Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1920-06-03 · Heft 22 (3.6.1920) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 22 (3.6.1920)
Date
1920-06-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450088-2450108--68259-2525366
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Sette 4 No. 22 rettet damit die Zukunft'des'Judentums. Während auf den meisten jüdischen Hochschulen Un yarns auch heute noch der Talmud und seine Erklärer den alleinigen Gegenstand des Studiums bttoen, halte der Radln die Kühnheit in jener Zelt, tu welcher es in weiten Kreisen noch als ein Unrecht galt, ein deutsches Buch 51t lesen, die Jünglinge nicht nur die Thora zu. lehren, sondern sic auch in die verschiedensten Gebiete andern Wissens einzuführcn und sie in Geschichte, Literatur, Mathematik, Lateinisch und Griechisch zu unterrichten. Gegen den Rabbi, kämpften dir Chassidim, welche die inoderne Bildung als eine Gefahr für das Judentum betrachteten; gegen ihn .stritten die Neotogeu, die, nicht mit Unrecht, in ihm den Mann erblickten, der vermöge seiner wissenschaftlichen Bedeutung die Fähigkeit besäst, ihren.auf Zerstörung des alten Judentums gerichteten Tendenzen wirksam enrgegenzu-reten und IWP? iTlötf/ der alten Thorakrone den verbleichenden Glanz zurückzugeben. Wie viele Enttäuschungen hat damals der Rabbi erlebt, da er mit seinen neuen Bestrebungen auch im Kreise derer, auf die er zählte, wellig Verständnis fand. All das hat diesen einzigartigen Mann nicht zu beirren und ihn in seiner unermüdlichen Arbeit nicht zu stören vermocht. Mit vier Schülern sing er seine Rabbinerschule arr, ans 160 Schüler. konnte er zuletzt mit Stolz blicken. Damals hat der Rabbi die Nächte zu Tagen gemacht! Seine Gattin hat mir erzählt, daß er in der .Regel 20 Stunden gearbeitet und nur 4 Stunden der Ruhe gelvidmet hat. — Allmählich gelang es dem Rabbi, sich auch in Ungarn durchzusetzen.' Das Wort des Psalmisten »bewährte sich auch an ihm: 'S'Y'T '"T niaro 'in« D’W* VD^lK Di Wenn Gott Wohlgefallen hat am Wirken des Menschen, so versöhnt er auch seine Feinde mit ihm. Tie Anschauung wurde in Ungarn in allen Kreisen allgemein: Alles, was Rabbiner Dr. Hildesheimer unternimmt, tut er D’a» DV77> „um Gottes Willen". Aber freilich gelang es dem Rabbi nur, sich periön ltry oinaizu-etz-tt. Für jetne waren die Inden in Ungarn zu jener Zeit noch nicht reis. Ties trat deutlich aus dem Indischen Kongreß in die Erscheinung, der vom Kultusminister einberufen, int Jahre 1868 in Budapest stattfand. Die ungarischen Inden, welche infolge der liberalen Gesinnung der Behörden seit langer Zeit sich frei entfalten konnten, waren immer sehr patriotisch und waren auch bei dein Ausstandsversuch der Ungarn im Jahre 1848, der von den Oesterreichern nur mit Hilfe der Russen unterdrückt worden war, eifrig tätig gewesen. Zur Strafe war ihnen von der Regierung eine empfindliche Geldbuße auferlegt worden. Als nun im Jahre 1866 Ungarn als selbständiges Königreich anerkannt worden war, beschlossen die Magyaren, den Inden jene'Summen, die sie zur Strafe für ihre Treue' hatten zahlen müssen, zurnckzuerstatten. Das Geld sollte ein Grundkapital bilden, dessen Zinsen zur Unterhaltung jüdischer Schulen und anderer öffentlicher Anstalten verwendet iverden sollten. Welcher-"jüdischen Partei sollte nun dieses Geld zusließen? Zur Lösung dieser und anderer damit zusammenhängender Fragen war der Jüdische Kongreß einberufen worden. Hier