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Der Israelit · 1920-06-10 · Heft 23 (10.6.1920) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 23 (10.6.1920)
Date
1920-06-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite t R*. SB (Der Fall Joseph Abraham.) . Das Der fahren. Im Oktober des Jahres 1785 wurde der Justizkvmmifsionsrat Kosmeli in Pleß von der in Brieg residierenden Oberamtsregierung mit der Untersuchung einer Sache Joseph Steblitzki beauftragt (die, bisher säst unbemerkt geblieben, von dem berufenen Historiker des Judentums Heinrich Graetz, von Heman, Reinach, Eibogen nicht einmal gestreift wird). Besagter Steblitzki, Ratsmanu zu Nikolai in Obcrschlesien, schien (die Rechtssprack.: drückt es heute Wohl so aus) „hinreichend verdächtig", vom katholischen Glauben zum Judentum übergetreten zu sein. Dem Untersuchungsrichter wurde bedeutet, unverbindlich und kursorisch zu versabren: man wollte eine- Relation nach Berlin machen und den „ungewöhnlichen ^Vorfall" submissest allerhöchster Entscheidung unterbreiten. Tie damals in Schlesien trotz Zugehörigkeit zu Preußen noch gültige Jofephinische Halsgerichtsordnung drohte sür beweiskräftige Uebersühruug der hier „imputiertsn Apostasie" „Lebens- und Leibesstrase" an, was den in Verlegenheit geratenden Richtern mit dmr waltenden Geist der Aufklärung denn doch nicht recht verträglich erschien. Man wollte also eineck Akt der Kabinettsjustiz, eine jener berühmten salomonischen Entscheidungen Friedrichs des Großen, die nicht formelhaft sür Recht erkannten. (Hat doch selbst ein so unfreundlicher Beurteiler des großen Königs wie Macaulay der sriderizianischen Judikatur mindestens Humanität und guten Glauben zuerkennen müssen.) Die Zeugen. Der Zeugenapparat, aus das Nötige begrenzt, bietet mit Frau und Sohn des Angeschukdigten den Shnagogenbesitzer Samson und das Magistratskollegium von Nikolai zur Vernehmung auf. Tie Ehefrau des so ketzerischer Tat Verdächtigten, Marlana, geborene Sterer, katholisch, seit dreißig Jahren mit Tenunziaren verheiratet, dem sie zwei noch lebende Kinder geboren,, weiß nicht bestimmt, ob ihr Mann Jude geworden, schließt dies aber daraus, daß er seit dem „Michaelisjesle von ihr zubereitete Speisen (außer Milch und Kaffee) nicht genießt und bei der verwitweten Rabbinerin Salomon allhier des Tages einmal zum Essen geh-. „Den Bart", bekundet sie, „läßt er sich nicht rasieren, sondern schiert ihn nur mit einer Schere ab. T-en gewöhnlichen Sabbat hält er mit den Juden in der Synagoge, das Morgengebet verrichtet er gewöhnlich zu Hause mit bedecktem Haupte und einem Riemen über dem Kopfe, betet die Psalmen und läßt zu dieser Zeit niemand in die Stube kommen. Tann und wann geht er auch morgens weg;' ich weiß aber nicht, ob er bei anderen Juden zum Morgengedet sich einsindet. Eine geraume Zeit und Wohl ein paar Jahre vor dem „Michaelissest" hat er mir nicht beig^wohnt und seit dieser Zeit mich ebenso wenig berühret. Ob selbiger wirklich die Beschneidung erkalten und wo solches geschehen, und ob ihn jemand von der Judenschast zu seinem Abfall angereizet, weiß ich nicht; nur soviel kann ich sagen, daß er eine kurze Zeit vor gedachtem Feste sich ans meinem Hause verloren, ohne mir zu sagen, wohin er gehen wollte.. Drei Tage ist er weg gewesen, und, nachdem, er zMickge kommen, so habe ich ihn zwar gefragt, wo er gewesen; er antwortete mir aber gar nichts. In zwei Tagen darauf wurde er krank, klagte über den Kopf und Brust, nach fünf Tagen wurde er besser; und weil er das „Michaelisfest" mit den hiesigen Juden in der Synagoge zelebrierte, auch daselbst von den Bürgern Eisenacker und Kozack in einem weißen Kittel beim Gebet angetrosfen wurde,, so fing sogleich das Publikum an, ihn für einen Juden zn erklären. Seine liebste -Beschäftigung ist das Lesen der Heiligen Schrift, und zwar des Alten Testaments. Ueber sein Betragen gegen mich während der ganzen Che kann ich mich nicht beklagen. Er war ein ordentlicher Wirt, dem Trünke ganz und gar nicht ergeben. Ta ich und mein Mann selbst tn einem Alter sind, so sehne ich mich nach keiner Scheidung von demselben; denn die Reize der Jugend und der ehelichen Liebe find Lei uns Heiden vorbei, und ich wünsche nichts mehr, als die übrigen Tage meines Lebens mit der fleißigen Bewartung Weines betagten Mannes zuzubringen." Steblitzki Sohn, 28 Jahre alt, katholisch, unverheiratet, bestätigt die mütterliche Aussage' (Bibellektüre, Morgengebet mit Riemen und bedecktem Kopfe, Beköstigung durch die Rabbinerin Salomon.) „Ob er den Sabbath bei den Juden feiert, kann ich gewiß nicht sagen; inzwischen muß es doch Wohl sein, weil er Sonnabends selten zu Hause ist und auch an diesem Tage gar keine Handarbeit verrichtet." Shnagogeneigner Abraham Samson sagt aus, „daß der Joseph Steblitzki, itzt Abraham, schon von jeher eine besondere Neiugng zum' Judentum habe blicken lassen und sich dann und wann in b&r Shagoge «nn Sabbath mit einem Buche, aus dessen einer Seite lateinische und ans der anderen hebräische Zeilen stehen, eingcsunden. An dem Versöhn ungsefste sevbst kam er auch in einem weißen Sterbekittsl dahin. Der Israel«. Mo ihnMe^Bürger ZOchzweften Tag angetrsffey. r Ma ec Woselbst gerüMet, dM>«. ftch MychUttM l Ächd beidem Eintritt rn..?der Synagoge -eW MWlj Worwies, so 'wurde er eingelassen.? Meines Wissens' hat ihn wohl keiner von uns Inden zum Judentum: angereizt, allein sein Eifer zur jüdischen Religion ist groß, nüd er läßt sich davon nicht znrückhalren.5 Magistratus, dem der Beschuldigte lange angehört hat, bezeugt einmütig unter- Amtseid, daß Steblitzki „von jeher ein stilles, ruhiges, sriedfrrtigO und untadelhastes Wesen geführet, auch - fick selbst gegen seinen Nächsten ebenfalls gut und redlich betragen, während seines Amtes als Ratmann sich treu und emsig verhalten und die ihm anvertraute Kämmereikasse mit aller Treue' verwaltet habe." Ein Gutachten des Kreisphysikus endlich attestiert dem Denunziaten „das völlige Ansehen eines Melancholikus, indem er sehr mager, trocken, blaß und fast gelblich aussiehet." Auch Anomalien der Schädelbildung werden gefunden, indem „das ganze ns oecipitis. besonders aber seine protuberantia, sehr stark hervorragen und beide ossa bregraatia öer ihrer Bereinigung mit selbigem stark vertieft und ganz wie eingedrückt sind." Aussage des Beschuldigten. „Seit mehr als zwanzig Jahren habe ich große Neigung zum. Judentum gehabt und endlich mich entschlossen, selbst durch die Beschneidu.ig ein wirk- - licher Jude zu werden. Seit fünf oder sechs Jahren bin ich bei der Beichte nicht geweftn, weil ich noch vor meiner Befchneidung den Sabbat mit den- Juden gehalten und mich beim Genüsse de; Speisen, die ich mir im stillen gekauschert, nach der jüdischen Art und Weise gerichtet. Da dieses der hiesigen Geistlichkeit bekannt war, so wollte sie mich zur Beichte nicht.annehmen; ich blieb daher davon feit süns oder sechs Jahren völlig weg. Mein Verlangen nach der Beschneidung habe ich gegen verschiedene Juden von Zeit zu Zeit geäußert. Da ich aber hier im Lande kein Gebär dieserhalb fand, so ging ich nach Polen, und zwar erst nach Oswreczim und dann nach Krakau. An diesem letzten Orte versickerten mich aus mein Anliegen verschiedene Juden, daß sie einen Inden zu mir ins Haus nach Nikolai zur Vollstreckung der Operation ichick-u würden. Dieses geschah, als ich in Krakau war. im Winter, und der fremde Jude aus Krakau iand sich gegen das Ende des Augusts des Jabres bei mir ein und zeigte mir an, daß er der von den Indenaus Krakau zu meiner Beschneidung Abgesand'e