Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1920)
- Date
- 1920-12-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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r Feuilleton-Vellage zu Ar. 49 des Gin Ehanuka Abend. Es war im Spätherbst des Jahres 1813. Am 18. Oktober war die Schlacht bei Leipzig geschlagender große Korsische Imperator war besiegt, und unendlicher Jubel durchzog ganz Deutschland. Ueberall im Lande wurden Freudenfeuer an gezündet, und die Städte veranstalteten prachtvolle Illuminationen. Auch das Städtchen B. erstrahlte im hellsten Lichterglanze. Transparente mit Bildern und Sinnfprüchen verkündeten die Freude der Bewohner. Ein Transparent des jüdischen Kaufmanns L. erregte ganz besonderes Aufsehen. Auf der einen Seite zeigte dasselbe sieben magere häßliche Kühe und darunter stand zu lesen: „So war die Vergangenheit." Auf der anderen Seite prangten sieben fette, schöne Kühe und unter ihnen standen die Worte: „Ein Bild unserer Zukunft." Man hatte zu früh gejubelt. Französische Heeresabteilungen.waren noch überall im Lande zerstreut, und eine solche, aus mehr als 5000 Mann bestehend, kam unter Anführung des Prinzen R. rach V. Der französische. General war im höchsten Grade erzürnt über die Bewohner der Stadt. Bald verbreitete sich das Gerücht, daß der General befohlen habe, in der darauffolgenden Nacht die Stadt zu plündern und sie dann an allen Enden anzuzünden. Die Bewohner von V. verbrachten den Tag in der größten Angst. Der Magistrat und die Bürgerältesten, begaben sich zu dem Prinzen, um für die Stadt Gnade zu erbitten und sich bereit zu erklären^ die höchstmögliche Kontribution zu erlegen. Der General ließ sie gar nicht vor sich kommen. Der Kaufmann L., dessen wir vorhin erwähnten, hatte noch mehr Ursache sich zu ängstigen als alle Anderen. Seine Frau hatte ihm vor wenigen Tagen ein Töchterlein geborenaußerdem hatte er noch zwei Töchter im zarten Kindesalter. Wohin sollte er, mitten im Winter, bei zehn Grad Kälte und einem schrecklichen Nordostwinde, mit seiner kranken Frau und seinen kleinen Kindern entfliehen? Soeben war ihm berichtet worden, daß der General die Väter der Stadt gar nicht > empfangen habe. In seiner Verzweiflung beschloß er zu versuchen, was jenen mißlungen war. Die verwitwete Frau Hauptmann K., in deren palastähnlichem Hause der französische General mit seinem Stabe einquartiert war, gehörte zu seinen Kundenvielleicht würde sie ihm Audienz bei dem Prinzen verschaffen. Während er noch darüber nachdachte, horte er von der Straße her schwere Seufzer ertönen. Er ging hinaus und sah einen verwundeten französischen Soldaten auf der Straße liegen. Derselbe war aus dem Marsche marode geworden und zurückgeblieben. In der Gegend umherstreifende Kosaken hatten ihn ausgeplündert, verwundet und auf der Landstraße liegen lassen. Lange hatte er bewußlos gelegenendlich war er erwacht und hatte sich mühsam in die Stadt geschleppt. Der mitleidige jüdische Kaufmann ließ sofort den Unglücklichen in sein Haus tragen, zu Bette bringen und den Feldscheer herbeiholen. Nachdem dies geschehen, kam es dem Manne wie eine Erleuchtunger hatte jetzt einen Vorwand", vor dem. General zu erscheinen, da er. ihm die Aufnahme des Verwundeten melden mußte. Er machte sich auch sofort auf den Weg. Als er das Haus der Frau Hauptmann K. betrat, stürzte ihm diese und ihre unverheiratete