Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1920-06-10 · Heft 23 (10.6.1920) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 23 (10.6.1920)
Date
1920-06-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2450088-2450109--68275-2525383
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Historischer Roman aus dem achten Jahrhundert. Zm Menstaat der Lhasaren AM mm (17. Fortsetzung.); j „WaS ist geschehen, Kosarios? , Ich kann mich auf nichts entsinnen."! „Du hast Großes vollbracht, Chisdai, um das dich der Tapferen Tapferste beneiden mögen. Du hast den Todessturz gewagt, für einen Anderen . . . Und weißt Du für wen?" „Ich weiß nichts, nichts! , . „Für den ersten und obersten Heerführer, j den Thronerben Saliman." „Was ist geschehen? „Vor der letzten Tat ritt Saliman mit Wenigen seines Stabes, aus, um die Westseite der Mauer, wo der letzte Stoß geführt werden sollte, noch einmal ins Auge zu nehmen. Er allein war im Besitze des Planes und merkte nicht, daß der Tod ihn und seinen Plan bereits umgarnt hielt .... Da wurde er, der Tod, aufgehalten, durch deine Tat, Saliman und bas Chasarenland gerettet. Weißt du nun, was du getan hast? Saliman schickt mich her, -dir Dank zu sagen." „Meine Erinnerung erwacht nun langsam. Ich riß den schleichenden Schützen mit mir hinunter. Doch was weiter?" „Und nun ihr beide ineinandergekeilt, Saliman zu Füßen. Dieser erfaßte sofort die Sachlage. Der Pfeil des Arabers war vergiftet und es war kein Zweifel, gegen wen er gerichtet war . . . Und der ihm diesen aus der Hand schlug, ein Chisdaier, Chisdai selbst. Beid: atmeten noch. Nur hatten bei dir Erschütterung und Erschöpfung Bewußtlosigkeit herbeigeführt, und aus Sal-mans Anordnung wurdest du ins beste Zelt verbracht und von den besten Heil-» kundigem verbunden und gepflegt." „Und was geschah mit dem Araber?" „Dieser lag in seine Armbrust verschlungen mit stark blutendem Kopfe, doch mit deutlich hörbarem Atem da. Einer der Reiter wollte ihm den Gnadenstoß versetzen. Doch siel ihm Saliman in feen Arm. Warum sollte er auch seine mutige Tat für sein Vaterland mit dem Leben bezahlen? Der Reiter wandte zwar ein, der Araber habe nicht in offener Schlacht, sondern meuchlings den Ueberfall unternommen. Der Heerführer beharrte aber daraus, daß er damit noch mehr gewagt hätte. Hatte er es doch auf ihn, den Leiter des Ganzen abgesehen, und wollte damit Netter feines Volkes sein. Er wurde ebenfalls verbunden und wird von Heilkundigen gepflegt. Er soll, sobald er gesundet, zu den Seinen zurück, um ihnen zu erzählen, wie wachsame Augen die Chasaren haben und wie sie mutige Tat auch beim Feinde zu schätzen wissen . . Ben Chisdai starrte sinnend in die Weite. „Was ich tat, Kosarios, war meine Pflicht. Warum sollte Saliman uns die Pflichterfüllung höher anrechnen als den Anderen?" Auf diese Frage ging Kosarios nicht ein. „Es ging nicht allein um Saliman, den einzigen Sohn des Chakqn", sagte er, „sondern um düs Chasarenland selbst . . . Doch ist jetzt nicht » die Zeit des Redens. Hörst du die Hörner J schallen? Es geht aufs Ganze und Letzte. Saliman ruft, und er kommt selbst, sobald der Sieg vollkommen ist, um seinem Lebensretter zu danken. Horche, Chisdat, auf den Hörnerklang. Ertönt Siegesjubel, so jubele mit, denn eS hängt vieles von diesem Siege ab . . ." Kosarios ging eiligen Schrittes von dannen. XIII. \ Wie betäubt blieb Ben Chisdai in seinen Decken. Hatte er alles begriffen, was ihm der wiedergesundene chasarische Freund gesagt? Und wie anders sprach doch heute der sonst so kalte, stelze Mann! Eine Erinnerung stieg in ihm auf. Damals auf dem Fiedhofe zu Bagdad! Der Araber mit dem Dolche vor ihm uno hinterher der starke Mann, Kosarios, der den Mörder mit kräftiger Hand niederschlügt l Wie hatte er doch jede Dankvezeugung zurückgewiesen! Wie wenig Bedeutung legte er dem Ereignis bei! Und jetzt.... ' War das die Liebe Kosarios zu seinem Vaterlande, zu seinem Heerführer und künftigen Chakan? War er am Ende mit unter den Reitern an der Mauer um Saliman? Sprach er nicht von geheimem Posten? .... Wer war überhaupt Kosarios und was ging in diesem Herzen, hinter der gepanzerten Brust vor? War er hier im Felde Himer das Geheimnis dieses Mannes gekommen? Er sprach hier weniger von Dingen des Geistes und Glaubens, er war hier ganz Krtegrr und Hrld, aber das Rätsel seines Menschentums blieb nach wie vor ungelöst. ..... Diener kamen und gingen, brachten bald dieses, bald jenes an Arzneien und Erfrischungen. Heilkundige wuschen behutsam die Kopfwunde aus. Alles um ihn herum war eitel Liebe und Umsicht. Er fühlte ein Sausen und Brausen im Kopf, aber sonst keine Schmerzen, Die. Mattigkeit wurde von neuen Kraftströmen, die er durch die Adern fluten hörte, wie weggespült. Er setzte sich auf seinem Lager zurecht und horchte hinaus. Trompetenschall und Hörnerklang von allen Seiten, wilde Rufe und Sturmsignale. Wie Windessausen tobte das Kriegs wüten um das Zelt) einmal von daher, einmal von dorther, hob und senkte es sich, verstummte für eine Weile, um von neuem von irgend einer Seite orkanartig aufzusteigen. Ben. Chisdai^ horchte auf das Getöse sind sein Herz erbebte j bei jeder neuen Tonwelle von neuem. Waren es nicht jetzt Jubelfanfaren, Stegesjauchzen? Mille und dann wieder Sang und Jubel, froher Hörnerklang und Freudenrufe aus tausend starken Kehlen. Es hielt ihn nicht länger im Bette, er raffte sich aus. Diener sprengten ins Zelt. „Die Mauern von Ardiian gefallen. Achmadus in wilde Flucht geschlagen, endlose Beute! . . „Saliman und fein Stab!" verkündete,em anderer. „Wie ihm das Kriegsvolk zu jubelt, er reitet mit Richtung hierher, an das Zelt . . „Saliman, der Götter Liebling kommt!" ging es durch die Reihen. „Sprecht nicht von den Göttern, Saliman hält nicht viel auf sie und hört es nicht gern", mahnte einer. Ben Chisdai richtete sich ganz auf, denn der hohe Gast, der jetzt gepanzert und spornklirrcnd in Gesellschaft einige^ Krieger in den Raum trat, kam zu ihm „Hell Ben Ch'sdal, Sieg, voller endgiltiger Sieg, die Araber sind in die Flucht geschlagen, der letzte Rest ergab sich, Rrdilan gefallen und unsere Heere dringen bis zum armenischen Gebirge vor!" . . . ' Ben Chisdai starrte verständnislos auf den Heilverkünder hin. „Ist dar nicht die Stimme Kosarios? Man sagte mir, der Thronerbe Saiimazz trete ins Zelr." „Er ist da und drückt seinen Lebensretter an die Brust". Und der Reiter im goldgestickten Waffenrock umarmte Ben ChiSdai' und küßte ihn. Alles stand herum und sah ergriffen dem großen erzharten Sieger von Ardiian zu, wie sich in seinem Herzen eine niegeahnte Quelle auftat, aus der warme Menschlichkeit floß. Ben Chisdai stand wie betäubt da, senkte den Blick und fand kein Wort. „Höre. ChiSdai, Ihr habt mich Kosarios genannt und der Schleier über meiner Person durfte nicht eher gelüftet werden bis zu diesem j Momente, da mit der. errungenen Freiheit für > mein Volk auch ich mir die volle Freiheit des Handelns erworben habe. Du sollst Chisdai, dem Thronerben Saliman nicht weniger Vertrauen entgrgenbringen wie dem Freund Kosarios." Ben Chisdai verbeugte sich lief vor Saliman. „Verzeih, großer Königssohn, wir haben zu viel gewagt! . „Nicht so viel wir ich, da ich als Fremder unter falschem Namen in eueren Kreis eingedrungen bin. .? ." „Nun, da wir den Irrtum erkannt", setzte Ben Chisdai unbeirrt fort, „möge der erlauchte Königssohn uns gnädig sein und uns heim schicken, daß wir in der Stille unseres kleinen jüdischen Lebens, ohne es vor Jemand über unsere Lippen zu bringen, am Glücke zehren, dcn künftigen Beherrscher Crasariens als Freund und Gönner unserer Mitte gehabt zu haben. Nie werden wir diese uns gewordene Gottesgnade mißbrauchen, es sei denn, daß wir einmal um den Schutz unseres guten Rechtes vor böswilligen Feinden gehen müßten..." „Nein, Chisdai", unterbrach Saliman lebhaft, „du ziehst an meiner Seite in Balagar als Sieger ein. Ein Retterist mit der Freudenbotschaft bereits vorausaeeilt. Bist du, Chisdat, so wett hergestellt, daß du morgen mit mir ziehen kannst?" „Ich suhle mich vollkommen wohl und das Glück rieselt mir durch alle Poren, daß ich Berge verrücken könnten." „Und noch eines, Chisdai, die Schlacht ist geschlagen, eine zweite steht uns bevor, «eine geistige in Balagar . . . Der Pegan darf uns und unser Siegesheer nicht im Namen des Sidharte und anderer Götter begrüßen und wir bringen keine Dankopfer im Tempel der Trtmurti. Nicht diese haben uns den Krieg gewonnen. Das soll bald das ganze Land erfahren. Ein neuer Geist zieht in Chasarien ein. Der Sieg wird vielmehr mit einer Kundgebung für die Wahrheit gefeiert werden." Sang und Klang und tausendstimmiger Freudenruf wurden draußen laut. Harte Schritte und Pserdetraben. „Hörst Du, Chisdai, das frohe Getriebe? Die Truppen ziehen heim. Ich und mein Stab morgen und du mit mir an meiner Seite. Wir ziehen zu einem anderen, größeren Sieg, mit dem sich unser Volk das höchste Freiheitsgut erringt, das je ein Volk — außer deinem — besessen. Auf, Chisdai, umgürte dich mit Kraft! .." ' (Fortsetzung folgt).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.