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Der Israelit · 1920-06-17 · Heft 24 (17.6.1920) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 24 (17.6.1920)
Date
1920-06-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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mmmm lOr das oriodoxi Jfidistiun fit TflFmkftnn. s&sg&a CmuMhW -> m Juni 1920 «snaga JÜ 29 * 1 Tammus 5680 Abonnement pro Vierteljahr: Deutschland bei den Postauttexn M. 3.75, bei direkter Bestellung u. Rechnungserteilung durch d.Berlag M. 4.60Vierteljahr!, .für Lehrer n.Kultnsbeamte (nur direkt) M. 2.35 Vierteljahr!., monatl. 5 Pfg. Bestellgeld. Deutsch-Oesterreich ».Ungarn Kronen 12.50 viertelt.; Dschecho-Slowakei Kr. 7.50 Viertels., .Holland fl. 1, Skandinavien Kr. 2» Schweiz, Frankreich n. Belgien Fr. 1.50, England 1 sd. 6 p., Amerika 0.S0 Doll, viertelj, ElnzelnnmmeröO Pfg. Durch den Buchhandel wie S. Verlag. j Der Fsraelit erscheint jede« Donnerstag Anserate :Mk.1.-, für die sechsgesvaltene Colonel-Zeile einschl. Tenerungszuschl.;Ausland-Jns.Mk.3.—pro Zeile Rabatt nach Tarif Jnseratenannahme durch den Verlag des Israelit G. m. v H., Frankfurt a. M.. Gr. Eschenheimerstr. 23 Del. 584», Amt Hansa, sowie samt!. Annoncen-Exped. des In« und Auslands. Zahlungen außer direkt an den Verlag — Postscheckkonto Frankfurt a. M. No. 1» 80» - erfolgen an: Conto bei der Postsparkasse Wien No. 7» #05 Conto bei dem Poktfparkafienamt Budapest No. 184» Coto beim Postscheckamt Zürich STv. TIII 7251 Conto bet der Böhmischen Unionvank, Prag und deren Filialen. ver Nscköruck Ser ürflhel und Correfponflenjen 9es „Israeli!“ Uf nur unter Genauer Quellenangabe, un3, soweit es lick um größere Imklüße fianOeff, nur nsck vorheriger Genehmigung geklsttet. InhaLtsüvevftcht 1. Leitartikel: Uom „Geist" des Antisemitismus. — 2. Kleines Feut lleton: — Eindrücke von der badischen Kandrssynode. — 3. Sprechsaal. — 4. Wochenrundschau: — Palästina-Fragen der nächsten Zukunft. — „San Remo" in Polen. 5. Aufsätze: Dr. Ben Zion Feßler: Klat-Iisroe! und Aguda Iisroei. — Rabbiner Dr. Cohn: Rabbi Israel Hildesheimer V'stT. —„ 6. Korrespondenzen und Nachrichten: Müuchrn, (Die „Fremdenberfolgung" im Bayrischen Landtag.) — Wien, (Ausschreitungen in Wien.) — Wien, Kultuswahlen.) — Budapest, (Ein Rufer in der Wüste). — Wilna, (Die Lehrerbildung in Littauen). — Wilna, (Wilnaer „Volksbelustigungen.") — Kowno, (Verhaftungen.) — Warschau, (Aus dem Polnischen Landtage.) — Zürich, (Das Stärkeverhältnts don Orthodoxie und Zionismus in Polen.) — London, (Die Sabbatruhe in Aegypten). — Zürich. — Jerusalem, (Das aschkenasische Oberrabbinat). — Zürich, (Agudas Jisroel in Palästina). — Jerusalem, (Die Wahlen in Jerusalem). — New Jork, (Der amerikanisch-jüdische Kongreß). — 7. Vermischtes: Berlin. — Breslau. — Cassel. — Wien. — Königsberg. — Vreden. — Wien. — Zürich. — London. — New Jork. — 8. Feuilleton-Beilage: Im Iudenstaat der Ghasaren. — Von der Sittengröße unserer Weisen. — Heinrich Einstädter: Ferien. — Rätselauflösung von Nr. 22. 9. Frankfurter Berichte. — Famtliennachrtchten. — Bereinskalender. — Gebetzetten. Vom „Geists de- Antisemtti-m«S. Ein Nachwort zu den Reichstagswahlen. Die Entstehungsgeschichte des ersten Reichstages der deutschen Republik wird der künftige Historiker kurz so fassen können: In der bitteren Rot der Kriegs- und Nachkriegszeit hat sich viel Aerger und Argwohn, Haß und Unzufriedenheit in breiten Schichten des Volkes angehäuft. Die Stützen des alten zusammengebrochenen Regimentes sowohl wie die Rücksichlosesten unter den Freiheitsstürmern fanden es früh genug heraus, daß diese nach Luft ringende Stimmung ein gutes Baumaterial für die Verwirklichung der eigenen Träume und Pläne abgeben könnte mrd sie pflegten und mehrten, jeder auf seine Drt, die kostbare Materie demgemäß mit Liebe und Eifer. Und als bald die Wahlen kamen, stürzte sich die ganze rechtspostierte Meute auf die Juden, weil es das urteilslose Volk von jeher liebt, diese für alles Menschmelend und Weltenunglück mit Leib und Leben, Haus und Habe haftbar zu machen, und sagte, wer zu uns steht, ist mit am Rachewerke an diesen Schuldigen und hat Anteil an der Gloriole des Vat'erlandesretters. Das zog. Und so kam es, daß zwei Jahre nach der Revolution der erste Reichstag mit einer Kluft zwischen rechts und links zusammentrat, über die keine nur einigermaßen tragfähige Brücke gesunden freien