Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 20-21 (20.5.1920)
- Date
- 1920-05-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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ssm wm Zm MenAaot der Waren. Historischer Roman aus dem achten Jahrhundert. (15. Fortsetzung.) , . Endlich waren sie am Bergpaß angelangt, wo inf weiten Tale ein Meer von grauen "Zelten das Kriegslager bezeichnete. Deutlich zeichneten sich am Horizonte die Silhouetten ragender Zinnen ab, die Festung Ardilan, hinter der sich die Araber zum Kampfe sammelten und von wo aus sie verwegen auf flinken Pferden ihre Ausfälle , machten und vergiftete Pfeile gegen die Chasaren schossen. Seit Wochen ging der Kampf fast täglich, ohne entscheidende Wendung zu nehmen. Die Araber kämpften mit all dem dem wilden Stamme eigenenen Feuer, waren von Armenien aus gut Verproviantiert und die Mauern von Ardilan boten mit ihren Klüften, Schluchten und brüchigen Stellen so viele günstige Ausfall-/und Angriffspunkte für den Feind, daß es der ganzen Tapferkeit und Beharrlichkeit des Chasaren Heeres bedurfte, um die Schläge zu parieren. Wie Ben Chisdai mit seiner Schaar den Vorposten passierte, wurden sie Ungehalten, nach Ziel und Wunsch gefragt. „Ein Hilfstrupp für Saliman", meldete Ben Chisdai, und überreichte den von Balschan ausgestellten Geleitbrief mttder Unterschrift Milkamins. Der Reiter entfernte sich mit dem Schreiben und kehrte bald wieder mit dem Bescheide des Oberwachtmannes zurück, den Trupp unter Wache zu , behalten, bis daß die Papiere geprüft und über seine Verwendung Beschluß gefaßt sei. Bald war auch der Oberwachtmann, ein Riese in großer Rüstung, hoch zu Roß, selbst am Platze. „Ihr seid keine Chasaren", stellte er auf den ersten Blick fest. „Nein, vom Reste Israel, der in Lhafarien lebt", führte sich Ben Chisdai ein. „Wer hat euch hergeschtckt?" „Das Gefühl der Pflicht und des Dankes, auch das Verlangen, entgegen der Verleumdung uns Uebelwollender, einen Beweis unserer Treue zu erbringen". Viele Krieger, Wachtleute und Obmänner sammelten sich inzwischen um die sonderbare Schaar. Einer riet, die Sache sofort dem obersten Heerführer Saliman zu melden. „Ist nicht möglich!" sagte der erste Wachmann. „Das Lagerzelt des Thronerben ist drei Wegemeilen von hier entfernt. Zudem ist Saliman seit Morgengrauen mit einigen seines Stabes ausgeritten, wohl um einen neuen Angriff vorzubereiten. Er wird kaum vor Mitternacht in seinem Zelte sein". Ein anderer der Krieger äußerte Bedenken: „Aussehen und Sprache der Leute lassen auf Araber oder mindestens Stammverwandte von diesen schließen ..." . „Wehe, wenn Saliman zurückkommt und wir Feinden und Verrätern ins Lager Einlaß gewährt", warnte ein Dritter vom Außenposten. Ben Chisdai und seine Schaar sahen die mißtrauischen, ja feindlichen Blicke der Krieger wie auch deren Lanzen gegen sich gerichtet. Eine Aufklärung, Rechtfertigung war hier nutzlos. Der Name Kosarios stieg dem Führer wie ein rettender Gedanke auf. „Wir haben einen Freund", sagte er, „mit Namen Kosarios, der sicher hier im Lager . 