Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 24 (17.6.1920)
- Date
- 1920-06-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450088-2450110--68289-2525398- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seit« 8 No- 24 Der JSraeltt. 17. I-uvi 1920 Von der GittengröKe unserer Weisen. I. Der Honig des Rabbi Chanaja. In der Schule zu Sophorts lehrte der große Rabbi Chanaja vor einer tausendköpfigen Schülerschaar, die er in der Auslegung der heiligen Schrift und Handhabung der Gebote unterwies. Da er von seinem Lehramre keinen Nutzen zachen wollte, so betrieb er zu seiner Lebensfristung einen Handel mit Honig, der gerade genug abwarf, um seine Familie mit kärglichem Brod zu versorgen. Ec verkauft zweierlei Arten von Honig, einen Bienenhonig, der teuerer im Preis war und einen Frucht Honig für die ärmeren Leute, die sich mit geringerem Geld die süße Nahrung verschaffen wollten. Eines Tages kamen Kaufleute aus Babylon, um ihre Honigeinkäufe bei Nabbt Chananja zu machen. In seiner Geschäftigkeit verwechselte er die Krüge und gab ihnen Fruchthonig für den Preis von Bienenhonig. Erst nachdem sie gegangen waren, erkannte er seinrn Irrtum, wußte aber nicht, wie er ihn guimachen sollte, da er den Wohnsitz der Käufer nicht kannte. Nach einiger Zeit erschienen aber die Kaufleute wieder bei ihm und verlangten vom gleichen Honig, der in ihrem Lande große Nachfrage gefunden hätte. Rabbi Chananja klärte ihnen sofort den Irrtum auf und wollte ihnen den Rest des Geldes zurückgeben, den sie, in der Meinung es sei reiner Bienenhonig, mehr gezahlt hatten. Die Käufer lehnten aber die Annahme des Geldes ab. Sie behaupteten, der Fruchthonig des Heiligen Landes sei so ausgiebig und schmackhaft, daß sie einen anderen gar nicht wünschten und gern wieder den höheren Preis für die gleiche Ware zahlen möchten. Rabbi Chananja weigerte sich aber, das zu Unrecht eingenommene Geld für sich zu genießen, und führte es wohltätigen Zw ecken zu. II. Die wachsenden Pfänder. Arme Durchwanderer ließen bet dem berühmten frommen Rabbi Pinchas, dem Soh ne Jairs, zwei Maß voll Gerste zur Aufbewahrung. Ein halbes Jahr verging wohl und di e armen Leute kamen nicht, um ihr Eigentum zu holen. Die Zeit der Aussaat war gekommen. Da ging der Rabbi kurz entschlossen mit der Frucht auf sein Feld und senkte sie als Aussaa t in den Boden. Als im Spätsommer die Eigentümer endlich kamen, um ihre Gerste zu holen, führte sie Rabbi Pinchas aufs Feld und sagte: Ihr müßt nun ein Kamel oder einen Esel mit Wagen herschaffen, um Eure zwei Maaß Gerste hrtmholen zu können, denn sie haben auf dem Acker reiche Ernte getragen. IH. Wahrheitsliebe. Rabbi Safra war mit feinen Schülern auf einem Spaziergange in der Umgegend der Stadt. Da kam ein berühmter Frommer des Weges. Dieser glaubte, Rabbi Safra sei mit seinen Schülern eigens aus der Stadt gegangen, um ihn zu begrüßen und wies beschrtdentlich die vermeintliche Ehrung mit den Worten zurück: „Es wäre nicht Nötig gewesen, daß der Rabbi sich N« meinetwegkü so viele Mühe mache." Rabbi Safra klärte ihn aber darüber auf, daß er sich auf einem Spaziergange befände, und er an solche Ehrung gar nicht gedackt hätte.'Der fremde Gelehrte geriet ob dieser Offenheit in große Verlegenheit und die Schüler fragten Rabbi