Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 24 (17.6.1920)
- Date
- 1920-06-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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-Der HSrürm. Bemr in Polen. Der bekannte Warschauer Raböiner und Führer des orthodoxen Clubs im Polnischen Landtage Rabbi Holpern äußerte sich in einem in der Zeitung „Der Jud^ veröffentlichten Interview über den Beschluß von San Remo in einer Weise, die uns äußerst bezeichnend für die Stimmung in Polen scheint. Wenn durch den Beschluß bessere Zustände in Palästina herbeigeführt werden, sagt Rabbi Holpern, so wird cs keiner mit aufrichtigerer Freude begrüßen als wir, die wir schon glücklich sind, wenn irgendwo in einem der Golus- Länder die jüdische Lage sich bessert. ..Unsere Liebe zu Erez Jisroel braucht nicht erst bewiesen zu werden, der treu zum Gesetze haltende Jude belegt sie täglich durch Tat und Leben hundertfach. Auf die Frage, ob man mit den Zionisten im Beschluß von San Remo den „Anfang der Geulah" sehen darf, wies aber der Rabbi auf den einzigartigen Gang der jüdischen Geschichte hin, die sich dermaßen auf Zeichen, und Wundern aufbaut, daß selbst der voraussetzungslose, an Tradition nicht gebundene Historiker nicht darüber hinweg kann. Da der Begriff - der jüdischen Geulah etwas anderes ist als Volksbefreiung.im gewöhnlichen Sinne, so ist es auch nicht möglich, den „Anbeginn der Geuloh" zu bezeichnen. Unumstößlich bleibt für den gläubigen Juden die Tatsache bestehen, daß jeder Moment unseres Lebens uns der Geulah näher bringt. Beständig baut Gott an Jerusalem (c6btp N212) und auch San Remo ist sicherlich ein Ziegel zu diesem Bau, aber ebenso sicher nicht der erste . . . Was wir nun zu tun Hattert? „Die Verborgenheiten sind bei Gott, was aber offenbar ist uns und unseren Kindern, ist daß wir tun alle Worte dieser Lehre". Das Wesen der Geulah gehört ebenfalls zu den Verborgenheiten, die bei Gott sind, wir aber müssen tun und arbeiten im Geiste der Thora, ohne uns von leeren Phrasen wie „nationale Auferstehung", „Renaissance usw." blenden zu lassen. Daß wir eine solche Epoche seit Cyrus nicht mehr erlebt hätten, bestreitet der Rabbi mit Hinweis aus die Stelle in Rabba, Abschnitt Toldoth, wo von einer Deklaration erzählt wird, die R o m zu Zeiten des R. Josua ben Chananjah zur Rückkehr der Juden nach Palästina und zum Wiederaufbau des Tempels erlassen hatte. Bereits hatten zwei große Juden, Papus und Lulianus, Banken eingerichtet, die die Heimkehrenden mit Geld versorgten und den Tempelbau finanzieren wollten. Aber Rom hielt sein Versprechen nicht. Dem Kaiser, dem es peinlich gewesen sein mochte, als wortbrüchig zu erscheinen, wurde von seinen Getreuen geraten, den Tempelbau nur unter der Bedingung zu erlauben, daß er an anderer Stelle als aus Morijah oder in einem von der Neberlieferung abweichenden Ausmaße aufgeführt werde, worauf die Juden selbst die Sache aufgeben würden. Eine Abweichung vom Gesetze der Thora unsererseits hielten somit damalsselbst die Feinde für undenkbar. Daber sind die Ausmaße des Tempels nicht einmal in der schriftlichen Lehre für alle Z-.tten festgelegt, sondern nur mündliche Tradition. In der zionistischen Presse von heute ist man anderer Auffassung über Geltung von Gesetz und Tradition beim Wiederaufbau. . . Gewisse Führer werden mit Esra und Nehemja verglichen. Esra aber heilt den jüdischen Organismus von der Seuche der M i s ch e h e und Nehemja kämpft gegen die Sabbatentweihung, zwei Punkte, an denen allein schon bei gewissen zionistischen Führern der Vergleich mit Esra und Nehamja scheitert . . . Zu Unrecht wird auch das Wort des Stphri herangezogen, wonach pKSW’ alle anderen Pflichtgesetze auswiegt. Wenn etwas gewogen werden soll, so muß vorausgesetzt werden, daß sich auch in der Gegenschale etwas befinde. Man pflegte keine leere Wagschale aufzuwiegen . . . Uebrtgens hören wir ein Gleiches auch von der Sabbatruhe und derZizispfltcht,. wobei es keinem einfallen wird, zu behaupten, daß man sich mit der Erfüllung dieser beiden Pflichten von allen anderen befreien könnte. Das Ziel der orthodoxen Paläftinaarbeit ist und bleibt: das Land der Väter zum Mittelpunkt von Thoralehre und Thoraleben zu machen. Kal-Zl-roel und