Schwester laut jammernd entgegen. „Ach Herr L.," riefen die Damen, „wir find verloren! Heute Abend wird geplündert und nachher soll unsere Stadt in Flammen aufgehen. Der Prinz ist ganz rabiat." „Kann ich zu ihm gelangen, gnädige Frau?" fragte L. „Vielleicht gelingt es mir, bei Seiner Durchlaucht für unsere Stadt Gnade zu erlangen." „Gott gebe es," 'entgegnete die Angeredete. „Kommen Sie, ich führe Sie oben herum durch ein Seitenzimmer, sonst werden Sie doch nicht vorgelaffen!" Sie führte ihn eine Hintertreppe hinauf und von dort durch eine lange Reihe von Zimmern bis in das Vorzimmer des Generals. „Wie kommen Sie hierher, was wollen Sie?" schrie ihn ein- Adjutant in französischer Sprache ark. — „Die Eigentümerin dieses Hauses", antwortete L. in derselben Sprache, „hat mich hierhergeführt. Ich habe dem General eine Meldung zu machen." Der General mußte diese Worte gehört habener öffnete die Türe seines Zimmers und rief in deutscher Sprache: „Treten Sie ein!" „Was haben Sie mir zu melden?" „Durchlaucht, ich wollte gehorsamst melden, daß ein verwundeter französischer Soldat, den ich auf der Straße liegen sah, in meinem Hause, Große Straße Nr. 88, Aufnahme gefunden hat." „Wie heißen Sie?"' „L." Der General wiederholte die Meldung auf französisch- und sein Sekretär schrieb sie nieder. „Es ist gut, Sie können gehen!" „Durchlaucht wollen mir gnädigst noch eine Frage gestatten. Ist es' wahr, daß heute Abend ..." „Geplündert werden und dann Euer Nest angezündet werden soll? So ist es! Eigentlich sollte ich die ganze Bürgerschaft niederschießen lasten. Ihr habt illuminiert, weil Euer Kaiser, der siegreiche Held, bei Leipzig unterlegen ist. Das ist Landesverrat, denn hier ist Frankreich!"*) „Durchlaucht sind doch ein deutscher Prinz.." „Ich bin französischer General und nun — ick habe zu tun." Traurig ging der Kaufmann von dannen, denselben Weg, den er gekommen. Vor der Türe warteten die beiden Damen aus ihn, und als sie vernahmen, daß der Prinz bet seinen schlimmen Absichten beharre, erhoben sie ein lautes Weheklagen. Ganz niedergeschlagen kam Herr L. nach Hause. Bei ihm waren, außer dem Verwundeten, zwei französische Soldaten, Elsässer, einquartiert. „Meine Freunde", sagte er zu ihnen, „Ihr seid ja eigentlich unsere Landsleute! Helft mir in dieser schweren Notich gebe jedem von Euch hundert Napoleons, wenn ihr in der kommenden Nacht mein Haus und meine Familie beschützt." „Daß wir Narren wären", antworteten die Soldaten. „Die Stadt ist reich, und wir hoffen, viel mehr zu erbeuten." Die Nacht nahte heranes war der erste Abend des Chanuka-Festes, ein trauriger Festesanfang. Herr L. holte den Chanuka-Leuchier herbei, die. Lichter zum Anzünden vorzubereiten. Sonst pflegte das seine Frau zu tunaber diese lag jetzt krank zu Bett. Er seufzte schwer auf, als er die zwei Dochte drehte und in die Lämpchen steckte. Neben ihm standen seine zwei ältesten Töchter, die eine fünf,. die andere drei Jahre alt. „Vater", fragte das ältere Mädchen, „warum seufzest du? Hast du uns nicht erzählt, daß die Lichter uns erinnern an die Wunder, die der liebe Gott für uns getan hat?" *) Die Küstenstriche an der Nordsee gehörten damals zu. Frankreich, mährend das übrige Hannover dem Königreichs Westphalen zngeteitt mar. Herr L. hob das Kind empor und küßte es. „Du hast Recht, mein. Kind. Der allmächtige Gott, der unseren Voreltern