte, war von Girlaydenketten durchzogen und Ehrenwache in goldglitzernder Rüstung mit fahnengeschmückten Lanzen bildeten Spalier. Zwischen Tempel und Palastgarten des Chakanates erhob sich eine Esterade, auf deren samtbelegten Stufen zu beiden Setten die Spitzen des Staates Aufstellung nahmen, ihres Herrn, des Chakan Bulan, harrtend. Zur festgesetzten Stunde ertönten Hörnerklänge, und Herolde kündeten die Ankunft bes Chakan an, der von vier Dienern auf goldener Sänfte durch den Park die Esterade hinauf getragen wurde. Tausendstimmig erhob sich der Chor der frohbewegten Menge: „Es lebe der große Chakan! Sein Ruhm wachse." Kaum hatte der Chakan Platz genommen, als auch schon vom Osttore her Pauken und Trompeten den Einzug der Krieger verkündigten. Herolde ritten voran mit Posaunen und Fanfaren. Ein Trupp der Leibwache in glitzernder Stahlrüstung folgte. Von der Efterade herab setzten die Kapellen mit Schlagbaum und Glockenspiel ein. Und nun schrie das Volk in jubelnder Begeisterung: „Saliman! Gesegnet der glorreiche Thronerbe, der Liebling des Volkes, der Sieger und Glückbringer!" . Hoch zu Roß, .zwischen zwei Begleitern, zog der Heerführer im Schritt durch das Tor, hinter ihm in Truppen und Gruppen die Krieger zu Fuß und zu Pferd/ mit wehendem Banner und Trompetenklang. Und in immer steigender Begeisterung jubelte die Menge: „Es lebe der große Saliman, des Volkes Liebling und Glücksbringers! Gesegnet die Tapferen, die Sieg und Frieden bringen!" Nur die vorderen Abteilungen konnten Aufstellung auf dem Viereck nehmen, die hintersten Truppenteile stauten sich hinter dem Tore. Unweit des Thronsolgerstabes auf dem Festplatze stand eine kleine Gruppe mit eigener Fahne und eigenem Banner stramm in Reih und Ordnung und zog aller Blicke auf sich, die Chisdater. Zwei Fanfarenstöße und Todesstille trat ein. Der Chakan selbst — ein nieerlebtes Ereignis — sprach ein Wort des Grußes. Kurz und scharf klangen die Worte, in denen er des Landes Freude und Chasariens Dank an Saliman und das Heer ausdrückte. Milkamin, der Sachwalter des Krieges, verlas den Gnadenerlaß Bulans. Allen Kriegsteilnehmern und deren Familien waren die Steuern für ein Jahr erlassen. Alle, die wegen Vergehen gegen die Landesgesetze sich im Kerker oder Schuldtürm befanden, mit Ausnahme von Dieben und Raubmörder:, waren frei. Wer im Krlege Schadei: an Körper oder Seele genommen, hatte Anspruch auf besonderen Schutz und angemessene Obsorge des Staates. Wer sich im Kriege besonders ausgezeichnet, erhielt reiche Belohnung - es stand ihm ftet, zwischen einem Ackerstück auf dem Lande, einer Schafherde und einem Wohnhauschen in der Stadt zu wählen. Rauschender Jubel begleitete diese Eröffnungen. Immer und immer von neuen: schrie das Volk: „Es lebe der große Chakan! Es wachse der Ruhm Bulans unb seines glorreichen Sohnes Saliman." Pegan Hamenas verschaffte sich mit Mühe und mit Hilfe der Tronrmler und Posaunenbläser endlich Gehör: „Männer und Frauen Chasariens! Ich begreife euere Freude und teile sie von ganzem Herzen. Sidharte war uns gnädig und ließ Saliman, den Liebling der Götter, als Sieger mit dem Kranz um das ruhmgekrönte Haupt heimkehren. Der große Chakan selbst hat' aus eigenem geheiligten Munde gesprochen und ich, sein untertänigster Führer und Sprachrohr, sollte schweig en. Doch hat der götterbegnadete Bulan in seiner Huld s o gesprochen, daß mir, seinem Diener, Vorbehalten blieb, den Dank an die Götter, die der Krieger Hand geführt, auszusprechen .. . Es ziemt uns jetzt vor allem, unseren schuldigen Tribut an Sidharte und Trtmurti abzuführen. Auf! Chasariens Männer und Frauen! In den Vorhof des Sidhartetempels, wo die Altäre rauchen und die Gebetmühlen rauschen, im Namen des großen Chakan! ..." Bulan wehrte von der Tribüne mit dem -goldenen Stabe Da die Geste im Gewoge der Menge unbeachtet blieb, ließ er^zwei kurze Signale blasen, was als Zeichen dafür dienen sollte, daß die Rede mittendurch abgebrochen sei. (Fortsetzung folgt.)