20 u. 21 des „Israelit". unter den Tapfersten steht. Dieser kennt uns, wie auch unsere treue Gesinnung und er wird für uns zeugen." „Kosarios?" Die Obmänner sahen sich fragend an. Bald suchten Reiter alle Straßen und Ecken des weiten Lagers ab und riefen nach dem Namen Kosarios. Etliche, die auf diesen oder einen.ähnlichen Namen hörten, meldeten sich, sie standen aber fremd, mit kalten Augen der Schaar entgegen. Keiner von ihnen war der Gesuchte. Kosarios war im Lager nicht aufzufinden und das Vertrauen zu Ben Chisdais Trupp war durch dieses Ergebnis nicht gestiegen. Ohne Zelt und Obdach und ohne auszuspannen und auszuzacken, mußten die hundert Mann unter starker Bewachung in den Bergen übernachten. Indes ein Reiter mit den Geleiturkunden Chisdais ins Hauptquartier trabte und dort Satimans wartete. Auf einen solchen Empfang waren sie nicht vorbereitet. Müde und zerschlagen vom langen Marsche, Erbitterung und Enttäuschung im Herzen, lagerten sie sich auf Futtersäcken und auf dem feuchten Boden, wo sie gerade mit ihren müden Beinen und schweren Gliedern standen und saßen. Allein Ben Chisdai verlor keiner? Augenblick den Mut. „Wie es auch ausgehen mag", redete er sich und seinen Kameraden Mut zu, „wir haben wie Männer der Tat und der Pflicht gehandelt". Bleiern schwer senkte sich die Nacht von den Bergwänden ins Tal herab. Wildes Kriegsgrschrei von osther, in das sich Heulen und Brummen aufgeschreckter Tiere mischte. Schrill tönte das Lanzengerassel der Postenketten, begleitet von harten Reden und dumpfen Rufen. Mit einem Gebete auf den trockenen Lippen legten sich die müden Wanderer zur Ruhe und fanden bald den erlösenden Schlaf. Nur Ben Chisdai schlief nicht. Ersaß auf dem Futtersack und starrte in die funkelnden Sterne des fremden Nachthtmmels. Hatte er wieder große Schuld auf sich geladen, unschuldige, ahnungslose Menschen ins Elend geführt? Hatte Machir recht, daß er ihn, Ben Chisdai einmal und noch einmal gewarnt, einen Verdeibenbringer nannte, und ihm auch nicht gefolgt sei? Wie scharf und feurig die Sterne funkelten, sie schienen hier kleiner, glitzernder als in der Stadt, ihr Hintergrund, das nächtliche Himmelsfeld, matter, undurchdringlicher. Noch war ihm der Blick zum Sternenhimmel freigeblUben, durfte er verzweifeln? Dort in der Stadt wardst Sangori und R. Amram, die keinen Himmel und keine Sterne über sich hatten. Glaubten auch sie an den Verrat des Chasaren und verdammen sie ihn, Ben Chisdai, als den eigentlich Schuldigen? Wie werden sie erst über sein letztes Unternehmen denken, wenn das Blut huydert junger Seelen auf ihn zurückfiele — Nechhmah, sein junges Weib und Batsua! ... Zum erstenmal verspürte Ben Chisdai alle Leiden und Schauern eines Führers flm Wendepunkte seiner Aufgabe.. Alles schlief fest, nur Ben Chisdais mattes Auge öffnete sich immer wieder dem Sternenzelt entgegen. Sein Gehirn arbeitete unaufhörlich . . . Aber zwischendurch sprach das Herz seine eigene Sprache: „Gott ist mein Hirte, Es kann mir an nichts mangeln". War nicht von außen ein Geräusch vernehmbar? Deutlich hörte er jetzt das vereinzelte Pferdegetrappel, immer näher, immer näher kam es heran. Jetzt hatte es mit dröhnendem Hufschlag Halt gemacht. Kurzer Wortwechsel mit dem Posten und schwere Tritte stapften durch die Nacht, ein Llchtpünktchen bewegte sich seiner Lagerstätte zu, alle