Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 20-21 (20.5.1920)
- Date
- 1920-05-20
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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«»t um. W. * üdifcher Volksfreund Monats-Veilaze zum „Israelit" Verantwortliche Redaktion: Rabbiner vr. Wolf i» Verwenden Sie dei stendire» Anlßffen -je Telegrsmm- Ablösungs- Formulare snseres Vereines. Uvers px& KLrrrK Mark 2.—- A« beziehen durch unser Büro: Cöl«, Hohenstanferrrin- 14 Pvstscheck-Konto: Eöln, Nr. 50648 Eesirstz-Veirnchinnsen M Erinnernnsen von Oamst» -irfih. (Schluß.) Diese Probe, der zweite Akt unserer Galuthprüfungen, harret noch unser. Den. ersten, die Leidensprobe, hat Israel glänzend bestanden. Eben diese Sefirah^Tage sind es ja, in denen Israel Jahrhunderte lang die höchsten Proben ablegte, wie es in Leiden den Sesirah-Geift zu Lewähren verstehe, wie es alle irdischen Güter und Freuden, wie es das ganze irdische Leben Mit all seinem süßen, teuren Inhalte für nichts zähle, so es dabei von seinem einzigen Gotte und seinem heiligen Worte zu lassen genötigt sein sollte, wie es jeden Augenblick bereit sei, die Erde hinzuwerfen, um seinen: Sötte in die Arme zu eilen. . Zweihundert Frühlinge fast, zogen in dieser Sefirah-Zeit blutrot über Israels Häupter herauf, und wenn Israel von der alten Erlösung und der verlorenen Sichel zur ewigen Thora hin zu zählen begann, drang durch das wüstere Gewölk der Zeiten, mit immer neuem Ernst, mit immer neuen Schrecken, die Frage des Einigeinzigen an Israel: „Bist du noch mein? Israel!" „Tein, im Leben und Sterben!" antwortete Israel und starb., Das Zeichen, das in allen andern Gedankenkreisen eine noch erst zu ergänzende Größe, die noch erst zu erwartende Vollendung, oder das rioch Unbekannte, das erst zu suchende Etwas bedeutet, — das Zeichen als Zeichen der vollendeten Herrlichkeit auf das Grab eines verstorbenen Inden §u pflanzen, erhoben sich die Völker, wie der Zug der Vögel zur besseren Heimat zogs die europäische Menschheit zur jüdischen Heimat, Mm Boden der einstigen — vergangenen und künftigen — jüdischen Größe hin und sie meinten, die Heil es Wahrheit jenes Zeichen erst mit jüdischem Blute besiegeln und zum ältest jüdischen Grabe über Hunderttausende frischer, jüdischer Gräber wallfahrten zu müssen! Sollen wir jene Gebete, jene Sesirah-Erinnerungen streichen aus unseren Gebeten, sollen wir das Gedächtnis der Tage verwischrn, in welchen Israel das „Kein Gott außer dir!" nicht mit I Orgelklang und Chorgesang, wo es dies sein Bekenntnis mit dem Herzblut seiner Männer und Frauen, seiner Jünglinge und Jungfrauen, seiner Mütter und Bräute, seiner Kinder und Säuglinge, nnt dem Brandschutt seiner Synagogen und Häuser, mit dem Raubopfer seiner Habe und Heimat verherrlichte, — das Gedächtnis dieser Siegeszeiten Israels sollte Israel vergessen?! O, daß wirs aufzusrischm verständen, dieses Gedächtnis unserer großen Zeilen, daß wir einen Funken jener alten . Begeisterung für Gott und sein heiliges Wort in unfern erschlafften Herzen zu wecken verständen, o, daß es einer verstände, die Männer und Frauen, die Söhne und Töchter, die Knaben und Mädchen unserer Zeit im Geiste um die Leichen, Hügel ustd Hügeln:: jener für 'die Thora Gestorbenen zu sammeln, daß es einer verstände, die Begeisterung, die Opserfreudigkeit, die Standhaftigkeit, die Klarheit, die Ruhe, die stille Seligkeit und Besonnenheit zu zeichnen, mit denen die Väter und Mütter, die Jünglinge und Jungfrauen, die Knaben und Mädchen jener jüdischen Zeit offenen Auges in Flammen und Fluten, unter Dolchen und Schwertern freudig den Tod empsinze» und 7>iT°W JH&V und H3W3 die auf Scheitern erlöste« Seelen himmelwärts hob. Da würden wir lernen, „hold im Leben, untrennbar selbst im Tode" mit unserm Gott vereint zu bleiben; da würden wir lernen „adlerleicht und löwenstark" „den Willen unseres Herrn und Meisters" zu erfüllen; da würden wir uns schämen lernen, der kleinen geringfügigen Opfer zu gedenken, die das Judentum Deute