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Der Israelit · 1920-06-17 · Heft 24 (17.6.1920) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 24 (17.6.1920)
Date
1920-06-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 2 Nr. 34 sie, sondern die kanaanitischen Annexionisten von damals — zujubeln. Wenn er aber dann weiter die „Offenbarung am Sinai", und „die Tätigkeit der Propheten" als „die große Täuschung" hinstellt, so wagt er sich an die Grundmauern des gesamten Geisteslebens, so geht es um die Seele der Weltkultur, und wir könnten füglich die Abwehr und Verteidigung denen überladen, die es nicht ruhig zusehen werden, wie der Brunnen verunreinigt wird, aus dem die Menschheit seit den ältesten Tagen ihres Aufstrebens zu Lrcht und Recht schöpfte und noch schöpft. Hier soll in diesem Zusammenhänge lediglich auf die politische Sette des Unternehmens hingewiesen werden, die Delitzsch selbst über seinem Zorn ob der entdeckten „großen T äuschung" keinen Augenblick vergißt. Daß das Buch kein wissenschaftliches Bekenntnis, kein Resultat ernsten Forschens oder gar inneren Ringens darstellt, wird jedem Leser schon bet der Lektüre der ersten Zeiten klar und es wird ihm dies zur unumstößlichen Gewißheit, wenn er dem Verfasser bis zum Schluffe gefolgt tst, da wo er von Judentum und Judenheit im Perserreiche des Cyrus zu Deutschlands Juden von heute den waghalsigen Sprung unternimmt und seine politischen — waschecht antisemitischen — Konsequenzen aus dem Ganzen zieht: „Auch das deutsche Volk wird bei Zeiten sich den Schlaf aus den Augen reiben müssen, um zu erkennen, daß die jüdische Frage vielleicht diejenige von allen Fragen '.st, welche die ernsteste Behandlung erheischt". Hier ist des Pudels Kern, welchen auch das führende Organ des Rassen- und Gassenantisemitismus, die „Deutsche Zeitung" sofort richtig herausgefunden hat, wenn sie in ihrrpc Würdigung dieses „epochemachenden" Buches in ihrer Morgenausgabe vom 6. Juni — man merke sich dieses Datum — ganz besonders auf seine „deutschnational politische Bedeutung" eingeht und nun „unverbrüchlicher denn je an die Besiegbarkeit des jüdischen Weltherrschaftswahnsinns" glaubt. Soll richtig heißen: So geht denn heute zur Urne und besiegt es, dieses Gespenst. . . Wir haben es für euch gelesen, im neuen Delitzsch! ... Glückliche „Deutsche Zeitung"! Gestern noch mußte sie zu gleichen Zwecken mit den Märchen aufwarten von den „Weisen Zions", die in Geheimsitzung in Basel die „Nnterminierung der europäischen Hauptstädte" beraten und beschlossen hätten, das feinen Eindruck gewiß nicht verfehlen wird auf alle, die glücklich dem Kerker der Vernunft entflohen sind . . . Und heute schon dieser fette Bissen für Feinschmecker, ein neuer Delitzsch!... Keines Willeivn. Eindrücke von der VMchen Landessynode. Eine bedeutungsvolle Tagung der Synode ist zu Ende gegangen. Nach sechs schweren, leidenkvollen Jahren hollen sich die Vertreter der badischen Judenheit wieder im Halbmondsaale des badischen Ständehauser versammelt. Es hat sich vieles verändert, seitdem man zum letzten Male tagte, in der politischen Welt und auch in der jüdischen Gesamtheit, und die politischen Umwälzungen bildeten zum großen Teil den Hintergrund sür die Fragen, welche die Synode beschäftigten. Zwei Punkte waren von vornherein sür die Beratungen in Aussicht genommen. Das Budget und die Festsetzung einer Wahlordnung für die außerordentliche Synode, welche eine neue Verfassung für die badische Judenheit beschließen sollte. Der Schwerpunkt schien zunächst auf dem Budget zu liegen, einem Budget, wie man es sich vor ^wenigen Jahren noch nicht hätte träumen lassen. Es ist eine ^Belastungsprobe sür die Organisation der badischen Judenheit, die Lei vielen ernste Besorgnisse hervorruft, und man hörte von verschiedenen Seiten Befürchtungen äußern, ob das Gefüge der Landessyragoge sich wohl als iragfähig genug dafür erweisen würde. Indessen, es war notwendig, bet den Beamten, vor allem den Lehrern, die rnateriellen Grundlagen ihrer Existenz mit den Heil Verhältnissen in Enklang zu bringen und dieser Notwendigkeit konnte sich niemand entziehen. Deshalb erfolgte die Bewilii„ung einstimmig. Der Israelit. '__ Die Wahlschlacht ist geschlagen. Der Karren bleibt nach wie vor verfahren. Aber der antisemitische Triumphwagen ist bei solch zugkräftigem Vorspann ein gut Stück weitergekommen. Ob die Herren nicht' bald mit Tränen ernten werden, was sie mit Jubel gesäet haben? Wochennindschali. Palästina-Fragen der nächsten Snlnnft. Bei der Tagung der zionistischen Föderation Englands hat Weizmann in mehreren Reden über die Absichten und Aussichten der zionistischen Leitung hinsichtlich der Einwanderung gesprochen. Man nehme an, daß 15,000 Arbeiter für den Wohnungsbau, 5000 landwirtschaftliche Arbeiter und 2000 für die Industrie sofort würden einwandern können. Er glaube, daß hierzu die Paß-Visa der zionistischen Organisation als genügend anerkannt werden würden. Wer daneben auf eigene Verantwortung einwandere, müsse, wenn er aus Mangel an Mitteln dann der Landesverwaltung zur Last falle, auf Deportation gefaßt sein. Die Verwaltung werde britisch sein, nicht jüdischdoch werde eine jüdische Agentur oder ein jüdischer Rat gebildet werden, der jedoch k e i n e r l ei politischen, höchstens ökonomischen Einfluß ausüben xonht, hoffentlich in wachsendem Maße mit der sich entwickelnden jüdischen Einwanderung. Die Einwanderer werden binnen eines Jahres die palästinensische Staatsbürgerschaft erwerbenvon einer jüdischen könne keine Rede sein, solange Palästina nicht ein jüdischer Staat wird. Was die Beteiligung von Nich t-Z io nisten betrifft, so seien alle willkommen, die sich im demokratischen Rahmen dem Zionismus anschließen wollten. Um der ganzen Judenheit die Mitarbeit zu ermöglichen, müsse ein jüdischer W eltkong reß zusammenberufen werden., Bis dahin we.de die zionistische Or anisatton im Bewußtsein ihrer Verantwortlichkeit allein Weiterarbeiten. Man muß durchaus zugeben, daß diese Erklärungen, sofern man sie, wie hier geschehen, als sachlichen Tatsachen-Kern aus Weizmanns Ansprachen herausschält, von gesundem, nüchternem Sinne zeugen und sich vor allen Ueberschwrnglichkeiten fernhalten. Daß die Farben, etwas dicker aufgetragen werden, sobald es gilt, die Massen zur materiellen Opferfreudigkeit anzueiferu, ist natürlich. Ist ja die Zukunft des verheißenen nationalen Heimes so ungewiß und an so vielfältige, komplizierte politische Bedingungen geknüpft, daß das volleBewußtsein Aber schon vor der Eröffnung der Synode zeigte es sich, daß sich das Interesse noch mehr als auf das Budget auf die Neuordnung der allgemeinen Verhältnisse konzentrierte. Der Oberrat hatte unter dem Druck der öffentlichen Meinung seine Absicht bis zur außerordentlich n Synode im Amte zu bleiben, aufgegeben und bei der Eröffnung der Synode erfolgte auch die Ankündigung des Rücktritts der Mtnisterialkommission und des gesamten Oberrats. Die Synodalabgeordneten hatten sich in zwei Fraktionen geschieden: eine konservariv-zionisiische und eine'liberale. In einer öffenbar vom Dberrat inspirierten Kundgebung war davon gesprochen worden, daß bei den Wahlen nur sechs Orthodoxe gewählt worden seien. In Wirtlichkeit zählte die konservative Fraktion zwölf Mitglieder,, denen allerdings dank der besonderen Vertretung des geistlichen Standes vierzehn Liberale gegenüberstanden. Immerhin hielten sich die beiden Parteien ungefähr die Wage. Die Gegensätze kamen schon in den Vorbesprechungen bei der Frage der Präsidentenwahl zum Ausdruck. Die Liberalen erhoben den Anspruch den Präsidenten zu steten, da sie die stärkere Fraktion, seiendie Konservativen "führten dagegen Ins Feld, daß die Mehrzahl der vom Volke gewählten Abgeordneten auf ihrer Seite fei. Die Konservativen verzichteten schließlich, nachdem man ihnen den Vorsitz in der Kommission, welche die neue Verfassung zu beraten hat, zugesagt hatte und der Kandidat der Liberalen, Dr. Stein, Karlsruhe, übrigen.? ein ausgezeichneter Präsident von feinen und lielens würdigen Formen, wurde einstimmig gewählt. Zum zweiten Male prallten die Gegensätze aufeinander bet der Beratung der Wahlordnung. Die Konservativen sprachen sich gegen Proportionalwahl und Standesvertrelung aus, nicht etwa ans parteipolitischen, sondern aus allgemeinen Gründen. Mit 17. Juni 1930 dieser Problematik den Willen zur opferfreudigen