Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 20-21 (20.5.1920)
- Date
- 1920-05-20
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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-Schöpfer zu greifen, spricht er die Worte, in welche die himmlischen Heerscharen ein stimmen: VN? VII?. D-ch was ist 7kVN?? Die Antwort kann darauf von uns nur annähernd gegeben werden, wie überhaupt für uns die Frage richtiger s o zu stellen ist: „welche Anforderungen an unsere Lebensführung bedingt das Streben zur Heiligung? Schön und Zu Herzen gehend, ist die Antwort auf die Frage, welche uns Siporno gibt. „Nachdem der H. g. s. E. Seine Gottesherrlichkeit ' über Jisroel am Sinai offenbart hatte, als er zu ihnen sprach: „Seid ein Volk Don Priestern und eine heilige Nation, ich habe 'Euch emporgeführt aus Mizrajim, um Euch zum Gotte zu sein und so seid heilig," da entfernte Er sie von Unreinheit gewisser Speisen Und von Unreinheit des Ehelebens, des sozialen Lebens, die daraus entstehen, von Unreinheit des sittlichen Lebens wie überhaupt von jeder Sünde, wie es heißt: „Von allen Sünden werbet rein vor Gott, — Und nun, spricht die Thora, ist das Ziel aller dieser Einschränkungen gegeben in den Worten: Seid heilig, d. h. Strebet soweit, als es möglich, ist, Eurem Gotte zu gleichen, denn das ist ja das Ziel der Menschenschöpfung, bei der es heißt: „Nach Seinem iEbenbilde schuf Er ihn." In diesen Worten hat' Siporno gteichscitig die hohe Sittlichkeitserziehung des Menschen durch Ausübung der Gebote angedeutet. Jede Mizwoh, jede von Gott befohlene Pflichttat, soll, wenn wir sie ausüben, nicht mit der Ausführung für uns abgeschlossen sein, sondern die Lehre, welche sie uns gegeben hat, muß fort Und fort in uns weiterwirken. Nur dann erfüllen wir sie ganz. Ueberhaupt sei das Streben des Menschen, Unreinheit zu überwinden, Reinheit zu erlangen und zur Heiligung zu streben. Denn nur durch restloses Aufgehen im Tboraideat ist es dem Inden.möglich, eigentlich Jude zu sein. Nichts anderes scheint 'ja „Unreinheit" zu 'sein, als Unfreiheit des Menschen Und die sich daraus ergebende Körperbeschaffenjheit. Erwägen wir z. B., was.sich aus dem Genüsse verbotener Speisen ergibt. .Unstreitig ist wissenschaftlich nachgewiesen, daß die Nahrung, welches jede Lebewesen, insbesondere aber der Mensch aufnimmt, Einfluß auf dessen seelische Betätigung hat. Das klarste Beispiel hierfür bietet wohl der Alkohol. Eine gewisse Richtung der Volksheilkunde verbietet K. B. den Genuß von Schweinefleisch bei Epilepsie, also bei einer spezifischen Nervenkrank- ] heit. Bei vollständigem Fehlen der Schilddrüse! wird der beginnende Cretinismus durch bas Essen! Non Schilddrüsenstoff beseitigt. Interessant sind die Zusammenhänge zwischen Nahrung und Nervensystem im letzten Kriege nachgewiesen worden. Die Kenntnisse j darüber verdanke ich meinem verehrten Freunde D-r. Julius Möller, Altona. Bei Granatenverletzungen fand man im Blute Abbanprodukte der Nebenniere, woraus auf eine Schädigung derselben geschlossen werden kann. Dieser Nachweis kann aber erst nach zwölfsti'mdiger Nahrungsenthaltung geführt werden, da von der Nahrung typische, nicht ganz zerlegte Substanzen ins Blut übergehen — die Nebenniere hängt also mit dem Nervensystem enge zusammen. HEine Erklärung für den jüdischen Begriff der N1LVV 71V22 der Nieren, als Sitz der Leidenschaft.) Ebensolche Stoffe finden sich auch im Blüte bei durch Schreck hervorgerusenen Störungen des seelischen Gleichgewichtes, bei Denk-, Gedächtnis- und Sprachstörungen. Daraus ist zu ersehen, welch wichtigen Einfluß die Nahrung auf das Seelenleben hat. Also nicht um körperlich-hygienischer Maßregeln willen verbietet die Thora uns gewisse