Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 20-21 (20.5.1920)
- Date
- 1920-05-20
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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daß wir dann nicht wieder mit dem Anfänge der 'Sichel aufhören werden, Juden zu sein, sondern dann erst recht beginnen werün, KU seiner Thora hinstrebend zu zählen-, Sott Willy Wolf in Lölrr. Schewuoth ist da. Die Tage sind gezählt, — die Wo che n gezählt und vollendet, dank der Anordnung, welche die Weisen für die Golußzeit im Sinne der Tauroh getroffen. „Zählet 50 Tage", ruft uns die Tauroh (3. B.. M. 23, 16) zu; allein, indem sie uns nur 49 Tage zählen läßt, zeitigt sie das Ergebnis, daß wir die Zahl der Tage zwar erreichen, aber nicht vollenden. Anders bei den Wochen, denen die Tau roh den Stempel der Vollendung ausgeprägt mit den Worten: „Sieben volle Wochen sollen cs sein". So haben wir die Wochen vollendet und begehen den ihnen unmittelbar folgenden Festtag, den die Tauroh mit dem bedeutsamen Ausdrucke benennt: „an Eurem Wochenseste" (4. B. M. 28, 26) und darin wohl die Wahrheit verewigt: der Glanz dieses Festes ist der Gedanke, daß die Wochen unser geworden! Wenn aber in der Omer-Zählung erst die Wochen und nicht schon die Tage _ solch eine Vollkommenheit aufweisen, so begreifen wir in etwa, aus welchem Grunde wohl die Tauroh mt jener einzigen (Stelle, an welcher fic die Vollkommenheit der Omer-Wochen betont, den Ausdruck wählt: „Sieben volle Sabbathlwochen) sollen es sein", während sie sich sonst selbst beim Omer der allgemeinen Bezeichnung „Schewuoth-Wochen" zu bedienen pflegt. Erscheint doch hier der Sabbath als das Gepräge der Woche — und was ist der Sabbath anders, denn der natürliche Hinweis aus Gott, den Inbegriff der unbegrenzten Vollkommenheit; ja, was ist er anders als die älteste Einrichtung auf Erden, dem Menschen einen Teil der götrlichen Vollkommenheit zu vermitteln? Irren wir nicht, so ist infolgedessen in den Omer- Woche n die von Gott stammende Vollkommenbeit enthalten und der Sinn der Wochenzählling dahin ausgesprochen: „Das Euch vorgesteckte lZiel sind sieben Wochen. Jede derselben ^entlehnt ihre Bedeutung dem Sabbath. Der Sabbath ist die von Gott aus Erden verpflanzte Vollkommenheit. So ist jede Omer-Woche in sich vollkommen. Nun besteht das Ziel in sieben Wochen. Ihr legt also im Omer die gleiche Anzahl Sabbath-Wochen zurück als die SabbaLH-Woche aus Tagen besteht. Somit ist in Eurer Omer-Zählung die Sabbath-Woche im selben Maße weiter vervollkommnet, wie sie sich selber aus den Tagen gebildet. Ihr zählt diese Wochen bis zum Ende und strebt auf diese Weise Zu der vervielfältigten Vollkommenheit empor, die dieser Zeitraum durch den Sabbathgedanken vergegenwärtigt." * * * So bietet die Omer-Zeit in der Zahl ihrer Wochen ein Ausmaß der Vollkommenheit dar,!und das Schewuoth-Feft verkündet durch den Klang seines Namens „an Eurem Wochenfeste" diese in den Omer-Wochen versinnbildlichte Vollkommenheit als unsre geistige Errungenschaft. Damit sind die Vorbedingungen der Vollendung, deren der Mensch teilhaftig zu werden permag, gegeben. Denn aus dem Kreis der Omer-Wochen leuchtet uns das Ideal der Vollkommenheit entgegen, und das Fest, das diesen Zeitraum vollendend krönt, zeigt durch die in seinem Namen niedergelegte Bedeutung, in welch reichem Mäße sich der Mensch jenes Ideal änz neig neu imstande ist. 4 * * Ideal und Wirklichkeit in vollendeter Harmonie — leicht käme da her Gedanke, der Gipfel der Vollkommenheit sei erklommen; sprächen nicht gar manche Anzeichen dafür, daß selbst diese im 'Schewuoth-Feste dargestellte Vollendung erst als Vorstufe zu noch