Tat bei der Volksmenge lähmen oder jedenfalls abschwächen würde. Das kann nicht im Sinne der zionistischen Agitation liegen — darum die Flut von Festen und Feiern, Demonstrationsversammlungen und pathetischen Proklamationen, die sogar in Palästina selbst, wie direkte Berichte, uns sagen, nach der vorangegangenen Verzweiflung einen förmlichen Rausch erzeugt haben. Am 1. Juli soll der zum Gouverneur ernannte Herbert Samuel sein -Amt autreteu, zu seinem ersten Mitarbeiter ist ein englischer General ernannt. Samuel' selbst soll schon vor längerer Zelt erklärt haben, seine Ernennung liege gar nicht im jüdischen Interesse, weil er als Jude naturgemäß noch viel ängstlicher darauf bedacht sein müsse, den Schern einer nicht lediglich englischen oder einer die Juden vor den Arabern bevorzugenden Politik zu vermeiden. Darin liegt viel Wahres. Immerhin zeigt die Ernennung eines jüdischen Gouverneurs, daß die englische Regierung ^ihren ehrlichen Willen zur loyalen Ausführ»ng der Balfour-Zusage durch eine politische Tat zu bekunden wünscht, und es wäre immerhin möglich, daß diese Tat auf die Araber eine ernüchternde und beruhigende Wirkung ausüvt. Die Frage der Zusammenarbeit von Zionisten und Nichtzionisten für Palästina hat Weizmann offensichtlich zunächst im Hinblick auf die begüterten liberal-jüdischen Kreise behandelt, deren Geld man naturgemäß sehr gerne dem Aufbauwerk dienstbar machen möchte. Um der etwas unbequemen Frage aus dem Wege'zu gehen, welcher Einfluß denn nun den gnädigst zugelassenen nichtzionistischen Hilfstruppen zustchen solle, muß das Schlagwort vom jüdischen Weltkong reß herhaltey. Mir diesem Schlagwort ist die zionistische Vorherrschaft gesichertes gestattet der Partei bis zu dem fernen Tage dieses Kongresses das„ Palästina-Monopol „vorläufig" weiter zu beanspruchen, und sollte der Kongreß jemals zustande kommen, so wäre wohl schon dafür gesorgt, daß ihm von vornherein der Stempel des modern-zionistischen Geistes ausgeprägt würde. Jedenfalls scheint uns der offizielle Zionismus weiter als je von der Erkenntnis entfernt, daß die Orthodoxie, die Vertreterin des historischen Judentums, ihre ewigen Rechte auf den, Boden des Gottesgesetzes niemals aufgeben und sich ebensowenig um Palästinas willen die Unterordnung unter das zionistische Assimilations-Prinzip abtrotzen lassen wird. überzeugenden Worten zeigten in der VerfassuugLkonimission R. A. Kaffewitz, Freiburg, der Führer der Orthodoxen und A. Psä-zer, Weinheim, die Schäden des für diese W-rhien gänzlich uiigeehM'ien Proporzes wie er zu einer Zerrüttung der jüdischen Bevölkerung führe« müsse, wie so viele, die lediglich aus äußeren Gründen das Religionsgesetz praktisch vernachlässigten, aber innerlich durchaus religiös seien, durch die Verhältniswahl, zur parteipolitischen Abstempelung im Sinne des Liberalismus gezwungen würden. Die Staudesvertretung aber sei mit dem Prinzip der Demokratie nicht vereinbar. Im Plenum versuchte Herr Jeselsohn, Mannheim, die Gepflogenheiten des politischen Kampfes auf die Synode zu übertragen und wie man ihm richtig erwiderte, in einer Wahlrede „zum Fenster hinaus den Konservativen, in aggressiver Weise die Schuld für das Scheitern der Wahlreform zuzuschiebener wurde aber von dem schlagfertigen R. A. Kaffewitz so gründlich abgeführt, daß ihm die Lust zu weiteren Angriffen verging. Man einigte sich schließlich auch hierbei auf der Grundlage, daß die'alle Wahlordnung beibehalten und das lediglich der Kreis der Wahlberechtigten durch die Ausnahme der Frauen und Jugendlichen erweitert wurde. Unter den fünf Standesvertrercrn sollen künftig zwei Lehrer fein. Jndeffen trat eigentlich die Bedeutung der Synodalverhandlungen selbst weit zurück Hintea der Tatsache, daß Geheimrat Mayer nun wirklich aus der Verwaltung der Landessyrragoge cusfcheidet. Man hatte schon seit einigen Wochen von seinem Rücktritt gesprochen. Nach früheren Erfahrungen konnte man jedoch leicht zu dem Mißtrauen kommen, daß es nur. auf eines der berühmten Vertrauensvoten abgesehen sei. In den Vorbesprechungen erklärte jedoch Mayer, daß es sein fester Entschluß, sei, zurückzutreteu.

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