Speisen, sondern um den jüdischen Geist und die jüdische Seele freizuhalten von allem, was sie binden könnte, die höchste sittliche,, seelische Stufe der Heiligung zu erreichen. „Esset nicht, was verabscheut ist", erklärt der Talmud. „Alles, was ich, der Schöpfer Deiner Seele, als Ungeeignetes bezeichnet habe. Vielleicht könnte man auch die viel zitierte Erklärung Bar Kapporas TD nnn *72 so auffassen: „Irrtum in Deinem Streben zur Keduschastufe entsteht dadurch." Jedenfalls aber müssen wir es uns' vor Augen halten, daß diese und andere Erklärungen nur Versuche bleiben können und mit der Verbindlichkeit der Toragesetze nichts gemein haben. Diese Gesetze sind und bleiben für uns immer bindend, ob wir eine Erklärung zu finden meinen oder nicht. Ebenso könnte man vielleicht dann auch 71V ähnlich erklären. Der Eindruck, welchen der seelenlose Körper auf uns macht, ist so gewaltig niederdrückend, daß unser Streben zur Keduscha Abbruch leiden könnte. Oder, der tote Körper, also das rein Körperliche, ohne seelischen Antrieb zum Guten und Edlen ist unrein, denn nur wo Seele, mithin Streben, ist, dort ist Reinheit. Eingehender Studien wäre es wert, die Einteilung der Tumozustände, welche die Thora uns lehrt, vielleicht folgendermaßen erklären zu können. 1. „Unreinheit des Toten" entsteht durch seelenlosen Körper des dahingestorbenen Menschen. Der Mensch, welcher unrein wird, ist nicht durch seine Schuld in diesen Zustand geraten, daher hat er nicht nötig ein Opfer, welches (nach Ramban) die neue> Weihe des Menschen zum werktätigen Leben lehrt, zu bringen. 2. Soziale Unreinheit (Aussätziger und Flußkranker). (Aussatz entsteht nach Erklärung der Weisen durch böse Nachrede, hauptsächlich also durch begangene Fehler, falsche Schwüre usw.) Durch Ueberwiegen sinnlicher Triebe ist der Menschenkörper gesunken, es ergeben sich auch dadurch Veränderungen an ihm, demzufolge ist die Aufgabe der Menschen tätige Selbstverbesserung, daher ist ein Opfer nötig. 3. Wöchnerin. Da die Menschwerdung vorerst bloß körperlich war, lehrt sie uns, das rein Körperliche ist unrein, die Eltern, vorerst die Mutter, als Erzieherin der Jugend, müssen tätig sein, um den jungen Menschen zu einem sittlichen Menschen zu erziehen, daher muß die Mutter ein Opfer bringen. 4. Niddah ist ein passiver körperlicher Zustand und verlangt daher kein Opfer. 5. Unreinheit der Kriechtiere kommt (ähnlich wie Unreinheit der Toten) durch die Berührung der kleinen beweglichsten Tiere (siehe Hirsch z. St.) im toten Zustande. Diese Unreinheit ist Passiv, daher ist auch kein Opfer nötig. 6. Pollution kann, wie schon der Name sagt, durch Zufall oder Ueberanstrengung eintveten (Siehe Schabbos 127II), daher ist kein Opfer notwendig. Die das völlige Untertauchen des Körpers im Wasser, lehrt vielleicht, daß wir unsere seelische Reinheit erlangen können, wenn der Mensch sich ganz der Thora, diesem Quell lebendigen Wassers, hingibt. (Siehe Hosfmann Levitikus). Und so wie das Wasser des Tauchbades nicht durch Menschenhand geschöpft sein darf, so soll auch des Menschen seelische Neugeburt aus der Thora selbst, nicht durch aus Menschenwitz und Menschendünket verfälschte Lehren, erfolgen. Und deshalb ist es auch unrichtig, von Reinheit schlechterdings als von Hygiene zu sprechen. Nicht Hygiene ist Reinheit — wenn auch jene eine selbstverständliche Folge dieser ist —, und mit nichtem ersetzt die Badestube, wäre sie auch die komfortabelste und eleganteste, die MikwohN Das Hefl der zukünftigen Generationen, die Sittenreinheit der jüdischen Familie, ist abhängig von Mikwoh und Reinheit! Klar und nüchtern, aber unablässig verfolge der Jude seinen Weg, welcher ihn zur Höhe führt. Nicht Angst, nicht Verzückung und nicht