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Der Israelit · 1920-05-13 · Heft 19 (13.5.1920) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 19 (13.5.1920)
Date
1920-05-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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46000 Mk.) — Fürbedürftige Gemeinden sind, wie seither 20 000 Mk. vorgesehen, für außerordentliche Unterstützung von Rabbinern, Lehrern rc. und der Wittwen 10 OOOMk. Der Religionsschul- und Pensionsfond verlangt statt seitherigen 27 0OO Mk. deren 70OOO Mk. für den laufenden Aufwand und 100000 Mk. für die Fond-Verstärkung (wie 1918). Die Wanderbibliothek des Oberrats erfordert statt seitherigen 200 Mk. das zehnfache dieser Summe, für Lehrlinge werden wiederum 3 000 Mk. angefordert. Die Aufstellung der Steuer-Register kostet 10000 Mk. an S t euerabgängen ist die enorme Summe von 250 000 Mk. vorgesehen. Den Schluß bildet die Verstärkung des Betriebsfonds der Zentralkaffe um 80 000 Mk. und die Einstellung von 7600 Mk. für „verschiedene und zufällige Ausgaben". Den genannten Ausgaben voninsgesam t 1 125 000 Mk. stehen an Deckungsmitteln neben/ 2000 Mk. Kapitalzinsen nur die. oben aufgeführten 146 000 Mk. Gemetnbebeiträge zu den Besoldungskosten der Lehrer und Kantoren gegenüber, der Rest von 97 7 000 muß durch allgemeine Kirchensteuern gedeckt werden, wozu von den BerwögenSsätzen 2 Pfg. von 100 Mk. und von den Etnkommenstcuersnschlägen 14 Pfg. von 1 M?, erhoben werden sollen. Rach der beigegebenen Ueberstcht haben von den Städten Badens Mannheim 502000 Mk-, Karlsruhe 170 000 Mk., Freiburg 43 000 Mk., Heidelberg 71 000 Mk., Pforzheim 25 000 Mk. und Bruchsal 44 000 Mk. aufzubringen. Es wird sich nun darum handeln, die einzelnen Ausgabeposten einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. II. Es darf nicht übersehen werden, daß neben der allg emein en Kirchensteuer, die zur Deckung der aufgeführten Ausgaben dient, überall noch die Gemeind'eausgaben durch hohe örtliche Kirchensteuern aufgebracht werden muffen, eine örtliche Steuer, die fast überall wesentlich höher ist, als die allgemeine. Es kann darum die Opferwilligkeit nicht genug hervorgehoben werden, die in der Uebernahme solcher Lasten liegt, es braucht aber auch nicht besonders brtont werden, daß größte Zurückhaltung bei der Ausgaben- Bewilligung obwalten muß, um die vorhandene , Opferfreudigkeit nicht zu stören. Schon die für den Oberrat angeforderten 74 000 Mk. (seither 7100 Mk.) müssen auffallen. Die Synode muß gewissenhaft prüfen, ob eS nötig ist, hierfür solche Summen aufzuwenden. Uns scheint, daß da etwas tief in den Beutel gegriffen wird, da werden Ehrenämter, die seit Menschengedenken Keines Feuilleton. Vehmel und der jüdische Schalet. Sammy Grone mann erzählt in der letzten Nummer der „Neuen Jüdischen Monatshefte" von seinen Erlebnissen in Obost und feinen Zusammenkünften mit Dehmel. Wie der Dichter speziell über die jüdische Küche dachte, erhellt sich aus folgender Schilderung; Dehmel fuhr auf einige Tage nach Wilna, um diese Sradt kennen zu lernen und speziell auch das jüdische Leben dort. Ich riet ihm, es so etnzurichten, daß er am Versöhnungstag dort den Gottesdienst in alten Synagoge besuchen könne. Er kam im höchsten Matze angeregt und interessiert zurück. Ueber den Eindruck, den Wilna auf ihn gemacht hatte, sprach er geradezu überschwänglich. Cr erklärte, daß Wilna auf ihn einen größeren Eindruck gemacht habe, als selbst Rom. Bor allem hatte ihn das Treiben in den engen Gätzchen um die Deutsche Straße herum, das eigentliche Judenviertel, gefesselt. Der Höhepunkt aber war, wie ich eS nicht anders erwartet hatte, der Gottesdienst in der alten Synagoge. Er hatte den wundervollen Herschmann vorbeten gehört und behauptete, das sei mit der höchste künstlerische Eindruck seines Lebens gewesen. Vor allem aber, sagte er, es sei ihm im Tempel zu Wilna zum erstenmal der Begriff der „betenden Gemeinde" aufgegangen, jetzt erst glaube er auch das Volk der Psalmen zu verstehen, jetzt wtffe er, was eS