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Der Israelit · 1920-05-20 · Heft 20-21 (20.5.1920) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 20-21 (20.5.1920)
Date
1920-05-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Als Herz nach Hause kam, fand er Frau Rebekka schon in selig-bänglicher Erwartung seiner harren. ' „Ha*t sie gekauft, Herz'che"?, rief sie ihm entgegen. „Gekauft Und auch wieder verkauft. Zweihundert Emmcher hob' ich dabei verdient". Die Wirkung dieser VZorte war aber eine "ganz andere, wie Herz erwartet hatte. Leichenblaß vor Entsetzen, starrte ihm die Frau ins Gesicht. „Du Chammer"!, schrie sie- „du Schlemihl!, du . . . Mit offenem Munde, aufs höchste erstaunt, blickte Herz in die wutfunkelnden Augen seiner Gattin. Er begriff nicht, weshalb sie sich über das , gute Geschäft", das er gemacht, so aufregen konnte. „Ich hol' dir doch heut' noch die gleichen Ohrringe, Riske", versicherte er. „Der Juwelier hat ja noch mehrere solcher. Wie kannst mich heißen 'n Chammer und 'n Schlemihl'? Ich war' ein solcher, wenn ich den schönen Profit nicht hält' genommen". Frau Rebekka zwang sich mit Gewalt zur Ruhe. Sie sah ein, daß ihr Mann nichts von ihrem Abkommen mit dem Juwelier erfahren durfte, was unbedingt der Fall gewesen wäre, wenn er den gleichen Schmuck zu dem gleichen Preise verlangt haben würde. In weinerlichem Ton sagte sie daher: „Ich hätt' aber gerade gern die gehabt, die in dem blauen Etui waren. Gib mir jetzt die 2000 Mark — ich will mir selbst ein paar andere Boutons aussuchen — du verstehst doch nich s davon". Obgleich Herz das nicht rechteeinsehen wollte — hatte er doch bei dem Hände! 280 Mark verdient — so überreichter doch am Abend dieses denkwürdigeu Tages, nachdem er den Scheck Grünenklees zu Gelbe gewacht batte, seiner Gattin 2000 Mark. Den Ueberschutz behielt er — natürlich. War er doch sein Verdienst in jeder Beziehung. Wolltsie aber zu dem Schaden nicht auch noch den Spott haben, so blieb seiner Rebekka nichts anderes übrig, als noch einmal tief in das ersparte „Neschires" htneinzugreifen und durch das Opfer weiterer 1000 Mark von dem Juwelier ein anderes Brtllantohrgehänge zu erstehen, das dem ersten nichts nachaab. Daß kein Mensch von der Sache was erfahren durfte, versprach der Juwelier hoch und teuer. Als die stattliche Frau, in rauschende Seide gekleidet, dann am nächsten Sabbatvormtttag in der „Schul" erschien nttd die Brillanten wie zwei Feuersterne von ihren rosigen Ohrläppchen herleuchteten, staunte die. ganze Frauenabteiiung und Rauchen Landauer biß sich fast die Lippen blutig — vor Aerger Und das war die Hauptsache. inderecke. Bon Heinrich Einftädtee. Die Engel haben sich zu einer ernsten Beratung versammelt. Der Himmelssaal ist von bläulichem Lichte erfüllt, und seine Decke erstrahlt wie vom Glänze zahlloser Edelsteine. Ten Baden bilden langsam aus- und niederwallende, lichte Wolkenmassen. „Meine Brüder!" beginnt ein Engel, der hoch oben in der Mitte der Versammlung schwebt. „Es naht der Monat Siwan. In ihm hat einst ein Erdensohn unter uns und zwar in unmittelbarer Nähe des göttlichen Thrones geweilt. Es War Moscheh, der Knecht Gottes. Er war gekommen, um für die Menschen das höchste -Kleinod aus dem Himmel zu holen, die heilige Thora. Damals waren wir in großer Aufregung. Wer sollte uns Bürge dafür seist, daß man unter den Menschen mit ihren Lüsten und Lastern die Thora auch heilig halten werde? Ta hatte jener unübertreffliche Mann die Kinder als Bürgen bestellt, und nun laßt uns schauen, ob sie sich unsres Vertrauens würdig erwiesen haben. Am Schowuausfeste wollen wir uns hier wieder zusammensinden und über unsre Wahrnehmungen berichten." Unter Engeln gibt es nie eine Zwietracht, und so stimmten alle gern und freudig diesen Worten zu. Dann eilen sie nach allen Himmelsgegenden auseinander. 1. Ist Großburg. Vor einem Palast ähnlichen Schulgebäude steht ein alter, ehrwürdig aussehender Mann. Er läßt mit Wohlgefallen den Blick über die laugen Fensterreihen schweifenn, hinter denen mehr denn tausend Kinder unterrichtet werden. Er mag wohl denken: Die Menschen, die solch prächtige Bauten hinftellen, um darin ihre Kinder unterweisen zu lassen, müssen sicherlich das Wissen hoch einschätzen. Da läutet die Schulglocke, und bald ergießt sich der Strom der Kinder aus den großen Toren auf die Straße. Ter Greis wartet einige Minuten und wendet sich dann zweien Schülern zu, die gerade aus der israelitischen Religions'stunde kommen: „Könnt Ihr mir vielleicht den Weg zur Synagoge zeigen?" „Zum Tempel? Gewiß! Wir gehen au ihm vorbei." Unterwegs spinnt sich schnell eine Unterhaltung an. „Ihr freut Euch gewiß schon recht auf Schowuaus?" > „Was ist dos? Ach, Sie meinen gewiß Psingften. Da werden wir einen großen Ausflug machen." „Kennt.Ihr nicht , den hebräischen Namen des jüdischen Festes?" „Wir lernen nicht Hebräisch.". „Aber was lernt Ihr denn sonst in der Neligionsstunde?" „Da trägt unser Lehrer meistens Geschichte vor. Er nennt auch manchen hebräischen Namen, aber die sind so schwer zu merken." „Wie oft besucht Ihr die Synagoge?" „Wir gehen manchmal zum Jugendgottesdienst. Jetzt aber werden wir schon konfirmiert, und dann melden uns die Eltern überhaupt vom Religionsunterricht ab. Wir haben ja so viele andere Stunden." „Sind die gar so wichtig?" „Gewiß, Franz lernt Klavier und Violine, und ich habe Turnen, Malen und Italienisch. Die' meisten unsrer Freunde haben .überhaupt keinen Religionsunterricht." Der Greis ist sehr ernst geworden und verabschiedet sich von seinen Begleitern. Er sucht eine andere Stadtgegend ans. Tie Zeit des Mittagessens ist vorüber. Viele .Kinder spielen auf der Straße, denn heute ist nachmittags reine Schule. Mehrere Jungen jedoch, die Ghmna siasten-Mützen tragen, hasten mit großen Büchern unterm Arme an ihnen vorüber. „Wohin so eilig, rneine inngen Frennbe?" spricht sie der Greis an. . Tie Schüler grüßen höflich. . „Wir gehen in die Thora-Schule." „Was lernen Sie dort?" „Mischna und Gemora." „Haben Sie im Gymnasium keinen Religio nsnnterricht?" „Das "wähl, aber es wird dort kein Hebräisch gelehrt." „Wie oft lernen Sie Talmud?" „Täglich?" ^reuliauch nickt " der a[te Marne und ist verschwunden. 2. Irr Kleinstadt. Sonntag-Vormittag. Die Fenster des Schnlzimmers im jüdischen Gemeindehause' sind weit geöffnet, aber es sind riicht Kinderstirn men, die hinaus aus die Straße dringen. Der Vorstand hat eine Gemeindeversammlung einbernsen. Auf der Tagesordnung steht ein Antrag Langner: Ter Religionsunterricht möge ans die für alle Konfessionen übliche Stundenzahl beschränkt werden. Der Antragsteller erhält das Wort zur Begründung. Er führt aus: „Es würde genügen, wenn unsre Kinder in den Stunden zur Religionsschule gingen, in denen ihre christlichen Mitschüler ebenfalls Religionsunterricht haben. Unsre Kinder sind mit Unterricht überlastet. Ihre freie Zeit wird durch den Religionsunterricht sehr beschränkt. Warum Nr. 20 u. 21 Seite 9 müssen wir in allem von Unsren christlichen Mitbürgern abweichen?" Der Religionslehrer, meldet sich znm Worte. „Herr Langner übersieht, daß wir nur danu