Agudas Zirroel. Von Dr. Ben Zion Fehler, Wien. Tic Friedenskonferenz in San Remo hat durch die Aufnahme der Balsonr-Deklarntion in den türkischen Friedensvertrag das Recht der Juden auf die Gründung eines,,national Home" in Palästina als ein international sanktioniertes festgelegt. Trotzdem wir weit davon entfernt sind, dieses obwohl an sich schon wichtige Ereignisals den Beginn der Erlösung" zu werten, weil wir der Ansicht sind, daß, wenn der heutiger: Judenheit einschneidende und allseitige Maßnahmen zur Restauration ihres so arg zerrütteten seelischen und wirtschaftlichen Organismus harren, kein Anlaß vorliegt, der: Wert und die Bedeutung "diplomatischer Erfolge allzusehlr zu überschätzen; — trotzdemdie religiöse Judenheit, im Gegensätze zu der zionistischen Jdeelogie, noch fernerhin auf dem Standpunkte beharrt, daß Palästina kein Zentralproblem, sondern nur eines unter be it a ndern Prob 1 eme u zn v Erha l° tnng d e s I u d ni t u m s 11 n b b e s I u b e n -- volkes bildet: - trotz alledem erscheint es jetzt notwendig, daß die jüdische Orthodoxie zu der voraussichtlich bald einsetzenden zionistischen Palästittaaktion, sowohl im Interesse Palästinas selbst als auch im Interesse der religiösen Judenheit überhaupt, klar und eiiidentig Stellung nehme. Im Interesse Palästinas ist es, um es kurz zu sagen, gelegen, daß das jüdische Palästina mehr sittlich gebundene, still arbeitende und religiöse, als schreiende, politisierende und rebcllionslüsterue Elemente anfnehme. Die sozial e G e r e ch t i g k c i t i irr j ä b i f ch e n P a - l ä st i u o soll un d k a n n a u ch u a ch altj ü d i s ch^ e m M u st e r u it b it t ch t n u r n a ch d e m M a r x - S ch n l ch a n - A r u ch d n r ch g e - führt iverdeN! Tu aber Palästina in den nächsten Jahren nicht imstande sein wird, den jüdischen Emigratkonsstrom ganz anszunelMen, so muß die Agnda, als das Organ der religiösen Judenheit, für die Jnreressen derselben durch großzügige Regulierung der jüdischen Massenemigration Sorge tragen. Tenn der tiefste Sinn der Aguda kann ja nur die Zusammenfassung aller in der religiösen Judenheit vorhandenen Kräftesein, um' die jüdisch-religiöse Weltanschauung und''-Lebensführung zum ewigen Rückgrat des jüdischen Volkstums zu machen. Eben deshalb muß auch die Agnda stets und überall ans die Bedürfnisse des jüdischen Volkes oder beträchtlicher Teile desselben Rücksicht nehmen, wie es ja schon das Aguda-Programm besagt. Run befindet sich aber jetzt die Ostjudenheit in großer wirtschaftlicher Bedrängnis und cs ist, trotz allen Schmerzes ob des Verfallles des sittlich-religiösen Voltsgebäudes in: Osten und trotz aller Sehnsucht nach Ausrichtung desselben, der jpi uns und in ihr lebt, mit bloß aus Geistigkeit abzielenden Maßnahmen allein nicht ganz gedient. D i e w i r t s ch aftl: ch r u i n i e r t e O st j u d e n h e i 1 benötigt jetzt g r o ß z ü g i g e, greifbare H i l s s Maßnahmen. Wenn die Aguda verhüten will, daß sich die Syinpathie der gläubigen Bolksinassen im Osten, Parteien und Parteiführern, von denen eine ungeheure geistige Kluft sie trennt, bloß deswegen znwcnde, weil diese Parteien und Parteiführer ihren materiellen Aügenblicksbedürsnissen Rechnung tragen, so muß sie raschestens h a n d e l n d eingreifen. Ich schlage da hei vor: 1. Die Aguda-Weltorganisation ruft unter Beteiligung aller für die Ostjudenheit sich interessierender Parteien mtb Hilfsorgani- Die Synode hat seit ihrem Bestehen zwei historische Momente erlebt: den einen in der denkwürdigen Sitzung, als Geheimrat Mayer die Erklärung abgab, daß der Oberrat den Gebetbucheutwurf zurückziehe. Damals war so etwas wie eine Volksbewegung in der badischen Zudenhdit zu spüren gewesen. Der JndifferenliZmus aus religiösem Gebier ist, wie schon oft bemerkt wurde, schlimmer als offene Feindschaft gegen die Religion. Denn jener bedeutet ein langsames Hinsierben, der Angriff aber weckt auch die gegnerischen Kräfte. So hatte auch der Geöetbuchkampf alle Anhänger der Ueberlieftrung mobil gemacht und ihre Kräfte verdoppelt, sodatz ihnen der Ende: folg beschieden war. Zum ersten Male hatte man im Oberrat erkennen müssen, daß man sich nicht alles erlauben durfte und damit war eigentlich schon die Axt an die