Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1920)
- Date
- 1920-05-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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AM Jfeä&i mm msr* 3m Menstaat der Maren. Historischer Roman audem achten Jahrhundert. (14. Fortsetzung.) „Ja, Sonxori, der Rabbi", entsann sich der Chakan, „ich dachte noch kaum an die Sache. Doch ist das gute Ende sicher und nahe, Und es darf den Gefangenen kein Haar gekrümmt werden als bis dir Götter gezeigt haben, ob sie gegen die Fremdglaubigen etwa» haben »der können! Allein, kann dein Rabbi in die Seelen schauen, der Träume geheime Schrift lesenmit einen Worte, kann er mir helfen, so möge er ungesäumt Krmmen. — Man lasse ihm sogleich den Einlaß, ring prägen . . „Der Elnlaßrin-, großer Chakan", wandte der Arzt ein, „darf nach chasarischrm Gesetze an einem Gefangenen nicht ausgehändtgt werden". Der Chakan dachte ernst nach. „Indessen" setzte Assarius ruhig fort, „als Leibarzt, der über Leben und Gesundheit deS großen Chakan zu wachen hat, war es meines Amtes, zeitig vorzosorgen. So habe ich mit Hilfe guter, um ihres Herrn Wohl besorgter Diener, dem Manne, von dem ich mir schon seit langem Heilung für des Chakan- Herz verspreche, einen Ring prägen lassen und diesen ihm noch kurz vor der Verhaftung, da er noch ein freier Mann war, einhändigen lassen. CS bedarf uur eines BefehledeS Chakan und der Weg steht ihm frei." „Bielen Dank, Affarius. Der Befehl werde sogleich erlassen". f—* W t—* “* — ***** *"*""{ tzm Palaste de- Chakan Bulan wurde Rabb Jzchak Sangori von einem Diener empfangen und inS Jnnengrmach geführt, ein abgelegenes Zimmer, daS durch die dunkel abgetönten Scheiben uur spärlich Sonne erhielt und dem Chakan zum stillen Nachdenken diente. Auf dem blauen Polster saß der Chakan, ein großer stämmiger Mann mit ruhig weichen Zügen im von vielen Nachdenken abgehärmten Gesichte, den großen Kopf in die Hände gestützt. Er wehrte die üblichen untertänigen Ehrenbezeugungen Sangoris ab und wirdiesem Platz an zu seiner Rechten. „Ich hörte", fing Bulan gleich an, „du seiest ein weiser Mann und vom Stamme derer, die Königen Träume deuten ..." Sangori verbeugte sich tief. „Bet Gott sind die Deutungen, hatte einstens Joseph gesagt und in der Erkenntnis, daß eigene Weisheit s» wenig ist, wie eigene Macht, des Traumes geheime Sprache gesucht und gefunden. Was unser Gott in Rätseln kündet,^ist an uns zu raten und zu deuten, darum möge der große Chakan dem unwürdigsten seiner Diener seinen Traum erzählen". „In wenigen Aorten ist das Traumgesicht, so wett eS n»ch in meinem Bewußtsein lebt, wiedergegeben. Im Garten war es und ein Baum, ein mächtiger äste- «nd blätterreicher Baum stand im Mittelpunkt der Erscheinung. Einzelheiten sind aus meinem Gedächtnis ausgewischt . . . Dann sah ich Verwüstung und — neues Aufblühen mitten in dieser Verwüstung... Ein Sturm wütete und heulte, daß Blätter fielen, Reste und Zweige brachen . . . Ich suchte sie zu halten, zu stützen, eine Stimme rief aus dunklen Höhen: Bulan, gut ist deine Absicht, doch Ist deine Handluug schlecht!" Ich bot alle Kraft auf, mich aufrecht zu erhalten, wieder rief eS laut und eindringlich, wie aus endlosen Weiten: „Die Absicht' ist gut schlecht aber die Tat!" Ich schickte mich