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Der Israelit · 1920-05-20 · Heft 20-21 (20.5.1920) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 20-21 (20.5.1920)
Date
1920-05-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 No. 20 u. 21 Der Israelit. Mai 1920 Auch ein Erlöser. In der hebräischen „Hazfiroh" erzählt der bekannte hebräische Schriftsteller Reuben Brainin eine amüsante Reminiszenz, die für die Strömungen um das Ende, des 19. Jahrhunderts mehr tvie bezeichnend ist. Es war in Wien. Brainin saß in einer Gesellschaft, in der sich auch ein christlicher Herr befand, als ein galizischer Jude, ärmlich gekleidet, blaß und blutlos, gebückt und gedrückt in sein Zimmer trat und ängstlich nach ihm fragte. Zum Reden ernlutigt, trat er endlich mit seinem Wunsche hervor. Vielleicht, bat er, könne der Schriftsteller, ber seinen Wohnsitz in Berlin hatte, ihm dort eine Stelle, ein Amt verschaffen. „Was für ein Amt?" „Am liebsten", ging der Fremde etwas m-chr aus sich heraus, „das Amt eines Totenwächters. Die Toten, die wirklich Toten auf dem jüdischen Friedhof zu hüten, dafür fühle ich mich außerordentlich geeignet. Sie werden zufrieden mit mir sein . . „Wer, die Toten . . .?" „Nein, die Lebenden. Die Vorsteher des „heiligen Vereines", antwortete der Fremde arglos, ohne auf die Ironie zu reagieren. „Uno warum denn gerade Totenwächter?f „Ganz eü fach, weil ich, um die Wahrheit zu sagen, mich für etwas anderes k.iunr eigne. Ich verstehe weder irgend eine ntchtjüdtsche Sprache, noch kann ich rechnen, wie ich überhaupt in allen weltlichen Dingen vollständig unkundig bin. Wohl kenne ich genau den Talmud und die anderen Werke um ihn herum, auch kenne ich mich ein wenig in der jüdischen Philosophie aus, wie in den Büchern des „Rambam" „Jkkrim" und „Ralbag", aber damit kann man leider keiue Geschäfte machen . . ),Und mit diesen Kenntnissen, in dieser Aufmachung, ohne Geld und Kleid wollen Sie nach Berlin?" „Für die Toten genügt es vollkommen . . . Handelte es sich darum, Grldkassematten zu bewachen, so wäre ich zu klein, zu schwach. Ich tat es auch um keinen Preis der Welt. . . Denn wie könnte ich es über mich bringen, hier das tote Gold zu hüten, indeß draußen die Armen und Elenden darben und zugrunde gehen? Allein Tote hüten, das ist mein Fach . . . Die holt mir keiner weg. Die bleiben schön ruhig in ihrem Sarge und ich kann inzwischen ungestört in mein Buch eiusrhen . . . Die Toten lachen auch nicht über mtinttt langen, zerriffenenMock und meine schlechte Sprache . . „Haben Sie denn jetzt gar keinen Erwerb?/ „Gewiß habe ich einen, ich hausiere mit Orangen und verdiene dabei 18 Gulden im Monat". „Und das reicht Ihnen zur Lebenserhaltung?" „Was heißt Ledenserhaltung? Von diesem Verdienste schicke ich allmonatlich' 15 Gulden zur Erhaltung meiner Familie nach Kolomea, die restlichen drei Gulden reichen für mich vollkommen aus. Denn was hätte ich noch für Bedürfnisse außer Brot und^ gelegentlich einem Schluck Tee? Also Nahrungssorgen sind es keinesfalls, die mich zum Wechsel zwingen . . „Sondern. . .?" Der Fremde erhob stolz das Haupt und sprach frei und offen. „Ganz einfach, ich schäme mich, schäme mich für mein Volk . . . Nämlich wenn nach hundert Jahren meine Lebensbiographie geschrieben wird und die Völker erfahren, daß meine jüdischen Brüder mich, den Begründer der neuen Völkerreligion, ohne Amt und Erwerb gelassen hätten, sodaß ich gezwungen war, mit meiner Ware von Haus zu H^us zu gehen, wie einer, der auf öffentliche Mildlättgkett angewiesen ist, so wäre dies eine Entweihung des jüdischen und göttlichen Namens sondergleichen . . J[ Alle Zuhörer merkten aus und sahen sich fragend an. Hatten sie es mit einem Wahnsinnigen zu tun? „Ich begreife", fügte der Fremde erklärend hinzu, „daß man mich nicht verstehthabeich doch 7 unterlassen, mitzuteilen, daß ich der B egrümder einer neuen-Religion bin . . Er legte ein ganzes Bündel von Papieren und Schriften in leichter und schöner hebräischer Sprache auf den Tisch. Verständlich war sein Vorhaben noch