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Der Israelit · 1920-06-03 · Heft 22 (3.6.1920) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 22 (3.6.1920)
Date
1920-06-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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«eite 2 Nr. 22 Kleines Feuilleton. Die Erklärung der schwierigen wb in j"b nnj? nach Halevh's „Doroth Sorifchonim". Bon Dr. H. Halevy Urn die wunderbare Geistesschärfe des Wilraer Gaon zu charakterisieren, werden im Feuilleton des „Israeli!" Nr. 16 zwei drastische Beispiele zitiert, eine Midraschstelle und die Mtschnah in svö k"s ninp. Unbeschadet der überragenden Größe des Gaon muß jedoch rcxn spv*? gesagt werden, daß das zweite Bet. spiel aus der Mischnah sehr unglücklich gewählt ist. Hillel lehrt: „Ein Hin voll geschöpftes Wasser macht die Mikwoh unbrauchbar, nur daß man gehalten ist, in der Sprache des Lehrers weiterzulehren- Schammat lehrt: „neun Kabim" und dte Chachomtm lehren weder wie der eine noch wie der andere, sondern «ach der Uebcrlieserung der beiden Gardajim, welche von Schaar Hoaschpaus in Jerusalem kamen und im Namen von Schemajah und Abtalion überlieferten: „drei Lugim geschöpftes Wasser machen die Mikwoh unbrauchbar". Diese Ansicht machten sich die Chachomim zu eigen". Der Passus im Beginn der Mischnah: „nur daß man gehalten ist, in der Sprache des Lehrers welterzulehren", ist eigentlich überflüssig und daher ganz unverständlich, Um seine Erklärung bemühen sich Rascht Der JZraelit. in einer eigenen Interpretation und in einer Interpretation seiner Lehrer, die er ober selbst abwendet, ferner der 2"2vn und der Gaon. Die Lösung des Wilnaer Gaon ist scheinbar die glücklichste. Er sagt, die Mischnah will das Wörtchen xbo rechtfertigen, bas Hillei gebraucht. Es hätte doch eigentlich genügt,, wenn Hillel nur nipan r>rr p^Dis v'2iE a'B pn gesagt haben würde, aber die Lehrer von Hillel, nämlich Schemajah und Abtalion, die 2'nr waren, sprachen das pn wie pn aus, und Hillel sprach hier ebenfalls, dem Grundsätze pn pttfo ivi^ m» 2"n getreu, pn wie px aus. Um aber dem Irrtum vorzubeugeu, daß es riPvn r>n p^v« 2'2 pn heiße, war er gezwungen, das hinzuzufügen. Diese Erklärung, so scharfsinnig sie auch ist, läßt sich aber unter keinen Umständen aufrechterhallen, wie im „Doroth Horischouim" B. 1c, Kap. 22, S. 95 ausgkführt wird. Einmal ist es ja kaum anzunehmen, daß zwei Personen nicht in der Lage sein sollten, dasselbe Wort richtig auszusprechen. Sodann ist nach dieser Erklärung der Grundsatz 121 puta nürt ans 2'n völlig unangebracht. Der Schüler ist wohl verpflichtet, den Wortlaut des Lehrers mit peinlicher Genauigkeit wiederzugeben, da manchmal sogar das Fehlen öder das Hinzufügen eines Buchstaben den Sinn entstellt. Unlogisch wäre es aber doch, dem Schüler die Pflicht aufzuerlegen, ein Wort, das sein Lehrer infolge seiner mangelhaften Aussprache s. lbst unzweifelhaft falsch und sinnentstellend aussprichk, genau so mangelhaft und falsch zu zitieren. Wenn Schemajah und Abtalion durch die Unzulänglichkeit ihrer Aussprache statt pn das Wort pK sagten, und dadurch ihren eigenen Lehrsatz mißverständlich ausdrückten, so wäre es doch gewiß ■ PBSBpipnaipspHVHPiipHHlHMaHiBnPHHH - ». Smit -'iMÖ Amerikanische Gelder. Ein Lichtpunkt mitten in der Oede und Trostlosigkeit unserer Zeit bildeten und bilden die Zeichen brüderlicher Liebe, die in der Form von Viktualten und Geldunterstützungen von jenseits des Ozeans herüberkommen. Das hungernde jüdische Polen erfreut sich besonders dieser tätigen Liebe und Teilnahme. Wie erhebend ist es zuweilen zu lesen, daß jüdische Philandropen in Amerika größere Summen für die notleidenden jüdischen Institutionen und Menschen in Polen Männern des allgemeinen Vertrauens zur Verfügung stellen. Wie betrüblich umsomehr die Feststellung der jüdischen Zeitungen in Polen, daß diese Gelder ihr Ziel und ihren eigentlichen Zweck nicht erreich en. Eine Summe im Betrage von 19 000 Dollar für die Adresse des Gerer Rebbe