a«, auS dem Zusammenbruche zu fliehen, hinter mir her tönte aber mit Donnerstimme der gleiche Ruf. Wohin ich nun auch gehe und waS ich immer tue, von oben und unten, rechts und links und überall her hallt eS mir entgegen: „Nur der Wille ill gut, Bulan, nickt aber so die Tat!" „Und keiner von reu Weisen wußte Rat noch Deutung?" wagte Sangort zu fragen. „Nein, unsere Priester setzen alle Gebetmühlen in Bewegung, flüstern Sprüchlein, lassen Lammopfer auf Lammopfer auf dem Altäre des Sidharrte verrauchen und sagen das sei di. fromme Tat, von der die Götter garnicht genug haben können. Der Psgon, der den gleich m Traum gesehen und dir gleichen Worte gehört hat, sieht die gewünschte fromme Tat in der Ausrottung aller Fremden und Feinde der Götter. Da fragte ich einen freien, an den Götterglauben nicht gebundenen Philosophen uu'ö dieser wies in langer gelehrter Rede auf Grund der Lchren von Hermes, Sokrates, Plato und Aristoteles nach, daß Wille mb Tat nicht von einander zu trennen skien, daß jeder Wille, wenn er gut ist, schon an sich Tat sei, unabhängig von Ursache, Wirkung und Folge. Ziel, sagte er, sei Edelsinn und der Weg zu diesem Ziel, mag er über diese oder jene oder gar keine Tempel und Altäre führen, fei immer gut und genehm. Wie denkst du, Rabbi, über solche Weisheit?" „Der Wille", sagte Rabbi Sangori nach einiger Ueberlegung, „kann auch, wenn er gut ist, Wege öffnen und zu Zielen führen, die schädlich und verwerflich sind. Menschen und Völker befehden und vernichten sich. Auf beiden Seiten lebt der Wunsch und Wille, das, was hier als gut und gerecht gilt, zum Siege zu bringen und dennoch t sind die Wege blutig und das Ziel steht über dem Grabe tausendfachen Menschenglückes . . . Darum hat die Philosophie nicht recht, wenn sie Wille und Tat für einerklärt und deines Traumes stimme, großer Chakan, die den Willen lobt, und die Tat mißbilligt, bleibt ungelöst ..." „Kannst d u sie lösen?" „Ich könnte es schon wagen, auf Grund meiner Ahnungen und Vermutungen. Doch ist dem geringsten deiner Diener gegeben, einige j Frage zu stellen?" j „Frage so viel wie es dir gut dünkt!"! „Hat der große Chakan schon des öfteren! Löer Fragen der Religionen nachgegrübelt, mit r Jemand verhandelt, wann und wo?" „Seit Jahr und Tag beschäftigt diese Frage unausgesetzt mein Gehirn und besonders seitdem mein Sohn Salimon von seiner Reise über die Erde zurück ist, sprachen wtr deS öfteren über derartiges". „Im Garten?" „Ja, in den Alleen zur Morgenstunde, Saliman hatte so ganz neue Ideen, die zunächst ganz fremd und unverständlich waren ..." „Was dem denkenden Geist im offnen Lichte des Tages oft fremd bleibt, macht sich die suchende Seele im Schlaf und Traum zu eigen. Hat nicht der Thronfolger seine Ideen am Beispiel von Stämmen und Bäumen zu erklären gesucht?" „Ich erinnere mich deffen nur dunkel. Inzwischen brach der Krieg aus und Saliman zog in die Sch'.acht. „Der Baum, den der große Chakan gesehen",! sing Sangort an, „hatte wohl zwei Aeste,! nach rechts und links ..." z „Za, diese hingen, wie ich jetzt wieder I klar vor mir sehe, voller Früchte. Ich griff nach; ihnen, nach recht-, nach links — und die Aeste j brachen..." ] „Und der Stamm?"