nicht. „Für wen soll denn die neue Religion bestimmt sein?" „Natürlich für die Nichtjuden. Wir haben ja eine. Ich erlaube den Nichtjuden den Genuß des Schweinefleisches, Sabbatentweihung . . „Warten diese wohl auf Ihre Erlaubnis?" „Wohl nicht. Aber immerhin waren? sie doch bis jetzt ohne Thora. Ich aber gebe ihnen eine, ein Stück un ser er Thora, aus purem Mitleid ... Es wird ihnen die Sache nicht zu sehr erschwert ... Es bleibt ihnen Vieles erlaubt, woran sie bis jetzt hielten, und was den Noachtden von jeher nicht versagt war . . . Was ihnen aber hauptsächlich streng verboten wird, das ist Bruderhaß, Blutvergießen, jede Art von Gewalt, Verfolgung, Vernichtung, Verleumdung, Verhetzung. .. All dieses verbiete ich ihnen strengstens. Ich bringe ihnen Sitte, Moral, Anstand und vieles andere, was heute noch den Völkern fehlt.. Ohne Pathos stieß der gatizische Jude die Worte hervor, nur eine innere Freude erhellte sein hageres Antlitz. .,Und wie sollen die Völker den Inhalt Ihres Buches erfahren? „Ich suche mir einen Uebersetzer, der meine Ideen iys Deutsche übersetzt. Aus dem Deutschen werden sie diese schon selbst in alle anderen Sprachen übertragen". „Haben Sie bereits einen deutschen Uebersetzer?" „Ich wandte mich zuerst an den Doktor, seinen Namen habe ich vergessen, der den Judenstaat versaßt hat und bat ihn, mir bei der Gründung der neuen Völkerreligion behilflich zu sein." „Und? ..." „Der Herr Doktor sagte mir, er verstehe kein Hebräisch und verwies mich an den Redakteur der „Welt". Aber auch dieser versteht kein Hebräisch und schickte mich zu einem anderen. Ich sehe, das ist nur eine Geldfrage. So spare ich es mir jetzt zuAesem Zwecke, so gutes geht, noch vom Munde ab. . . Im ganzen wird für die Übersetzung 40 Gulden verlangt." Einer der Gesellschaft konnte sich des Lachens nicht enthalten. „Macht nichts", sagte der Fremde, „daß man meiner lachen wird, wußte ich, ich werde gewiß noch Schlimmeres erleiden müssen- Schadet nichts. Das war von jeher das Los der Religionsbegründer . . ." Der christliche Freund erbot sich sofort, die 40 Gulden dem Manne zu überreichen. Der Galizier lehnte aber entschieden ab. Man solle nicht später sagen, daß der Stifter der neuen Völkerreligion von einem Menschen Allmosen empfangen hätte ^. . Im Jahre 1900 fand in Paris ein Religionskongreß statt, auf dem Vertreter aller Weltgegmden über die verschiedenen religiösen Richtungen und Strömungen auf dem Erdenrunde Bericht erstatteten. Auf diesem Kongreß wurde auch über das Werk eines Moj es Schwertsch^arf aus Kolomea Bericht erstattet und eingehend mit allem gebotenen Ernst verhandelt. Die Verhandlungen sind im Protokoll dieses Kongresses nachzulesen . . . Dieser Moses Schwertscharf, war kein anderer als der galizische Orangenhausierer in Wien. Me „billigen" Ohrringe. Humoreske von Bergingenieur L. Rosenthal in Basel. (Schluß.) Auf dem Heimwege trat Herz wirklich in den Juwelierladen ein und ließ sich das von ihr bezeichnete Geschmeide aus dem Schaufenster reichen. Wohlgefällig bewegte eres hin und her und ergötzte sich an dem bunten Feuer, das Ihm daraus entgegenblttzte. Dann frug er nach dem Preise. „2000 Mark - nur 2000 Mark, weil Sie es sind, Herr Groschenmacher", sagte verbindlich der Juwelier. Vom Brillantenhandel verftaüd Herz nicht viel. Ja, wenn es Felle gewesen wären. Da kannte er sich aus. Aber es wollte ihn doch bedünken, daß diese Steine etwas größer und funkelnder seien, als Manchen Landauer ihre. Immerhin versuchte er es, den Verkäufer zu einem kleinen Nachlaß zu bewegen, stieß dabei aber auf so entschiedenen Widerstand, daß er diese Absicht alsbald aufgab. Mit dem Opfer von 2000 Mark hatte er sich ja sowieso abgefunden. Also — fort damit. Er zahlte, steckte das Etui in seine Brusttasche und eurpfahl sich. Vergnügt schmunzelnd schaute ihm der Jrtwelier nach. Die glücklich; Rebekka wartete inzwischen mit fieberhafter Ungeduld auf das Heimkommen ihres Mannes. Im Geiste sah - sie sich schon geschmückt mit den wunderbaren Juwelen, sah, wie die Frauen heimlich