Bürgersinnes führt. Man soll Worte, die in der Hitze des Gefechtes hüben und drüben gefallen, gewiß nicht sorgsam auf die goldene Schale legen. Indes ist diesmal so viel Gift gestreut und so ausgiebig die Saat des Hasses in den dunklen Boden leidender Massen gesenkt worden, daß einem um die Ernte heute schon bange sein muß. Ob nicht für die unvermeidlichen Folgen wieder die Juden verantwortlich gemacht werden? Der antisemitischen Demagogie wird diese Umstellung nach Bedarf wahrlich nicht schwer fallen! Im Kampfe gegen die. Juden, als welcher sich auf der rechten Seite der Wahlkampf im Wesentlichen darftellt, spielten diesesmal zunächst eine besonders wichtige Rolle: die Ostjudenfrage und die angebliche Bevorzugung der Juden bet der Lebensmittelverteilung. Liebe wie Haß gehen durch den Magen, so genügte es, den Vielen und denen, die nicht alle werden — zu sagen, daß die Oftjuden uns den letzten Biffen nehmen und noch obendrein alle Lebensmittel verteuern, daß die heimischen Juden an ihrem Osterfeste alles weiße Mehl im Lande weggegeffen . . . Für die Denkenden, die sehen und rechnen können und in Rationierung nach Kopfzahl und Bevölkerungsprozentsatz sich aus kennen^ und für die Ganzintellektuellen, die sich moralisch an gewisse Traditionen gebunden fühlen, und übrigens vielleicht ungefähr mit dem Preußenkönig denken: „In unserem Lande soll jeder nach seiner Facon satt werden", mußte man schon auf andere geistige Mittel sinnenman muß1e"zugkräftigere Motore an den antisemitischen Karren spannen, und man sah sich im großen Schuppen um: Chamber ta t n, der englische Alldeutsche von Bayreuth, ist abgenutzt und zieht nicht mehr. Werner S ombart? Hat schon so oft auf falsche Geleise geführt, daß sich ihm keiner mehr anvertrauen mag. Adolf Bartels gibt viel Dampf und Dunst, muß aber seiner Spezialaufgabe: der Reinhaltung der teutonischen Kunst und Literatur von jüdischem Einstuß auf dev ganzen Strecke erhalten bleiben. Aber halt, da war ja noch der alte, gute Franz Delitzsch! Ein besserer Vorspann war kaum denkbar. Er muß mit der Axt an die Grundmauer und den Geistigen beweisen, daß die Juden schon zur Zeit Abrahams, Mosis und der Psalmisten sich nicht tm entferntesten eigneten, deutsche Staatsminister zu sein oder gar sich als M. d. R. zu zeichnen. Zwar hatte Delitzsch vor achtzehn Jahren in seiner Bibel- und Babel-Offenbarung noch eine gewisse Autorität und Priorität der alten jüdischen Bibel zugesprochen, zwar hatte Delitzsch im Dezember 1914 — ebenfalls auf Bestellung — in öffentlicher Rede die jüdischen Psalmen als „das geistige Liederbuch auch der christlichen Kirche", die „Christenheit als das geistige Israel", Gott, „wie ihn die semitischen Völker gekannt ^, als „das Ziel auch der heutigen Zeit" hinstellt! Aber was wollte dieses im raschen Wechsel der Zeiten heißen? Damals^ und heute! Damals war noch ein hoher Gönner auf dem Throne, der bei allem treuen Festhalten an seiner Kirche in der alten Bibel das Bach der Bücher über alles verehrte, mit dessen Gefühlen man nicht spielen durfte. Heute fehlen diese Hemmungen vollkommen. Die Bahn ist frei. Und hemmungslos ging Franz Delitzsch an die Arbeit und brach te „s e t n e g r o ß e T ä u s ch u n g" heraus. Eine sachliche Auseinandersetzung mit Delitzsch, so sehr seine Angriffe an dem, was wir von altersher glauben und wissen, Arückprallen, ist für einen Juden dennoch nicht so einfach. Es geht nicht allein um unsere Ehre, sondern um die Quelle unseres Seins. Sollten wir etwa gleich Ihm unser Heiligstes in Atome zerlegen, um es Stück für Stück zu verteidigen? Sollten wir den Beweis antreten, daß unsere alte, ewig neue Thora keine Lehre der Unmoral und Sittenverderbnis ist? Es gibt doch wohl im Geisteskampfe e'nen Punkt, wo jede Verteidigung gleichbedeutend mit Selbstentwürdigung wäre. Darum sollen wir diese sachlich wissenschaftliche Auseinandersetzung Anderen überlassen, die ohne gleich uns auf die Ganzheit und Göttlichkeit der Lehre eingeschworen zu sein, stch durch dieses unerhörte Attentat auf das älteste.Heiligengut nicht minder bis in die Seele gekränkt fühlen. , Wenn beispielsweise Delitzsch im ersten Kapitel seines Buches über Israels Eindringen ins neutrale Kanaan unter Josua zetert, so werden ihm vermutlich alle „Pazifisten" auf der rechten Seite — denn schuld am Weltkriege waren nicht

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