Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1920)
- Date
- 1920-06-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450088-2450108--68258-2525365- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
8 Juni 1820 zur Unterstützung speziell orthodoxer Institutionen erhalten hatte. Der Adressat hielt es aber für besser, die genannte Summe der Hauptverteilungskass e einzuverleiben, aus der den gutjüdischen Anstalten nur ein ganz kleiner Prozentsatz zufloß. Dagegen wurde von der polnischen Orthodoxie bet dem Zentralkomitee in Amerika Verwahrung eingelegt, worauf von dort aus die obgenannten 10000 Dollar auf den Namen des Gerer Rebbe telegraphisch überwiesen wurden. Das Geld war aber bis aufden heutigen Tag aus der Hand des Herrn Dr. Bogen nicht zu bekommen. Trotze telegraphischer Anordnung von Amerika aus, von der man den Gesetzestreuen nicht" einmal Mitteilung machte. So konnte es passieren, daß die als Pesachunterstützung gedachten Gelder zu Schowuos noch nicht zur Verteilung gelangten, indes sich die Not vvn Tag zu Tag vergrößert. In amerikanischen Zeitungen liest man in einem Berichte, daß die dortigen Orthodoxen 150000 Dollar als Pesachgabe für die Gesetzestreuen Polens aufgebracht hätten. Daran ist nicht zu zweifeln, allein die Armen und Darbenden in Polen haben von diesem Segen wenig zu spüren bekommen. Das Hauptübel liegt darin, daß die amerikanische Orthodoxie, gewiß in bester Absicht, im dortigen Zentralkomitee vereinigt ist, - welches ein aus Orthodoxen, Arbeitern und Großindustriellen - bestehendes Gebilde ist. Während, aber die Arbeiterorganisation noch darüber hinaus große Summen für spezielle Interessen der polnischen Arbeiter aufbringt und auch zweckdienlich verwendet, gelangen die von den Orthodoxen ln Amerika speziell für ihre. Gesinnungsgenossen gesammelten Gelder stets an die falsche Adresse und verfehlen somit ihren . Zweck vollständig. Zur Abstellung dieses Mißstandes gibt es nur ein Mittel:» die selbständige Organisation der Orthodoxie in Amerika, ihre Neuorganisierung auf eigener Grundlage, so daß ihre Unterstützungen, die wahrlich nicht gering sind, auf direktem Wege ihre eigentliche Bestimmung erreichen können. Nur durch eine solche Lösung ist noch die Rettung der gefährdeten religiösen Institutionen denkbar, und die Treugebliebenen in Amerika, die mit ihrer Opferfreudigkeit einen Sinn für Zweckmäßigkeit verbinden, werden nicht umhin können, schnellstens an diese Lösung heranzugehen. Aguda und Zionismus. Bon M. Dung tun in London. Im Verlaufe einer Polemik, die an das der englischen Regierung überreichte Palästina- - Der Jöraeiu. Memorandum der polnischen Aguda- Organisation anknüpfte, schreibt der ehrenamtliche Sekretär der' englischen Aguda-Zentrale im Jewish Guardian ü. a. Folgendes: „Für uns Agudisten ist Palästina kein z i o n i st t s ch^e s, sondern ein jüdisches Problem. Es gibt Fragen in Erez Jisroel, die wir im traditionell-jüdischen und nicht im radikal zionistischen Sinne gelöst sehen möchten. Weit entfernt, daß jetzt der Augenblick gekommen sein sollte, unsere Unabhängigkeit aufzu. geben, glauben wir im Gegenteil, daß es noch niemals einen Moment gab, in dem Erez Jisroel so dringend dessen bedurfte, was nur ein von politischen Rücksichten ungehindertes überlieferungstreues Judentum zu gewähren vermag. Die Erziehungs-Politik der zionistischen Organisation in Palästina sowohl vor als unglücklicherweise auch nach der Balfour-Erklärung macht es uns zu heiligen Pflicht, darauf zu achten, daß Erez Jisroel wahrhaft des Land „Israels" werde, der geistige Mittelpunkt unsres Volkes. Es ist eine absolute Selbsttäuschung anzunehmen, daß, wie Herr Groß vom Misrachi sagt, „die Befürchtungen der Aguda sicherlich alle grundlos seien. Die bloße Existenz des „Misrachi" widerlegt diese Behauptung. Ist der Misrachi nicht ein lebendiger Protest gegen die Religionspolttik der zionistischen Organisation? Es ist eine seltsame Unterstellung, daß das Aguda-Memorandum jüdische Interessen schädigen sollte. Die Aguda nimmt für sich dasselbe Recht in Anspruch, ihrer Meinung über die Palästinafrage Ausdruck zu verleihen wie jede andere Organisation. Die Aguda handelte aus den Rat ihrer