Schlafenden um ihn peinlich im weitem Bogen meidend. Das Licht erlosch und vor ihm stand eine dunkle Gestalt, wie aus dem Nachtboden herausgewachseu. „Ist hier der Führer der fremden Garde?" „Ich habe die Leute hergeführt", sagte Ben Chisdai, „ist Befehl von Saliman da?" „Noch nicht, Ben Chisdai, aber du Haft nach mir gefragt". „Kosarios! . . ' Ben Chisdai suchte im Dunkel nach der Hand des Chasaren. „So haben wir uns denn nicht geirrt,du bist hier und du kommst als Freund?!.. „Ja, Ben Chisdai, ich bin hier, und auch nicht hier. Ich stehe auf geheimem Posten, wo mich Freund wie Feind nicht so leicht findet. Aber dich hier zu treffen, hätte ich mir nie träumen lassen. Was führt euch aus der Bescheidenheit und Beschaulichkeit euerer Gasse hierher, in die harte rauhe Luft, die von Lanzengekltrr und Kriegsgeschrei erschüttert ist?" „Wir wollen euch helfen und Seite an Seite mit euch an Chasariens Wohl Mitarbeiten." „Ihr, die Männer des Buches, die ihr den Anblick von Schwert und Blut so ängstlich meidet?" „Wir müssen stark fein, wenn das Schwert dem Buche dienen soll . . . Unser Buch — und unser Leben nach dem heiligen Buche, ist gefährdet und unsere Freunde, die uns helfen könnten, haben uns verlassen ..." Ben Chisdai konnte sich und ihm die bitteren Worte nicht ersparen. Schwere nächtliche Stille ringsumher. „Ich habe etwas von den Anklagen gegen euch vernommen", sagte Kosarios nach einigem Nachdenken, „aber es ist doch Wahnsinn, den man nicht ernst nehmen kann, und nun gar von Gefahren zu sprechen, nachdem allbekannt ist, daß der Chakan so gut ist, wie weise und gerechtgegen alle." „Es fehlt uns dort an einem Fürsprecher, der unsere Lehre, Art und Sitten genügend kennt, nm ihre Reinheit und unsere Treue zu bezeugen", setzte Ben Chisdai die Anklage fort. „Und sie klagen m t ch dieser Unterlassung an?" „Ja, die einen ..." „Und die anderen?" ' „Sie Zehen in ihrer Anklage weiter . . . Bis zürn Verdachte . . " Kosarios stapfte mit dem gespornten Fuße so kräftig auf, daß die Erde.-erdröhnte. „Ist auch Machir hier?" fragte er ganz unvermittelt. „Nein", gab Ben Chisdai zurück, „er glaubt am mich und meine Mission nicht und hält sich fern". „Und glaubt von mir oder macht andere glauben, daß ich genossenes Gastrecht mit Verrat bezahle? ..." „Ein unglücklicher Zufall wollte es, daß der Ueberfall auf die Hochzeitsgesellschaft, die Verhaftung Sangoris und R. Amrams zeitlich mit deinem Verschwinden zusammentrafen". „Und so wardst auch du irre an mir!" „Nein, Kosarios, mein Herz verteidigte dich, wenn es auch der Mund nicht wagen durfte — weil es wie Selbstverteidigung gekkungen hätte... Wenige nur, die sich nicht scheuen, dich auch offen reinzusprechen und deine Unschuld laut vor aller Welt zu bekunden . . „Wie geht es Batsua?". fragte er wieder ganz unvermittelt. „Sie härmt sich um den Oater ab, und um den — der helfen könnte und nichts von sich hören läßt, und findet Halt an Nechamah, die jetzt mein mir angetrautes Weib ist — doch Kosarios", lenkte Ben Chisdai wieder ein — „ziemt es jetzt nicht, von Fernliegendem zu sprechen, da die Stunde nach rascher Hilfe schreit. Kannst du uns hier in unseren trostlosen Lage helfen, Kosarios?" (Fortsetzung folgt.)