Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1920)
- Date
- 1920-05-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Für die Einzelpersonen, insbesondere für diejenige die nach rellgionsgesetzltcher Vorschrift regelmäßig den 10. Teil von ihren Einkünften milden Zwecken widmen, bringt § 13 Ziffer 7 des neuen Einkommensteuergesetzes eine wichtige Erleichterung. Danach können Beiträge au kultursördernde, mildtätige, gemernnützige und politische Vereinigungen, soweit ihr Gesamtbeitrag 10% des Einkommens nicht überschreitet, bei der Berechnung des steuerpflichtigen Gesamteinkommens in Abzug gebracht werden. Hiernach sind natürlich nur Beträge an Vereine, Gemeinden rc. abzugsfähig, nicht aber private Almosenspenden. Nicht besonders erfreulich wäre es, allerdings wenn etwa dmch diese Bestimmung die Privat- Wohltätigkeit eine Einschränkung zu Gunsten der durch Vereine ausgeübten erführe. Paläfiina-firöeif 8er flauöas 3isröef-3ugenö. Wien- 2. Mai. Unter Vorsitz des HerrnDavio B au mga rten, fand eine stark besuchte Hauptversammlung der hefigen Agudas Jisroel-Jugendgruppe statt, an der Herr Rabbiner Hsrowicz aus Jerusalem als Vertreter der Züricher Agudazentrale teilnahm. Der Vorsitzende schilderte in großen Zügen die Tätigkeit der Sektionen für Palästina, Jeschinos und Krankenfürforge. Nach einer mit stürmischem Beifall aufüber Ünterrich Ls tat igkett der Gruppen, Blech über die Unterftützungsarbeit der Abteilung „Machsike Lomüe Thora" und Emanuel Felsenburg über die große Aktion zur Heimbeförderung der Palästinenser unter Leitung von Fr!. Lorbeerbaum. Von besonderer Bedeutung wären dabet folgende Mitteilungen: Wir haben aus Ere; Jksroel Informationen ein' geholt und sind uns schrecklich schlechte Berichte über Li" vort ohne rechten Beruf lebenden Palästinenser eing? laufen. Um die Leute, die Heimreisen wollten, nicht wieder dem Elend preiszugcben, muhten wir an eine Existenzgründung schreiten, und es war klar, daß wir die Leute nur für ein Handwerk/das sie in kurzer Zeit erlernen können, interessieren konnten, da einerseits die gewöhnlichen Handwerker, wie Schuster, Tischler usiv. die in genügender Zahl ausgewandert sind, sich nicht ernähren können, andererseits wieder Feldarbetter, die Schnbbvs hallen wollen, vorläufig schwer Beschäftigung finden können; so haben wir eine besondere Ak.ton für 'heimkehrende Palästinenser eingeleitet. Die Leute wurden vonuns in einem Strtckiehrkurs ln der Handhabung von Maschinen unterrichtet und wurden ihnen bei ihrer Heimreise Maschinen beige stellt. Wir haben damit das Richtige getroffen Wir erhielten Berichte, daß sich draußen die Leute mit diesem Handwerk sehr gut ernähren können. Bis jetzt haben wir 18 Maschinen Heimkehrern mttgegebcn und haben noch einige Maschinen in Reserve. Mit diesen verbesserten Vorbereitungen ging der zweite Transport, bestehend aus 29 Personen, am 24. Februar ab, und haben wir diesem Transport 50 Flüchtlinge aus dem Nikolsburger Lager angeschloffen. Der - dritte , Transport ging am 24. März, bestehend aus 60 Personen, die aus Budapest ausgewiesen waren, von hier ab. Gegenwärtig weilen hier 40 Personen, ebenfals ungarische' Flüchtlinge, uvö werden auch diese nächste Woche mit einigen Wiener Familien m. G. H. abreisen. Bis heute sind insgesamt 220 Personen von der Agudas Jisroel-Jugendgruppe gratis befördert wurden und haben bis jetzt an Spesen K. 1,400.000 erspart. Zur Zeit warten noch in den verschiedenen Teilen der ehemaligen Monarchie 280 Personen auf ihre Heimbcförderung. Wir haben bereits die nötigen Schritte unternommen, um ihre Heimreise zu ermöglichen und hoffen, daß wir in kürzester Zeit sämtliche Palästinenser Flüchtlinge hetmbesördert haben werden. Wir können und wollen aber nicht dabei bleiben. Wie ich ihnen bereits anfangs erwähute, wird die Agudas JisrocOJugendgrupve mit der Agudas Jlsroel selbst und allen übrigen