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Der Israelit · 1920-06-10 · Heft 23 (10.6.1920) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 23 (10.6.1920)
Date
1920-06-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 No. 'Der Israelit. - iO;-$uiii;dÖ20 Heute gilt es nun-zu verhindern, daß dieser durch die schwere Kriegs* und Nachkriegszeit langsam abbiöckelnde Damm nicht zusammenbricht. Schon sickern aus Nissen und Oeffnungcn die bis jetzt noch mühsam zurückgehnltenm Wogen der Not) bricht aber erst die von edelster Menschenliebe errichtete Stütze zusammen, dann ' wird eine gewaltige Neberschwemmung alle bis jetzt nochahnungslos bet Seite stehenden Kreise gefährden. Waren bei den letzten Ausführungen die Selbstkosten der Krankenanstalten, also dieser Stätten, die in allererster Linie berufen sind, Schweres abzuwenden, auf über Mk. 20 pro Kopf und Tag gestiegen, so sind heute bereits die Ausgaben auf mindestens Mk. 30 pro Tag durchschnittlich anzunehmen, das bedeutet eine Erschütterung unserer jüdischen Krankenanstalten in ihrem Bestand, und es bedeutet eine Ausschaltung bisher leistungsfähiger Personen als Selbstzahler. Was nützen da angesichts d'eser unabwendbaren Tatsachen theoretische Erwägungen, was nützt es, immer und immer wieder'aus diese heranrückende Gefahr hinzuweisen, wenn nichts zur Verhütung des Zusammenbruches unternommen wird? Wer kennt und wer zählt alle Organisationen, die mit Hingebung und Verständnis bestrebt sind, für Arme und Bedürftige fürsorgend zu wirken! Reich, unermeßlich reich ist selbst der in tiefster Armut Stehende, wenn er im Besitze seiner Gesundheit ist, wenn er in Gottes freier Natur sich bewegen kann, und seine Seele hinausjubelt angesichts der ihm sich offenbarenden herrlichen Gottesnatur, aber arm, doppelt arm ist in dieser schweren Zeit der,, der fernab vom Weltgetriebe krank und hilstos darniederliegt, und der rettungslos verloren ist, wenn die Pforten der Krankenanstalten sich ihm nrcht mehr öffnen können. Wollen wir praktisch Hilfe leisten, so müssen wir in allererster Linie unermüdlich besorgt sein, diese Stätten der Zuflucht zu erhaltenstürzen sie zusammen, dann liegen unter den Trümmern unsere Stützen und Säulen, die berufen waren, Generationen zu überdauern, die aber nunmehr unsere Kinder und Kindeskinder vor unermeßliche Aufgaben stellen würden. Schließen wir unsere Reihen eng aneinander, und wenn jeder jede Gelegenheit ergreift, um mit seinem Maaßer beizutragen, dann wird und muß es gelingen, den schützenden Damm wieder neu aufzurichren, daß er es vermag, unsägliches Elend von uns fernzuhalten. meiitbcn voranzulrageir. Sic betrachteten es als ihre Lebensaufgabe, die Saat der Gottesfurcht .und der unerschütterlichen Treue gegen die Heiligtümer der Religion in die Herzen des Heranwachsenden Geschlechts zu streuen. Es ist nicht anszndenken, was ans dem Judentum in'Deutschland, geworden wäre, wenn der Rabbi nicht seine Schul!' gegründet und seine Schüler zu Lehrern und .Hütern der Thora bestellt, hätte. Was diese Schüler als Rabbiner wirken und leisten, ist sein Verdienst, denn sie sind 'Geist voir seinem Geiste: und gewiß gilt auch von ihm der Satz: ibsD nann “iar bd'Si; nbpo Dn»i Ich rechne euch großen Lohn all, als wenn-ihr selbst alles vollbracht hättet. Einer stets sich vergrößernden Gemeillde vorzustehen, eine große Religionsschule zu leiten, das Rabbiner-Seminar zu führen und dabei noch fleißig in der Thora M forschen und gelehrte Werke zu schreiben, von denen nur sein Kommentar zu den Halachoth Gedoloth erwähnt sei, hiMe das Leben eines andern Mannes voll und ganz ausgefüllt. Tabei ist noch zu bemerken, daß der Rabbi auch alle Gelder für das Rabbiner-Seminar selbst gesammelt hat. „ Wie viele Korrespondenzen mußte er führen, wie viele