bestimmt, befindet sich immer noch in den Händen der Herren Dr. Bogen und Gold mann, die die Herausgabe des Geldes für den von den Stiftern bestimmten Zweck einfach verweigern. Schow. früher hörte man darüber klagen, daß die aus'Amerika einlaufenden .Gelder ausschließlich den neologen Schulen zugute kommen, die Talmudthoraschulen und Jeschiwaus dagegen, die 75000 Schüler zählen, dabei fast ganz leer ausgehen. Der Protest der Gesetzestreüen hat es s. Zt. bewirkt, daß von Amerika aus Herr Rabbiner Maier Berlin nach Polen entsandt wurde. Seine Mission bestand darin, dafür Sorge zu tragen, daß in her Verteilungskommtsfion auch die Orthodoxie, wie alle anderen Parteien, entsprechend vertreten sei, eine Zusammensetzung, die analog der der Komitees in Amerika gewesen wäre. In Wirklichkeit wurde aber von Herrn Berlin die Sache so geordnet, daß die orthodoxe Vertretung Aguda und Misrachi zu genau gleichen Teilen übertragen wurde, wiewohl es sich bei Anlaß der Stadtratswahlen ergeben hatte, daß nur 600 Misrachistimmen den 18000 Stimmen der Aguda gegenüberstanden. Eine ideale Lösung war dieses nicht, immerhin war es eine Lösung, mit der man sich zur Not abfinden konnte. Himmelschreiend ist es aber, daß von den speziell für die orthodoxen Institutionen gesammelten Unterstützungsgeldern nichts, oder so gut wie gar nichts der eigentlichen Bestimmung zugeführt wird. Im Sommer 1919 wurden von Amerika aus Herrn Rabbiner Perlmutter 10 000 Dollar zur Disposition gestellt, was damals gleichbedeutend mit Mk. 180000 war. Davon konnte nur die Hälfte durch Herrn Rabbiner Perlmutter den orthodoxen Schulen zugeführt werden, da die eine Hälfte des Betrages Herr Farbstein für andere Zwecke in Händen behielt. Später wurde bekannt, daß Dr. Bogen 50 000 Dollar von Hillel ganz verfehlt, dieses mißverständliche p«, das den Sinn des Satzes verdreht, nachzusprechen. Doch viel schwerwiegender als die beiden eben genannten Einwendungen gegen die Erklärung des Gaon ist die merkwürdige Tatsache, daß sowohl Rascht als s"2vn wie auch der Gaon den Schluß der Mischnah völlig übersehen und nicht gemerkt Häven, daß durch -diesen, Schluß ihre Erklärungen ganz aus» geschaltet werden. Ihre Erklärungen gehen von der Voraussetzung aus, daß Hillel den Satz vw pn xVp nipen jik ptofc pauw im Namen von Schemajah und Abtalion überliefert hat. Diese beiden Gelehrten waren bekanntlich ®ns und als D»na sollen sie nach der Erkiärnng von Raschi usw. das Wort pn nicht ausgesprochen haben können. Am Schlüsse der Mischnah wird ja aber ausdrücklich gesagt, daß nicht Hillel im Namen von Schemajah und Abtalion tradiert hat, sondern die zwei Gardajim und daß Schemajah-und Abtalion nicht p2E wv pn 'xbti, sondern d'ö paiS p2W gelehrt haben. In wessen Namen hat jedoch in Wirklichkeit Hillel den pn von [»sw. o*s pn vhb angeführt, und was bedeutet der Nachsatz an wte nai!> an« 2«n ich«? Auch darüber gib^ uns Halevy V'ST im obengenannten Kapitel völlig Aufschluß. Dieses Kapitel gehört im „Doroth Hvrtschoninr^ dem Abschnitte über Babylonien an. In BaLyloniey wohnte seit dem Exil das Gros der Judenheit. Dennoch oder gerade deswegen suchen die Borgängei. des Doroth Horoschonink, Rappoport, Grätz, Frankel usw. glauben zu machen, daß Babylonien bis zur Ankunft Rabs im Jahre 219 n. Ehr. eine Geistesöde war. Rab habe erst die mündliche Lehre nach der Behauptung dieser Forscher nach Babylonien irnpor nicht durch einen bloß sprachlichen und territorialen I Nüchternhettsfanatismus gekrönt werden darf, daß dem jüdischen Volke das Hirn ausgeschnitten wird, wenn man aus seinem Volksleben die Religiosität ausschneidet. Bor allem aber ist es höchste Zeit, gegen das wässerig-heidnische Modejudentum eine religiöse Einheitsfront zu bilden. Es ist unverständlich, daß. sich zwei religiöse Parteien im Judentume, die Agudoh und der Misrachi, gegenseitig befehden, während auf dem Trümmerfeld des jüdischen Volkslebens moderne Kulturjudentumspaläste erbaut werden. Es darf ferner nickt zugelassen werden, daß das jüdische