Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Geile 10 Nr. 26 Sine Episode m dem Leden und Witten von Raddi -Sr. Z. Hildesheimer. Pon seinem Schüler I. B. W in London. Der Rabbi benutzte häufig die N21)N-Woche, . wahrscheinlich weil während derselben die B'WV im Rabbiner-Seminar aus fielen, zu einer Reisetour nach England zwecks einer Geldsammlung für den Fond des Seminars. Bei einer solchen Gelegenheit hatte der Rabbi seinen Reiseplan so' eingerichtet, bald nach Ausgang des row London zu verlassen, um Montag in Berlin bereit zu sein, seine Lehrtätigkeit wieder auszunehmen. Der Rabbi hatte jedoch vor seiner Abreise noch mehrere seiner „Geschäftsbesuche" im Westend Londons abzustatten und sein Hotel befand sich in ziemlicher Entfernung von diesem Stadtteile. Außerdem hatte er auch eine Einladung für ein Abschieds-rrZ^V 17>V -Mahl seitens des Chief Rabbi Adler akzeptiert. Die Zeit des Rabbi für die Effektuierung seiner Rückreise war unter diesen Umständen knapp zugemessen, umsomehr, da auch der Bahnhof weit von der Wohnung des Chief-Rabbi entfernt lag. Der Rabbi besorgte sich ein pö zur Verrichtung des 2’rWö in dem Schlafzimmer seines Hotels und ich genoß das Privilegium, meinen verehrten Lehrer ohne Verzug in einer bereit gehaltenen Droschke nach dem Westen Londons begleiten zu dürfen, wo er in merkwürdig kurzer Zeit bei vielen der jüdischen finanziellen Notablen vorsprach. Zur festgesetzten Stunde stellte sich der Rabbi zur Soiree des Chies-Rabbi ein. Ein festliches Mahl war bereitet, alle Familienangehörigen und viele Freunde des Chief-Rabbi beteiligten sich an demselben. Die m2£ö JfiWD wurde gewürzt durch den Austausch interessanter min ’töHn. Diese äußerst gemütliche Atmosphäre bildete jedoch einen grellen Gegensatz zu dem draußen herrschenden Schneegestöber und der eisigen Kälte. Unser Rabbi wurde seitens seines Wirtes und aller Anwesenden bestürmt, seine Abreise auf den nächsten Tag zu verschieben. Er blieb jedoch unerschütterlich und mit feinem Takt und überraschender Klugheit machte er Gebrauch von nmn “n*? Titoa1 darauf aufmerksam machend, warum gerade nsbn pJD hier als Beispiel gegeben ist, und folgende Erklärung dafür zu geben. Einen hohen und edlen Genuß bietet der Umgang und das Zusammensein mit Freunden, dessen Unterbrechung schwer empfunden wird und nur durch wichtige Gründe motiviert werden kann. So wird es sich wohl in den meisten Fällen treffen, wenn zwei Freunde voneinander scheiden, dies deshalb geschieht, weil der Ruf für höhere Pflichten, für die Familie oder fölto rtwi dem fortgesetzten Privatgenuß Raum geben muß. Dies ist nichts anderes als D’,2‘T) T^ roSn* „So fühle ich im jetzigen Momente," fügte der pflichtergebene Rabbi Dr. Hildesheimer hinzu und bat seinen Gastgeber und alle Anwesenden urtr ihre Einwilligung zur Ausführung seines Entschlusses zur eiligen Rückreise nach Berlin. Wenige Minuten nachher war unser Rabbi auf dem Wege nach dem Bahnhof, in Begleitung des. nachmaligen Chief Rabbi Dr. Hermann Adler und meiner Wenigkeit. Bileams Scheinsegen. Aus den Segnungen Vileams ersieht der Talmud — „Smihed'rin" 105 — den ganzen Haß der auf seines Herzens schwarzem Grunde loderte, denn es war nicht BileamS Verdienst, daß seines Herzens Stimme versagte und die Lippen jeden gedachten Fluch ins Gegenteil urrckehrten. Er wollte, daß Israel Bei- und Lehrhäuser ver. sagt bleiben und sprach demgegenüber *pnK is s ne J apy „Wie schön sind deine Zelten (Lehrstätten), Jakob''; A>er JsrüeM. . , __g=«-.CTcjf- •f~,~jSrrr''TO --htt Gern hätte er Israel aus der