von uns fordert; an den Gräbern der Heimgegangenen Väter würden wir schwören, dafür nun zu leben, wofür Jene gestorben und dir Treue^nun im Leben zu bewähren, die Jene mit dem'Tode besiegelt! Aber auch ihr, nichtjüdistHe Männer, die ihr wieder im Rate der Völker das Geschick der Juden abgewogen und erwogen, oder abxuwägen und zu erwägen im Begriffe stehet, wie viel von dem Rechte, dem Einen unteilbaren, für Keine oder Alle heiligen Rechte, für den Juden Zur Geltung kommen solle, die 'ihr das Heil der Staaten damit zu gründen vermeinet,. irgendwelche Genossen des Staates aus dem Einen, für alle Anderen gültigen Rechte auszuschließen — ehe ihr wieöermsi die schwarze oder graue — Kugel in die Urne des jüdischen Geschickes leget, richtet euer Auge auf jene Zeiten, die wir eben genannt! Da ist Keiner unter euch, dem nicht das Blut stocken würde beim Gedächtnis der Greuel, die eure Väter am den Juden ihrer Zeit sich erlaubt.. Da ist Keinler unter euch, der je Teil haben möchte an der Wiederkehr solcher Greuel, .And doch — nicht der, der dem Geächteten den Dolch in die Brust stößt, hat ihn getötet, sondern der, der über den Unschuldigen die Acht ausgesprochen! Meint ihr, es ^abe in jener alten dunklen Zeit keine Edeln unter euren Vätern gegeben, die, wie ihr, jene verübten Greuel aus vollem Herzen verdammten, deren Blut wie das eurige bei dem Angstgeschre: der erwürgten Kinder und Säuglinge erstarrte? Die Schriften, die uns aus jenen Zeiten überkommen, vergessen es nicht, dankbar der nicht jüdischen Edeln zu gedenken, die die armen Schlachtopfer des WahneS gern gerettet. Aber sie vermochten es nicht — weil sie diese Schlachtopser längst zuvo» in: Leben aus dem Genüsse des allgemeinen Rechts gestrichen und nun der entzügelten Leodenschast nicht zu sagen vermochten: bis hierher und nicht weiter. Kein Gesetz hat es in seiner Macht, das Recht bis zu einem gewissen Grade zu versagen und dem weiter schreitenden Unrecht mit Erfolgentgegenzutreten, Nehmet irgend welchen Menschen und erklärt ihn, sei's auch aus der wohlmeinendsten Absicht, irgend! eines Teils des einer:, unteilbaren Rechtes unwürdig und Hr habt ihn damit wider euren Willen und eure Absicht der Leidenschaft uns dem Wahne im Voraus als einen Gegenstand bezeichnet, auf den sich ihre Wut straflos entladen dürfe. Daran denket und vergesset auch nicht, daß der trostlose Zustand der jüdischen Vergangenheit sich auch nicht auf einmal erzeugt hat. Aber die erste Parzelle eines, an sich -vielleicht wenig bedeutenden ReWsgenusses, die man versagte, stellte den Juden als Ausnahme hin, der man nicht alles Recht schulde und hatte somit den Grund zu allem Folgenden gelegt. Oder meinet ihr etwa, die „Aufklärung" der Zeit bürge für Nimmerwiederkehr solches entfesselten Fanatismus? Sehet euch um — sehet die Zeichen der Zeit und seiet gewarnt! Wir aber, wie auch der Gott der Zeiten über uns gebieten möge, von der verlorenen, von der verliehenen, von der versagten „Sichel" wollen wir immer zur „Thora" zählen, wollen an dem einen einzigen, durch! allen Zeitwechsel und alle Meinungswirren sicher und siegreich leitenden Grundsatz festhalten, daß dem jüdischen Geschicke wie dem jüdischen Leben kein anderer Boden gesunden und verheißen werden könne, als die mit immer wachsender Treue zu erfüllende Lösung des gottverliehenen Gesetzes; wollen festhalten daran, daß auch die „Sichel" für uns den Wert verlöre, wenn wir nur nnt Verlust der Thora sie zu erkaufen, mit Verletzung der Thora sie zu schwingen vermöchten, und daß wir nur dann mit der einen Hand' die Sichel ergreifen dürsten', "wenn wir umso fester mit der andern die Thora umarmen würden — wollen diesem Grundsätze gemäß in uns und unfern Kindern den Sefirahgeist wecken, in der Freiheit und im Leben also jene Thora- Treue zu bewähren, wie sie die Väter glänzend im Drucke und im Tode bewährt, und wollen dann vertrauend der Zeit .entgegenharren, wo Gott einst wieder auf dem ureigenen Acker uns die Sichel in. die Hand geben könne, überzeugt: