Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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t&aittab ^•^^■■■■^■■■■■■iH^VMMMKMWKddiM^nwttwnsaMNnMnMwr A&öä1 ffär Nicht nach „Veröffentlichung des Materials" schreien ... Wir abev müßtetk sehr darum bitten. Es wäre damit vielleicht wirklich nicht nur Ungarn, »sondern auch Deutschland und der ganzen Welt gedient ... Zwangssonntagsruhe. In der jüngsten Nummer berichteten wir Über das Gesetzwerden des Warschauer Sonntagsruhe-Projekts durch Abstimmungsbe-; schluß des Warschauer Stadtrates. Daß sich unsere Gesinnungsgenossen gegen diese wirtschaftliche Vergewaltigung kräftig zur Wehr gesetzt haben, haben wir ebenfalls wiederholt betont. Leider; ohne Erfolg. Denn nicht allein die polnischen Stadtvater aller politischen Schattierungen waren auf der Gegenseite, sondern sogar bet Juden, bei den sogenannten „Bnndisten", hielt der letzte Faden von Pietät und Tradition nicht stand. Sie trugen durch Siimmenthaltung zur Ablehnung der Milderungsvorschläge bei. Ein historisches Dokument bleibt immerhin die von Feuer und sittlicher Kraft getragene Rede des orthodoxen Ratmannes im Warschauer Stadtrat, des Herrn Elia Kirsch braun, die im Auszuge hier wiedergegeben sei: „Die Frage der Sonntagsruhe betnfft ein gut Drittel der Warschauer Bevölkerung, das: sich bei Annahme des Gesetzes bis ins tiefste materiell und moralisch getroffen fühlen rrnrß.^ Der Gesetzesvorschlag steht im krassen Wider-' spruch zu unseren heiligsten religiösen Gefühlen, ist ein Attentat auf unser religiöses Gewissen.' Es erübrigt sich auseinanderzusetzen, was der Sabbat für die Juden und besonders für die religiösen Juden, die den größten Teil der jüdischen Bevölkerung bilden, bedeutet. Der Sabbat ist die Grundmauer des jüdischen Glaubens, das Fundament unserer Religion, das auf eine viertausendjährige Vergangenheit zurücksieht und für dessen Heiligung unsere Väter ihr Blut, verspritzt und ihr Leben gelaffen haben. Denn Sabbatruhe ist uns nicht Menschengesetz, sondern eine höhere göttliche Institution und für alle Zeiten geheiligt". Der Redner verliest das vierte Gebot wörtlich und entwirft ein Bild von der idyllischen Sabbatruhe im jüdischen Viertel, wo alle Geschäfte -ruhen und das ganze Leben stille steht,' um dann weiter auszuführen: „Die Frage .des Ruhetages ist der europäischen' Gesetzgebungentnommen.. Die europäische Gesetzgebung läßt aber, in Erkenntnis der sozialen ' Bedürfnisse der einzelnen Klassen, diesen frei,; Der WEM. sich den Ruhetag zu wählen. In Frankreich kann die politische Macht auf Grund des Gesetzes vom 30.- November 1906 sowohl mit Rücksicht auf eigene Ortsverhältnisse wie auf Interessen der einzelnen Branchen die Sonntagsruhe auf einen anderen Tag der Woche übertragen. Ein Gleiches bestimmt das b elg isch e Gesetz vom 17. Juli 1905 und das griechische vom 7. Dezember 1909. In Holsand besteht eine Bestimmung des Arbeiterschutzgesetzes, wonach denen, die aus religiösen Gründen nicht den Sonntag, sondern einen andern Tag feiern, überlassen bleibt, die 24 stündige Arbeitsruhe auf diesen Tag zu legen. In Deutschland enthalt das Gesetz, das im Jahre 1914 im Parlament behandelt wurde, ebenfalls Milderungsbesttmmungen für sabbathaltende Juden. In München beispielsweise ist 16 jüdischen Kaufleutcn, die am Sabbatihre Geschäfte geschloffen halten, vom Stadtrat erlaubt worden, an gewissen Stunden am Sonntag mit ihrem Personal zu arbeiten. In Galizien war den jüdischen Kaufleuten durch das österreichische Gesetz vom 18. Juli 1905 erlaubt, am Snnn.ag-vier Stunden Handel zu treiben und den jüdischen Handwerkern, die den Sabbat halten, sogar den ganzen Tag zu arbeiten. In England sieht das Gesetz über den Betrieb in den Fabriken und Werkstätten eine Reihe von Privilegien für den Juden, der am Sabbat geschlossen hält, vor. Er hat in diesem Falle das Recht, am Sonntag jüdische Arbeiter unbeschränkt zu beschäftigen. Die jüdischen Geschäftsleute können in den jüdischen Quartieren unbehelligt ihre Geschäfte am Sonntag aufhalten. Nach dem Muster des englischen Sonntagsruhegesetzes ist auch das amerikanische abgefaßt, dös vom Parlamente beschlossen ist im5 zurzeit dem Sena e zur Genehmigung vorliegt. Man sieht aus all dem, wie es die Kultur-- staaten wohl möglich machten, das Ruhetagsgesetz im Einvernehmen mit wahrer Gewissensfreiheit und religiöser Toleranz zur Durchführung zu bringen und es wäre tiefschmerzlich, wenn zu einer Zeit, da Europa sich bestrebt, auch den Juden Gerechtigkeit widerführen zu lassen, Polen ganz allein seine Traditionen in dieser Hinsicht verleugnen sollte." Im Namen des orthodoxen Ratmännerklubs verdichtet nun der Redner seine Ausführungen zu folgenden greifbaren Vorschlägen: „Der Stadtrat fordert den Magistrat auf, beim Landtag durchzusetzen, daß dem Gesetze vom 8. Dezember 1919, betreffend Regelung der Arbeitszeit, folgende Zusatzbestimmungen angefügt werden: Die Handelsunternehmungen, die am Sabbat ruhen, bleiben am Sonntag fünf Stunden geöffnet. Die fünfstündige Arbeitszeit soll auf Stunden gelegt werden, jj in denen Gottesdienst in den Kirchen nicht statlfindet.! Rr. s«. Seite 3 Fabriken, Werkstätten usw., die ain Sabbat geschloffen sind und sich in geschlosserten Räumen befinden, dürfen am Sonntag acht Stunden im Betriebe bleiben:" Der Redner schließt mit folgenden Worten: „Geehrte Herren! Sie behaupten und beteuern bei jeder Gelegenheit, daß Sie dm religiösen Wünschen unb Bedürfniffe aller Bürger warmes Interesse entgegenbringev. Nun bietet Ihnen die Abstimmung die günstige Gelegenheit, die Worte in Taten umzusetzerr. Wir werden es bald sehen, ob das uns gegenüber vielgebrauchte Wort „Toleranz" nur ein leerer Schall ist, oder einen wirklichen praktischen Sinn hat." Es war leider ein leerer Schall. Imperialismus. Den in München erschallenden „Mitteilungen/' des D a n r e. l b n n d e s geht ans Jaffa ein hebräisches Schreibet! von Herrn I. Radier- Feldmann zu, das u. E. weitgehendste Verb » ei tnng verdient: „Die letzten Ereignisse in Palästina und deren Widerhall bei der 'europäischen Judeuheit haben in zionistischen Kreisen eine Auffassung von Heroismus aufkomnren lassen, die viel mehr dein europäischen Imperialismus und Militarismus als dem währen Geiste .des Judentums, dein Geiste des Friedens und der Liebe, dein Vertrauen auf Gott entspringt. Als das Volk in Jerusalem vor dein Genteindehans versaimnelt war, da lauschte es mit tiefem Ernst den Worten eines bekannten Red ners. Dieser sprach nicht von Demut vor dein Schöpfer, vom Vertrauen ans die Barmherzigkeit Gottes. Es waren vielmehr auflodernde Worte, Aufforderung zur SelLstwehr, Selbstschutz durch Waffengewalt, und sie entflammten die zarten Herzen der jüdischen Jugend. Nein, tneine Freunde, wenn mau mir eindeutig sagt: „Eitel ist das Leben, mai> fürchtet nicht die .Lebensgefahr", so akzeptiere ich dies gerne. Wenn man aber das Leben durch Macht und Majorität zu schützen glaubt, so ist dies ein verhängnisvoller Irrtum. Sehen wir denn nicht, daß durch den Wetteifer der Völker in Macht und Rüstung viel' mehr zerstört und verwüstet als geschützt und gerettet wird? Und sollten wir durch Waffengewalt uns zeitweiligen Schutz erkämpfen können, so ist uns den Tod lieber als ein solcher Schutz. Mit Blut und Tränen ist in der tiefsten Tiefe unseres Herzens das Gebot eingeprägl: „Du sollst nicht töten!" Konnnt jemand dich zu töten, so komme ihm zuvor und erkläre ihm seinen furchtbaren ' Jetzt erleben wir einen Zeitpunkt, in welchem! unsere Geschichte deutlich die Richtung nach ihrem Höh'enziele eingeschlagen hat: Mag man den Beschluß von San' Remo unter zionistischer oder nichtzionistisechr Perspektive werten, soviel darf wohl als feststehend betrachtet werden: Er bedeutet eine Eäsur im Golusleide und den Auftakt zn einer neuen Periode, an deren Ende das Geulah-Ziel winkt; er läßt in jubelnden Akkorden crnfsteigen den alten Saug: „Siehe, es schlummert - und schläft nicht der Hüter