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Der Israelit · 1920-06-24 · Heft 25 (24.6.1920) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 25 (24.6.1920)
Date
1920-06-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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34. Juni 1930 Ser K-rarlU. moralische Kräfte zum Wohle der Menschheit vom heiligen Lande ausströmen werden. Dies sind die Ziele/ welche unter der hohen Oberaufsicht des Völkerbundes die britische Regierung/in Ausübung des Mandates für Palästina/ zu erreichen sich bemühen wird". _ MW Israel Hildesheimer Tütpersönliche Erinnerungen zu seinem hundertsten Geburtstage 5580 — 27. Ijar —5680. Von Rabb. Dr. A. Cohn in Bafel. (Schluß.) Wieviele solche Werke der Wohltätigkeit har der Rabbi in seinem Leben vollbracht, von denen niemand außer den Beteiligten etwas erfahren hät. Das war das Große am Rabbi, er fand Zeit für alles, und von ihn:, dem fo viel Beschäftigten, der mehr geleistet hat, als eine gange Anzahl fleißiger Männer zusammen zu schaffen vermögen, hörte man nie das Wort: er habe keine Zeit. , ' Wie der Rabbi sich abarbeitete, zeigte sich, wenn er uns Knaben aus der Selektä — wir waren etwa 8 Knaben von 15—16 JalNen — abends 'von '8—10 Uhr im Talmud unterrichtete. Der Rabbi war gerade für Heranwachsende Schüler ein ganz vorzüglicher Lehrer. Wir lernten bei ihm den ersten na von j mit fHBDNT Lebendig trug er uns vor. Dann mußten wir den Text nachsagen und alles klar auswendig wiederholen. Warum der Rabbi beini Unterricht hin- und herging, merkten wir zunächst nicht, bis es uns deutlich wurde : er kämpfte „nit eisernem Willen gegen die Bindigkeit und das Schlafbedürfnis. Denn wenn er sich hie und. da hinfetzte, fo kam es manches Mal uor, daß er für Sekunden ein schlief. Er ermunterte sich jedoch sofort wieder und hatte sich so in der Gewalt, daß er mit den gleichen Worten fortfahren konnte, bei denen ihn der Schlaf übermannt hatte. Man sagte von dem Rabbi, daß er, wenn er sich niederlegte, schorr einschlief, wenn er den zweiten Fuß noch nicht ins Bett gezogen hatte. „Süß war der Schlaf des Arbeiters", ev. schlief wahrlich den Schlaf des „Gerechten". Freilich hätte der Rabbi diese umfassende Tätigkeit nicht vollbringen können, wenn Gott ihm nicht die edle und seiner würdige Gefährtin fürs Leben gegeben hätte. Wie sie die Heimat verließ, um in das knlturarme Ungarn überzusiedeln, -und wie sie, die Tochter aus reicheni Hanse, sich dort abmühte, die Schüler ihres Mannes mit Wäsche und Kleidern zu versori gen, so war sie immer und überall die treue! Gehilfin ihres Mannes, die Stütze an seiner * Seite, mit der er sich über alles beriet und die in schweren Stunden ihn angespornt und ermutigt hat. Nie sah ich mehr' als hier die Wahrheit des Wortes der Weisen bestätigt: „Das Haus, das ist die Frau". Sie gab den: 1 Hanse das Gepräge. Daß dieses Hans so schön! und traulich war, daß besonders die Festtage j im Hanse denen, di^ sie mit der Familie feiern buvften — ich selbst war am Suckos, da wir keine eigene Sucko hatten, zehn Jahre lang Gast des Hauses — stets unvergeßlich bleiben werden, das war .ihr Werk. Würde und Hoheit umgaben sie, und rechte Vornehmheit war ihr eigen. „Ihren Mund öffnete sie mit Verstand, utib Worte der Güte waren auf ihrer Zunge." Auch, daß Wohltätigkeit tm Hause in außerordentlichem Maße .geübt wurde, daß wer hungrig ins Haus kam, es sütt wieder verließ, — der Rabbi nannte manches nlal scherzhaft sein Hans das Hotel zum Wilden Mann — wäre nicht möglich .gewesen, wenn nicht der Rabbi eine so Me, herrliche Gattin gehabt hätte, die von gleichem Streben wie er beseelt war. Eine besondere Würdigung , verdient das eigenartige Verhältnis des Rabbi gu seinen Schülerin Ter Rabbi hat mir selbst einmal gesagt, er habe Mer 1200 Schüler nnsgebildet. Was konnte da ein einzelner Schüler für ihn bedeuten? Und doch sah er in keinem eine „vorübergehende Erscheinung". Jeder war ihm lieb und wert, und seine Schüler waren ihm teuer wie seine eigenen Kinder. Er nahm an ihrem Wohl und Wehe teil und hörte nicht aus, sich um ihr .Ergehen mit Liebe und Treue zu kümmern. Mich hatte er — aber das glaubte wohl ein jeder .von sich — besonders in sein Herz geschlossen. Ich war als Knabe zart und