Führer, die den unermüdlichen Anstrengungen Wetzmanns und Sokolows vvllkommene Anerkennung zollen, obgleich sie natürlich die falsche Stellung beklagen, welche die zionistischen Leiter gegenüber den agudistischen Anerbietungen zu gemeinsamem Vorgehen einnahmen. Die Verantwortung dafür, daß die Aguda gezwungen war, eine stelbststänt ige Aktion zu unternehmen, trifft ausschließlich die zionistische Leitung. Wir haben guten Grund an zun eh men, daß das Aguda-Memorandum erfolgreich war. Die Wünsche der orthodoxen Judenheit werden beachtet und ihre Anschauungen in den zukünftigen Palästina-Kommissionen vertreten werden. Es sollte sich nicht wiederholen, daß der Standpunkt der größten Organisation orthodoxer Juden hinsichtlich des Aufbaues Palästinas außer Betracht bleibt. An „kleinlichen Differenzen" hat die Aguda Nert. Die mündliche Tradition sei also ein Produkt der palästinensischen Tanaim. Demgegenüber legt Halevy durch konkrete Beweise dar, daß iyDabyloi ien seit dem Exil die mündliche Tradition genau so intenfiv gepflegt rvuxde, wie später in Palästina, ja, daß die Babylonier infolge der politischen Stetigkeit und Ruhe, die dort im Gegensatz zu Palästina während der ganzen Epoche des zweiten Heiligtums herrschten, dieses in mancher Beziehung weit übertrafen, so z. B. in s'vni' mntD, Familienreinheit, deren Pflege und Erhaltung eine tiefe und weitverzweigte Kenntnis der Ehegesetze erfordern. In diesem Zusammenhänge wird auch im Kap. 22 die eingangs erwähnte Mischnah behandelt, aus der klar hervörgeht, daß Hillel zu seinen späteren Lehrern Schemajah und Abtalion in Palästina schon als reifer Mann mit reichem Wissen gekommen ist und daß er sein ursprüngliches Wissen in Babylonien bei babylonischen Lehrern sich angeeignet hatte. Hillel zitierte, wie schon oben gesagt, nicht im Namen von Schemajah und Abtalion, die Gardajim waren es, wie es deutlich in der Mischnah heißt, die im Namen von Schemajah und Abtälion überlieferten. Hillel muß also tm Namen anderer Lehrer tradiert haben und zwar keiner andern, als im Namen seiner babylonischen Lehrer. Diese letztere Tatsache geht aus dem sonst unverständlichen Nachsatz der Mischnah irrck ms* 2'n tfttt mit Klarheit hervor. Die Mschnah will nämlich mit diesem Nachsatz die Auffälligkeit erklären, daß Hillel das Matz pn in Anwendung gebracht hat, das, wie schon Rasch! zur Stelle bemerkt, ein minn ntt»? ist und kein O'vrn sw?, keine Ausdrucksweise des palästinensischen v'v2N. In. Palästina gab es zuerst das Maß nnm», dann das Maß rwötew, zuletzt das Maß nm&ss. In Babylonien gab es. wieder andere Maßsysteme, die sogar nach - Ort und Zeit differierten. In der nwvn TB', dem Grundstock der Mischnah, die von den n^vnn nwa ’iwx mit dem genauen Wortlaut sestgelegt wurde (siehe Dor. Har. lc, Abschnitt .Twvn *iB' von Seite 144 an), ist das palästinensische Maßsystem zur Anwendung gekommen. Nun trugen die babylonischen Lehrer ihren Schülern die Erklärungen zur nwvn tbi selbstverständlich in der babylonischen Ausdrucksweise vor, auch wys die Maße anbetrifft - die rupon *1B’ dagegen mußten sie natürlich im genauen von den 5"pbk festgelegten Wortlaut zitieren. Die dadurch notwendig gewordene Umrechnung des palästinensischen Maßes in das babylonische vereinfachten sie ihren Schülern, indem sie statt des palästinensischen das Thoramaß einsetzten, das jeder Hörer genau kannte und sich leicht in das ihm geläufige babylonische Matz übertragen tonnte. Hillel, der, wie schonoben bemerkt, als reifer Mann zu Schemajah und Abtalion nach Palästina gekommen ist, hat die Mischna p^DB prirw db pn r^o mpen nx, wie die ganze tid> bei seinen babylonischen Lehrern gelernt. Als er später diese Mischnah im Lehrhaus in Palästina vortrug, hätte er eigentlich nicht p,T sagen dürfen, sondern das palästinensische Maßsystem anwenden müssen. Er tat es aber nicht und gebrauchte den Ausdruck m, weil, wie die Mischnah im Nachsatz bemerkt m pisfo dtk am „der Mensch gehalten ist, in der Sprache des Lehrers weilerzulehren". Alle Erklärer gingen, wie Halevy ergänzend sagt, deshalb in ihren Erklärungen fehl, weil sie nicht wußten, daß Hillel die Ueberlteferung der Mischnah von seinen Lehrern in Babylonien übernommen hat, eine