Schwärmerei leite ihn auf diesem Wege. Vielleicht könnte man auch folgende dunkle Stelle im Kusari II, 62 von diesem Gesichtspunkte aus erklären. Dort heißt es bei dem Gespräche über Unreinheit: „An Frauen und Kindern sieht man, wenn sie nachts ausgehen, oft infolge geistiger Schwäche an ihrem Körper schwarze und gelbe Stellen. Sie schreiben dies jedoch den Dämonen zu. Es ist nun möglich, daß daraus und auch durch den Anblick von Toten und Erschlagenen schwere Krankheiten des Körpers oder der Seele entstehen." Diese unreinen Zeichen der Flecken am Körper lassen sich vielleicht durch Selbstsuggestion von hysterischen Personen erklären. Durch die Angst vor Dämonen und Geistern wird die klare Ueberlegung getrübt. Im Schrecken und in der Furcht wähnen sich nervenschwache, abergläubige Frauen und Kinder von jenen verfolgt und vermeinen oft auch die Berührung der verfolgenden und ihnen uachjagenden Geister am Körper zu verspüren. (Erlkönig). Der fortwährend bohrende Gedanke daran erzeugt dann durch die Suggestion die besprochenen Flecke. So sind ja die Heiligenstigmate, welche die katholische Kirche kennt und welche an einigen weiblichen Personen nachgewiesen sein sollen (Anna Katharina Emmerich 1774—1812, Luise Lateau, Bois de Haine (Belgien) 1861—1887) erklärt worden. Während jedoch die Kirche diese Stigmen als ein besonderes Zeichen der Heiligkeit auffaßte, ist dieser Zustand jüdischer Ansicht nach ein Zeichen des Zustandes der Unreinheit, da nur klarer, ruhiger Verstand, unbeeinflußtes logisches Denken, welches sich von jeder Schwärmerei und Betäubung freihält, zur Seelenreinheit und zum Seelenadel führen kann. Deshalb ist ja jedem Unreinen das Betreten des Heiligtumes untersagt. Tenn nicht durch Einwirkung äußerer Sinnescinflüsse, Verzückungen und Phantasien erzielt der Jude seine Reinheit und seine Heiligung. Selbsttätig an sich arbeiten, selbst klar zum Ziele strebe"er, dann ist er rein, dann erst darf er das Heiligtum betreten. Ebenso ist die Sittenreinheit und die Enthaltsamkeit von Verbindungen gewisser Verwandtschaftsgrade Vorbedingung für die Heiligung, ja eine der wichtigsten und hauptsächlichsten Stufen zu ihr. Wie unsere Weisen ja schon wiederholt betonen: „Wo Du die Sittenreinheit betont findest, dort ist die Heiligkeit zu finden." Barsilai (Aron Marcus) I p 135 bemerkt: Es ist das Geheimnis der verbotenen Verbindungen mit Blutsverwandten, deren naturgesctzliche Berechtigung in Uebereinstimmung mit der Thora von allen höheren Rassen instinktiv gefühlt und angenommen wurde, bevor die neueste Wissenschaft nachgewiescn hat, daß ganze Völkerstämme, durch Nichtbeachtung derselben der vollständigen Degeneration und dem Cretinismus verfallen sind. Unerläßlich für diese sittliche Reinheit ist körperliche und seelische Reinheit und Makellosigkeit. Dann erst gelangt man zur Reinheit. Jedoch nach Reinheit soll Eirtfjaitfamfeit folgen. Das heißt, auch auf streng genommen erlaubte Genüsse verzichten, wenn dadurch etwa Ablenkung von der großen Ausgabe der Gotteserkenntnis zu befürchten wäre. Dies erst führt zur Heiligung, d. h. Unterlassen jeder Handlung und jeder Betätigung, welche nicht direkt zum Jisroelziele führen. Also, nicht nur dann unterläßt der nach Heiligung Strebende eine Tat, wenn die Möglichkeit eines Irrtums auch nur in der Ferne liegt, das ist Enthaltsamkeit, sondern er entsagt allem, was nicht direkt veredelnd, jüdisch, thoragemäß einwirkt aus des Menschen Psyche, auch ohne die angedeuteten, möglichen, schädlichen Einflüsse. Also ist Selbstheiligung das immerwährend irr jedem Juden lebendig sein sollende Hinstreben zur sittlichen Höhe. So ergeben sich die Erklärungen von Unreinheit als: seelische Unfreiheit und beu manch-