miteinander tuschelten und Manchen vor Neid grün und gelb wurde. Aber ... „Zwischen Lipp' und Kelchesrand, Schwebt des Unglücks finstre Hand". Als Herz Groschenmacher eiligen Schrittes durch die Königstraße seiner Wohnung zustrebte, hörte er sich aus dem weitgeöffneten Straßenfenster dK Residenzkaffees anrusen. Da saß an einem der kleinen Marmortische sein Freund Manus Grünenklee, der Antiquitätenhändler, der gleich ihm aus deur Dorfe M. staürmte. „Nu, Herz — wohin so geschwind"?, rief er. Komm 'n Augenblick 'rein — wir haben uns solange nicht mehr gesehen". Der Angerufene folgte der Einladung, setzte sich zu ihm und bestellte bei dem dienstfertig herbeiettenden „Ober" einen Kognak. Dann bemerkte er: „Lang' kann ich mich nicht bei dir aufhalten — ich muß nach Haus zum Essen — Hab' auch meiner Frau was abzuliesern". „So —' was ist es denn, wenn ich fragen darf"? Es schmeichelte der Eigenliebe des Fellhändlers, dem Freunde seinen kostbaren Kauf zu zeigen. „Was wird's sein", sagte er leichthin, „ä paar Vrillantohrrmgelchen sind's, die ich meiner Rifke schenken will". „Last mal sehen, Herz", drängte Manus Grünenklee, denn dergleichen schlug in sein Fachauch war er von Natur sehr neugierig. Herz zog das Schmuckkästchen hervor, öffnete es und weidete sich an den grasten Augen und dem sichtlichen Erstaunen des andern, der von der Herrlichkeit ganz geblendet schien. „Was hast du bezahlt dafür, Herz"?, fragte er. „Zweitausend Mark". ManuS staunte auf's neue. Diesmal aber nur innerlich, nach außen ließ er sich nichts merken. Als routinierter, geriebener Geschäftsmann hatte er sofort erkannt, daß die Steine weit mehr wert war-^n. Wie war Herz dazu gekommen? Sicher ein Gclegenhettskauf. Er neidete ihm den vorteilhaften Erwerb. Oder hatten die Brillanten doch Fehler, die man auf den ersten Blick nicht sehen konnte? Er zog seine Lupe hervor und betrachtete sie aufs genaueste von allen Seiten: Aber sie waren tadellos klar, kein trübes Fleckchen, Bläschen oder irgend ein Fremdkörper war darin. Und das Feuer! Manns glaubte, noch nie so was gesehen zu haben. „Wie sich das merkwürdig trifft, meinte er, „meine Frau, die Skecha — ött kennst sie ja — wünscht sich schon lange so ein paar Dinger und seit sie ge. sehen hat, daß dem Landauer seine Frau neulich solche, bekommen hat, liegt sie mir beständig in den Ohren damit. Es wird mir auch schließlich nichts übrig bleiben . als ihr den Willen zu tun". „Der auch", dachte sich heimlich Herz und empfand eine gewisse Genugtuung, nur nicht zu sagen Schadenfreude, darüber, daß er in Manus Grünenklee einen Leidensgefährten sehen konnte. „Weißt du was", begann dieser wieder, „die Ringelcher gefallen mir ausgezeichnet. Gerad' solche will die Recha haben. Wirst du mir sie ablassen, wenn ich dir 160 Mark Rebbech darauf gebe"? Herz horchte hoch aus. Er war von je ein „Profitmännchen" gewesen. Ein Geschäft, woran etwas zu verdienen war, ließ er nie aus den Fingern. Der Juwelier hatte ja noch mehr solcher Ohrringe von gleicher Größe und Schönheit und gleichem Preise. Er war entschlossen, sich den Profit nicht entgehen zu laffen, wollte aber vorher versuchen, ob nicht'noch mehr herauszuschlagen wer. „Nee", erwiderte er kopfschüttelnd, „für lumpige hundert Mark Rebbech geb' ich die schönen Steincher nit her. Du mußt mindestens d s Doppelte zulegen. Gib 2200 Mark, dann kriegst du sie". „Abgemacht", rief Manus Grünenklee, zog sein abgegriffenes Scheckbuch hervor und schrieb mit der daran befestigten Füllfeder die Summe auf eins der Blätter. „So", sagte er, indem er es abriß und Herz übergab, „damit gehst du auf die Filiale der Dresdener Bank — nu, du weißt ja. — Und jetzt gib her die Brillanten". Zögernd tat Herz, wie er verlangte. Es war ihm doch ausgefallen, daß der Handel so schnell seinen Abschluß fand, und er ärgerte sich im Stillen, daß er nicht mindestens 360 Mark Nutzen verlangt hatte. Nun — 200 Wlaxl ohne Risiko und Mühe in einer halben Stunde verdient — war auch eine schöne Sache.

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