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Der Israelit · 1920-05-13 · Heft 19 (13.5.1920) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 19 (13.5.1920)
Date
1920-05-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Sette 2 Nr. 10 Der Israelit. 18. Mal 1020 ohne jede Vertretung ihrer ideellen und materiellen Interessen in Kammer und Senat, und die politischer; Parteien, deren halbe oder ganze Bereitwilligkeit zu einem Bündnis man stolz verschmähte, werden schwerlich geneigt sein, nun, nach einqetretenem Katzenjammer, der „fremden" Nationalität der Juden besonders Rücksichten angedeihen zu lassen. Daß die nationalistische Presse trotzdem mir den eroberten 80000 Stimmen großtut und diese als moralischen Machtftktor in die Wagschale der zukünftigen Parlaments- Politik zu werfen sucht, verrät denselben Mangel an politischem Augenmaß wie die ganze Taktik unserer Nationalisten. Sie kopieren blindlings die benackborten kleinen Mindnheits^Nationen und vergessen darüber völlig den grundlegenden Unterschied zwischen der kleinsten und ohnmächtigsten dieser Nationen, die doch auf ihrem Boden sitzen und geschlossene Wirtschaftsgebiete bilden, und der zwischen Himmel und Erde schwebenden jüdischen Gemeinschaft. Wie viele von den 80000 Wählern, die, verführt von einer tausendstimmigen Propaganda und in Verlegenheit mangels einer klaren, einheitlichen Wahlparole der Orthodoxie, wären sich wohl klar über die naLiowrlistische Politik, zu deren Gunsten sie nun ausgenutzt werden? Sicherlich noch nicht die Hälfte. Aber die Ernüchterung kann nicht ausbleiben. Wenn man auf der einen Seite mit dem Aufgebot aller Lungenkraft den „WirtSvölkern" die nationale Fremdhrir des jüdischen Volkes unausgesetzt in Ohr und Hirn hämmert, auf der andern Seite durch ein doch nur auf dem-Papier stehendes „jüdisches Palästina" die beste Ausrede zu einer Boykott- und AusweisungZPolitik der judenfeindlichen Staaten schafft — so mutet man denk gequälten jüdischen Volks einen Heroismus zu, den kein vernünftiger und verantwortungsbewußter Politiker ernstlich beanspruchen darf. Es wäre höchste Zeit, daß in den einzelnen Golusländern — wie ks tu Polen bereits der Fall ist — auch in politischer Hinsicht aktionsfähige Organisationen der Orthodoxie geschaffen würden, die, gleich weit entfernt von würdeloser und wah.hsitswidri.qer Affimilantenpolttik wie von dem Desperado-Nationalismus der Zionisten, eine traditionsgemäße, den Thatsachen des Golus Rechnung tragende jüdische Innenpolitik verfolgen und vertreten- Die neue batzrische Gemeinde-Organisation. Es liegt uns jetzt der Wortlaut des in Nürnberg beschlossenen Paragraphen über die Vertretung der religiösen „Richtungen" vor. Er lautet: „Zur Beratung aller Angelegenheiten, die auf Kultus, Ritus und Unterricht Bezug haben, werben mit Rücksicht auf die bestehenden religiösen Richtungen zwei selbständige Hauptausschüsse gebildet. — Diese Ausschüsse müssen in Fragen des Kultus und Ritus je zur Hälfte aus Rabbinern und Laken, in Fragen des Unterrichts je zu */# aus Rabbinern, Lehrern und anderen Mitgliedern bestehen. Die Wahl der Haupt-Ausschüsse erfolgt durch Tagung und weiteren Rat in gemeinschaftlicher Wahlhandlung. Jeder Abgeordnete und Vertreter wirkt nur bei der Wahl des Ausschusses mit, dessen Richtung er sich anschließt. — Der weitere Rat hat Vorlagen, die sich auf Kultus, Ritus und Unterricht beziehen, vor der Einreichung den Haupt-Ausschüssen oder, soweit es sich um Angelegenheiten einer Richtung handelt, dem Haupt-Ausschuß dieser Richtung zur gutachtlichen Aeußerung vorzulegen und mit diesem Gutachten der Tagung zur Kenntnis zu bringen. Die Vertretung vor der Tagung erfolgt durch ein Mitglied des zuständigen Haupt-Au'sfchuffts oder der beiden Ausschüsse. — Der weitere Rat hat die selbständige Bearbeitung der Kultus, Ritus und Unterricht beir. Angelegenheiten auf Antrag den Haupt-Ausschüssen oder, soweit nur eine Richtung in Betracht kommt, dem Haupt- Ausschuß dieser Richtung zu übertragen." Auf diese Regelung treffen wortwörtlich die