l-k. Er wirs mir die Art und Weite, wie icbs machen sollten Ich erhielt von ihm den Namen Joftph Abraham, und gleich nach der von mir bewerkstelligten rituellen Operation nahm der Jude da? -Messer' zurück, erhielt von mir sür seine Demübnugen w-i Dukaten und ging sogleich fort, ohne sich irgend hier aufzuhaltcn. Nach der Beschneidnng wurde ich krank n«rd schwach. In vierzehn Tagen wurde »ch veftirii'eivt, und ich ging an dem großen Versöbnungsieste am 14 September in die Synagoge der hiesigen Juden mit einem Sterbekittel, der bei mir seit einigen Jahren von einem armen Inden verpfä:>d't' war, und verrichtete nach der jüdischen Art und Weise meine Andacht, wobei mich einige Bürger antraien. Seit dieser Zeit halte icb mich als wirklicher Jude zu dem jüdischen Gottesdienste, beit ich 5nrch k ines anderen Schuld, Ueberrednng oder Vorivi-gelung. * sondern einzig und allein a>ts eigener Bewegung erwählte und auch dabei ferner bleib? und in dieser Religion leben und sterben will. Ich grst-he übrigens, daß ich meinen Bart schon von jeher, und auch vor der Beschneidnng. mit keinem Barbiermesftr, sondern dann und wann'mit der Sck,ere abnehme, welches den südsichen Geestzen gemäß ist: auch hat es seine Richtigkeit, daß ich seit ein paar Jahren meiner Frau nicht beiwohne und auch nicht beiwohnen werde, weil wir erstlichbeide alt sind, ich aber auch nunmehr, ein Jude bin. der sich mir einer Christin eigentlich nicht vermischen soll. Meine wahren Bewegungsgründe zn meinem Uebergange zum jüdischen Glauben habe ich ans der Heiligen Schrift selbst genommen. Denn Gott ist unveränderlich, und ebenso seine von ihm einmal gegebenen Gesetze, auch selbst der Glauben, den er seinem geliebtesten Volke Israel vorgeschrieben. In der Apostelgeschichte des Neuen Testaments, Kavitel 15. ist es ebenfalls enthalten, daß niemand ohne >Beschnkidung selig werden kann: roke denn in dem ersten Buch Mose. Kavitel 17. Vers 13, ausdrücklich stehet: „Also soll mein Bund an Eurem Fleische sein zum ewigen Bunde." Selbst aus dem Propheten Jesaia, Kapitel 24, Vers 5. wie auch aus dem Propheten Maleachi, Kapitel 4; ist klar zu ersehen, daß diejenigen, welche den ewigen Bund fahren lassen und seine Gebote ändern, an jenem großen Tage brennen sollen wie ein Ofen. Selbst der Stifter hat sich beschneiden lassen und ausdrücklich in seinem Neuen Testament gesagt, daß ihm alle Nachfolgen sollen; mithin habe ich nichts anderes getan, als was die Schrift von den Menschen fordert. Sekt mehr als zwanzig Jahren habe, ich mich mit dem Bibelelsen beschästiget und überzeuget, daß der jüdische Glaube der seilgmachende und wahre Glaube sei. Ich habe mehr als einmal Gelegenheit gehabt, mit den Geistlichen darüber zu sprechen. Besonders da sie wußten, daß ich schon vor meiner Beschneidrm- Ln« Zudentum inklinierte :und Verschiedene jüdische Witüs» verttchtst^ WkmiMMchrmaM vor rMtHlI mW zu MdeMcnr^ - Ich fand aber ihre Gdgeneknwürfe unzüNnglroh und entschloß mich, durch die Beschneidung selbst ein wirklicher ^Zude z» werden." "° " > »■ . Das Urteil de s Könitz s. „Von Gottes Gnaden, Friedrich König von Preu» .ßen etc. Unfern gnädigen Gruß zuovr. Wohlgebvrenr und hochgelahrte Räte, liebe Getreue. Ihr empfanget hieneben die .eingesandten Untersuchungsakten wider den Joseph Steblrtzki, moäo Joseph Abraham, wegen dessen Abfall zum Judentum wieder zurüch und wollen Euch auf die dieses Vorfallhalber getane Anfrage zur- Resolution nicht verhalten, daß die fernere Uiftersuchrmg dieserhalb und die -Bestrafung unterbleiben könne; die -Frage - aber, ob der Joseph Steblitzki nun als ein unvergleiteter Jude ferner gn dem-bisherigen Ort seines Aufenthaltes zu dulden sei, müßt Ihr dem Finanzdepartement<• zur Entscheidung überlassen. Sind' Euch mit Gnaden gewogen^ Berlin, den, 