Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 23 (10.6.1920)
- Date
- 1920-06-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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'as.SSä MW . Sie Reichstagswahlen. Der Wahlkampf ist zu Ende,, aber die Streitaxt ist nicht begraben. — Sie'wird jetzt erst recht in Wirksamkeit treten. Es war nicht Ausgabe der jüdischen Presse, an der Wahlkampagne teiszunehmen und den jüdischen Wähler über sein Verhalten aufzuklären. Die antisemitischen Lug- und Flugblätter haben es gründlich für uns besorgt. Waren die Schmähungen und perfiden Verleumdungen, mit denen uns ein gilt Teil dieser -fliegenden Schundliteratur täglich anfiel, gerade dazu angetan, aller Köpfe und Sinne derart zu verwirren, daß man nicht mehr ein noch aus wußte, so ließen sie doch den Juden klar sehen, um was es in der Hauptsache ging: da, wo man in den letzten fünf blutigen Jahren auch, sonst am wenigsten etwas wie Gewissensskrupelmerkte, war man entfchloffen, zum eigenen Schutze eine ganze Halbmillionenbevölkerung dem attgesammelten Hasse und der entfesselten Leidenschaft auszufetzen/ mit den dunkelsten Instinkten notleidender, verhetzter Massen rechnend den ganzen Kampf um die Macht und Herrschaft unter die Parole: „Gegen die' Juden!" zu bringen. Daß sich in diesem Zeichen Weitentfernte und Widerstrebende fanden, ist bezeichnend für die derzeitige Hochkonjunktur der Verhetzungs- Politik. Mußten wir deutsche Juden es doch erleben, daß die Partei, an deren Spitze ein Nachkomme des Mannes steht, der vor hundert Jahren den deutschen Juden die Emanzipation mit erkämpft hat, in di esem Kampfe mit denen vereint marschierte, die uns h?ute um unser bischen Recht auf friedliches Mitleben und Mitarbeiten berauben möchten. So mußte sich denn jeder jüdische Wähler darüber klar sein, daß es für ihn nicht allein jüdische, sondern auch vaterländische Pflicht war, durch seinen Stimmzettel dazu betzutragen, daß die dunklen Elemente nicht allzusehr im neuen Deutschland das Haupt erheben. Ausschlaggebend konnte diese Erkenntnis auf den Gang der Dinge leider nicht sein. Es kam, wie es nach allem, was vorausging, kommen mußte. Nach zwei scharf entgegen liegenden Setten, nach rechts und links, floß der breite Strom der Unzufriedenheit mit den bestehenden Dingen ab. In der Mitte zwischen den Extremen steht die bürgerliche Demokratie, gemindert an Zahl und Kraft, ihr zur Linken die nicht minder geschlagenen Mehrheitssoziältsten, die gerade in den schweren Uebergangstagen den ehrlichen Willen hatten, in gemäßigten Bahnen dem Frieden und Volkswohl zuzustreben. Man kann es unter diesen Umständen wenigstens begrüßen, daß das Zentrum fast unverändert und ungeschwächt in den ersten Reichstag der deutschen Republik einzieht. Wenn es leider auch in dieser Partei nicht gerade an Stimmen fehlt,. die in der Symphoni: der Judenhetze an gegebener Stelle einfallen, so ist doch die Partei als solche politisch eine bürgerliche, die ein Herz hat für den Mittelstand und,— für die Lebenstnteressen aller konfessionellen Minderheiten. So darf man denn hoffen, daß durch das Zusammengehen der bürgerlichen und sozialistischen Mitielparteien das seiner Wiedergenesung entgegengehende deutsche Volk vor dem Schlimmsten bewahrt bleibt.- Einwan-erungs-eschränkirngeii in Amerila- Eine Zeitlgng schien die Einwanderungsfrage in Amerika zu schlafen. In beiden Häusern des Kongresses wurde lange Monate über kein neues Projekt mehr verhandelt. Eingeweihte wußten aber, daß . die Scharfmacher nicht ruhen, und im Stillen eifrig am Werke seien, und sie haben sich auch nicht getäuscht. Kaum haben sich die Mellen um den Friedensvertrag ein wenig gelegt, als es schon wieder EtnwanderungsproMe förmlich, regnet. Und zwar machen die frommen Wünsche der Landeswächter dieses'Mal auch an denjenigen nicht Halt, die bereits durch das goldene Tor ins gelobte Land hineingeschlüpft sind. Nach dem neuesten Projekte, das im Parlament