erlebte nun der Rabbi die größte Enttäuschung seiiies Lebens. Neologe mrd Chassidim, die beiden extremsten Richtulrgen, vereinigten sich gegen ihn, ulld mit 35 Delegierten, die treu zu ihm standen, blieb er in der Minderheit. Einer der Führer der Chassidim hatte es sogar gewagt, einen Eherem, einen Bann, .gegen den Rabbi auszusprechen! Die unselige Spaltung im Kreise der Gesetzestreuen, die einmütig für ihre heiligsten Ideale hätten eintreten müssen und über Abfall ulld Untreue nur dann siegen konnten, wenn sie einig waren, hat dem Rabbi sehr weh getan. Seine Gattin hat mir erzählt, daß er liach jünfmon-atlichent Aufenthalt in Budapest ge- . Der Israelit. . 3. Juni 4.920 beugt und mit granchurchfurchtem Antlitz znlückgekoinmen sei. Als daher im Jahre 1860 an. den. Rabbi ein Ruf ans Berlin erging, dorthin überzusiedeln und der Führer der gesetzestreuen Judenheit der Hauptstadt zu werden, folgte er -dieser Aufforderung. In Berlin waren die religiösen Zustände überaus traurig. All die Spitze des Berliner Rabbinats war um diese Zeit Geiger berufen worden, ein Mann der extremsten Reformrichtung, welcher die Göttlichkeit der Thora in seinen Schriften leugnete. Die Wünsche der Gffetzestreuen fanden keine Berücksichtigung. Ta trat der Rabbi an ihre Spitze. Er gründete die Adaß Jisroel-Gemeinde, die sich herrlich entwickelt hat und die thoratreue Jüdettheit Berlins um ihre Fahne vereinigt. Daß das jüdische Leben in Berlin nicht erstorben und die Thora für Tausende und Abertausende die Richtschnur des Lebens geblieben .ist, ist im wesentlichen die Folge der Gründung dieser Gemeinde, die noch heute das Zentrum der frommen Kreise in der Hauptstadt Deutschlalids bildet'' Eine-seiner ersten Taten war die Begründung einer Religionsschule, die sich allmählich zu einer Musterschule entwickelt hat. Zu dort Schülern und später zu den Lehrern dieser Anstalt hat auch der Schreiber dieser Zeilen gehört. Diese Schule hat das Verdienst, jüdisches Wissen und jüdische Lebensanschannng in-weite Kreise getragen zu haben. (Fortsetzung folgt.) MIM« Defegierfenfag 8er. fl. J-3ugen9gruppen. Krarrkfirrt a. W., 16—Mat. Ter diesjährige De legierten tag der Agudas Jisnoel-Ju gendorganisation findet vom 2. bis 5. August in Nürnberg statt. Einzelheiterl der Tagesordnung werden in Kürze ' bekanntgegebe«. Einreise von auslän9ifcften3u9en nach Bayern- München, 19. Mai.! Wie wir vom Arbeiterfürsorgeamt der! jüdischen Organisationen Deutschlands erfahren, aufen ausländische Inden, insbesondere Flucht-! lin g e, die ohne besondere Einreiseerlaubnis sich ] nach Bayern, begeben, Gefahr, auf bayerischem Gebiet festgenommen zu werden, wo sie dann längere Zeit in Haft sitzen. Alle mit der Flüchtlingsfürsorge betrauten Stellen, inbesondere auch die Durchreiftkommtssionen und Fürsorgetellen für Wanderarmr werden gebeten, die Flüchtlinge entsprechend zu informieren, da es schwer hält, für bereits schuldlos aus Unkenntnis in Haft Genommene, auf bayrischem Gebiet die Freilassung zu erwirken. vre Eröffnung 9er baOifdien SynoDe. \ Rüchfriff 9es öberrafs. Karlsruhe, 31. Mai. Bei der Eröffnung der Synode erklärte der Staatskommiffar, daß auf Grund eines Mtnisterialbeschlusses der gesamte Oberrat sein Mandat mit Abschluß der Synodaltagung als beendet betrachte und zurücktrete. Der neue Oberrat wtrdfrei durchdteSynode gewählt werden. Geheimrat Mayer erklärte, begreiflicher Weise, daß er eine Wiederwahl unter keinen Umständen