Wurzel des antokraiischen Systems gelegt. Die zweite historische Sitzung der Synode haben wir in dieser Woche erlebt, als Geheirrrat Mayer sich von den Vertretern der badischen Judenheit verabschiedete. Man weiß, was der Einfluß dieses Mannes bedeutete, im Guten wie im Schlechten. Die ganze Entwicklung des badischen Judentums in den letzten Jahrzehnten ist mit seinem Namen verknüpft und er trägt für alles, was in dieser Zeit geschehen ist, die moralische Verantwortung. Mit Recht sagte einer der konservativen Führer: Man mutzte, wer gemeint war, wenn man von dem Oberrat sprach. Aber was man ihm auch nachsagen mag, das eine mutz man zugeben, er hat es verstanden, in Schönheit zu sterben. Er hat eingesehen, daß seine Zeit abgelaufen war, daß für ihn, dem typischen Vertreter des alten Systems, das nur Vorgesetzte und Untergebene kannte, in der neuen Aera der selbständigen, paritätischen Verwaltung der Landessynagoge, wo alle Richtungen zu ihrem Rechte „kommen sollen, kein Raum mehr war. Und für diese Erkenntnis soll ihm manches verziehen sein. Denn Mayer war wohl rin zäher und erbitterter Gegner des orthodoxen Judentums; er ha! es vierzig Jahre lang mit nicht immer eiriwandsrelen Mitteln bekämpft und ihm die gebührende Vertretung in den Organen der Landessynagoge vorenthaüen. Aber es waren doch auch vierzig Jahre der Ai beit, und Mayer hat eine Fülle von Berwaltungsarbeit geleistet, hat sich um ble nutze, e Ausgestaltung der Landessynagoge unbestreitbare Verdienste erdienste erworben. Düs hat auch der Sprecher der Orthodoxen, R. A. Kaffewitz, in den warmherzigen Abschiedsworten, die er dem Scheidenden widmete, gebührend hervorgehoben. Und so konnte sich denn auch mancher von denen, die Mayer viele Jahre hindurch bekämpft hatten und die seinen Rücktritt für unumgänglich notwendig hielten, eines Gefühls der Rührung nichterwehren, als der im Dienste der Oeffentlichkett ergraute Mann sich in bewegten Worten von der Synode verabschiedete, zu de.en Schöpfern er sich zählen darf. Denn über aller Gegensätzlichkeit der Interessen, der Meinungen und Ueberzeugnngen steht als Moment der Einigung und Versöhnung die Idee des meinen Menschentums. Sprechfaal. Berlin, 12. April 1920. Sehr geehrter Herr Redakteur! Von aliersher ist die Werbetätigkeit und Werbekraft Ihres geschätzten Blattes für die jüdische Idee und ihre Verwirklichung bekannt und dieser Nus dringt bis ins entlegendste Dorf. So schreibt mir ein lieber Freund und wackerer, unermüdlicher Vorkämpfer des Judentums aus einem kleinen mährischen Orte: Wir leben hier an einem Orte, „an dem keine Gottesfurcht ist". Uns wird von außen her nicht geholfen. Die Jugend verfällt unverstandenen Kulturiden und radikalem Nationalismus. Unsere Alten schickten ihre Kinder einfach auf die Jeschiwa nach Ungarn. Damit ist jetzt nichts mehr zu erreichen, das Miggeschlck wird nur verschlimmert, der Abgrund zwischen Ideal und Wirklichkeit vertieft, rvenu nicht in solcher Gegend wahrhaft jüdische Bildung zu ihrem Rechte kommt. Was wäre hier nicht zu tun für die Aguda! Welches riesige Betätigungsfeld eröffnete sich hier nicht! Dabei sind die Menschen hierzulande nicht für das Ideale unzugänglich. Mit sehr getrübter Mitfreude sehe« wir auf die schönen Erfolge der Aguda in L tauen. Wir sind in diesen Dingen LIN 7'in ^nrn. Wir brauchen jüdische, echtjüdtsche Milieus, sowohl gelehrte als populäre. Es ist in diesen Blättern vor einiger Zeit darauf schon von Dr. Kanter in Zwittan hirigewtefen worden. Aber wir auf den kleinen Orten spüren das Unglück viel schmerzlicher. Soweit mein Freund. Ersparen Sie mir, sehr geehrte Herren, seine weiteren persönlichen Schilderungen. Es ist wirklich ein „Notschrei aus Mähren" und das schreiben Sie bitte darüber. Mein Freund hat. des weiteren die Empfindung, daß in Mähren die Agudas Jisroel vorzeitig die Waffen.gestreckt hat,' hätte sie energischer zugegrtfferi und die Arbeit froh ängepackt, geistige Arbeit nämlich, so würden die Poaleztonisten, dort unsere Haupigegner, nicht zu ihrer jetzigen Bedeutung gelangt sein. Einer der hoffnungsvollen Söhne meines Freundes ist diesen durch das oben geschilderte Elend geradezu in die Arme getrieben worden und ist in der Fremde vor Kurzem elend gestorben. B. C.!