? „Am Stamm, ich erinnere mich jetzt ganz deutlich, fand ich Halt und Stütze, da eS ganz wirr um mich wurde. . Der Chakan schwieg und sah fragend Sangort an. Dieser überlegte. „Hätten wir einen solchen Traum ungehindert in unserem Sinne zu deuten ..." Sangori sah unsicher zum Herrscher hinauf. „Rede ungestört, Weiser der Juden!" „Wir würden dann sagen, der Stamm, er deutet auf die heilige Lehre, die auf uns von Gott durch unseren Führer Moses überkommen ist. Bon diesem Stamm gingen zwei Reste aus — Nazareth und Mekka, die beide nach der Weltherrschaft streben. Diese ist aber zi letzt dem Stamm allein deschieden und —" „Und?" „Und der Herrscher der Chasaren ist erkoren, diezunächst, früher denn alle Anderen, zu erkennen . . Line Pause trat ein. „Weiser der Juden", sagte der Chakan, „ich habe mir wohl dm.ke! und im Stillen schon selbst dir Religionen der ganzen oder halben Gotteseinhrit unter diesem Biide gedacht, das sich nun im Traume in klaren Umrissen vor meinen Augen ausbaute — aber du selbst behauptest nicht, der Traum sei göttliche Offenbarung — du sagtest nur, der Traum sei Spiegelbild der täglichen Gedanken. Bewegen sich aber diese in der Wahrheit entgegenliegender Richtung, dann ziehen sie auch leicht dieTrugb ilder der Nacht nach sich. Darum, Weiser Rabbi, heißt es bei mir, trotzdem mir die Wahrheit deiner Traumdeutung einleuchtet, gründlich prüfen . . . Sagt doch der klare Verstand, die Aeste und Zweige sind Träger der köstlichen Früchte und nicht der Stamm, wenn auch das Ganze von diesem sein Wachstum zieht . . . Ich will prüfen und forschen und nicht eher rasten, als bis ich ergründet habe, w o und w i e die Tat ist, die dem Willen entspricht. — Ich habe dich angehört, Sangori, und nun will ich aber, daß dich auch die Anderen hören und erfahren, was es mit der Lehre deines Gottes auf sich hat. Ist der Krieg glücklich zu Ende und ist auch Saliman zurück, so wirst du uns vor versammeltem Rate deine Grundsätze vortragen". Sangori war entlassen. Am Portale empfingen ihn die Diener ehrerbietig mit einer Sänfte und trugen ihn in den häuslich und wohnlich eingerichteten Raum in der Zidcrtelle, wo R. Amram seiner harrte. Auch Assarius, Kaspi und Balschan hatten sich etngefunden, die in größter Spannung den Bericht über die erste Unterredung mit dem Chakan entgegLUnahmen. XI. Lange Wochen wanderte Ben Chisdai mit seiner Schaar über Berg und Tal, durch Wald und Wüste. Etliche Pferde und Esel trugen den Proviant und abwachselnd die Wegemüden. Durch kleine Tscherkeffendörfer führte ihr Weg, wo sie zuweilen in Lehmhütten eine Nacht Rast hielten. Kirgisische Hirten weideten ihre Herden an den Berghängen und wiesen sie durch die Paffe zur Meeresenge, wo sich um Ardilan das Hauptheereslager Salimans befand. Wenn am Tage die Sonne mit voller Glut auf den Kopf der des langen Marsches Ungewohnten brannte, wenn des Nachts die Fröste der Berge ihre Glieder schütteln, wenn Hunger und Durst nur spärlich und notdürftig mit dem getrockneten Brode und abgestandenen Wasser aus den Schläuchen gestillt werden konnten, dann scherzte Ben Chisdai und sprach von Mischen. Wanderungen früherer Zeiten, und dann ertönte in vollen Akkordenein Lied, daß es über Berg und Tal hallte: „Gott ist mein Hirte, mir mangelt an nichts, Ans grüner Au läßt er mich lagern. An Wasser der Ruhe geleitet er mich-" . (Fortsetzung folgt.) i