heiße, wenn der Ruf einer Menge zum Himmel emporsteigt. An einem Sabbatmtttag geleiteten Hermann Struck nichts anderes waren, zu Lebensstellungen gemacht, « Man beschränke sich im „Regieren" und im S „Repräsentieren" auf das Nötigste! Es ist alles nur Mittel zum Zweck, Mitte!. zur Erhaltung und Förderung des religiösen Lebens tut Lande, nicht Zweck selber. Die 23 000 Mk. (seither 1800 Mk.) für das Landesstifr und alle dazu gehörig:» Summen sollten endlich einmal Gelegenheit geben, die soziale Arbeit des Oberrats auf diesen! Gebiet eingehend zu beleuchten. Was unter diesem Titel schon seit Jahrzehnten gegen die Emuucch, wie sie uns heilig ist,' gesündigt wurde, ist ein besonderes Kapitel. Für die ganze Ausgabe oder für den größten Teil derselben, liegt heute kein Anlaß vor. Was die Hauptausgabe - Forderüng von 441000 Mk. für die Regelung der Lehrer- und Kantorengehälte auf zeitgemäßer Grundlage betrifft, so wird sich niemand der Notwendigkeit einer radikalen Aenderung und Ordnung der im Argen liegenden Gehaltsverhältniffe verschließen und die Synode wird das Möglichste tun. Aufgabe der Abgeordneten wird es sein, dafür zu sorgen, daß die Selbständigkeit der Gemeinden be i der Besetzung vakanter Stellen, wie seither bestehen bleibt. Es darf nicht dieMöglichlichkeit gegeben sein, daß rel>giösen Gemeinden neologe Beamte hergesetzt werden. Ferner darf die Verteilung der von dm Lehrer-Gemeinden aufzubringenden 146 000 Mk. nicht zu einem Druckmittel werden, um die Kleingemeinden zur Ntchtwiederbesetzung offener Stellen zu zwingen. Die Erteilung des Religionsunterrichts in den Religionsschulen der Lehrer¬ und besonders der Fiiialgemeinden erfordert gebieterisch die eingehendste Beachtung und Kritik. Die Beaufsichtigung desselben wie seither durch die Bezirkrabbinate dürfte kaum ernstliche Verteidiger mehr finden. Sie hat sich in vielen Bezirken nicht bewährt! Es muß eine Schulaufsicht im Hauptamt geschaffen werden! Die Aufsicht muß wissen, wann der Unterricht erteilt wird, ob er genügend ist und zu welcher Zeit er unverhofft inspiziert werden kann. Für bedürftige Gemeinden werden wiederum 20 000 Mk. angefordert, eine Summe, deren Notwendigkeit einstimmige Genehmigung fordert. Die Verteilung derselben auf die bedürftigen Gemeinden wird kaum Anlaß zu Debatten geben, sie bleibt gewöhnlich dem Synodil-Ausschuß überlassen. Die Stärkung des Religionsschul- und Pensionsfonds ist schon fr ü h e r im „Israelit" verlangt worden. Hätte man rechtzeitig vorgesorgt durch allmähliches Auffüllen des Fonds, dann wären heute solche Summen nicht nötig. Auch \ hier ist zu prüfen, ob die Forderung in voller Höhe bewilligt werden muß od. c ob es möglich ist, die notwendige Stärkung te*' Fonds auf eine größere Anzahl Jahre zu verteilen. Die Wanderbibliothek des Oberrats verlangt 2000 Mk. pro Jahr. Sie ist unseres Erachtens ein Unglückskind scrrher gewesen. Vor wenigen Wochen sah der Schreiber dieses in den Händm eines Kindes ein Buch dieser Wanderbibliothek, daS sich die Verherrlichung einer anderen Religion zur Ausgabe gemacht hat. Wenn solch? Sachen Vorkommen, dann läßt man am besten die Geschichte bleiben und spart das Geld. Wir hoffen, der Herr Redakteur wird es nicht bedauern, uns den Raum für die verstehende Arbeit zur Verfügung gestellt zu haben. Es ist jüdische Tätigkeit, jüdischer Gemeinsinn, jüdische Opferwilligkeit, die da in die Erscheinung tritt und die auch der Außenstehende mit Jntereffe verfolgen wird. Wenn, es immer mehr gelingt, dem positiven Judentum in Baden den ihm gebührenden Einfluß zu sichern, werden Entgleisungen, wie sie die Reformsucht vergangener Zeiten in Gestalt von Gebeiönch-Aenderungen re. versucht hat, für immer beseitigt bleiben und neues, echt jüdisches Leben wird auch bei uns wieder Wurzel schlagen. rmefpoadeaze» md Aachrichie». Flus öer neuen Sfeuer-öefefegebuno. WerNn, 2. Mai. Aus der neuen Steuergesetzgebung haben einige Bestimmungen besonderes Jntereffe für die jüdischen Kreise. Im Landessteuergesetz heißt es in § 15: „Die