Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1920)
- Date
- 1920-05-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Rr. 1V Humoreske von Bergingenieur L. Roserrthal in Bare!. Herz Groschenmacher hotte eS der Welt gezeigt, wie man durch Fleiß, Sparsamkeit und Ausdauer ein «gemachter Mann" werden kann. Klein, sehr klein hatte er angesangen. Als fünfter Sohn armer Eltern auf dem Lande geboren, beschäftigte er in frühester Jugendzeit sich damit, altes Eisen, Lumpen, Knochen, Felle von Hajen, Ziegeniämmern usw., in den Dörfern auszukaufen und jetzt, nach vierzig Jahren war er — Großhändler, wohnte in der Provtnzialhauptstadt und besaß vor dem Tore draußen die größte Fellniederlage auf 2» Meilen im Umkreis. Seine Frau Rebekka oder Rifke, wie er sie kurzweg nannte, gab ihm an Sparsamkeit nicht» nach — sie war das Muster einer jüdischen Hausfrau von altem Schlage. Nur eine Schwäche hatte sie. Wie so viele Frauen, liebte sie echten blitzenden Schmuck über alles. „Wie 'ne Elster", sagte Herz, der für solche „Schnvkes" nichts übrig hatte. Außer dem goldenen Damenüh^chen mit diro goldener langer Kette, die er ihr zur Zeit ihres Brautstandes geschenkt hatte und einem Ring mit kaum linfengroßem Saphir, von winzigen Diamantsplittern eingefaßt, der später noch dazu kam, konnte sich Frau Rebekka keines in die Augen fallenden wertvolleren Schmuckstückes erfreuen. „Stuß"! pflegte Herz jedesmal zu sagen, so oft sie irgend eine Anspielung nach dieser Richtung hin wagte. Aber eines Sabbatmorgens, alS ihre beste Freundin Rauchen in der Synagoge mit ein paar neuen funkelnden Brillantohringen erschien, die ihr ihr Mann, der Holzhändler Raben Landauer, anläßlich eines besonders guten Geschäfts zum Präsent gemacht hatte, da — ja da gab es Frau Rebekka einen förmlichen Stich ins Herz und sie nahm sich fest vor, auch solche, womöglich noch schönere, zu erlangen. Wohl wußte sie, daß ihr ein harter Kampf bevorstand, denn die Brillanten RanchenS waren größer als ihr Saphir und konnten leicht ihre 200) bis 2500 Mark kosten. Soviel Geld aber zinslos auS der Hand zu geben, war ihres Mannes Sache nicht. Was also tun? Frau Rebekka überlegte. Gleich Sturm laufen auf das Bollwerk seiner Hartherzigkeit schien ihr nicht ratsam. Wie ein kluger Feldherr begann sie daher zunächst ihre Laufgräben aufzuwerfen — durch Liebens- Würdigkeit wollte sie ihn kirre machen. Herz merkte nichts von dem Netz, das ihn von Tag zu Tag fester umgarnte. Nur ganz verwundert schaute er manchmal drein über das so angenehm veränderte Wesen seiner Gattin. Alle seine Lieblingsgecichte tischte sie ihm auf — Hammelbraten mit Zwiebeln und Knoblauch gewürzt, Rauch- und Pökelfleisch, fettglänzenden Schalet mit braunknuspeciger Rinde, gleichfalls knusperigen zarten Gänsebraten usw. Jeden Wunsch suchte sie ihm an den Augen abzulesen, kurz — — es wurde alles wieder so, wie es in den ersten Monaten ihrer Ehe gewesen war. Herz ließ sich das gerne gefallen. Liebe erweckt Gegenliebe. Ec hätte ja ein Unmensch sein müssen, wenn soviel Güte und Zärtlichkeit spurlos an ihm vorübergegangen wäre. Ganz gerührt war er manchmal über ihre Aufmerksamkeiten. Wochen vergingen so im schönsten Eheglück. Dann kam der Tag, wo Frau Rebekka die Festung für sturmreif hielt, ein Sabbatnachmsttag — nach eingenommenem gutem Male pflegte da ihr Mann in guter Laune zu sein. „Herzche", flüsterte sie, „ich hält' eine Bitte an dich". „Sag' nur, was du gern möchtest, mein Gold", antwortete lächelnd ihr Gemahl. „Ich trau' mich nicht recht — es ist keine Kleinigkeit"! „Sag's nur. Wenn es in meiner Macht steht werd' ich dir's erfüllen". „Ist das wahr? Gibst mir dein Wort drauf"? Herz zögerte einen Augenblick.' Der vorsichtige Geschäftsmann in ihm regte sich, doch siegte der liebende Gatte und so antwortete er denn: „Ich geb's". Frau Rebekka nahm seine beiden Hände in die ihrigen, schaute ihm zärrlich in die Augen und lispelte.' „Hast du nicht gesehen, Herz, die neuen Ohrringe von Rauchen Landauer? Ich möcht' auch solche haben". „Stuß"? wollte Herz erwidern, aber diesmal blieb ihm der Ansruf im Halse stecken. Er hatte sein Wort gegeben. Daß die Wünsche seiner Gattin soweit gingen, hatte er nicht erwartet. Er wußte von Rüben Landauer, daß die Ohrringe 2000 Mark kosteten. Ein Gefühl großer Ernüchterung kam über ihn. Angstvoll blickte ihm die Frau ins Gesicht, da er mit der Antwort zögerte. „Die kosten viel Geld, Riske", sagte er endlich, „volle 2000 Mark". Die schönen Augen seiner Eheliebsten fällten sich mit Tränen. „Nu, du darfst mir wahrhaftig auch mal was gönnen", brachte sie mit gepreßter Stimme hervor; „soll ich mich charpenen (schämen) in der Schul vor alle Weiber? Was der Landauer kann, kannst du doch auch. Oder soll ich noch länger 'rumgehen mit den unscheinbaren Ohrringelcher von meiner Mutter, oleho hascholem. Was hast du denn sonst für Ausgaben? Das bischen Pensionsgeld für unser einzig Kind, das Röschen, spielt doch keine Rolle und wenn se sich 5&ec JSrkettr. will's Gott, später -mgl verheiraten, bleibt ihr Nedinje immer noch groß genug. Gott, was bin ich für 'ne unglückliche Frau"! Nach diesem Redeerguß sank die „unglück'iche Frau" in den nächsten Sessel, zog ihr Taschentuch hervor und brach in ein konvulsivisches Schluchzen aus. Wenn Herz feine Rifke weinen sah, wurde er immer weich. Auch hatte eS Eindruck auf ihn gemacht, das „was Rüben Landauer könne, müsie er doch ebenfalls können". Ja, darin hatte sie Recht. Zählte er doch mit zu den ersten „Kezinim" der jüdischen Gemeinde. So beugte er sich denn über die Weinende, zog ihr die Hände von dem iränenüberströmten Antlitz und sagte: „Laß 'S gut sein, Rifke. Ich will mir die Sach' überlegen". „Ach, sag' ja Herzche — lieber, lieber Mann"! „Nu — metnetweaen. Aber ich behalt mir vor — mehr wie 2000 Mark darf mich der Stuß auch nicht kosten. Rechne ich das Geld zu 5 Prozent, so kostet das 200 Mark im Jahr, die ich wegschmeiße. Bedenk mal, was das in 10, in 15, in 20 Jahren macht. Es ist ne Neuere (Sünde), wenn man'» recht bedenkr." Aber Frau Rebekka hörte nur daS „Fa"; die. sonstigen Bedenken ihres Mannes galten ihr nichts. Sie war glücklich, so glücklich, wie eine Frau eS nur sein kann, wenn — sie einer andern nicht nachzustehen braucht.. Die Wahrheit zu sagen, wollte Frau Rebekka eS Manchen Landauer aber nicht nur gleichtun, sondern sie noch erheblich überstrahlen. Zu diesem Zwecke hatte sie sich schon längst bet dem ersten Juwelier der Stadt ein paar „Boutons" ausgesucht, die ersichtlich größer und schöner waren, als die ihrer Freundin, aber dafür auch 1000 Mark mehr kosten sollten. Was nun tun? Mehr wie 2000 Mark wollte Herz Groschenmacher nicht ausgeben. Mit einer höheren Summe durfte sie ihm nicht kommen, das wußte sie ganz genau — die ganze Geschichte hätte dadurch sonst wieder in Frage gestellt werden können. Das ging also nicht. Da fuhr ihr ein rettender Gedanke durch den Kopf. Ja — das ging — und so sollte eS auch gemacht werden. Wie schon eingangs unserer wahrhaften Erzählung erwähnt wurde, besaß Frau Rebekka ebenfalls viel Spartalent und hatte sich in den langen Jahren ihrer Ehe über 4000 Mark er — hamstert. Die hielt sie aber nicht etwa in einem Strumpf versteckt, sondern legte sie in mündelsicheren Wertpapieren an; die in der Stahlkammer eines der ersten Bankinstitute der Stadt lagen. Herz wußte nichts davon — wozu auch? Sie machte daher eine der Tausendmarkobligationen zu Geld und ging damit zu dem Juwelier, den sie in ihr Vorhaben einweihte und der mit Vergnügen darauf einging; sie übergab ihm nämlich 1000 Mark und sagte, wenn ihr Mann, käme, um die Brillantohrringe -in dem blausamten Etui da draußen in der Auslage zu kaufen, so solle er — der Juwelier — nur 2000 Mark dafür verlangen. „Mehr will er nicht ausgeben", setzte sie erläuternd hinzu. „Machen wir, gnädige Frau", nickte lächelnd der Geschäftsmann, indem er seinen Besuch höflich zur Tür geleitete. Voller Ungeduld erwartete die kluge Frau den nächsten Morgen. Auf dem Weg zum Büro ging sie ein Stück mit ihrem Mann und wußte es so einzurichten, daß sie an dem Laden deS Juweliers vorüberkamen. Da blieb Rebekka stehen, deutete auf das uns bekannte blaue Etui und sagte: „Siehst du Herz — das sind sie, die ich gerne möcht'. Ich Hab' schon gefragt nach dem Preis — sie kosten grad 2000 Mark. Willst du sie dir merken"? „Gewiß. Riike. Wenn ich gegen mittag zurückkomm' vom Geschäft, geh' ich 'rein und kauf' sie Jetzt Hab' ich keine Zeit — auch muß ich mir ja auch erst das Geld holen. Also dir in dem blausamtnen Kästchen"? „Ja — die sind'S. Schau nur, wie sie in allen Farben strahlen und flimmern. Kann's was Schöneres geben? Ich sag' dir Mann, ich freue mich drauf wie ein Kind. Wenn sie uns nur keiner inzwischen wegkauft"! „Unbesorgt", lachte Herz, „und wenn auch — es stehen da ja noch mehrere solcher ebenso großer und schöner Ringelcher in dem Schaufenster. Der Mann hat eine große Auswahl". Mit zärtlichem Augenaufschlaz und innigem Händedruck entließ die Glückliche ihren Gemahl. „Wenn'S nur schon mittag wäre", dachte sie. (Schluß folgt). Th. G. Masaryk7 Unser Herr Füchse!?) AuS dem Tschechischen übersetzt von Dr, O. Donath. 8 In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde jedes Slowakenkind in der Umgebung von Göding durch die Schute, das Haus, die Kirche und durch die ganze Gesellschaft zum Antisemitismus erzogen. Die Mutter verbot uns Kindern, uns I*) Die hier abgedruckten Jugenderinnerungen de» Präsidenten Masaryk sind 1911 in „Besedy Cossu" erschienen. \ 18. Rai im LechnerS zu nähern, weil Juden angeblich Blut christlicher Kinder brauchen. Ich ging also Rechners Haufe in großem Bogen auS dem Wege und dasselbe taten alle meine Czejkowitzer Kameraden. In der Kirche und in der Schule wurden wir häufig vor den Juden gewarnt. War der Herr Kaplan in guter Stimmung, so ersuchte er den Lehrer, daß er die.„Judenweise" anstimme, einen Gassenhauer, in dem das Beten der Juden nachgeahmt werden sollte mit dem Text „wtjterl — taijterl — taijterltai — Der Aberglaube vom Christenblut war in mich so tief eingedrungen, daß ich jedeSmal, wenn ich zufällig einem Juden nahe kam — absichtlich näherte ich mich keinem — diesem auf die Finger blickte, ob an ihnen kein Blut klebe. Au dieser dummen Gewohnheit hielt ich lange fest. Und dennoch liebte ich Herrn Füchsel, „unsere» Herrn Füchsel", wie wir ihn zu Hause zu neunen pflegten. Ich entsinne mich, daß unser Familien- Anttsemitismus eine phtlosemitische Ausnahme zulietz; als Kind kam eS mir aber nicht zu« Bewußtsein, daß Herr Füchsel auch ein Jude war. Hrrr Füchsel war ein Hausierer auS Göding; die Mutter pflegte von ihm Leinwand zu kaufen. Von Zeit zu Zeit sucht» uns Herr Füchsel auf und wir alle freuten uns, wenn er kam; er breitete vor unS seine Waren auS, erzählte, auS welcher Fabrik sie seien, wem und wieviel er davon verkauft habe; er berichtete, was eS in Göding und in den umliegenden Ortschaften Neue» gebe usw. Daß eS dabei nicht immer ohne Klatsch, wenn auch unter dem Siegel der Verschwiegenheit abging, versteht sich von selbst. Zum Schluß pflegte er mir ein Stückchen von einem Bleistift zu schenken. Wir liebten Herrn Füchsel, er war „unser Herr Füchsel". Durch Bekanntschaft, Zusammenleben, wirtschaftliche Wechselbeziehungen, vergaß man an das Blut — dieser Aberglaube galt nur für diejenigen Juden, mit denen wir nicht in Berührung kamen; eS hatte aber jeder Ritualmordgläubige seinen Herrn Füchsel. Die jüdischen Kinder batten ihre eigene Schule oder ihren eigenen Lehrer und wir Kinder wuchsen voneinander getrennt und einander fremd auf. Sie Hattert ihr jüdischer Ghetto, wir unser christliches. An der Realschule in Auspitz hatte ich einen jüdischen Mitschüler. Ich ging ihm aus dem Wege und blickte auf seine Finger . . . Wir quälten ihn in unch östlicher Weise, obgleich er ein seelensguter Junge war. Er war nicht überaus klug, gehörte zu deu schlechteren Schülern und widerlegte unsere Anschauung n über das Judentum. Dieser jüdische Mitschüler heilte mich vom Antisemitismus. Wir unrernahmen einst einen Ausflug in die Polauer Berge. Am Rückweg rasteten wir im GasthauS zu Dunajowttz, um unsere Jause zu nehmen. Es wurde Wein und Bier getrunken, geraucht, die Professoren tollten mit uns und die Zielscheibe der Witze war „Leopold". (Ich erinnere mich an sein Aussehen, aber den Namen habe ich vergessen). Die Sonne war vor dem Untergehen — Leopold verschwand vom Tische und man ging ihn suchen; die .Knaben fanden ihn, hinter einem Tore betend. Nun liefen auch andere Knaben hinaus, um ihn zu beobachten, und beim Gebet zu necken. Auch ich ging mir ihn ansehen. Niemals werde ich vergessen, wie mich Leopold verblüffte: er stand hinter einem Tore, an einem unreinen Drte, offenbar um nicht gesehen zu werden. Er verneigte sich stets und betete. Mit einem Male verging mir alle Lust zum Scherzen. Während wir tollten, vergaß Leopold nicht seines GebeteS; von diesem Augenblick angefangen war mein Antisemitismus untergraben, wenn auch nicht ganz überwunden. Meine Eltern übersiedelten damals wieder nach Göding und ich hatte Gelegenheit, die dortige Judenstadt und mehrerer Juden kennen zu lernen. Durch die Erfahrungen stürzte das Ghetto von Vorurteilen ein. Aus Bekanntschaften mit Juden keimte die Freundschaft, und zwar eine treue und schöne Freundschaft. In Brünn und Wien vergrößerte sich der Kreis meiner jüdischen Bekannten, die Vorurteile schwanden, obgleich sich die Gewohnheit auS meiner Kindheit ab und zu meldete; und die Gewohnheit ist mächtig und schrecklich. Die jüngere, in der nationalen Schule auswachsende Generativn vermag den Antisemitismus nicht so zu empfinden, wie wir ihn empfunden haben. Es wird mehr über den sozialen Unterschied von Juden und Christen philosophiert, es werden Wagner», Nietzsches, LagardeS, GobineauS Theorien gelesen; unser Antisemitismus war abergläubisch, klerikal. Ist es nicht sonderbar, daß wir Tschechen keine« Theoretiker des Antisemitismus haben? In der HilSneraffäre meldete sich der primitive, alte, rohe Antisemitismus und bezwang auch einen großen Teil der tschechischen Intelligenz. Oft gedachte ich damals des betenden Leopold hinter dem Dunajowitzer Tore — vielleicht machte ich all das Unschöne, wozu mich damals der Antisemitismus verleitet hatte, wieder gut.