Nähe dsr Gchechinäh verdrängt, darum „segnet'- er: -prwMV (Israel, ein GotteSwohnsitz). Israels Reich, dem er von Herzen raschen Untergang wünschte, vergleicht er mit ewig fließenden Strömen i'aa a^naa,' Er vergönnte Israel den Besitz von Weinberg und Olivenhain und wünscht ihm: va Hp xnaaa, wasserreicher Gärten und den vollen Ertrag des gesegneten Bodens. ° Israels Rus in der Welt mochte er untergraben. Aber "7 pva afywa, wie der gottgepflanzten Ahattrtt Duft geht sein Namen durch die Lande. Seine Gestalt wollte er verkleinert wissen und schildert doch seine Söhne a»a a>nxa, wie die Zedern am Wasser. Die Dynastie feines Königshauses wollte er verfluchen, dessen Macht und Autorität untergraben und muß doch bekennen, daß 'iBl ''Vid a'B daß „inein» anderfließt seiner Zeiten Macht", „emporrage über Agag sein König" und „sich sein Reich erhebe" usw. Alles hat Israel im Wechsel der Zeiten nach dem Herzenswünsche BileamS wieder verloren. Nur die Bet- und Lehrhänser sind ihm geblieben. Hierin allein ist aus dem Flnche dauernder Segen, für alle Zetten, erwachsen. Darum heißt es auch (Debarim 23) „Gott verwandelte den Fluch (rrr ,"I2W n77,'5.T) in Segen". Nicht alle Flüche, aber deren einer — der auf die Lehr- und Bethäuser bezügliche — blieb bis aul den heutigen Tag in Segen verwandelt. m * * Bileam vergleicht Israel segnend mit der Zeder d'v '7p a'nua. A ch i j a h, der jüdische Prophet, vergleicht es verwünschend mit dem Weidenrohr a'B2 rtapn -na' 7b>m "ni.. Näher besehen — wie es der Talmud in „Sanhedrin" und „Taanilsch" tut — stellt Bileams Segen einen Fluch und Achijahs Fluch umgekehrt, einen Segen dar. Stolz ragt die Zeder über alle Bäume hinauf, schön und stämmig, wurzelfest und kraftvoll, als wollte fle voller Verachtung zur dünnen, unscheinbaren Weide hinberufen: „Kannst du dich, winzig Geschöpf, an.mir messen"'? Da ziehen schwarze Wolken am Himmel heran. Orkanartig bläst der Sturm und tobend mit Donnergekrache und Blitzeszucken entlädt sich das Gewitter. Siehe, die stolze Zeder ist ins Herz getroffen, liegt gefällt, eine Baumleiche, zu Boden. Und die Weide am Bache? Sie senkte beim Toben der Elemente den Kopf ganz zu Boden, Neigte und beugte sich mit dem Winde, schauerte bei jedem Feuerzucken, bet jedem Donnerkrachen tief zusammen und erhob sich zitternd wieder. Und stehe, sie steht ausrecht da, den dünnen, schwachen Kopf in die wieder heitere Sonne gerichtet. Glückliches Israel, daß sich nicht Bileams Segelt, sondern Achijahs Fluch an dir hat bewahrheitet, daß du nicht als Zeder, sondern stets als Weide im Völkerwalde gestanden hast und noch stehst. Zedern des Libanon barsten und fielen in den Gewitterstürmen der Weltgeschichte, das Weidenrohr hat all die Stürme überlebt und ste hl. * * * Bileam ersteht für sich den Tod der Redlichen und deren Ende! imaa »n'7nx »rrm ans?» r.ia man. Bileam weiß nämlich, daß das Leben des Gerechten sieter Kampf ist, dem ern gegen Ende der Sieg winkt. Des Lebens höchste Gaben, wie Thoralehre, Erez Jisroel und Olam habba sind nur um den Preis von harten Leiden zu erringen, aarii itV^a s>7w' '"p k7x. Bileam weiß, daß oms» anPnri a'p'78, der Frommen Los, zuerst traurig und leidvoll, bbidi rr6ß>, erst zuletzt sich glücklich und heiter gestaltet . . . Bileam aber scheut das Leiden und Entbehren, er möchte Sieg ohne Kampf, letzten Preis, ohne Ringen. Im Leben möchte er genießen. Darum.verzichtet er auf den „Anfang" und wünscht sich nur den „Ausgang", den Tod des Gerechten und fein Ende. TPB2 ' fl ' 7 H K VW11 B’78" Jl® 'B»JM J11B J7. Taumllis. j inderecke