kritischen Bemerkungen zu, die wir uns bei früherer Gelegenheit zu den Vorschlägen Dr. Jsmar Freunds erlaubten. (Nr. 8 des Israelit vom 26. Februar 1920). Nicht einmal von der selbständigen Vertretung des überlieferten Judentums gegenüber den Behörden ist hier die Rede, sondern es wird in völlig bewußter Weise die Fiktion ausrecht erhalten, als sei in der Tat völlige Einheit in den religiösen Grundanschauun'ien vorhanden, die sich nur nach Richtungen in Brauch und Sitte nüaneieren. Gelingt es nicht, durch anderweitige Maßnahmen, insbesondere den zu gründenden orthodoxen Geureindebund, , ein Gegengewicht gegen die hier in Paragraphen gegossene Verwirrung der Geister zu schaffen, so werden die demoralisierenden Folgen für das Bewußtsein der Heranwachsenden Generation nicht ausbleiben. Auch der bestbezahlie und berufssreudigstr Lehrer wird nicht im stände sein, inmitten einer Atmosphäre, in der die Absolutheit des religiösen Wahrhettsbewußtseins durch gleichgültiges Schwanken ersetzt ist, die wetterfesten „altmodischen" Jehudim heranzubilden, deren sich grade Bayern bisher immer noch rühmen durfte. «■' t. « vy\v. MO \ Gin Gleichnis von der Valuta. (Zu den S e fi r a h»T a g en). Bon Dr. Felix Kanter in Zwittau (Mähren). Folgendes Gleichnis habe ich vor einigen Jahrzehnten von einem polnischen Magid gehört und vor einigen Jahren in einem 'DM-Buche gelesen. Ich gebe es hier mit einigen unwesentlichen Abänderungen wieder. Was die Nutzanwendung betrifft, so folgt zunächst die deö polnischen Magid und dann eine zweite, die mdir der Bedeutung der Sefiratage und dem modernen Zeirgelste entspricht. Ein armer Mann, der sich und seine Kinder schwer und kümmerlich ernährte, beschloß eines Tages, nach einem andern, fernen und fremden Lande auszuwandern, um dort sein Glück zu versuchen. Unter Glück verstand er wie alle törichten Menschen Gold und Geld, Schätze und Reichtümer, die, wie er hörte, in jenem fernen Lande leicht zu erwerben wären. Diese Hoffnung erwies sich aber bald als trügerisch. Er arbeitete zwar fleißig und unverdroffen, er suchte und mühte sich bei Tag und Nacht ohne Ruh' und Rast, aber vergebens: das erhoffte Glück — er vermochte es t-vtzdem nicht zu erreichen. Was er erwarb,; gab er für feine Lebensunterhaltung aus und was er erübrigte, erschien ihm so gering und unbedeutend, daß er es gedankenlos verausgabte, ohne zu zählen und zu rechnen, ohne zu sparen und für spätere Zeiten aufzubewahren. So vergingen Wochen, Monate und Jahre und er beschloß, die Heimreise wieder anzutreteu, in die Heimat zurückzukehren — so zurückzukehren, wie er sie verlaffen harte; arm, elend und hilflos. Zuhause nngelangt, wechselte er die wenigen Silberlinge, die er aus dem fremden Lande mitgebracht und die er ihrer geringen Zahl und ihres geringen Wertes wegen wenig beachtet hatte. Aber wie groß war sein Erstaunen, als ihm für diese wenigen Münzen eine für ärmliche Verhältnisse ungewöhnlich hohe Summe eingehändigt wurde, eine Summe, wie er sie nie gesehen und nie besessen batte. Denn während seiner Abwesenheit war der Geldwert in feinem Heimatlanbe lief gesunken und der des fremden Landes hochgesttegen; was dort als wenig galt, galt hier viel und für kleinste Münzen aus dem fremden Lande gab man in seiner Heimat die höchsten Beträge. Als er dies erfuhr, brach er in Tränen aus. Wie leicht, sprach er schluchzend, hätte ich Schätze und Reichtümer erwerben können, wenn ich mehr gespart und mehr gerechnet hättewenn ich das, was ich achtlos und gedankenlos verausgabte, sorgfältig gezählt bewahrt und in meine Heimat mttgebracht hätte. .,Kein Gebot der Religion sei gering in deinen Augen, denn du kennst ja nicht den Lohn der gewissenhaften Erfüllung der religiösen Gebote" — so heißt es in den Sprüchen der Väter. Wenn ihr selbst öle Gebote beobachtet, die der Mensch sonst mit Füßen tritt yapjD vn ow flttö, das heißt über die er teils gedankenlos, teils mutwilltg sich hinwegsctzt, dann wird Gott euch Regen geben zur rechten Zeit, euch mit 1 Das Budget der badischen Landesshnagoge pro 