Tatsache, die ein beredtes Zeugnis ist für das blühende Geistesleben in Babylonien zur Zeit des zweiten Heiligtums^ . Nr. 22. Seile 2 keine Freude. Es sind religiöse Meinungsverschiedenheiten, welche die Aguda vom Zionis- Nlus in seiner gegenwärtigen Form trennen, und gerade die Probleme des Wiederaufbaues sind es, die jenen Meinungsverschiedenheiten zwischen dem überlieferten Judentum und dem zur Zeit in Palästina leider herrschenden radikalen Zionismus höchste Aktualität verleihen. Gerade darum hatte die Aguda der zionistischen Organisation vollkommenes Zusammenwirken in ökonomischen Fragen unter gebührender Sicherung der unabhängigen Entwicklung des religiösen Lebens vorgeschlagen Ueberzeugt, daß Uniformität unerreichbar ist, will die Aguda doch ihr Äußerstes tun, um in Harmonie mit einer großer Körperschaft zu arbeiten, - deren Ziel die Wiederherstellung Erez Jisroels ist.-" Rabbi Mael Hildesheimer persönliche Erinnerungen zu seinem Hundertsten Geburtslage 5580 — 27, Ajar —5680. Bon Rabb. Dr. A. Cohn in Bafel. (Fortsetzung.) Im Jahre 1851 wurde der Rabbi als Rabbiner tiach Gsenstadt in Ungarn berufen, einer alten und berühmten Gemeinde, in welcher die größten Koryphäen der jüdischen Wissenschaft gelebt hatten und tätig gewesen waren. Hier wirkte der Rabbi 19 Jahre lang unter den schwierigsten Verhältnissen. In Ungarn war die Orthodoxie damals bildungsfeindlich- und noch heute gibt es in beit frommen Gemeinden — vereinzelte Ausnahmen bestätigen nur die Regel — keine akademisch gebildeten.Rabbiner. Wie mag da vor 70 Jahren „der deutsche Doktor" mit Mißtrauen betrachtet worden sein! Aber wie Nebel vor der Sonne, so schwand dieses Mißtrauen allmählich, als man die selbstlose, edle Persönlichkeit des Rabbi näher femieit lernte, der auch seine schärfsten Gegner durch den Adel seines Wesens und die Reinheit seiner Bestrebungen zu entwaffnen mußte. Der Rabbi gründete in Eisenstadt zunächst eine Gemeindeschule, in welcher neben der Thora weltliches Wissen gelehrt wurde. Dann machte er sich au das kühne und gewaltige Werk, eine Rabbiner-Schule in.Eisenstadt ins Leben zu rufen. Vkr die Jugend hat, so sagt das bekannte Sprichwort, hat die Zukunft. Der Rabbi aber erweiterte diesen Satz, - indem er sagte: Wer die Lehrer der Jugend itnb die Lehrer der Gemeinden für die Thora begeistert und sie befähigt, ihr Amt den Forderungen der Zeiten entsprechend zu führen, der (Der älteste jüdische Friedhof in Rom). Aus dem Nachlaß Nikolaus Müllers, des 1912 verstorbenen Professors für altchrtftliche Kunst an der Berliner Universität, gibt jetzt sein Schüler, der griechische Forscher Dr. Nikos A. Bees, die Ergebniffr von Müllers Ausgrabung der jüdischen Katakombe am Monteverde zu Rom (bei Otto Harassowitz) heraus. Diese Katakombe ist der älteste der bis jetzt ftn Abendlande bekannt gewordenen jüdischen Friedhöfe und hat ^für die Geschichte der römischen Juden eine noch höhere Bedeutung, als die christlichen Katakomben sür die Geschichte des stadtrömischen Christentums, über das ja auch andere Quellen vorhanden sind. Ihre inschriftlichen Denkmäler stammen zeitlich ans den» ersten bis vierten Jahrhundert nach der üblichen Zeitrechnung und werfen ein reiches Licht nicht nur aus die Judengemeinden der ewigen Stadt, sondern auch aus das Diaspora-Judentum der römischen Kaiserzeit überhaupt. Indem sie uns mit seinen religiösen Gedanken und Gebräuchen bekannt machen, gewähren sie auch ein reiches Material für die neuerdings so wichtig gewordene sprachwissenschaftliche Erforschung besonders des Bolksgriechischen. Die weit überwiegende Mehrzahl der 185 Denkmäler ist griechisch geschrieben, eine Minderheit lateinischeinige wenige haben aramäische oder hebräische Zeilen. Wie sprachlich, so sind die Inschriften auch paläographisch hochinteressant. Endlich darf man den ikonographischen nnd kulturgeschichtlichen Wert der Bildwerke heryorheben, die in einer Zahl von etwa 90 Stücken zumeist jüdischen Gottesdienst und religiöse Handlung wiederspiegeln. Der größte Teil der 185 Stücke kam bei der Ausgrabung zutage, die Müller mit Unterstützung der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft, des Judentums" 1804 -1900 auSgeftthrt hat.