Von Heinrich Einstädter. Heiß brennt dte Mittagssonne auf die sommerliche Landschaft. Kaum vermag das Auge, sich längere Zeit ar.s die Getreidefelder, die sich der, Abhang einer Erdwelle hinanfziehen, auf die!! L. Huli lM Steinhaufen an der Landstraße oder auf andere Helle Gegenstände zu richten. Allzugrell werfen sie die Lichtstrahlen, die sie treffen. Weiße Schäfchen ziehen oben am blauen Himmel dahin. Handhoch liegt der feine Staub auf dem Wege. Kein Mensch weit und breit. v Da lärt ein Nußbaum, der unweit des Weges am Hange steht, zum Ausruhen ein. Ec wirfst dich in hohe Gras in seinem Schatten. Wie wohl tut dir die Kühle und der Dämmer nach stundenlangem Marsche durch Sonnenbrand und Straßenstaub! Hier kann lnan liegen und träumen. Die mittägliche Stille innerhalb der glitzernden Umgebung 'übt^Hre Zauber. Die Vögel lassen hier und da elnen^ abgerissenen Ton hören, als ob sie ängstlich und zaghaft sich verborgen halten möchten oder träumen auch sie? Die Grashüpfer und Käfer allerdings laffen sich nicht durch die Hitze stören. Sonst dringt kein Laut in dein Ohr. Der Segen Gottes liegt sichtbar auf der Landschaft. Die Halmen bieten ihre vollen Aehren der reifenden Sonne. Unter der Last der Früchte biegen sich der Bäume Zweige. Die Rispen der Gräser und die Blätter des Klees drängen sich dicht aneinander, und die kuppelförmigen Rücken der Ackerrüben heben sich breit ans dem mütterlichen Boden. Und doch spricht keine Freude aus diesem Bilde, eher Wehmut und Sehnen. Wonach undwarum? Wer könnte es sagen? Als der Baum blühte, da hüpfte dein Herzvor Wonne, und doch wußtest du noch nicht, ob nicht der Frost deine Hoffnungen täuschen werde. Und jetzt reifen schon die Früchte, und du kannst nicht jauchzen? Als noch des Schnees Weiße den Boden bedeckte, da hofftest du schon zuversichtlich auf den Sommer, und jetzt, da er dein ist, kannst du nicht singen? — Kannst du allein es nicht?— Dort kommt einer, den kannst du vielleicht fragen. Er geht mit gleichmäßigen Schritten. Die Hitze scheint er nicht zu fühlen; denn er sucht nicht den Schatten der Bäume, die die Straße grenzen. Dunkel ist sein Gewand trotz der sommerlichen Zeit. Ein schwarzen Hut bedeckt das Haupt, ein schwerer Ranzen drückt den Rücken. Er kommt dir näher. Du hörst schon den Tritt seiner Füße, das Stampfen seines Wanderstabs. Du siehst den schwarzen Bart, der das Gesicht umrahmt, die tiefen Furchen und Falten, die das Antlitz durchziehen. Wird er dich vielleicht ansprechen, dich grüßen, dich befragen? Nein, er tut es nicht. Er sieht dich gar nicht, sieht nicht die wogende Felder, nicht die lockenden Früchte, nicht den lockenden Schatten, nicht einmal den Käfer, der dicht vor seinem Fuße über den Weg kriecht. Er sieht nicht die Straße unter sich und nicht das Dorf dort unten im Tal, dem er doch zustrebt. Denn er schaut in sich. Er blickt auf einen gar langen, mühvoüen Weg, den feit fast zwei Jahrtausende die Söhne seines Volkes gehen und auf dem sein Ziel nur ein Teilziel bildet. Das weiß er wohl, und darum blickt er Über es hinweg in eine lichte Ferne und denkt: Wann werden wir sie erreichen? Und schaut zurück auf einen verbotenen Pfad und seufzt: O hätten wir ihn gemieden. — Ihn fragst du nicht. Er ist auch schon vorüber. Dein Blick nur folgt ihm, und innerlich bleibst du ihm nah. Du begleitest ihn in Gedanken, fühlst gleich ihm, und in dem Augenblicke, als er dir in der Ferne entschwindet, da listpelst du unwillkürlich: „Führe uns zu dir zurück, o Herr, wir wollen ja gern zurück kehren. Erneue unsre Tage wie ehemals".