Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 24 (17.6.1920)
- Date
- 1920-06-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Zeuilleton-Veilaae za Ar. 24 des „Israelit". Im MMaat der Lhasaren. Historischer Roman au# dem achten Jahrhundert. (18. Fortsetzung.) XIV. In Balagar verfolgte man den Lauf der Dinge um Arditan mit Spannung, mit besonderem Hangen rmd Bangen in der Judenstadt, wo man wohl wußte, was von Krieg oder Niederlage für die Bewohner alles abhing. Sangori und R Amram waren immer noch tu der Zitadelle gefangen gehalten, wo sie sich aber, voller Bewegungsfreiheit und Hefter Behandlung erfreuten. Ungestört konnten sie Besuch; von Familie und freunden empfangen, ihr jüdisches Leben führen und ihren Siudien nach, gehen. Ihre Wichen waren mehr treue Wärter, die sorgsam über ihr persönliches Wohl wachten als G-fangetMwächter Mehr denn einmal war von der Judenstadt aus angeregt worden, einen Versuch zur vollständigen Befreiung der Führer beim Chakanate zu machen. Doch hatten sowohl sie selbst wie Affarius, Kaspi und Balschan ihre guten Gründe, dieses zu unterlassen. Man durste bie anders Seite nicht zu Grgenuntermhmungen reizen. Es wußte auch keiner recht um den Grund der guten Behandlung der Grsanzenen. San. gort hatte vorerst Schweigen gelobt über seine Erste Unterredung mit dem Chakan. Außer den drei Männern in der Chasarenstadt ahnte feiner etwas davon. „Man darf nicht zu früh Hoffnungen wecken und nähren", war von jeher sein Grundsatz. Das Leben in der Gemeinde wollte indes nicht recht wieder in Fluff kommen. Die Jugend kfrcix nicht da und däs Lehrhaus war verödet. Sangort seufzte nur tief, wenn er von den Söhnen in der Ferne sprach, ohne ein Wort des Tadels oder Lobes über die Lippen zu bringen. Eingeweihte wußten, daß er das Unternehmen sür gewagt hielt, es aber hinterher aus tiefstem Herzen segnete. Nechamah war oft in der Zitadelle und vm den Vater besorgt, in freudigem Stolze hob sich ihre Brust, wenn sie von Ben Chisdai sprach und dem Vater die Einzelheiten über das Wunder, das sich unter seiner Lek< im Herzen Her Jünger vollzog, berichtete. An Stelle des abwesenden Ben Chisdai hatte sich jetzt Machir, der ,,Tatare", ^um Führer -des kleinen dagebliebenen Restes der Jugend aufgefpielt, den er. mit neuen Gedanken und Ideen an sich zu fesseln suchte. Man tuschelte über ihn allerlei . . . Sangori ließ Zwtschenträgereien nicht an sich herankommen. Sein Glauben an jeden Einzelnen seiner Schaar blieb unerschütterlich und die Beschlagenheit Machirs in allen Teilen der Schrift, sowie seine gewandte Art in der Handhabung des SHriftwortes, auch der entlegensten Stellen, schien ihm besonders -lobenswert. In der Stadt erzählte man sich aber von Machir, daß er des öfteren mit fremden Pershnlichketten verhandele, für Tage verreise und MNen Getreuen Lehren verkünde, die von denen Wsttgorts stark abweichen,' daß er auch einen sonderbaren Reisenden aus der Krim,' der sich .^Sendbote der Bene Mikra" nannte, bet sich beherbergt hatte, seitdem selbst ein recht absonderliches Wesen zur Schau trage, sich des Fleisch- und Wetngenuffes sogar am Sabbat enthalte und von der nahenden Erlösung spreche... Man^ wollte auch gesehen haben, wie er zu Hause die Tesillingehäuse am Handballen und tief in die Stirn bis zur Augenltnie geschoben, trug ... Er schien den Folianten ganz abgeschworen zu haben, statt dessen führte er stets eine kleine, schöngeschriebene Bibel bei sich, aus der er voller Eifer und Begeisterung allen, die es hören wollten, vorlas, erklärte und deutete. Ec fühlte sich berufen, über die Reinhaltung der Schrift zu wachrn, das Gottesbuch vor Mißdeutungen und Verdrehungen zu schützen ... Aber noch sprach er sich nicht deutlich aus, wer die Mißdeuter und Verdreher seien. Die Alten kümmerten sich wenig um ihn und sein Treiben, von den Jungen waren aber nur wenige dageblieäen und diese entbehrten der lei-. Lenden und zusammenhaltenden Hand Ben Chtsdais. So wuchs der Einfluß Machirs je länger die Zeit verstrich und. fe weniger man von Ben Chisdai und seiner Schaar hörte. Von Boten aus dem Schlachtfelde, die dem Chakanate Berichte überbrachten, erfuhren die jüdischen Amtspersonen in der Chasarenstadt, daß die „Chisdaier" dort nützliche Dienste leisteten. Kaspi breilte sich, die Kunde an Sangori in die Zitadelle weiterzugeben. Damit mußten sie sich fürs erste begnügen. Im übrigen war Sangori jetzt von den Dingen der Welt und des Lebens noch mehr abgelenkt denn sonst. Er mußte sich sammeln für eine Aufgabe, wie sie kaum je an einen Gelehrten späterer Jahrhunderte heranqetreten war, und er vergaß darüber sowohl die Sorge seines Hauses wie auch dir Vorgänge in der Gemeinde und im neuen kleinen Kreise um Machir. Mehr wie sonst empfing er den Besuch von Affaraus,Kasp!undBa!schan aus derChasarenstadt, mit