Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 23 (10.6.1920)
- Date
- 1920-06-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 2 Nr. 23 Der Israelit. schätzen und sich eifrig zur bevorstehenden Kolontsationsarbeit rüsten. Das sollte aber durchaus nicht hindern, daß man auch für den anderen, unvergleichlich größeren Wandererstrom etwas übrig hat, der nicht nach Palästina gehen will oder kann. Und nicht zumindest haben die Zionisten selbst ein gewaltiges Interesse daran, daß dttzse Flut nicht auch ihre noch recht zarte Pflanze vorzeitig knickt. Auch sie haben ein Interesse daran, daß diese Flut sobald als irgend nur möglich, reguliert und nach einer passenden Richtung abgelenkt wird. Bevor wir jedoch daran gehen, uns uach treuen Aufnahmezentren für unsere wandernden Massen uwzuschauen, bevor wir an die eigentliche Regulierung der jüdischen Emigration denken können, muß noch etwas anderes gemacht werden: Wir müssen erst eine jüdische Emigration schaffen. * P -r- Denn wir haben keine Emigration, sondern eine Flucht, keine Emigranten — blos Flüchtlinge. Alle Merkmale einer regellosen Flucht können bei der jüdischen Massenbewegung konstatiert werden, ja sie springen direkt einem in die Augen. Kopflos rennen die Menschen dahin, ohne sich vorher arch nur einigermaßen vergewissert zu haben, ob sie auch am Endziele ihrer Reise Existenzmögltchkeiten auffinden werden. Willenlos lassen sie sich von den in jeder Ecke lauernden Agenten bis aufs letzte ausbeuten. Mit Weib und Kind und unnützem Gerät ziehen sie aus, machen unsinnige Umwege, zahlen unterwegs für alles doppelt und dreifach. Denken nur an den Augenblick, von keiner klaren Idee, einzig und allein von elementarem Selbsterhaltungstrieb vorwärts gepeitscht. Man lese das erste Kapitel von „Hermann und Dorothea". Freilich reist man hmte nicht mehr in von Ochsen gezogenen Wagen. Aber das ganze Bild des unsäglichen Flüchtlingselends ist da. * * Vorerst müßten also die Verhältnisse in den Durchwanderungsländ ern einigermaßen saniert werden. Bis jetzt herrscht hier ein wahrlich hellloses Chaos. Passierte es doch neulich, um nur ein Beispiel anzusühren, daß einige Dutzend Auswanderer nach Amerika tagelang in einer östlichen Hauptstadt von Pontius zu Pilatus springen mußten, bis sie die richtigen Schiffskarten aufgetrieben haben, wobei es sich nachträglich herausftellte, daß sie diese Karten um 20% billiger haben konnten, wenn sie sich an die wirklich richtige Stelle wenden würden! t Und dabei standen an der Spitze ein Herr Doktor und ein amerikanischer Fabrikant! Wie trostlos muß es da aussehen, wenn cs sich um. einfache, unerfahrene, Hals über Kopf vor der drohenden Todesgefahr fliehende Menschen handelt? Daß die Leute auch in ihren heiligsten religiösen Gefühlen gröblichst verletzt und auf diesem Gebiete geradezu demoralisiert werden^ ist eine Tatsache, die allen Eingeweihten längst bekannt ist. Der seinerzeitige technische Leiter des Baseler Emtgrantenbüros erzählte mir gelegentlich das Unglaubliche, daß er einmal am Morgen des Versöhnungstages aus der Synagoge geholt wurde, um einen soeben angelangten Emigranten-Zug in Empfang zu nehmen. Man hat den Leuten an der Abferrigüngsstation gesagt, sie hätten den Schiffsanschluß verpaßt, was übrigens durchaus nicht stimmte. Der wahre Grund lag wahrscheinlich darin, daß man sie dort so schnell als möglich los.werden wollte.... -r- * Was geschah nun bisher, um diesen unhaltbaren Zuständen zu steuern? Viel und wenig. Es sind Hülfsbüros an den verschiedenen Knoten- und Umstrigepunkten errichtet worden, die