anstrengende Reiser: mußte er »lachen, um die materiellen Mittel zu sammeln, die er für das Rabbiner-Seminar gebraucht hat. Nur die große gewaltige Energie des Rabbi, den fein Hindernis 'abzuschrecken vermochte, konnte diese Werke gelingen lassen. Daneben aber hat der Rabbi noch Zeit gefunden, in humanitärer Beziehung ganz außerordentliches zu leisten. Zu ihm kamen Arme und Hilfsbedürftige in großer Geduldig hörte er sie alle an und half, Seit dem Dode'-seintt.)GhWß.'kräüke.lie' der Rabbi. Ihr Vertust war der größte Schmerz seines Lebens, den er nicht verwinden konnte.! Am 4. Tamus 5659 (1.899) starb der Rabbi, umgebeil von .seinen Freunden und Schülern. Diejenigen, die bei seinem Tode anwesend waren, hatten die Empfindung: - Er hat wie ein Heiliger gelebt, wie ein Heiliger ist er -gestorben. Kein Leidenszug. trübte sein vor: seligem Frieden verklärtes Antlitz. Zu seiner Beerdigung waren Tausende uud Abertausende aus der Nähe und Ferne herbeigeeilt. Noch nie war ein Jude in Berlin unter fo imposanter Beteiligung und unter so ergreifenden Bekundungen emmütigen Schmerzes zur letzten Ruhestätte - geleitet wordeil. Jeder empfand es: Einer der edelsten Menschen, eine, der herrlichsten Jdealgestalten unseres Volkes, ein Großer, ein Fürst in Israel war nach vollbrachter Lebensarbeit aus der Welt geschieden. (Fortsetzung folgt.) Raddl Zsrael Hildesheimer Persönliche Erinnerungen zu seinem Hundertsten cheöurtstage 5580 — 27. Ijar —5680. Bon Rabb. Dr. A. Cohn in Bafel. (Fortsetzung.) Im Jahre 1873 erlebte der Rabbi die Krönung seines Lebenswerkes, indem er, unterstützt durch jüdische Gelehrte von. Weltruf, das Rabbiner-Seminar in Berlin begründete. Aus dieser Anstalt sind mehrere hundert Rabbiner hervorgegangen, die nicht nur in Deutschland und in anderen Ländern Europas, sondern auch in Amerika und Australien an der Spitze von jüdischen Gemeinden stehen ^nib mit wenigen Ausnahmen im Sinne mtb Geiste ihres großen Meisters die Thora lehren, die Gemeinden leiten und die Jugend erziehen. Unser Rabbi war voll der Vorsehung dazu bestimmt, das schwer bedrohte Judelltum in Deutschland zn stärken und erhalten zu helfeil. Wie wenige hat er in seiner ganzen 1i scn Bedeumng den Ausspruch linserer Weisen erfaßt: naNN lTöOT Stellt viele Schüler auf. Die-e Schüler führte unser Rabbi mit kundiger Hand all die Quellen des Wissens und erfüllte sie mit Liebe und Begeisterung für unsere heilige Lehre. Aus den Händen ihres großen Lehrers empfingen si» das Banner der Thorax -rm es ihren Gewo er konnte. Während des deutsch-französischen Krieges gründete er ein Lazareth für jüdische Verwundete, das voll seiner Gattin trefflich geleitet wurde. Er war es, der dafür sorgte, daß die jüdischen Soldaten während des Feldzuges die hohen Feiertage mit würdigem Gottesdienste begehen konnten. Als im Jahre 1869 die Juden in Persien, als im Jahre darauf die Juden im nordwestlichen Rllßland unter einer Hungersnot litten, war er es, der erfolgreiche Sammlungen veranstaltete. Als irrfolge der ersten Pogrome im Jahre 1883 Tausende von jüdischen Auswanderern Rußland verließen und über Berlin nach Amerika reisten, veranlaßte der Rabbi einen reichen Glaubensgellossen, ihm ein großes Haus für die Auswanderer zu überlassen. Hier wurden sie gelabt und erquickt, mit Wäsche, Kleidern und den nötigsten Hilfsmittelll versehen. Mit den Worten Hiobs konnte man von dem Ravbl sagen: Klsn 'YF ‘la^ na^D „Der Segen 'der Unglücklichen, der Auswanderer, kam über ihn." Der Rabbi war auch Mitglied des Zentralkomitees der „Alliance Jsraelite Universelle" in Paris, an deren Spitze allerdings damals nicht ein Knlturfanatiker, wie Reinach, stand. Er war es, der es durch seinen Einfluß durchsetzte, daß Professor Halevi nach Abessinien entsandt wurde, um das Schicksal der