denen er oft bis tief in die Nacht beriet und verhandelte. Mit dem Arzte zusammen studierte er die Schriften der Philosophie und erwog alle Argumente für und wider den Gottesgedanken wie all die Beweise und Gegenbeweise anderer Glaubenslehren nach Ueberlirferung und Logik. Kaspi und Balschan hielten aber Sangori über alle Vorgänge im Chakanate auf dem Laufenden. Jede freie Minute des Tages und der Nacht gehörte dem Studium und der Ver- , tiesung in die alten und neueren Schriften. Sangori bereitete sich für den größten Tag seines Lebens vor, für den Tag, da er nach der siegreichen Rückkehr Salimans dem Chakan und dem Rate öffentlich Rede und Antwort stehen sollte über Wesen und Art der jüdischen Lehre. Von allen Schauern einer veranwortungsschweren Berufung wurhe er erfaßt, wenn er von Affarius hörte, was von dieser Aussprache alles für die Zukunft Chasariens abhing.' . Beruhigend wirkte aber die Feststellung des gut eingeweihten Balschan und des rührigen, allen Lagen gewachsenen Kaspi, daß wie der Chakan selbst alle Räte mit Ausnahme des Pegan und Mtlkämlns ohne Voreingenommenheit, ja mit Wohlwollen, zum Teil sogar mit glühender, weitgehender Hoffnung im Herzen der Aussprache und ihrer Wirkung entgegensähen. Während so. um Sangori alles wie in einen Schleier banger Erwartung gehüllt war, lagerten sich trübe Schatten über R. A m r a m s Haus. Der Zustand Batsuas gab schwer zu denken und zu sorgen Anlaß. Das Mädchen war wie ümgewandelt, das blühende Rot war von ihren Lippen gewichen wie das frohe Lachen aus ihren Äugen, in betten jetzt ein anderes Feuer glühte, ein Keuer, das keiner aüshiett. Nach unruhigen Nächten, die zwischen traumverworrenem Lachen und Weinen nicht enden wollten, folgten grave Tage, da Batsua still und finster vor sich hinstarrte, Selbstgespräche führte oder auch mit unsichtbaren Wesen Liebesworte austauschte. Wurde sie dabei gestört, so schrie sie wild auf und verkroch sich in scheues Schweigen. Man sprach in der Gemeinde bereits ganz offen von einer Geistesgestörtheit Batsuas, die man mit dem Schrecken bei der Verhaftung des Vaters in Zusammenhang brachte. Eingeweihte tuschelten über Größenwahn des Mädchens. Einen Prinzen erwartete sie, einen Monobaz, der von einem Königsthrone heruntersteige, um sie in seinen Palast zu holen ... Darum weise sie alle Anerbietung ehrenwerter, gelchrter Jünger barsch zurück. Machir habe sie wild ins Gesicht gelacht und dann — mit den blitzenden Augen nur — zur Türe hinausgewiesen .... Aus Verzweiflung hätte er sich dann die neue Gruppe gebildet und Trost tn neuen Lehren gesucht. Abergläubische Naturen sprachen davon, daß daS Mädchen von einem „bösen Geiste" besessen sei. Affarius, der ihren Zustand wiederholt prüfte, schüttelte den Kopf und meinte, man müsse es der Zeit überlaffen, daß sie ihr den Geist austreibe... _ Selbst Nechamah gegenüber blieb Batsuas Sprache kurz, ihr Auge aögekehrt, ihr Herz verschlossen, und sie war doch die einzige, die um den Grund der Beklemmung wußte! „Siehe Batsua", tröstete sie, „Bcn Chisdai ist fort, mein Gemahl, der Geliebte meiner Jugend, der mir vor Gott und Menschen angetraute . . „Er kommt, er kommt," — Batsua sah verloren in die Ferne, wie von einer Vision befallen — „der Geliebte deiner Jugend und auch er, er reitet .aus stolzem Rosse, und Hörner blasen ... Es bebt der Boden Unter seinen Füßen . . . Nein, nein, er soll mich nicht berühren ... Er ist Nichtjude . . . Nur sehen will ich ihn, nur noch einmal. . ." Batsua schloß die Augen, hielt die Hände vors Gesicht und weinte. „Batsua!" flehte Nechamah. „Gehe hin Nechamah, küß deinen Gemahl, ich muß hier bleiben, darf mich dem Manne nicht nähern, der hinab ins Tal ausschaut ... Er sucht nach mir . . . Sage ihm, wir können nicht zueinander, es ist ein Strom, groß und reißend, dazwischen, ein Berg, so hoch und gewaltig, daß er Welten trennt ..." — Sie hielt wieder die Hände vor die Augen und weinte. „Batsua!" weckte Nechamah. Aber vergeblich blieben all ihre Versuche zur geistigen Wiederbelebung des einst so heitere» Mädchens. „Stehe, wie er sucht ... er trabt über den Berg, setzt über den Strom ... Er will her und schlägt mit dem Hufe des Pferdes alles nieder, was im Wege liegt." „Batsua, du mußt erwachen, mußt zu dir kommen!" War einmal der Beruhigungsvrcsuch gelungen und traten kurze lichte Momente im Geiste Batsuas : ein, so sagte diese: „Er ist ja nicht hier und kommt auch nicht wieder, darum hat es keinerlei Gefahren, wenn , ich meinem Träumen nachhänge und diese im ' Wachen nacherlebe... — Glaube nur Nechamah, wäre er hier und ich in seiner Nähe, ich würde ohne meiner Seele Zwang anzutun, kalt bleiben, wie ich es immer gewesen." . „Man darf nicht mit Herzen spielen, auch nicht mit dem eigenen", pflegte Nechamah dann zu mahnen. (Fortsetzung folgt.)