schwächlich. Es war in den Sommerserien des Jahres 1875, und sich nahm seit kurzen! am Unterricht des Rabbi teil, da .klingelte es an unserer Wohnung, und der Rabbi trat herein. Er inüsse, so sagte er, wegen einer Mizwoh einen Gang nach Neuschöuhauscn machen (ca. 2 Meilen von Berlin), .und da er gehört habe, daß der Aufenthalt .in der frischen Lust mir gut tun würde, so lade er mich ein, ihn zu begleiten. Damals hat der Rabbi mein ganzes Herz gewonnen. Man denke! Ein Mann, der mit den größten Männerch seiner Zeit in allen Ländern verkehrte, der für die Hungrigen in Persien und Rußland sorgte, der so viel Großes und Schweres zu leisten hatte und leistete, dachte daran, daß ein hcraMachsender Knabe frische Lust brauche und benutzte die Gelegenheit, sie ihm zu verschaffen. Nr. 35. Sekte 5 M«W«Iihm »»»im WM—»■ IW mW i Ti1p¥T >W , , Für seine Schüler war den, Rabbi.keine Arbeit zu groß, keine Mühe zu.viel. Um rneine Trauung selbst vorzunehmen, verbrachte er, der damals schon fast 70 Jahre zählte, zwei Nächte im Eisenbahnwagen. Als er nach einem geistsprühenden Toast ans Rabbi Meier Berget, den großen und überaus bescheidenen Tattnn'dgelehrten von Rawitsth, von der Hochzeitsgesellschaft Abschied nahm, sagte ,mein Freund und Lehrer- Rabbiner Tr. Cahn-Fulda, ebenfalls ein Schüler des Rabbi, es mißfalle ihm an unserenr Rabbi ein Zug, jedoch würde es die schuldige Ehrfurcht gegen den Lehrer verletzen, wenn er, als Schüler, diesen Zug nennen würde. Es entspann sich nun ein witziger.Streit zwischen Lehrer und Schüler, bis der Rabbi ihm schließlich befahl, sich oentlicher auszndrncken, und es nun Herauskain, oaß ihm der Zug mißfalle, mit dem der Rabbi uns verlassen wolle! Nie war der Einstich einer Persönlichkeit auf andere stärker ,als derjenige, den er auf seine Schüler ansübte. Seine Auffassung vom kategorischen Imperativ der Pflicht, die er uns vorlebte, seine abgeklärte Weltarsichauung, seine tief innige Liebe zur Thora, seine feurige Begeisterung für die .Worte der Weisen sind die Ideale seiner Schüler geworden.Ta wie Pfeile in der Hand des Helden, die, , nachdem der Schütze sie abgeschossen, immer noch die Richtung verfolgen, die jener ihnen gegeben, so sind die Schüler des Rabbi trotz aller Schwierigkeiten und Anfechtungen pnit wenigen Ausnahmen den Prinzipien ihres Lehrers treu geblieben, auch nachdem sie längst ins Leben hinausgetreteu waren. Für uns Schüler war und blieb er das Ideal eines Menschen und Juden. Sein Wort war uns heilig und in allen Dingen absolut entscheidend und maßgebend. Nicht als ob wir ihn für den klügsten Menschen gehalten hätten glaubte er doch jedem und war .so leicht zu täuschen wie ein Kind aber der Beste und Edelste war er in unfern Angen, und wir waren von der lieber^ zeuguug durchdrungen DCfn nrro Dvaan njn was er sagte, war im Sinne der Thora und unserer Weisen gesprochen. Wieviel der. Rabbi bei seinen Schülern galt, dafür will ich einige Beispiele anführen. Ein mal hatte einer seiner Schüler etwas getan, was den Rabbi, der sehr impulsiv war, veranlaßtc, ihm in einer ösfentlichen Erklärnrrg int „Israelit" zu desavouieren. Der Betreffende stand damals als -Rabbiner an der Spitze einer großen Gemeinde und war vom Rabbi vollkommen unabhängig. Unter andern Umständen durste man erwarten, daß er-eine Klage wegen Ehrenbeleidigung gegen ihn austrengen würde. Aber das Verhältnis des Rabbi zu seinen Schülern war die Duelle seines Mutes und seiner Tapferkeit hinwie auf die Bedingung des Steges, auf die von ihm im steten Aufblick, zum Herrn des Krieges zu gewinnende Selbstläuterung. Das gleiche Kapitel enthält die sich anschließende Ansprache der Beamten, die bestimmte Kategorien unter den Mannschaften zur Rückkehr aufforderten. Die ein neues Haus gebaut, es aber noch nicht bezogen, die einen Weinberg gepflanzt, von ihm aber noch keinen Genast gehabt, die sich eine Frau angelobr, sie aber noch nicht heimgeführt hatten, diese sollten an der Landesgrenze umkehren, ebenso aber auch etwa solche, die furchtsam und schwachherzig waren. Es sollten offenbar alle ausscheiden, die mit ihrer Tätigkeit daheiry bessere Kriegshilfe leisten konnten, tote gerade jenen, die infolge ihrer sozialen Verhältnisse umkehrten, die Versorgung dec Krieger mit Lebensmitteln und ähnlichen Leistungen geboten war und auch jene, die mit ihrem Mangel an persönlicher Tapferkeit und Standhaftigkeit, eine große Gefahr für die anderen bedeuteten. Tief bedeutsam für unsere Frage ist es, daß nach einer rabbinischen Deutung nicht wirkliche Feigheit, sondern nur Verzagtheit infolge erwachten Schuldbewußtseins (wegen begangener Sünden) die Betroffenen von der Kriegsleilnahme ausschloß. Soviel ist nun gewiß, daß auch nicht der leiseste Schatten eines Vorwurfes aus der Bibel herausgefunden werden könnte. Und es muß wohl auch der Talmud eine ganz schwache Ausbeute bieten, wenn Otto Arnim auf den einen Satz in Pesachlm zurückgreift. Derselbe steht inmitten einer Reihe von agadischen Aussprüchen, die nicht alle einen eindeutigen Sinn haben, sondern "eine verschiedene Erklärung zulassen. Nach dem Versaffer wird dem in den Krieg Ziehenden empfahlen, Ms letzter auszuziehen, damit er als erster heimkehre. Unverständlich bleibt uns, wie aus dem Vordersatz der Nachsatz folgt, warum der zuletzt > Ausziehende der zuerst Hcimkehrende sein muß? Offenbar wendet sich der Autor des Satzes im Talmud ausnahmslos an einen jeden seiner Zeit und seines Geschlechtes. Wenn nun ein jeder diese Mahnung beherzigte, wie jener es erwarten muß, wer wären da die ersten, die hinauszögen? Oder meint Armin viel-, üicht, daß R. Jochanan, der diesen Satz an der Spitze dreier Aussprüche „im Namen der Männer von Jerusalem" ansührt, unsere Zeit vorausgesehen und sich an die jüdischen Krieger inmitten der vielen Heere gewandt hat? Der Sinn unseres Satzes ist aber ein völlig anderer als der ihm unterlegt wird. Der Soldat soll im Kriege tapfer und entschlossen sein, er darf sich aber nicht durch ein waghulsiges Vorgehen in Gefahren bringenes ist auch seine Pflicht, alles daran zu setzen, daß er, falls es zur Flucht kommt, nicht in die Hand des Feindes fällt. Dies empfiehlt nun unser Spruch dem Krieger zur Beherzigung. „Wenn du in den Krieg ziehst, so gehe nicht (unbedächtig und waghalsig) ins Bordertreffen, damit du (im Falle der Flucht) dich unter den ersten von: Feinde loslösen kannst". Ist das nicht die Taktik, wie fie auch wohl im letzten Kriege von den meisten als selbstverständlich angesehen wurde? Wir gehen aber nicht zu weit vom Ziele, wenn wir auch folgende Erklärung wagen. „Wenn du überhaupt in den Krieg ziehst, io gehe nur aus ihn ein als ultima ratio (nachdem du alle anderen Möglichkeiten versucht hast), damit du dann wieder schnell ihn abbrechen kannst". Wir denken, daß diese echte Lebrnsklugheit durch den furchtbaren Weltkrieg eine neue Bestätigung gefunden hat. Wieviel Enttäuschungen und wieviel Unheil wären'..vermieden worden, wenn unser Satz in der letzten Deutung beherzigt worden wäre! Doch mit der Vergangenheit ist nicht zu rechten und wir wehren nur « den Ansturm ab, den man nicht nur gegen uns selbst sondern auch gegen unsere geistigen Güter immer voll neuem versucht. Daß die Juden keine Drückeberger sind, das ist in nicht zu widerlegender Weise auch in dieser Zeitschrift bereits nachgewiesen worden, daß über auch der Armin'sche Leitsatz falsch erklärt nnd allgewandt ist, das hoffe ich hier gezeigt zu haben. (Wie wir es auch mache» . ) In einer Besprechung und — natürlich — Anhimmelung der Delitzschen „Großen Täuschung" in den „Alldeutschen Blättern" Berlin, lesen wir n. a.: „Dieser jüdische Nationalgott ist an den Boden gebunden, den ihm sein, arrserwähltes Volk erobert hat, so sehr daran ge" bunden, daß die -vertriebenen Juden auf die Aust forderung ein Lied von Zion zu singen, wehklagend antworteten: „Wie könnten wir Gott besingen ans dem Boden der Fremden"? Hätte man ihnen einige Körb.- voll kananitischer Erde hingestreut, dann hättet» sie Gott dienen können. Man vergleiche damit die Lehre des „N. T.": „Wenn duaber betest, so gehe iu dein Kämmerlein und schließe die Tür zu und bete zrr deinem Vater im verborgenen und dein Varer, der das Verborgene steht, wird dirs vergelten ewiglich"! Delitzsch kann unseren Vätern andererseits nicht verzeihen, daß sie unter Cyrus noch in Babylon- Persien blieben. Also, wie wir es auch machen . . lll Verlobte. Hilda Oppenheimer, Gedern (OberHO mit Samuel Friedmanrr, Berlin, Linienstr. 196.

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