Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 25 (24.6.1920)
- Date
- 1920-06-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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msmm >-Vly U*J LV wm 3tn Iudenstaat der Lhasaren. Historischer Roman aus dem achten Jahrhundert. (19. Fortsetzung.) XV. Um diese Zeit kam Machir, den man sonst nur noch selten draußen sah, zu R. Amram in die Zitadelle und Warb in aller Form um die Hand Batsuas. „Kennst du Batsua, und' weißt du um ihre eigene Art und ihr verändertes Wesen?" fragte R. Amrcun verwundert. „Ja", sagte der Jüngling, „ich weiß alles". Ad dennoch willst du es wagen?" „Wir sind zwei einsame Seelen und werden uns finden ..." „Ich verstehe den Sinn der Worte nicht". „Ihr wißt, N. Amram, auch i ch bin eigener Art und eigenen Sinnes ..." „Ja, ich hörte was reden . _. . Aber Sorgen um die Gemeinde, eigene Sorgen und die um mein Kind ließen mir keinen Sinn für der Leute Gerede. Was soll es mit deiner Eigenheit?" „R, Amram, man hält mich halb für einen Abtrünnigen ..." „Und du weißt dich rein und zu Unrecht angeklagt?" „Mein Verbrechen ist das, daß ich die Schrift eifrig studiere und ihren ursprünglichen Sinn aus dem Wüste falscher Deutungen herauszi; finden suche . . ." stieß Machtr hervor. „Deine Rede bleibt mir dunkel, ich verstehe nichts". R. Amram, der bis jetzt mit halbem Ohre . zuhörte, wurde sehr aufmerksam. „Wir haben vergessen, dies Buch der Lehre richtig zu lesen, wir müssen es wieder lernen", kam Macwr ins Feuer. „Genügen dir die Auslegungen Sangoris auf Grundlage von Mtschna und Gemara, Mechilta, Sifri, Safra und Mrdrasch nicht?" Machir schwieg finster und verbissen. „Was sollen deine dunklen Andeutungen über Unzulänglichkeit der Schrifterklärung." „Es wird zu viel erklärt und gedeutelt, der erste, einfache Wortsinn muß gelten . . ." „Weißt du nicht, daß das, was ou deuteln nennst, bereits die Tanatm und Amaraim getan?! Wie wüßten wir sonst um die einzelnen Ausführungsbestimmungen der Gebote?" „Wir würden sie sonst in reiner Ursprünglichkeit halten, wie sie sich klar und deutlich aus dem glatten Wortlaute ergeben ..." „Du wagst es, an den Worten der Weisen hrrumzukrttteln?" Amram stand erschrocken auf, aber er beherrschte sich und empfand sogar wie Mitleid mit dem Jüngling, der gedrückt und zugleich trotzig, den Kopf auf'die Brust gesenkt, dasaß. Man durfte ihn nicht aufgeben und nicht so von sich stoßen. „Höre, Machir", sagte er sanft, wie man zu einem störrigen Kinde spricht, „du sprichst von der Reinheit und Ursprünglichkeit des Gesetzes, bas gebunden sei an das Wort. Wie denkst du dir den Sabbat und das Pessachfest und all die hundert Gebote, die in der schriftlichen Lehre nur kurz, in den Hauplzügsn, angedeutet sind, ohne nähere Auslegung der Talmudlehrer? Willst du dann am Eaobat im Dunklen frieren und! den P^atz nicht verlassen — weil der Wortlaut * so mißverstanden werden könnte: „Zündet kein Feuer an in all eueren Wohnsitzen" und „Es sitze Jedermann auf seinem Platze, es verlasse kemer seinen Orr am siebenten Tage? . . ." „Dieses Opfer nehme ich schon lange aus mich", bekannte Machir "mit abgewandtem Blicke. R. Amram wurde bleich. „So weit ist es bereits mit dir gekommen?" . „Wer könnte es mir verbieten, Erschwerungen .mir auszuerlegen?" „Wieviele Erleichterungen und Abweichungen werden sich aber aus diesen Gedankengängen ergeben? Bist du auch dahin schon, bis zum letzten Punkte gegangen?" „Rein, noch nicht . . in der Handhabung der Gesetze wenigstens noch nicht bis ans Ende ..." erwiderte Machir mit gesenkter Stimme. „Dann können wir noch miteinander reden. Siehst du, Machir, nicht den Wahnwitz dieser Auffassung ein, von der ich einmal dunkel etwas hörte, aber nicht glaubte, daß sie je Vertretet in unserem Kreise, finden könnte. Wie denkt ihr euch -denn eigentlich das Gesetz nach dem Worte? Wollt ihr etwa nach Art der alten Sadduzäer mit dem Omerzählen erst mit Sabbatausgang nach dem Feste beginnen oder in der Gerichtsbarkeit das „Zahn um Zahn", „Auge um Auge" wörtlich zur Anwendung bringend" „Wer gab den Lehrern das Recht, gerade diesen letzen Satz seines einfachen Wortsinnes zu entkleiden und ihn in der Richtung einer Geldstrafe umzudeuten?" „Wer?" R. Amram zitterte vor Erregung, „wer, fragst du, die Ueberlieferung. Haben etwa die Weisen etwas erdacht und erdichtet, was nicht von altersher seit den Zeiten des Moses und Josua, von Generation auf Generation überkommen ist? Weißt du nicht, daß selbst die dreizehn Schlüssel, mit denen Rabbi Jsmael die Halacha aus dem Schriftworte erschließt, zum Teil erst gestützt auf die mündliche