1926/1922. Bon Samuel Jeselsohn in Neckarbischofsheim. I. Der Voranschlag über die verschiedenen vom badischen Oberrat der Israeliten verwalteten Kossen, wie er der jetzt gewählten und demnächst zusammentretenden Synode zur Genehmigung vorgetegt wird, ist soeben erschienen. Die mir von der Redaktion des „Israelit" so dringend ans Herz gelegte Rücksichtnahme auf den bestehenden Raummangel, zwingt mich, den Voranschlag nur in allgemeinen Umrissen zu besprechen, so ffehr der Anreiz gegeben ist, die überaus wichtige Materie eingehend kritisch zu untersuchen, l Niemals ist der badischen Judenheit ein Budget vorgelegt worden, dessen Zahlen so ins Riesenhafte gestiegen sind gegenüber der Vorperiode, wie dieses, beträgt doch die Gesammt-Ausgabe 1 125 000 Mk. gegenüber 103 800 Mk. zuletzt. Allerdings sind aus den pro 1018 vorgesehenen 103 800 Mk.. in Wirklichkeit schon 276 000 Mk. geworden und pro 19IS wird wohl die Ausg'abesumme noch größer sein, der Abschluß liegt noch nicht vor. Also der Voranschlag der Zentralkasse weist eine etwa z-hnmal so große Ausgabe auf, l als sein Vorgänger. Für die oberste Behörde waren pro 1918 7100 Mk. nötig, jetzt werdm jährlich 74 000M. verlangt. (Und zwar jährlich 10 000 Mk. für einen Oberratspräsidenten, 25 000 Mk. für ein hauptamtliches Oberratsmi^glied, 2000 Mk. für einen Htlssreferenten, 19 000 Mk. für Bürobeamte.) Für gering besoldete Rabbiner hat man erstmals 30 000 Mk. eingestellt, die zur Aufbesserung ihrer Bezüge verwendet werden sollen. Für das Israelitische Landesstift in Karlsruhe werden gegen 1800 Mk. seither und gegen 4600 Mk. wirklichen Aufwands in 1918 jetzt 23 000 Mk. angefordert. Erstmals erscheint als wichtigster Posten des ganzen Voranschlags eine Ausgabe- Forderung von 441000 Mk. für Gehalte der Religionslehrer und Kantoren gegenüber seither angeforderten 35000 Mk. und gebrauchten 78 000 Mk. Seither wurden die Lehrer und Kantoren von ihren Gemeinden bezahlt und die aufgewendeten78 000 Mk. lediglich als Zuschüsse der Zentralkaffe zu diesen Lehrergehältern verwendet. Jetzt sollen die Gehälter direkt aus der Zentralkasse bezahlt werden und dazu werden die 441 000 Mk. verlangt. (An Einnahmen erhält die Zentralkasse von den Gemeinden hiergegen , einer guten Ernte erfreuen, euch vor Krieg bewahren und euch Frieden spenden. Für die geringsten Gebote — der höchste Lohn! Es gibt eben keine geringen Gebotegering erscheinen sie in den Augen deS Menschen, nicht in den Augen Gottesgering erj scheinen sie ihm hier auf Erden, in der Welt, wo er i blos ein Fremdling ist, nicht aber dort, in der ewigen k Welt, in seiner ewigen Heimat. Zählen, heißt es in der Schrift, soll man sieben _ Wochen langso man anfängt die Sichel an das Ge»! treide anzulegen, sollet ihr anfangen zu zählen fünfzig Tage. Der Zeitpunkt vom Beginne des Schnittes ist nicht willkürlich gewählt. Wieviel Arbeit, Mühe und Plage muß der Landmann sich unterziehen, bis er' daran geht, die Sichel an das reife Getreide anzulegenwieviele Arbeiten muß er schon monatelange vorher verrichten, um später ernten zu können. Dem Fernstehenden dürfte manche Arbett des Landmannes vielleicht als unnötig oder gar überflüssig, manche Maßnahme, die er trifft, manche Verrichtung, die er ansführt, als übertrieben oder gar als lächerlich erscheinen. Der Landmann aber weiß, daß alle diese Arbeiten, Maßnahmen, Handlungen und Verrichtungen nötig und daher vom höchsten Werte sind, um eine gute Ernte zu erzielen. Und ebenso wird er sich nicht mit dem Schnitt allein begnügen, sondern auch an die Ernte denken und nach der Ernte wieder an die neue Arbeit, die seiner von neuem harrt. Wer im Leben ernten will und nach dem Leben, mutz vor allem arbeiten und keine Mühe und keine Anstrengung scheuen, um sein, Ziel zu erreichen. Zählen soll er die Tage, und jeder Tag fei seinem Ziele gewidmet und jede Arbeit darauf gerichtet, um sich einst der Ernte zu erfreuen. So verfahre er die „sieben Wochen", die sieben Jahrzehnte, die seines Daseins Grenze bilden.

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