sich der Wandererzüge annehmen, sie speisen, ihnen die Rastmöglichkeit für einige Stunden gewähren. Sehr schön. Diese Hülfe könnte aber in ihrer Wirksamkeit verzehnfacht werd-w, wobei jedoch die dazu nötigen Mittel fgst die gleichen bleiben würden. Durch einfaches'Koordinieren nämlich all dieser verstreuten, voneinander isolierten Unternehmungen und durch Projizierenvon deren Tätigkeit n ach d e m U rsprunge der Wanderung, nach den östlichen Ländern Europas. Noch bevor sie die Stätte ihrer unsäglichen Leiden verlassen, sollten die Auswanderer des genauesten orientiert werden über die zu nehmende Route, über den Preis der Schiffskarten und Bahnbillete, über die auf ihrem Wege liegenden Hilfsbüros, über die Gefahren des Agententums und über die Art und Weise, wie man diesen Gefahren ausweichen kann, über den Geldwechsel (heutzutage ein Faktor von überragender Wichtigkeit), endlich auch wenigstens in allgemeinen Zügen über die administrativen Verordnungen in den verschiedenen Durchreiseländern in Bezug auf Durchwanderer. Cs müßte ein zentrales Emigrationsamt geschaffen werden, welches in der Lage wäre, alle diese Angaben gewissenhaft zu sammeln und sie den Auswanderungszentren, in übersichtlicher Form geordnet, zu übermitteln. * * - . , 10. ffwtM9a0v Immense Vorteile für die Wanderer würden die Folge sein. Durch geeignete Verhandlungen mit den Schifffahrtsgeseüschaftendie gerade jetzt, infolge wiedererwachenden Wettbewerbes, für jede solche Aktion besonders zugänglich .sind, könnten enorme Zeit- und Geldersparnifse, könnte auch eine bessere Behandlung der'Wanderer erzielt werden. Durch Zusammenlegung von mehreren Wanderergruppen wäre auch auf den Bahnen eine bedeutende Verbilligung herbeizuführen. Das Ausschalter! von überflüssigen Umwegen würde den ganzen Betrieb vereinfachen, die Emigrattonsbüros würden entlastet und könnten ihre Fürsorgetättgkelt einer viel größeren Anzahl von Wanderern zuteil werden lassen oder aber sich anderen für das Emtgrationsproblem wichtigen Aufgaben widmen. Was aber vom nationalen Standpunkte das wertvollste ist: man hätte auf diesem Wege den Wandererftrom allmählich und für die Wanderer selbst unmerkltch in die.Hand bekommen, man würde in die Lage kommen, die ungeheuere Energiemenge, die tn dieser in Bewegung begriffenen Menfchenmasse latent konzentriert ist, für große, weitsichtige nationale Zukunftszwecke planmäßig und zielbewußt auszunützen. » -t- * ' Ein solches zentrales Auswanderungsamt kann leicht ins Lekeu gerufen werden, weil es vom Leben selbst, von der lebendigen Wirklichkeit, von der gegenwärtigen Situation auf der jüdischen Gasse gebieterisch gefordert wird. Es ist vielleicht vorerst nicht'einmal nötig, zum Mittel einer Konferenz — ein Mittel, das etwas in Mißkredit geraten ist — zu greifen.- Die bestehenden Hülssorganisattouen auf diesem speziellen Gebiete sollten sich einmal durch Vermittlung irgend einer provisorischen Zentrale miteinander in Verbindung setzen. Das andere wird sich schon von selbst ergeben. Eine große jüdische Organisation als Jnttiantin wäre erwünscht. Eine parteilose Zentrale, wäre vielleicht noch zweckmäßiger. Da es sich um lebendige Arbeit handelt, kommt es nicht soviel darauf an, wer den Hebel in Bewegung setzt, sondern daß er einmal und zwar sobald als möglich in Bewegung gesetzt wird. ❖ $ Die Reg. lierung der Durch Wanderung ist der erste unumgängliche Schritt zur Regulierung der Einwanderung. Ueber diese letztere ein anderes Mal. Von den jüdischen Karben. Zu den jüngsten Wochenabschnitten. Den Wüstcnzug sühnen die östlich gelagerten