ernstlich behandelt wird und alle Aussichten hat, Gesetz zu werden, sollen nicht allein die Pforten vor den Ankömmlingen geschlossen werden, sondern auch die bereits in Amerika wohnenden Emigranten bis zum gewissen Grade unter Polizeiaufsicht gestellt und beim geringsten Vergehen gegen die Landksgefetze des Landes verwiesen werden. Dabei ist zu konstatieren, daß Amerika heute mehr denn je zuvor der Arbeitskraft der Fremden bedarf. Die Abwanderung aus der Union hat mit der Entstehung der kleinen europäischen. Staaten stark eingesetzt und hält in steigendem Maße an. Dazu kommt, daß während der fünf Kriegsjahre Amerika keinen neuen Menschenzuwachs erhielt. Der Arbeitermangel macht sich bereits auf allen Gebieten der Industrie bemerkbar, was aber die Absperrungspolittker scheinbar nicht im Mindestenrührt. In den Kreisen der Großindustriellen denkt man freilich klarer und praktischer- Auf einer neulich in New-Iork stattgehabten Fabrikantenkonferenz bildete die Frage den Angelpunkt: „Wie ist die Auswanderung auszuhalten und die Emigration zu heben?" Amerika braucht z. Zt. fünf Millionen neuer Arbeiter, deren Fehlen zu einer ökonomischen Krisis führen müsse. Dem« gemäß beschloß der Verband der Fabrikanten uub Großindustriellen, bet der Negierung für die Aufhebung aller Einwanderungsbeschränkungen wirksam einzutreten. Und trotzdem das obenerwähnte Gesetzesp cojekt? Begreifen läßt sich dieses Treiben nur als die erste Fanfare für den Nationalwahlkampf, der bald den ganzen amerikanischen Beden in konvulsivische Zuckungen versetzen wird. Man angelt nach einer populären Parole. „Gegen die Emtgranten! Gegen die Juden!" So was hat immer noch gezogen. Tief betrüblich ist es nur, daß die amerikanische Arbeitsorganisation, an deren Spitze ein jüdischer Emigrant namens Samuel Gompert seit Jahren steht, sich am meisten und am eifrigsten nach dieser Richtung hin betätigt. Und noch weniger erhebend mutet das Verhalten der bekannten jüdischen „Klallverforger" in der Sache an. Sie tun eben gar nichts. Biele glauben hier nichts tun zu können, ohne ihren Patriotismus in Mißkredit zu bringend Umgekehrt wäre es aber, wie schon gesagt, eine verdienstvolle patriotische Tat, dem Lande die ihnr so bitter nötige neue Arbeitskraft zuzuführen. Man halte uns nur nicht entgegen, daß die Emigrationsfrage keine spezifisch jüdische sei und alle anderen Völker in gleicher Weise angehe. Die Anderen haben ihr Heimatland, und ihre Nachbarländer, wo sie von befreundeten Völkern mit offenen Armen ausgenommen werden. Der Jude in Polen, Galizien, Sowjetrußland, Rumänien, Ungarn ist heimatlos und das Nachbarland, über dessen Grenze er sich nächtlicher Weise geflüchtet, veranstaltet Razzias und frisch frohe Menschenjagden nach ihm. Er ist gehetzt wie ein Wild, schütz- und rechtlos allerorts. Das wissen unsere amerikanischen Brüder, die das jüdische Elend schon eine hübsche Stange Gold gekostet hat, sehr wohl, darum sollten sie sich nicht in falscher Scham gedeckt halten, da sich Feinde, in Verkennung der eigenen Landesinterressen, anschicken, das letzte Tor vor den Heimsuchenden g nzlich zu schließen. Der stürzende Damm. Von Hermann Seckbach. Kaum zwei Monate sind es her, daß in diesen Blättern ein „Mahnruf" erschienen ist, der auf nahende Gefahren für die jüdischen Wohlfahrtsanstalten aufmerksam machte. Leid, Jammer, Sorgen und Not, sie waren zu allen Zeiten vorhanden, denen aber auch stets und immer durch Gemiluth-Chesed-Ausübung ein Damm errichtet war, der die Wellen des Leids begrenzen konnte. Worauf die Karriere des wohlbestallten Rnfer für diesen Abend einen plötzlichen Abschluß fand. Er fühlte fich gepackt, gehoben und ln hohem Bogen in den Hof bewegt. * * Im Berichte über eine dieserTage in Hannovergehaltenen gxoßen politischen Rede Helfferichs lesen wir: „Sie hat (die Regierung), unseren Rechlsstandpunkt auf das allerheilloseste kompromittiert und alsdann die französische Regierung den Vertrags- und völkerrechtswidrigen Einmarsch nnserm deutschen Geschäftsträger in Paris offiziell rnitteilte, fand sich keitr Lersnee, der die Annahme verrveigerte, sondern ein Herr Mayer hat sich gefunden, (Zuruf: „Jude)! — nein, er ist Katholik und Mitglied des Zentrums —, der die Note geduldig entgegennahm und sie nach Berlin »veitergab". Saddai-Ansang und Ausgang. 