Fälaschas, der schwarzeil Juden, zu ergründen, die dort, vereinsamt ulld ohne Kenntnis voir der Existenz der Judell in andern Ländern und bedrängt von der Mission, der jedes Mittel zilr Bekehrung recht ioar, sich ihr Judentum unter beu schwierigstell Verhältnissen erhalten hatten. Auch an allgemeinen Werken der. Nächstenliebe hat der Rabbi stets mit allen Kräften mitgearbeitet. So lvar er lange Zeit Präsident des segensreich wirkenden Mretehilfsoereilis in Berlin. Braucht erst gesagt zu werden, daß das ganze Herz des Rabbi an Zion und Jerusalem hing? Schon im Jahre 1868 unternahm er es, in der Nähe vor: Jerusalem Armen- und Pilgerwohnungen zu erbauen. Die segensreichen Vereine „Esrath Nidachim" (gegen die Missionstätigkeit) und „Lemaan Zion", der noch heute blüht, hat er.gegründet und lange persönlich geleitet. In „Pethach Tikwah", der ältesteil Kolonie iit Erez Jsroel, hat er selbst ein Stück Land' .gekauft, dessen Ertrag er der dortigen Wasnsch-Thorja-Schulzukommen Heß, Lorrefpvnvenzen und Lachrl-ten. Derrtsttze» igteid?. 3ioni(!ifcfie1San Remo-Seiern. Irarikfrrrt a. M., 4. Juni. Tie zionistischen Ortsgruppen veranstalten zlir Zeit überall größere Feierlichkeiten und Tenronstrationsversammluugeu, um den Beschluß voir San Remo ,als Wendepunkt in der jüdischen Geschichte und Anfang der Erlösung zu feiern. Mau bemüht sich, zu diesen öffentlichen Veranstaltungen möglichst alle Kreise heranzuziehen, insbesondere die orthodoxen, in deren Herzen die Erlösungsbotschast naturgemäß den stärksten Widerhall findet. Können orthodoxe Ol gauisationen, insbesondere Aguda - Gr up- Pen sich dazu hergeben, durch die Annahme solcher Einladungen zur Verherrlichung und Propagierung der zionistischen Gedankenwelt innerhalb und außerhalb der jüdischen Gesamtheit beizutragen? Wir glauben, daß hie Frage, wenn man sie so formuliert — und sie kann nur so formuliert werden —, nur negativ beantwortet werden kann. Zu dem gleichen Ergebnis ist auch die hiesige Ortsgruppe der „Agudas Jisroel" gekommen, die an die zionistische Ortsgruppe unterm 21. Mai folgendes Schireiben gerichtet hat: „Wir bestätigen dankend Ihre freundliche Einladung zu Ihrer Feier. Wenn wir offiziell eine Beteiligung an derselben ablehnen müssen, so bitten wir Sie in dieser unserer Ablehnung nicht einen Akt persönlicher Unfreundlichkeit erblicken zu wollen, vielmehr davon überzeugt zu sein, datz wir nur dem Diktate unseres Gewissens folgend auch heute keinen anderen Standpunkt gegenüber dem Zionismus einzunehmen vei> mögen, yis' dieses bisher der Fall war. Die Gründe unserer Gegnerschaft gegen die zionistische Bewegung ' waren ja niemals irgendwie dadurch beeinflußt, datz wir etwa die praktische Realisierbarkeit Ihres Strebens für eine Utopie hielten. Es gehört ja im Gegenteil mit zu den Fundamenten unserer jüdischen Ueberzeugung, datz Zions Stätten nicht ewig Trümmer bleiben. Das was uns vom Zionismus trennt, liegt vielmehr auf ideellem Gebiete. Wir glauben, datz die jüdische Nation nicht wert sei zu leben, wenn sie das Gottesge^etz nicht als oberstes Fundamentalorinzip anerkennt, und erblicken eine Degradierung besten, was w i r jüdische Nationalkulrur nennen, in der Tatsache, daß der Zionismus sie als Privatsache erklärt. Wir glauben auch der Souveränität des Gottesgesetzes innerhalb des jüdischen Volkes nicht gerecht zu werden, wenn blos eine Fraktion innerhalb des ganzen Volkes die Vertretung des Gottesgesetzes übernimmt, glauben vielmehr, daß je mehr die politische und rechtliche Sicherung des jüdischen Volkes in Palästina Wirklichkeit zn werden scheint, eS um so mehr unsere Aufgabe ist, dafür Sorge zu tragen, daß nicht die Periode der individuellen Assimilation im Golus abgelöst werde durch eine Periode

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