maßgebenden Stellen gleich den anderen Landesorgänisarionen der Agudas Jisrocl, wie Polen, Deutschland und die Schweiz, ein Palästina- Amt schaffen, das sich in erster Zeit mir der Heimbeförderung, späterhin mit der Emigrationsfrage zu befassen haben wird. Früher aber werden wir an die be-eits notwendige Hcrndwerksschule schreiten müssen. Unsere geschilderten Erfolge und die in der nächsten Zeit stärkere Inanspruchnahme unserer Aktion haben uns bestimmt, eine Handwerksschule für die heimzuvesördernden und später auswandernden Palästinanenser zu gründen. Diese Handwerksschule ‘ soll dann zu einer bleibenden Institution für hier und Palästina ausgestaltet werden, ^jhnen näheres, spezielles über die beiden erwähnten Punkte mitzuteilen, bin ich heute selbstredend noch nicht ln der Lage. Die Norbereitungen sind getroffen. Die Arbeit hat schon begonnr«. Air haben uns ein hohes und erhabenes Ziel gesteckt. Große und schwierige Aufgaben warten ihrer Lösung, an der wir arbeiten wollen. Unsere zukünftige Arbeit erfordert Leute, die verständnisvoll an unserem Werke Mitarbeiten wollen. Der Redner schloß: Nehmen Sie teil an unseren Arbeiten mit gonzer Kraft, mit ganzem Vermögen, denn was wir hier begönnert, ist der Grundstein eines gewaltigen jüdischen Wiedrrcmsbcruwerkes. Die Siuöentenfcämpfe vor 9er wiener llalionaloerlammlung. Wie», 5. Mai. In der österreichischen Nationalversammlung gelangten bei der Behandlung über das Kapitel „Unterricht" die Wiener Studentenunruhen zur Sprache. Der Jüdisch-Nationale Stricker protestierte gegen das Verhalten des Rektors und der Hrofessoren, welche nichts unternommen hätten, um die Jugend zur Ordnung zu mahnen. Der Kampf gegen die armen, verhungerten jüdischen Studenten sei kein Kampf gegen das jüdische Großkapital. Großdeutsche Redner verlangten dagegen irr einer Resolution die Fernhaltung der Ostjuden von den österreichischen Hochschulen und eine Beschränkung in der Zulassung anderer Juden und der Ausländ.r zudem Hochschulstudium. Der Sozialdemokrat Hart mann (österreichischer Gesandter in Berlin) trat den Ausführungen der Großdeutschen und der Chcistlichsozialen entgegen und erklärte bezüglich der Studentenkrawalle, es könne unter den Zivilisierten kein Zweifel darüber sein, daß das, was geschehen ist, Barbarei sei. Die Behauptung über die Verjudung der Universität sei lächerlich. Von 24 Ordinarien an der medizinischen Fakultät seien nur zwei Juden oder jüdischer Abstammung. Ungarn. Die JuBenfrage in Ungarn- Md-xest, 27. April. In der Nationalversammlung bemerkte Fincrnzmtnister Baron Kor an hi zur Judenfrage, die Juden müßten im kulturellen und wirtschaftlichen Leben auf das Ausmaß dessen zurückgedrängt werden, was ihnen nach ihrer Zahl gebühre (?) Nicht durch Pogrome, sondern durch entsprechende Erziehung des Volkes sei die Judenfrage zu lösen. Im ungarischen Kul- , tur- und Wirtschaftsleben müsse diejenige Rasse die Leitung übernehmen, die die eigentliche Arbeit verrichte. Wenn bas Judentum sich mit ihr identifiziere, wolle man auch mit ihm Zusammenleben. Der gesellschaftliche Friede könne nur geschaffen werden, wenn die wirtschaftlich Schwächeren gegenüber den wirtschaftlich Stärkeren geschützt würden.' Auf Grund der Mitteilung eines Nachmittags' blatteS hatten mehrere Zeitunren die Nachricht gebracht, daß in der Hajdudoroget Ehnagoge mit Gold gefüllte Kisten und unabgestempeltes blaues Geld irr sehr großer Menge verborgen anfgefunden und infolgedessen der Rabbiner der- Gemeinde, sowie der Präsident verhaftet worden seien. Auf Grund der an Ort und Stelle eingeholten Errundigungeu müssen wir nun erklären, daß an der tendenziösen Ersindmrg kein einziges Wort wahr, die Nachricht vielmehr vollkommen aus der Luft gegriffen ist. Der Präsident der Gemeinde istni* verhaftet worden. Der Rabiner wurde wohl einem -Verhör unterzogen, um Mer die- Provenienz der auf dem