Stamme Iehuda, Jsachar und Sebulun annach Tanchuma ist dies auf eine letztwillige Bestimmung Vater Jakobs zurückzuführen sei, was aber auf der anderen Seite auch durch die Eigenart der genannten Stämme durchaus gerechtfertigt war. Iehuda war der Krieger stamm par axcellence, der stets in der vordersten Reihe stand, wann und wo die Gefahr am größten war lstehe Richter 1). Jsachar pflegte die Wissenschaften und schönen Künste Osnv vqbi nJ’3) und Sebulun fährt über Länder und Meere hinaus (pitt» s'a'» um zugleich auch den gelehrten und wlssenspendenden Bruder und stillen Teilhaber Jsachar mitzuerhaltcu. Voran also marschieren die Stämme, die vornehmlich die drei wichtigsten Stände darstellen. Wehr-, Lehr- und Nährstand. Sehen wir uns nach Midrasch die Farben und Wappen dieser sührenden Stämme an: Iehuda hat einen jungen Löwen auf himmelblauem Grunde. Jsachars Banner zeigt Sonne, Mond und Sterne auf schwarzem Felde. Sebulun hat ein Schiff auf blütenweißer Unterlage. Jehudas Wappen ist Kraft und Macht, aber keine Kraft, die sich selbst dient, scndern Kraft, die das Höhere schützen und schirmen willder Löwe trägt die Farbe des Himmels. Der starke Arm dient dem Geiste auf der einen, wie er den Wohlstand auf der anderen Seite sickert. Zum Himmel reckt sich die menschliche Kraft empor. Jsachar vertritt das Wissen und Forschen- Sein Blick hängt aü Sonne, Mond und Sternen- Alles Forschen hat aber einen dunklen Grund. Ueber die Grenzen unseres Begreifens und Erkennens dringt auch Jsachars Geist nicht hinaus. Dunkel bleibt die Farbe des Wissens. Sebulnns Schiff ist Symbol der Arbeit, Rührigkeit und Tüchtigkeit, des bauenden Erwerbsfleißes und länderverl'indenden Handelsverkehrs. Das Schiff aber erhebt sich auf weißem Grunde. Blütenrein und goldlauter, Jude, sei der Boden, auf bem du deinen Erwerb errichtest und betreibst, dem Frieden und der Wohlfahrt dienend und derHebung desjüdischen Namens... * * „Es heißt — so sagt Sifri — im Zizisabschnilt nicht dmx anwvi, sondern irrix anwtt, (Ihr sollt i h n ansehen), was besagen soll, daß wer die Zizispflicht erfüllt, damit die göttliche Majestät empfangen hat (nropn *>»apn denn Techeleth hat die Farbe des Meeres, dieses gleicht dem Himmel nnd der Himmel ist ein Abglanz des Tü3n XD3, des göttlichen Ehrensitzes".' _ Mithin bezieht sich nach Sifri.das ',m* letzten Endes auf das -U33.-1 xeü, zu dem unser Blick auf dem Umwege über Techeleth, Meer und Firmament gelenkt wird. Wer sich in den Anblick des Himmel« biauen Techelethfadens vertieft, hat die Schechtnah gesehen-. * ... * Das -Gesetz der Schaufäden, schließt sich den» traurigen Kapitel der Kundschafter und Landesverleumder an. Kein Zufall. Im Sumpfe der Verirrung und des Abfalls, sagt Midrasch, drohte Israel gänzlich zu versinken. Da wird ihn» mit dem Himmel« sarbenen Zizisfaden, der seinen Blick nach oben, zum N«3N XV2 zwingt, ein Rettungsseil zugeworfen, mit dem Zuruf: Klammere dich daran, denn es zieht dich wieder zum Leben hinauf! „Und ihr, sa ihr anhanget Gott, euerem Gotte, ihr bleibt am Leben, ihr alle, bis auf den heutigen Tag". Kleines Willelon. Sie L'ppmann-Tauß-Synagoge?) Unter diesem Titel ist ein interessantes Büchlein erschienen, in dem der Verfasser seinem Vorgänger von der Lippmann - Tauß - Synagoge ein ehrendes Denkmal gesetzt hatdie tiefempfundenen Worte, die er diesem widmet, werden auf jeden Leser einen bleibenden Eindruck machen. Sowohl der kurze *) Die „Lippmann - Tauß" - Synagoge und das Rabbtnerhaus der „Lipschütz". Bon Rabbiner Dr. Felix Singermann. Berlin 1620. Verlag Lamni. 49 Seiten Preis 3 Akk.