Ueberlieferung in Anwendung kommen können?" „Wer verbürgt uns die Richtigkeit dieser Ueberlieferung?" „Die Weisen selbst, das Buch Aboth, die Aussagen im Mischnabuch Edjoth". „Dieser Zeugenschaft entgegen steht das Wort, fest und unerschütterlich, wie ein Granit, an dem sich alle Deuteleien brechen", beharrte Machir mit wachsendem Trotze. - R. Amram rang nach Luft. „Und was willst du hier bei mir mit deinem abgekehrten Sinne? Warum kamst du?" „Um Batsua". „Du wagst es, nach all dem . . .?" „Ja, sie ist krank, ich wohl auch, wir werden miteinander, aneinander gesunden". R. Amram sah von dem Abgekehrten weg. Sangori war wie aus allen Himmeln gefallen/ als ihm R. Amram von seinem Gespräch mir Machir erzählte und mit Entsetzen berichtete, wie wett es bereits mit diesem gekommen sei. Hatte er all die Zeit in der geistigen Welt so abseits aller Wirklichkeit gelebt, daß so etwas unter seinen Augrn vor sich gehen konnte und er es garntcht merkte? Er war fassungslos. Er sprach sich nichts von der Schuld frei, über dem Großen, das sich um ihn vorbereitete, das Nächste, die seiner geistigen Obhut Anvertrauten, aus dem Auge gelassen zu haben. Die Erkenntnis wirkte mit umso niederschmetternder Wucht, als er einen solchen Gesinnungswandel, der innerhalb seines Kreises nie für möglich gehalten und all die Vorzeichen entweder nicht gesehen oder ihnen gar keine Bedeutung beigemeffen hatte. Eine Aussprache mit Machir führte indes zu keinem Ergebnis. Machir kam, blieb aber still, verstockt und sah kaum auf, als ihm der Rabbi! streng und sanft, mild und mahnend ins Gewissen? redete. Er ging, wie er gekommen war, ohne Reue, ohne Belehrung. Da sagte Sangori eines Tages zu R. Amram: „Er kehrt uns den Rücken. Was ihn hier noch hält, das ist euer Haus. Er freit um Batsua-Ihr solltet ihn nicht ab weisen. .." „Ihm, dem Abtrünnigen, meine Tochter?^ erschrak R. Amram. „Er besinnt sich vielleicht an ihrer Sette auf sich zurück". „Und wer gibt ih r die Selbstbesinnung wieder, Rabbi?" - Amram weinte still in sich hinein. „Er vielleicht^, erwiderte Sangori, ,,die Wege Gottes sind wundersam, wenn er schlägt, auch wenn er heilt . . ." „Mein frommes, gutes Kind!" rang R. Amram die Hände. „R. Amram", belehrte Sangori, „ihr wißt doch, was der Midrasch von Jakob erzählt : Einen der größten Schmerzen seines Lebens, die Entführung Dtnas, mußte er zur Strafe dafür erleiden, weil er beim Wiedersehen mit Esau Din l verborgen hielt und diese seinem Bruder vorenthielt. Hätte er sie Esau zugesührt — dieser wäre vielleicht kein Esau mehr . . . Der Emfluß einer Frau ist groß, im Guten wie im Bösen. . ." R. Amram nahm sich die Worte zu Herzen. Aber Batsua kam bet dem nächsten Besuche Machtrs in der Zitadelle in so heftige Erregung, daß man alle Versuche als verfehlt ansehen mußte.. „Werde m etn", stehte Machir, „ich führe dich in ein Paradies, wo dir der Himmel offen steht, wir ziehen nach I er u s a l em, der heiligen Stadt-. Barsua lachte schrill auf, durchbohrte mit Feueraugen den kleinen, dunklen Mann und ging dann in lautes Schluchzen über. „Komm mit mir, Batsua, du bist krank, ich auch. Dort in Jerusalem ist der heilige Mann, An an heißt er, er schöpft -seine Kraft aus dem heiligen Buche, er wird uns helfen . . ." „Anan, Anän, Anan", wiederholte sie wie geistesabwesend mit abgekehrtem Gesichte und fremder Stimme. „Anan ist die Wolke, die aus Erde und Waffer schöpft — aber diese Wolke wird vom Winde gejagt, ihr Wasser kommt zur Erde nicht wieder . * . Wer sich vom Boden erhebt, ist von ihm losgetrennt... Anan ist verloren . . . Aber von den Bergen her ergießen sich neue Bäche in den Fluß . . . Anan, die Wolke, verfliegt, kommt nicht wieder, der Bergbach aber braust heran, fließt uns zu . . J Ermattet warf sich das Mädchen auf den Diwan und weinte. „Der Geist ist umnachtet und sieht Visionen", nickte R. Amram im Nebenzimmer verzweifelt Sangori zu. Sangori runzelte die Stirn. „In der Nacht sieht der Geist, losgetrennt von der Fessel des Körpers, hell und weit . . . Achten wix die Worte der Kranken nicht gering, sie klingen wie Offenbarungen, Prophezeiungen . . .! „Batsua", versuchte Machir noch einmal. „Gehe", schrie sie außer sich, „auch du bist Anan, Wolke, und mußt verschwinden. . . Verschwinden, bevor sich der Bergbach ergießt . . ." „Batsua!" bat jetzt auch Rechamah und ergriff ihre Hand. . Aus Batsuas Augen zuckten Blitze, die Machir ins Herz zündeten. Da ging der Jüngling stumm und gesenkten Hauptes von dannen. „Er kommt nicht wieder", seufzte Sangori ^Wolke vergeht, Bergbach braust heran . . .", phantasierte das Mädchen im Delirium. (Fortsetzung folgt).