Wunder getan, wird auch für uns Wunder tun." „Küste mich auch, Vater!" bat das kleinere Kind. Herr L. hob auch es empor und küßte es äuf die Stirne. „Betet zu Gott, Kinder, daß er .auch uns ein Wunder tue und uns errette aus großer Gefahr!" Die Kinder hoben ihre Händchen empor, das älteste sprach und das zweite widerholte die Worte.: „Lieber Gott, tue auch für uns ein Wunder, daß wir nicht unter den Wagen kommen!" Die Worte: „aus großer Gefahr" hatte das Kind seiner kindlichen Anschauung angepaßt. Herr L. mußte lächeln trotz aller Angst und Sorgen. Dann goß er das Oel in die Lämpchenzum Anzünden derselben war noch , eine halbe Stunde Zeit. Er verschloß die Haustüre und stellte mit Hilfe seines Hausknechts schwere Koffer und Kisten davor. Nachdem dieses geschehen, begab er sich in das Wohnzimmer, um die Chanukalichter anzuzünden. Er sprach gerade die zweite Berocho: „Gelobt seiest Dü, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der Wunder getan für 'unsere Väter in jenen Tagen um diese Zeit", da ertönte ein Signal, es war das Signal zum Gmeralmarsch. Herr L. ließ sich nicht stören und sprach die dritte Berocho: Gelobt seiest Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns hat am Leben erhalten, der uns hat aufrecht erhalten und hat uns gelangen lassen bis zu dieser Zeit. — Das Signal widerholte siches wurde wirklich Generalmarsch geblasen. Was hatte das . zu bedeuten? Wir müssen in unserer Erzählung um mehrere Stunden rückwärts schauen. Prinz R. wußte, daß der russische General Tettenborn im Begriffe stand, die Franzosen von der ganzen Nordseeküste zu vertreiben: deshalb hatte er Spione ausgeschickt, um den Stand des Feindes zu erkunden. Einer derselben, der sich nicht weit vorwärts wagte, hatte einem hausierenden Bauern, einem sogenannten „Kiepenkerl", zehn Taler gegeben, daß er nachNothenburg an der Dümme — zwischen Hamburg und V. gelegen — wandere/, um genaue Nachricht über den Stand der Russen einzuziehen. In Norddeutschland nennt man einen Tragkorb, der auf dem Rücken getragen wird, eine Kiepe. Bauern, die während des Winters, allerlei Geräte aus Holz: Teller, Schüsseln, Löffel rc. schnitzen, gehen dann damft hausieren, und da sie ihre Waare auf dem Rücken in der Kiepe tragen, so nennt man diese Hau»1 sierer „Kiepenkerle". Der in Rede stehende Mann, ein einfältiger Bauer, kommt nach Rothenburg und trifft dort einen Offizier in roter Uniform.. Da die Hanoveraner — Hannover hatte vor dem Kriege zu England gehört — rote Uniformengetragen hatten, so meinte der Bauer, der ihm Begegnende sei ein alter Pensionierter Hannoveraner. Derselbe war aber ein Deutschruffe, ein Kurländer, ein Adjutant des Generals Tettenborn. „Gnädiger Herr", fragte der Bauer, „ich soll mich hier nach etwas erkundigenvielleicht können Sie mir Auskunft geben." „Wenn ich kann, gern", antwortete der Offizier. Me in deutscher Sprache erteilte Antwort machte den Bauer erst recht zutraulich. „Ich bin beauftragt", sagte er,; „mich nach dem Stande -er Russen zu erkundigen. Prinz R. liegt in B. mit 5000 Mann und fürchtet, von den Ruffen überfallen zu werden. Zehn Taler habe ich schon gekriegtwenn ich sichere Nachricht bringe, kriege ich noch zehn Taler. Das ist für einen armen Kiepenkerl viel Geld.. Sie sind doch ein abgedankter, hannoverischer Hauptmann, da geht Sie doch die ganze Geschichtenichts an l" (Schluß folgt.)