annehmen werde. Der Beschluß des Staatsmintsteriums ist in erster Reihe den unermüdlichen Bemühungen! unseres Gesinnungsgenoffen DrTS im on-Heidelberg zu danken, -; HI; Oester^etch. neues polififches Leben in 9er wiener Gemeint Wie«, 20. Mai. Der,Gemeindevorstand hat die Neuwahlen zum 27. Juni ausgeschrieben. Die Orthodoxie beschloß, sich au der'Wahl durch Aufstellung einer eigenen Lifte erstmals zu beteiligen. In der letzten Sitzung des Vorstandes wurde ferner beschlossen, sämtliche G em ein de-Abn gestellte nach dem für die Staatsbeamten geltenden Gehalts- und Versorgungs-Tarif zu besolden, sowie eine Anleihe von fünf Millionen Kronen zur vorläufigen Deck mg der Gemeindebedürfnisse aufzunehmen. (Siehe Wochenrundschau). Ungarn. Pogrome in Bulapeff. Budapest, 20. Mai. In der Nacht vom Dienstag, zu Mittwoch dieser Woche kam es an vier Stellen der Stadt Budapest zu schweren judenfeindlichen Ausschreitungen. Die Urheber dieser Pogrome, in deren Verlauf viele Judm getötet und verwundet wurden, waren die „Brachialleute", Anhänger Hortys und seiner reaktionären Genossen. Einige Tage vorher hatten in der ungarischen Stadt Szolnok ähnliche blutige Exzesse gegen die Juden stattgesunden. Ueber beide Ereignisse bewahrt die Budapester Presse Schweigen, teilts, weil sie unter Zensur steht, teils, weil,sie ihnen zustimmt. MotKN. warschauer Brief. Erez Jisroel Monat. — Gescheiterte Aufbauarbeit — Amerikanisch-polnische Leiykasse. — Rävvinerwechsel, Warschau, £5. Mai. Das Zentralkomitee der „Schlomo Emune Jisroel" hat den ganzen Stwan, den Monat der Gesetzgebung, zu einem Erez Jisroel- Chaudesch bestimmt, an dem der Grund für das jüdische Jischuw in Palästina im Geiste der Thora gelegt werden soll. Die gesamte polnische Judenheit wird aufgemfen, sich mit reichlichen Spenden an diesem Werke zu beteiligen. Alle Einkünfte in den Synagogen und Bethäusern für Mizwoth an den Schowonstagen, wie während des ganzen Monats sind ' für diesen heiligen Zweck bestimmt. Die Aufbauarbeit in Polen selbst, die wir auch in dieserZeitnng als vielverheißend angekündigt haben, hat leider eine große Enttäuschung gebracht. Trotz allen Versprechungen, der Orthodoxie einen entsprechenden Einfluß aus d'ese die Zukunft der polnischen Judenheit bedingenden Arbeiten zu gewähren, zeigte sich in der ersten Plenarsitzung des Organisationskomitees, daß man von den fünhig Mandaten nur zehn für die Gesetzestreuen als Abfindung übrig hatte. Die ganze Aktion wollten die Zionisten ganz allein in der- Hand Gehalten. Me man hier gearbeitet hat, zeigt der Umstand, daß von 160 Gemeinden nur 97 eine Einladung erhalten haben. In Galizien, das 35 Delegierte stellt, hat der Zionistensührer Dr. Thon die Sache in der Hand. Da aus diese Weise eine unparteische Handhabung der Aktion nicht denkbar ist, so stellten die Orthodoxen die kategorische Forderung, die Mandate so zu verteilen, daß neben den Nationalisten auch die Gesetzestreuen mit 20 Mandaten berücksichtigt werden. Diese billige Forderung wurde aber abgelehnt, worauf die orthodoxen Vertreter ihren Austritt aus dem Komitee erklärten. Für die Gesetzestreuen ist damit die Sache erledigt und sie werden darauf bedacht sein müssen, auch indieser wichtigen Sache ihre eigenen Wege zu gehen. .Aus dem ökonomischen Leben ist die erfreuliche Tatsache zu verzeichnen, daß die, Organisierung der amerikanisch-polnischen Leihkasse für Juden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.