Dachboden der Synagoge auMsundenen Tabakmenge — es ist also weder von Gold noch von unabgestempeltem Gelde die Rede — Aufklärungen zu erteilen. Da es sich aber bestätigte, daß der Rabbiner von dem Verbergen des Tabaks überhaupt fein* Kenntnis gehabt hatte, wurde er nach be»nd»tem Verhör ans freien Fuß gesetzt. Molen. Allerlei aus Polen- Warschau, 3. Mai. Allen Bemühungen zum Trotze, hören die Ueberfälle auf die Juden und die gewaltsame Bartabschneiderei nicht auf. In -er Jerosalimskigüffe fanden am 28. April regelrechte Razzias auf bärtige Juden statt. Erst nachdem die orthodoxen Deputierten telefonisch bet der Kommandantur um Hilfe gebeten hatten, hörte der Unfug auf. Entsetzliche Leiden haben die jüdischen Reisenden aus der Linie Warschau- Lemberg auszustehen. Es passiert zuweilen, daß der Zug zu diesem Zwecke auf einer Station eine ganze Stunde sttllhält, indessen die Hallerschen Soldaten mit Messer, Schere und anderen Instrumenten ihr Handwerk ausüben. Aehnliche Dinge kommen auch auf der Linie Grodno— Btalistok vor. In Blaschki wäre es in den letzten Tagen beinahe zu einer gefährlichen Ritualmordhetze gekommen infolge Verschwindens eines christlichen Mädchens. Es rottete sich eine große Menge vor dem Hause eines jüdischen Bäckerzusammen, da man gesehen haben wollte, wie der Jude das Chrtstkttmädchen fortgeführt hatte. Die Lage wurde sehr bedrohlich. Zum Glück tauchte aber das Kind noch rechtzeitig wieder auf bevor es zu blutigen Ausschreitungen kam. Aus der ungarischen Köllegtubapeß, 3. Mat Die Judenmorde nehmen in Ungarn ihren ungestörten Fortgang. In Jakabzalles wurde der Gutsbesitzer Moritz Groß des Nachts von weißen Offizieren ermordet. Der in Hajmasker interniert gewesene Stefan Werner wurde auf einem Transport erschossen. Täglich verschwinden Menschen spurlos. Jüdische Leichname werden öfters gefunden und von der Donau ans Ufer gespült. Letztens fand man die Leichen des 70jährigen Moritz Fonjo und seines Sohnes, die verschwunden waren. Beide sind der Brachial-Formation des Hotel Britania in Budapest zum Opfer gefallen. Die Lage in Ungarn ist derart geworden, daß die Juden es nicht mehr wagen, das Ausland um Schutz anzurufen. Im „Pester Lloyd" veröffentlicht die Landeszentralkanzlei der israelitischen orthodoxen Reli* gionkgemeinden folgende Erklärung: Litauen. wiegerankbanarbeik in Litauen- Kowno, 3. Mai. In einem Rundschreiben des Ministeriums für jüdische Angelegenheiten wird Bericht über die Arbeit erstattet, die die Oekonomische Abteilung im Ministerium im Einvernehmen mit dem Jüdischen Nattonalrat geleistet hat. Zunächst wurden alle nötigen Feststellungen erhoben über die wirtschaftliche Lage der litauischen Judenheit. Die Rundfragen wurden von sämtlichen Gemeinden eingehend beantwortet. Auf Grund dieses Materials wurde nun ein Memorandum über Handel, Handwerk, Landwirtschaft, Fabrikation und Genossenschaftswesen bet den litauischen Juden auSgearbeitet. Zugleich wurde eine Reihe von Arbeiten zur Organisierung des jüdischen ökonomischen Lebens durchgeführt. Ueberall wurden Volksbanken gegründet. Etwa 800 Familien meldeten sich für Landarbeit an, für die ein eigens gegründeter Landwirtschaftlicher Verein mit einem Kapital von einer Million Mark tätig ist. Für den Wiederaufbau der zerstörten Gemeinden ist bei der Regierung die Lieferung von billigem Material bewirkt worden. Die Kriegsschulden sind genau registriert und läßt sich die ökonomische Abteilung außerdem auch die Regelung der Emigration wie des Geldverkehrs mit Amerika sehr angelegen sein. Zu den bevorstehenden Wahlen für den litauischen Landtag gelang es, eine einheitliche jüdische Liste aufzustellen. Die jüdischen Deputierten sollen eine eigene Fraktion bilden, mit der Aufgabe, alle Jntereffen des litauischen Judentums wahrzunehmen. $ * >» Bei den Wahlen zur litauischen verfassunggebenden Versammlung ging, wie aus Kowno unter