Volk seinem geistigen Nährboden entrissen und in den mageren Boden moderner Eintagsideale verpflanzt werde. Unter der Parole gemeinsamen Abwehrkampfes gegen denn eo-jüdischen Hellenismus ist zugleich auch ein gemeinsames Arbeitsfeld und eine gemeinsame Plattform für alle religiösen Parteien im Judentum gegeben. Und dies umsomehr, als ja im Prinzip in Bezug auf die Bejahung des jüdischen Volkstums- und Palästinagedankens keine Gegensätze mehr obwalten, hierdurch also die Kluft wischen Agudoh und Misrachi auf Differenzen aktischer Natur sich reduzieren. Uebermäßig aufgebauschte nationale Schlagworte dürfen der Bereinigung zum gemeinsamen Abwehrkampfe nicht im Wege stehen, wenn der jüdische Volkskörper von Zersetzungsfieber und Glaubenslosigkeitseptdemie geschüttelt und heimgesucht wird. Es ist Zeit, mit vereinten Kräften an die wirtschaftliche und sittlich-religiöse Restauration des so arg zerrütteten jüdischen Volkslebens zu schreiten. Es ist Zeit, höchste, höchste Zeit! (Wir können hinsichtlich der Natur des Gegensatzes zwischen Misrachi und Aguda die Anschauung des Herrn Verfassers nicht ganz teilen/ es handelt sich dabei doch nicht um Taktik, sondern um eine Prinzipienfrage, um die Frage nämlich ob das historische Judentum, das Jud«itum der Thora, sich zu einer Fraktion, also zu einer Parteischattierung herabdrücken lassen bars oder nicht. Trotzdem wäre in Palästina eine Zusammenarbeit in praktischer Hinsicht sehr wohl denkbar, sobald dabei alle Partei- Rücksichten endlich einmal zuruckgestellt und dem Wohle der gemeinsamen Sache untergeordnet würden: Red.) Nie Gemeindewahlen in Wien. Aus Wien kommt die bedeutsame Nachricht, daß die Orthodoxie beschlossen habe, zum ersten Male nach Jahrzehnten wieder in den Wahlkampf bet den bevorstehenden Kultuswahlen etnzugreifen und eine eigene Kandidatenliste aufzustellen. In Oesterreich gab es bekanntlich bisher keine Austrittsmöglichkeit,- auch die überzeugten Vertreter des Prinzips der orthodoxen Autonomie mußten der Zwangsgemetnde angehören und ihr ihre Steuern entrichten. Aber die in der Schiffschul organisierten Kreise hatten trotz dieser formellen Zugehörigkeit zur einheitlichen Kultusgemeinde diese bisher praktisch vollkommen ignoriert, sie gewissermaßen als einen von außen auferlegten WIK, eine rein behördliche Zwangsorgantsation betrachtet, der irgend eine moralisch-religiöse Würde nicht innewohnt. Wenn nun — nach mancherlei inneren Auseinandersetzungen, über die wir wiederholt berichteten — innerhalb der Orthodoxie diejenige Richtung durchgedrrngen ist, die eine Revision des bisherigen Programms und die Entfaltung einer frischen Offensive gegen die mit einander ringenden Vertreter der liberalen und der nationalistischen Reologie befürwortete, so wird die gesammte Orthodoxie der Welt ein lebhaftes Jntereffe an dem Verlauf und Ausgang dieses Wiener Wahlkampfes haben. Auch wenn es, wie wahrscheinlich, der Orthodoxie nichti auf den ersten Anlauf gelingt, die politisch besser organisierten, vom Oberrabbinat begünstigten und mit dankbaren Schlagwerken arbeitenden Nationalisten um ihre wahrscheinlichen Wahlerfolge zu bringen, so kann doch schon eine Minderheit Bedeutsames leisten, wenn sie eine .Idee mit Klarheit und Konsequenz vertritt. Aber auch dann, wenn nach vollzogener Wahl die orthodoxen Vertreter in den Gemeinde-Organen die Erfchrung machen sollten, daß sie in Gewissenskonflikte geraten und auf die Dauer nicht Mitwirken können, wird man grade zur Wiener Orthodoxie größeres Zutrauen hinsichtlich der Bewahrung ihrer Grundsätze auch in der gefährlichen Position der „Gemeinde-Orthodoxie" hegen dürfen als irgendwo sonst. Schließlich wird im neuen Oesterreich, wenn es gar nicht anders gehen sollte, die Befreiung von gemeindlichem Zwang in religiösen Dingen jederzeit möglich sein, sodaß einer prinzipienklaren nnd politisch geschulten Orthodoxie die ultima ratio des Austritts nach ehrlichem Ringen immer noch offenstehen wird.

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