12. -Dezember 1785." - Sachlich hinzuzufügen, daß dem nunmehr Joseph Abraham geheißenen durch die zuständige Behörde der Schutzbrief als Jude alsbald gewährt wurde. F. Gedike, der Mitherausgeber der „Berlinischen Monatsschrift", deren Jahrgang 1786 die gerichtlichen Protokolle, die Urkunden also dieses dielelicht beispiellosen Religwnsprozesfes veröffentlicht, kommentiert diese von. echt friderizianischer Duldsamkeit getragene Lösung fast hymnisch: „Preise dich glücklich, guter Steblitzki, daß du in den Staaten Friedrichs des Einzigen lebst, dessen Grundsatz „Bei'mir kann jeder glauben, was er will, wenn er nur ehrlich ist", noch immer nicht der allgemeine Grundsatz aller Regierungen geworden, so sehr er es auch zu werden verdiente. Noch immer ist es in mebceren Staaten ein Verbrechen, ein Jude zu sein; wieviel mehr den«, ein Jude zu werden." * *. - * Der Feuilleton-Mitarbeiter der „Vossischen Ztg." Apajune, der diese.alte Geschichte ausgrabt, widmet ihr folgendes Nachwort: Der längst in Vergessenheit geratene Fall Joseph Abraham wurde hier nicht erneut aufgecollt, um aus dem. Manne einen Märtyrer zu machen; dazu fehlt dem -schlichten Bekenner aus Schlesierland den» doch das Geistesmaß. Mer in einer Zeit marktender GesinnungsstreoevLi und nicht immer unverdächtiger, schnellfertig vollzogener Neuorientierungen tut die Betrachtung furchtloser Bewährung errungener Ueberzeugung wohl; ja, sie . kann, .meine ich, nicht ohne Ergriffenheit geschehen. Dieser Joseph Steblitzki gehorcht einer Idee, -nur ihr. Cs fehlt ein konkurrierendes Motiv, jeder Anreiz durch Eros oder Vorteil („Paria vaut bien une messe"). Indem der Mann sich verjndet, nimmt er mindestens Staatsbürgerschaft zweiter Klafft und das Schicksal gesellschaftlicher Aechtung auf sich. . So wird er von innerer Nötigung geirreben, zum Träger aufrechter Tat. Man beachte, daß Steblitzki freiwillig zum Judentum kam. ohne jede Einwirkung von außen her. Denn das Judentum, Abschließung und Inzucht, unterhält keine Propaganda; es missioniert nicht. (Seltsam übrigens, aus diesem Anlaß — und ältere Kirchengänger erinnern sich vielleicht mit mir — einer Stöckerschen Predigt zu gedenken, die mit echtem Patbos gegen das Truggebilde jüdischer Werber eiferte. . Kein Temagogenknisf war das, Stöcker schützte diese Befürchtungen nicht vor: seine Gejprnfterfurckt war ehrlich. Durch Rassenhaß verleitet, rannte der wortgewaltige Volksmann damals. Türen ein, die nickt.verschlossen sind.) Die jüdische Religionsgemeinschaft. noch einmal, agitiert nicht, wie denn,, bezeichnend immerhin, der spätere Joseph Abraham! iregndwelche Bekehrungsversuche an Frau und Kindern nicht vorgenommen bat. Ich will, wie gesagt, den Mann nicht größer macken, als er ist) ihn künstlich nicht irgendwie zu strecken' suchen; aber einen sanften Strähl aus der Gloriole der Märtyrer möchte ich seinem Andenken doch erhaschen. Und einen fernen Schein der Flammen dazu, die die Scheiterhaufen der „standhaften Prinzen" des Gedankens verzehrten . . . Aus dem Talmud und Midrasch. Rabban GamUel, R. Elieser ben Asarja, R. Josua und R. Akiba reisten einmal zusammen und hörten das Getümmel von Rom in einer Entfernung von hundert und zwanzig Mil. Da fingen fie an zu weinen, R. Akiba aber lachte. „Warum lachst du?" fragten sie R. Akiba. „Und warum weinet ihr.?" versetzte dieser. Sie sprachen: „Diese Götzendiener, die Götzen anbeten, Göttern räuchern, wohnen so sicher und gemächlich, und unser Haus, der „Fußschemel unseres Gottes") ist in Feuer verbrannt, sollen wir da nicht weinen?" „Eben darüber lache ich," versetzte R. Akiba) „denn wenn die ' ÜeV«tteter..Mgöttlichen Willens es so (gut) haben, wie erst die, welche seinen Wille« befolgen." Meccoth 24».

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