'fi-rbw röü ORTi Anfang I Datn« Ausgang Ubr iMin.'ISSv! 5680 Uhr Frankfurt a. M. 7 50 ll Juni D.Siwan 9! 35 Berttn .... 7 30 9 29 München . . . 7 15 9 04 Strabbnrg . . ■ — — — Stuttgart... — — _ Pose» .... — — Nürnberg. - 7 15 9 16 Hamburg . . . -- * 10 — Abriß der Geschichte diesem Synagoge, für deren Entstehung wohl das Jahr 1776 angenommen werden kann, wie die Berichterstattung über die berühmte Ahnenreihe des' um die Snnagoge und ihre Ausgestaltung verdienten Dr. Oskar Lipschütz y'2£T. Dieser Teil der vorliegenden Schrift darf wohl als ihr Hauptstück angesehen werden, die Geschichte der Synagoge ist aber darum nicht minder beachtenswert, denn sie läßt uns den Eifer unserer Altväter für Judentum und jüdisches Leben erkennen, wie ihnen am Herzen lag, dieses zu erhallen und wie sie dafür ihr Geld und ihren persönlichen Einfluß einsetzten. Zu diesen Männern gehörte auch der einer Wiener Familie entstammende reiche Lippmann Tauß, der die erwähnte Synagoge für sein Privütminjan - eine Gemeindesynagoge war damals in Berlin noch nicht geduldet — errichtete und damit, wie cs auch Jost Ltebmann gehalten, die Grundlage für eine d.si tj> geschaffen. Das alte Berlin, eine Stätte hervorragender Männer in min NlQpl verdankte seine Existenz dem Wirken von Männern wie Taußik und Liebmann. Als die spätere Reform verheerend in das jüdische Leben der Berliner Gemeinde eingriff, wäre Berlin als jüdische. Gemeinde zugrunde gegangen, alles jüdische Leben wäre ertötet worden, wenn nicht durch die alten Stiftungen noch Mittelpunkte wären geschaffen worden für die Männer, die ihr Judentum sich noch gewahrt hatten, aber so vereinzelt nicht imstande waren, der immer mehr, namentlich durch Zuzug, erstarkenden Reform Einhalt zu gebieten. Aber jedenfalls gab es dort noch einen Boden, aus dem richtige und begeisterte Führer segensreich wirken und jüdisches Leben zur Blüte bringen konnten, wie es die Gegenwart zekgt. Zu den tatkräftigen und für das wahre Judentum begeisterten Männern gehörte Oskar Lipschütz Y'it. Ais er nach Berlin kam, war die Zahl der Anhänger der Täuß-Synagoge sehr zusammengeschmolzen, ihr zu neuem Leben zu verhelfen, stellte er sich als Lebensaufgabe und so gelang es ihm, rstcht nur den Synagogenbesuch zu beleben, eine Schule, die er ihr angliederte, ein r>>2 für die Erwachsenen schuf er in rastloser Arbeit und er hatte das Glück, zu erleben, daß seine Arbeit nicht umsonst gewesen. Dieser Enkel des R. Jisroel Lipschütz, Verfasser des rnndv und Sohn des R. Baruch Jizchak, der durch die Zusätze im Werke seines Vaters fich einen unvergänglichen Namen erworben hat, war seiner Ahnen würdig. Wir wünschen der vorliegenden Schrift schon um der Blographien der „Ahnenkulte" von R. Benusch L. (1600), Rabbiner in Breslau, recht viele Leser, trötz eines auffallenden Irrtums daß Alexander Humboldt R. Baruch Jizchak, der 1867 nach Berlin übergestedelt war, ins Katserschloß habe rufen lassen und sich mit ihm unterhalten habe. Ist doch Humboldt schon 1850 gestorben. Hier muß eine Namensverwechslung vorliegen. S. (Immer die Juden)! In den guten alten Stöckerversammümgen tat sich hinten stets ein kleiner Mann mii einer piepsigen Stimme als Zwischenruser im Streite hervor. Die Sache ging so vor sich: Wer hat die Moral unseres Volkes zerstört? — Die Juden! Wer ist schuld an all bem Elend des ehrlichen deutscher» Gewerbes? — Die Juden! Wer bedroht unser geliebtes Vaterland mit dem Untergang? — Die Inden! Aber eines Tages erplepste es im Zwange der Gewohnheit bei der Schlutzfrage: „Wer aber wird uns heraussühren aus diesem J nnmer und herrlichen Zellen entgegen"? — Die Juden!