Safra, ob es wohl nötig gewesen wäreden Mann um seine Meinung zu bringen. „Hätte. ich etwa lügen sollen?" fragte der Rabbi? „Aber der Rabbi hätte ja schweigen können", meinten die Schüler. „Nein", erwiederte Nabbt Safra: „Auch das Schweigen wäre in diesem Fall eine Lüge gewesen. „Man spreche Wahrheit mit s e i n e m Herzen", heißt es ja in der* Schrift." Der gleiche Rc»w Safra wollte einstens einen Schmuck für zehn Silbcrstücke verkaufen. Da der Käufer aber nur die Hälfte bot, so kam der Handel nicht zu Stande. Am zweiten Morgen erschien der Käufer noch einmal beim Nabbt. Er traf ihn beim Morgengebet. Wie dieses zu Ende war, sagte der Käufer, er habe sich inzwischen die Sache überlegt, und sei jetzt bereit, den geforderten Preis von zehn Silberstücken zu zahlen. „Auch ich hatte mir die Sache inzwischen überlegt",' sagte der Rabbi. „Ich war entschlossen, den Schmuck, wenn der Käufer zum zweiten Mal kommen sollte, für fünf Dinarim herzugeben und habe nun kein Recht, mehr zu fordern." , ' Ferien. Bon Heinrich Einftädter. Das ist ein gern gehörtes Wort. Wenn die 'Frühlingsfeste Pessach und Schowuaus vergangen sind, dann freuen sich die Kinder auf die Sommerferien. Dann denken sie an Freiheit und Ruhe, an Reisen und Wandern; dann träumen sie vom Aufenthalt in fremden Gegenden und von seltsamen Erlebnissen. Beneidenswert sind die Kinder, welchen nach einem Jahre fleißiger Schularbeit als Lohn eine Einladung zu guten Verwandten winkt, die ihnen gern ein paar schöne Wochen bereiten. Da hat das blasse'Stadtkind Gelegenheit, sich auf dem Lande gut zu erholen, und es nimmt von einem solchen Aufenthalte teure Erinnerungen mit, von denen es wieder ein ganzes Jahr zehren kann. Gute Menschen sorgen dafür, daß auch bedürft Ligen Schülern und Schülerinnen, die nicht in der angenehmen Lage sind, zu Verwandten reisen zu können, ein Ersatz geboten wird. Sie werden zu sogenannten Ferienkolonien gesammelt und fahren unter Aufsicht von Lehrern und Lehrerinnen in Gebirgsgegenden, woselbst sie durch reichlichen Aufenthalt in guter Luft und durch kräftige Ernährung ihren geschwächten Körper für neue Anstrengungen stählen können. Mid-einer solchen Kolonie kam vor einigen Jahren die kleine Ruth nach Kronfels, Sie war so blaß und so mager, daß die rotwangigen ' Dorfkinder meinten, sie wäre krank. Sie kam aber aus einer engen Kellerwohnung, in die niemals ein Sonnenstrahl eindrang, und gehörte ganz warmen Leuten an, die noch selten von einem ihrer Kinder bei der Aufforderung zum Essen die Antwort erhalten hatten: „Ich danke, ich bin schon satt." Ruth war ein kluges und gemMvolles Kind'. In ihrer Einbildungskraft konnte sie sich Vorteilen, das Hinterhaus wäre ein Schloß und die Kartoffeln schmeckten wie Gänsebraten, obschon sie solchen noch nie gegessen hatte. Und -als sie im Kronfelder Walde unter einem Baume 'aß, da vermochte sie erst recht von allerlei schönen und angenehmen Dingen zu träumen. Sie. gab den Blumen, die um sie her standen, die Namen der Märchenprinzessinnen, von denen, ie gelesen hätte, und die Käfer und Bienen, die sie besuchten, waren die mutigen Prinzen, die die Verzauberten erlösen wollten. «. Als Rüth so recht aufmerksam zu ihnen hin schaute, da entdeckte sie im . hohen Grase einen Gegenstand, es war ein wohlgefülttes