Religionsgesellschaften des öffentlichen Rechts sind berechtigt, Zuschläge zu den Reichssteuern zu erheben, die an die Stelle der bisherigen Landes- oder Gemeindesteuern getreten sind." Hiernach ist, noch bevor landes- oder reichsrechtliche Ausführungsbestimmungen zur Reichsverfassung vorltegen, das Steuer recht sämtlicher Synagogen gemeinden öffentlichen Rechts ohne weiteres gesichert. und ich den Dichter zu dem primitiven aber vorzüglichen jüdischen Restaurant von Michelsohn, in dem wir ständig atzen, um ihn mit den traditionellen Sabbatgerichten bekannt zu machen. Dehmel war an jenem Tage in großer Erregung. Er hatte an diesem Sabbat vormittag einen besonders Heftigen Zusammenstoß mit der Bürokratie gehabt und zog unterwegs uewaliig über die Machthaber her, welche dort durch schematische Verordnungen und in bornierter Ueberteblichkeit allerhand Unheil stifteten. Was er da auszuseyen tmtte, kann in seinem Buch nachgelesen werden. Aber damals ließ er sich mir einer Urwüchsigkeit und Offenheit, die kaum zu überbteten war, über diese Dinge aus und speziell auch über das Unverständnis, mit dem den jüdischen Wünschen und Eigenheiten gegenübergetreten wurde. Er erklärte schon damals, zornig den Stock aufs Pflaster stoßend, daß seines Blerbens dort nicht lange sein und daß er vermutlich mit einem großen Krach verschwinden würde. Bei Tisch kam etwas von dem Geistdes Sabbatfriedens auch über ihn und beim Genuß des Schalet, des gefüllten Hälschens, der Kuggel, glätteten sich allgeuiach feine Zornesfalten und die beängstigende Nöte seines Gesichts schwand. Er saß zwischen unserem Feidrabbiner Dr. Rosenack und Struck. Der Rabbiner gab allerhand hübsche Geschichten aus dem Midrasch zum besten. , Ich machte gewissenhaft darauf aufmerksam, daß es nicht ganz sicher sei, ob der dort zulande übliche Schalet ganz identisch mit dem von Heinrich Heine besungenen Nationalgericht sei, da am Rhein sich eine besondere Tradition in der Schaletbereitung entwickelt habe, während Struck, der sich ganz als Impresario der jüdischen Küche fühlte, mir ängstlichen Hausfrauenblicken darüber wachte, daß seine bis ins kleinste am Tage vorher gegebenen Anodnungen befolgt würden — hatte er doch sogar eine weiße Schürze für Frau Michelsohn und ein frisch geputztes Besteck dnrchgesetzt. Dehmel ließ sich trotz meiner rücheuphilvlogischen Bemerkungen den Schalei gut schmecken, der er offenbar ebenso zu würdigen verstand, wie es einige Zeit vorher. Herbert Eulenberg getan harte, und hörte still und warm interessiert die Sabbatgesänge und das Tischgebet au. (Der Racheakt düs Juden). Großes Aufsehen erregte in Staatsfurt vor einigen Wochen, daß der antisemitische Herausgeber des dortigen „Tageblattes" Hottenroth vor einer Theaterversammlung von der christlichen Frau des dortigen jüdischen Arztes Dr. Ri eg er, den Hotienroth in seinem Blatte wegen seiner Konfession wiederholt auf das unflätigste beschimpft hatte, ge ohrfeigt worden war. »ieser Judenfresser schlug sich natürlich bei dem Kapp-Pmsch auf die Seite der Kapp-Regierung und er tat Dienste als Zeitfreiwilliger. Als nun die Entwaffnung der Zeitfreiwilligen vor sich gehen sollte, belam er es mit der Angst zu tun und er versteckte sich in einem Bauerngehöft. Wie es ihm weiter erging, darüber veröffentlicht der „Anhalter Anzeiger" folgende der Tragikomik nicht entbehrenden Schilderung. Hotienroth wurde aber gefunden und von der empörten Menge furchtbar zugerichtet. Man führte ihn in die Stadt und wollte ihn von der Bodenbrücke aus in den Fluß werfen. Im letzten Augenblick kam der jüd t sch e Kaufmann Joseph, den er ganz besonders in seinem Blatte beschimpft hatte, hinzu und deckte seinen Feind mit seiner einflußreichen Persönlichkeit. Die Menge ließ sich dann auch beruhigen und so konnte Hottenroth unbelästigt nach seiner Wohnung gebracht werden. Dort verband ihn sogleich der Arzt Dr. Rieger, ausgerechnet derselbe Mann, den er in seinem Blatte wiederholt mit Schmähungen überschüttet hatte.

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