höherem Sein dasteht. Denn ehe die Tauroh das Fest als unfern geistigen Besitz gedeutet, bezeichnet sie es als den Tag der „Erstlingssrüchte", „au welchem wir Gott ein neues Mehlopfer darbringen" und lehrt damit, daß erst am Schewuoth-Feste die Zeitperiode für das Hinaufbringen der Erstlingssrüchte zum Tempel beginnt ' und daß erst vom Schewuoth-Feste an die Darbringung der Mehlopfer vom neuen Getreide im Anschluß an die 3. B. M. 23, 17 vorgeschriebenen beiden Weizenbrote statthaft ist. Es liegt in der Tat nicht fern, daraus den Sinn zu schöpfen, daß selbst die in der verständnisvollen Omer-Zählung erlangte Vollkommenheit erst dazu dient, in den Erstlingen die irdische Frucht Gott gleichsam als sein Eigentum hulbigettb zurückzuerstatten, den Boden, der sie getragen, als Gottes Land zu bekennen und im Mehlopser das neue Getreide dem Tauroh-Jdeale des Tempels bewußtvolt zu weihen. Fürwahr, wenn dazu die geistige Reife der Omer-Zählung erst die Befähigung verleiht, dann tritt recht deutlich in die Erscheinung, daß der Wert der einfachen irdischen Frucht durch ihre Atzihe zu Gott und seinem Ideale sogar über die Omer- Vollkommenheit hinausragt. 4- * * Der Ueberlieferung gemäß fand am SchewnoLh-Feste die Offenbarung am Sinai .statt. Israel .empfing mithin die Tauroh, das Angebinde seiner höheren Vollendung, am gleichen Jahrestage, an welchem später die Erstlinge irdischer Frucht im Tempel ihre Weihe erhielten. Wieder das gleiche bemerkenswerte Zusammentreffen des gestrigen Und materiellen Momentes am Schewuoth-Feste, und es ist so grundlegend und durchgreifend, daß es den Alltag des gesamten jüdischen Jahres durchzieht. Sind doch die einzigen Segenssprüche, zu welchen nach allgemeiner Annahme die göttliche Vorschrift uns verpflichtet, die Berochoh vor dem Lesen aus der Tauroh und jene nach stattgehabtem Brotgenusse. Diesen Segenssprüchen sind alle jene - gleichsam nachgebildet, welche die Weisen den Erscheinungen des Lebens gewidmet, und in den beiden erschövst sich der Inhalt des ganzen menschlichen Daseins; denn es bezieht sich die eine nicht minder wichtig auf die weihevolle Hebung des materiellen Genusses wie die andre auf das Studium des göttlichen Wortes, das die Bestimmung unsrer höheren geistigen Vollkommenheit trägt. Beide vereint ergeben das reiche Maß der Vollkommenheit, das selbst das Studium der Tauroh allein nicht zu bewirken vermag, wenn nicht die Veredlung des irdischen Genusses ebenbürtig mit ihm verbunden ist; gleich wie die gedankliche Vollkommenheit der Omer- Wochen in der Darbringung der beiden Weizenbrote am Schewuoth-Feste ihre wahre Volleirdung findet. * * * An jedem Feste kam der Charakter des Tages im Mußaph-Opser zum Ausdruck und bei jedem verzeichnet die Tauroh wie beim täglichen Emporopfer die Forderung der Bollksmmenheit der körperlichen Beschaffenheit der Opfertiere. An drei Festen verleiht sie aber dieser Forderung eine Israels Gesamtheit betreffende persönliche Beziehung, indem sie bei ihnen statt der kurzen Bemerkung „vollkommen seien sie" von den Opsertieren spricht: „vollkommen seien sie Euch". Sie weckt Hamit unser Interesse für die sinnbildliche Ganzheit der Opfer und erhebt sie zu einem besonderen Anliegen unseres Herzens. Die drei Feste, die sie ans solche Weise aus dem Jähreskreise hervorhebt, sind Peßach, Schewuoth und Jaum Kippur. Wir begreifen auf den ersten Blick unsre persönliche Beziehung zu den Opfern am Peßach und Schewuoth; bilden doch diese beiden Feste die Angelpunkte der Omerzeit, deren Wochenzah! das Bild der dem Menschen bestimmten Vollkommenheit vergegenwärtigt und deren unmittelbare Beziehung zu unsrer Persönlichkeit