Israels." Pflicht der Agudas Jisroel ist es nun, dafür zu sorgen, daß der religiöse, kulturelle und ökonoanische Aufbau Palästinas sich tm Geiste der Thora vollziehe, damit Israel nicht wieder wie einst vorn heiligen Lande ausgestoßen werde. Der 17. TaMmus ist ja ein mahnendes Wahrzeichen dafür, welches Schicksal ein unheiliges Israel auf heiligem Boden erwartet. Dre fünf Ereignisse, die am 17. Tammus ihre Tränenfpnr in Israels Leidensantlitz gefurcht haben, stellen nicht nur eine chronologische Aufzählung dar, sondern sie .sind auch durch einen.Kausalnexus in ihrer Reihen- Folge bestimmt. „Am 17. Tammus wurden die Taeflu zerbrochen, ward der Opferdienst, eingestellt, wurde dre Stadtmauer Jerusalems durchbrochen, verbrannte Aposwmos die Thora und ward ein Götzenbild im Tempel aufgestellt.". Wenn hier nicht auf den ursächlichen Zusammenhang hätte "hingewiesen .werden sollen, so hätte wohl trotz der andersartigen geschichtlichen Aufeinanderfolge d a s Ereignis, dessen Erinnerung vvvv i"' vor Allem gilt, die Erstürmung Jerusalems, in den Vordergrund gestellt werden müssen. Dennoch steht das Zerbrechen der Gesetzestafeln bedeutungsvoll am Beginn der Aufzählung des fünffachen Leides, weil das Zerschmettern der Tafeln die Wurzel und Ursache des nationalen Verfalls und des Gvlns ist. Israel hat die Worte, die auf den Gesetzestafeln stehen, verachtet, d a r u m ward der Opseroienst eingestellt, wurde eine Bresche in die Stadtmauer Jerusalems geschlagen, , ward die Thora entweiht, der Tempel und das Land geschändet durch Aufstellung eines .Götzenbildes. Möge Israel die Einzigartigkeit feines Volkstums, die Unverglerchlichkeit reiner an Wundern und Zeichen überreichen Geschichte niemals vergessen! Möge der große Moment ein großes Geschlecht finden, das ein heiliges Volk dem heiligen Lande widergibt! Aphorismen. Gottes Allgegenwart. I Jn einem jüngst erschienenen Büchlein über Monismus wird ausgeführt, daß Zeit und Raum nur Denksormen für Körper seien, während für den vom Körper losgelösten Geist und besonders für den absoluten Geist — Gott —, weder' Zeit noch Raum! existieren.! Das scheint nun eine kühne Behauptung, daß die ] Begriffe Zeit und Raum nur für Körper Geltung j haben sollten, da unser a'2er Geist ja mit Köper verbunden und wir uns nicht in den Zustand des körperlosen Geistes hineindenken können. Und doch wolle»» wir dies versuchen! Der uns nächste Fixstern soll nach astronomischer Berechnung ca. vier Billionen Meilen von uns entfernt sein. Nun gibt es Fixsterne, die unserer Wahrnehmung nach zugänglich sind, welche lausend Lichtjahre von uns entfernt sind. Das ist eine, dem menschlichen Verstände ganz unfaßbare Entfernung, da das Licht in einer Sekunde 300000 Kilometer durcheilt und dasselbe trotzdem lausend Jahre brauchte, um von dem Fixstern zu uns zu gelangen. Unser Geist —- Gedanke — ist aber sofort, wenn er sich auf diesen Fixstern richtet, dort und zugleich hier, obwohl unser Geist doch nur eine Schöpfung — ein schwacher Abglanz — Gottes ist. Stellen wir uns nun vor, daß unser Geist vom Körper losgelöst sei; fällt es uns dann noch schwer, den absoluten Geist — Gott — als allgegenwärtig zu begreifen und zu verstehen, daß für ihn weder Zeit noch Raum existieren? Diese Begriffe sind eben nur Notbehelfe für unser»», an den Körper gebundenen Geist. Diese vom Verfafler obenerwähnten Büchleins intuitiv, gefühlsmäßig gefundene Wertung von Zeit und Raum wird durch die neuesten Entdeckungen Profeffor Einsteins bestätigt, welcher durch sirbtile mathematische Berechnunger» nachweist, daß selbst für die Körperwelt Zeit und Raum nicht absolute Realitäten, sondern nur Begriffe von relativer Geltung sind. Auch der menschliche Begriff „Ewigkeit" ist eine für unfern Verstand notwendige Streckung der Zeit in die Vergangenheit rückwärts und in die Zukunft vorwärts. Für Gott, den Schöpfer aller Wesen und Dinge, ist das mit dem Begriff „Zeit" verbundene Atribut „Ewigkeit" am bestey durch „B'tt Reschis, b'li Sachlis",