einen zweckentsprechenden Religionsunterricht erteilen können, wenn wir auch das Hebräische tüchtig betreiben. Wer nicht die Bibel in der heiligen Sprache zu lesen und sie zu übersetzen vermag, wer nicht die Gebete verrichten kann und ihren Inhalt versteht, der wird niemals am Gottesdienste der Gemeinde Anteil nehmen können. Aber auch das genügt noch nicht. Unsrer Religionsschriften sind so viele, und ihre Erforschung ist so wichtig, daß wir während unsrer ganzen Lebenszeit von ihnen fernen und über sie sinnen sollen. Darum wollte ich gerade die Gemeinde bitten, noch für die schulentwachsene Jugend Fortbildungskurse einzurichten, damit wir in einigen Jahren auch für die Erwachsenen Schiurim festsetzen können." Allgemeiner Beifall folgt diesen Worten. Einige Mitglieder heben hervor, wie gern ihre Kinder lernen, und daß durch den hebräischen Unterricht ihre geistigen Fähigkeiten sehr gefördert werden. Andre meinen, daß, ihnen auch noch genug Zeit zur Erholung bleibe. Endlich gesteht Langner ein, daß sich ja auch seine Kinder niemals beklagten, und daß er selbst von ihnen schon Manches gelernt hätte, was in seiner Schulzeit versäumt worden wäre. So sindet der Antrag des Lehrers Oie Zustimmung der Versammlung. Der Vorsitzende tritt ans Fenster. — Es hat dort außen jemand „Zelach!" (d. h. Es möge gelingen!) gerufen. 3. In eun. Es ist gut, daß die Engel nicht aus die irdischen BerkehrsangelegenheiLen angewiesen sind; denn, nach Engheim ist schwer zu reisen. Keine Eisenbahn, kein Postwagen fährt dorthin, und die Straße ist steil und ungepflegt. Auf dieser Straße und aus den noch schlechteren Feldwegen trägt Abraham Sommer Tag für Tag mit Ausnahme des Schabbos seinen schweren Rucksack, in dein er Zucker und Cichorie, Nägel und Seife, Wagenschmiere und Kleefarnen zu den Bauern und Mehl, Erbsen und Bohnen nach Hause bringt. Soeben ist er heimgekehrt und hat seinen Kaffee eingenommen. Eine Viertelstunde später sitzt er anr Ladentisch und hält sein fünfjähriges Söhnchen auf dem Schoße. Vor ihm liegt eine Tesillo. Mit Adaun «iifom beginnt er den Leseunterricht. Er ist nichts gerade nrethodisch, aber mit G-wnld und gutem Willen geht alles. Da kommt ein Fremder. Er hört gerade noch beim Eintreten die letzten Worte. Nach kurzer Begrüßung fragt er den Vater: „Haben Sie hier keine jüdische Schule?" „Nein, es wohnen nur drei .jüdische Familien hier." „Die Kinder müssen aber doch wohl einen geordneten Religionsunterricht erhalten?" „Ja, jede Woche kommt ctunral der Lehrer von Lengen, aber da können sie doch nicht genug profitieren. Darum habe ich selbst meinen Kinberit so gut nachgeholsen, als ich eben konnte. Wenn sie zur Schule komrüen, daun kann der Lehrer sogleich mit ihnen Chnmisch anfangen." Ter Fremde bittet Sommer, er möge ihm auch seine übrigen Kinder vvrstellen. Sie werden herbeigeholt, und sogleich beginnt die reinste Prüfung. Der Erfolg ist überraschend gut. Die Erklärung läßt nicht lange auf sich warten: „Meine Kinder lernen gern. Sie werden aber auch fein belohnt! Herbert hatte mit zlvö!f Jahren das ganze Chumifch übersetzt. Dafür wünschte er sich Unterricht im Krzur Schulchan Oruch, und seitdem hat er wöchentlich zwei Privatstnnden beim Lehrer in Lengen. Und als Rosa mit der Tesillo zu .Ende war, da kaufte ich ihr ein. übersetztes Thillim, mit dem sie fast allein fertig wM, und so mache ich es weiter." * * Als das Schowuaus im Himmelssaal erzählt wurde, sollen die Engel nicht darüber gelacht, aber sich wirklich gefreut haben.

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