Geldtäschchen. Sie-öffnete es.. Einen solchen Schatz hatte sie noch nie gesehen.Fünfzigerrlnd Hun^ derter lagen in den Fächern dicht gedrängt- und Ruth war klug genug, um zu wissen,, wie viel schöne Sachen man schon für einen einzigen dieser bunten Scheine erhalten könnte, Dennoch dachte sie keinen Augenblick daran, ihren Fund als ihr Eigentum zu betrachten. Sie brachte ihn sofort der Lehrerin, die ihn dm Abend bei der Rückkehr ins Dorf in-der Bürgermeisterei^abgab,! ' Einige Tage später, als die Kinder wieder im Freien spielten, kam ein Mann zu der Lehrerin und gab sich ihr als Eigentümer der verlorenen Geldtasche zu erkennen. Er hatte sie in der Bürgermeisterei in Empfang genommen Und wollte nun dem ehrlichen Kinde danken. Die Lehrerin ließ Ruth rufen. Diese nannte dem fremden Herrn ihren Namen und gab ihm auf all seine Fragen knappe und bescheidene Antworten. Das Kind gefiel ihm gut, und er wünschte,, ihm eine Freude zu bereiten. Darum bat er die Lehrerin um. die Erlaubnis, das Mädchen Mer Schabbos mit sich nehmen zu dürfen. Er wohnte in einem benachbarten Dorfe und erfreute sich, wie die Lehrerin wußte, mit Recht eines großen Ansehens. Darum gab sie auch gern ihre Einwilligung und als sie Ruth fragte: „Willst Du mit diesem Männe ziehen?" da antwortete sie gleich unserer Stammutter Rebekka und ging an der Hand ihres Gönners ins Dorf, um ihre wenigen Habseligkeiten herbeizuholen und mit ihm auf fernem Wägelchen abzureisen. Da kam denn ein Schabbos mit solchem Ergötzen, wie es die atme Ruth nie erträumt hatte. Herr Und Frau Bär und'ihre Kinder zeigten dem fremden Mädchen so viel Liebe, daß es meinte, es erlebte wirklich ein Märchen, und als sie noch entdeckten,' wie fromm das Kind war und wie es in allen Gebeten so gut Bescheid wußte, da hätten-sie es am liebsten für immer bei sich behalten. . Aber die Ferien gingen zu Ende, und die Kolonie mußte' in die Stadt zurückekhren. Am Bahnhose verabschiedete sich Ruth von ihren neuen Freunden, die sie schon für die vollen -Ferien des nächsten Jahres zu ssich eingeladen hatten. Zuletzt gab Herr Bär dem Mädchen noch einen Gepäckschein und einen Schlüssel, den es bis zur Ankunft in der Heimat gut verwahren sollte. Zum Fragen und Danken war kaum mehr Zeit. Die Lokomotive pfiff, und der Zug rollte aus dem Bahnhof. Jetzt hatte Ruth Muße zunt Nachdenken. Was hatten Gepäckschein . und Schlüssel zu bedeuten? Aber so viel sie auch dachte, die Wahrheit erriet sie nicht, denn als der Vater das Gepäck abholte, da erhielt er einen großen Koffer, und als der.Koffer geöffnet wurde, da tagen in ihm Kleider und Wäsche für Ruth -und viele nützliche Sachen für ihre Eltern und Geschwister. Daß sie so auch noch ihren Lieben etwas mitgebracht hätte, das freute die überglückliche Ruth am allermeisten. Auslösung de- Rätsels in Nr. 28. ivp Reichtum V» Tor ... iwn Sturm Wi Bösewicht. Richtige Lösungen sandten ein: Jakob Strauß, .Hamburg; Siegm. Erlebacher, töoldbach: Samuel i Beer, Segeberg: Ilse Möller, Hamburg: Elia» Wolf, I Leipzig: Raphael WarssawSkt und David WarssawSkt, Fürth: MarkuS Neuberger, Hanna und Heinrich ßdihm, 1 l Serlin; Siegfried Stein, Harburg: Ludwig Rapp, Karl Stern, Emil Schwarzschild, Ernst Hamburger, Alfred Stein, Markus Blumenthal, alle in Krankfurt a« Main. -