die Tauroh am Schewuoth-Feste mit dem Wort umschrieben: „an Eurem Wochenfeste", in welchem sie das H?he Ziel der Omerzählung zu Unsrer persönliche» Angelegenheit gestempelt. Und Jaum Kippur: GM es im ganzen jüdischen Kalender noch einen Tag, dem, wie ihm. die Eigenschaft'des Sabbath anhastet; deS Sabbath, dessen Bedeutung die Tauroh als Kerngedanken der Omer-Vollkommenheit betrachtet, wenn sie spricht: „Sieben volle'Sabbath- Wochen sollen ps sein?" Und fehlt dem Jaum Kippur die andere Seite der Schewuoth-Vollendnng, der Hinweis auf den irdischen Genuß?, Besteht nicht der Zweck dieses Tages in der vollen Sühne unseres gesamten Lebens, des geistigen und materiellen, und deutet nicht darauf sein sabbathgleiches Werkverbot und seine Entsagung vom Genüsse hin? Wahrlich, dieselben Momente, die in der vollendeten Verbindung von Peßach und Schewuoth bestehen, und fast möchte man sagen: Am Beginne des Jahrganges, der von Nissan seinen Ausgang nimmt, vereinigen sich in der Omerzählung Peßach und Schewuoth zur Darstellung des vollen Tauroh- Jdeals, das in der gottgefälligen "Vereinigung des geistigen und körperlichen Lebens besteht, — und in der Mitte dieses Jahrgangs erscheint Jaum Kippur, ausgestattet mit mannigfaltigen Vorschriften, die sich auf diese beiden Lebensgebiete erstrecken und dazu dienen, den auf ihnen begangenen Verfehlungen volle Sühne zu bringen . und demgemäß die durch diese Vergehen getrübte persönliche Vollkommenheit wiederherzustellen. In diesem Sinne sichert uns Jaum Kippur die alljährliche Rückgewinnung der Vollkommenheit. die Peßach und Schewuoth in ihrer Zusammengehörigkeit zur Anschauung bringen und! wir ahnen vielleicht den tiefgründigen Anlaß der Tauroh, an diesen drei Festen die.pers ö n l i ch e Seite der Ganzheit mit den Worten zu betonen: „Vollkommen seien sie Euch". * * * Dieser Darstellung der Gedanken int Opfer sind die Feste bis zum Wiedererstehen des Tempels entkleidet. Auch dev Omerzeit fehlt bis dahin ein wesentliches Merkmal, die Darbringung des Omer am Peßach und der beiden Weizenbrote am Schewuoth. Gleichwohl haben die Weisen der Zählung dieser Zeit eine solche Wichtigkeit beigemessen, daß sie dieselbe selbst für die Golußjahre aufrechterhalten haben. So haben wir nach der Anordnung unsrer Weisen im Sinne der Tauroh jetzt wieder die Wochen gezählt und vollendet und die Tage soweit gezählt, daß sie mit den Wochen genau znsammenstimmen. Freilich hat die Tauroh auch für die Tage wie für die Wochen eine volle, abschließende Zahl (-50) genannt, die indes nicht mehr zur Zählung gehört. Aber so läßt sie uns 'stillschweigend erkennen, daß uns der 60. Tag, das Schewuoth-Fest, als Errungenschaft der Omerzählung von selbst zuteil wird, und' daß «es daher als natürliche Folge der Omerzählung erscheint, wenn an diesem herrlichen Feste Geist und Materie harmonisch vereink ihre Vollendung feiern. Bon Rabbiner Löwy in Hamburg. Die Worte, welche R. Mosche Chajim Luzatto s. A. seinem Messiläs Meschorim vorausschickt: „Dieses Werk habe ich nicht versaßt, um den Menschen etwas Neues, ihm Unbekanntes zu lehren, sondern um ihm Bekanntes in Erinnerung zu bringen", seien auch folgende Zeilen vorausgeschickt. Bekannt ist uns ja Men die Aufgabe, welche die Thauro uns stellt, von Unreinheit uns zur Reinheit und dann zur höchsten Stufe, welche der Mensch erringen kann, zur Selbstheiligung durchzuringen. „Heilig sollet Ihr sein, denn heilig bin ich", so lautet der jüdische kategorische Imperativ, welchen uns die Thora mit aus den Lebensweg gibt. Das höchste Ideal, welches der Jude erringen kann Und zu erreichen streben soll, ist die Keduschah. Wenn er hmtritt, den