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Der Israelit · 1920-04-29 · Heft 17 (29.4.1920) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 17 (29.4.1920)
Date
1920-04-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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29. April 1929 Ungarn. Plus Oer rniüsriscklen Hölle M»dspest> 21. April. Der jüdische Preßdericht" in Wien bringt ei« Notschrei aus Ungarn „an alle in den Kulturftaatrn lebenden Glaubens- und Stammesbrüder" gerichtet, Es heißt darin u. „Wir aus unserim UaterlanLe vertriebenen Juden wenden unan euch im Namen der Zehntausenden, die unter dem weißen Terror zittern. Der weiße Terror holt sich seine Opfer fast ausschließlich auS den Reihen der Juden. In Ung«rn wagt es Lein Jude mehr, sich abends auf der Straße zu zeigen, da er Gefahr läuft, auSgeraubt u»d niedergemacht zu werden- Die Zahl der spurlos verschwundenen Juden hat bereits 800 erreicht. Noch größer ist die Zahl der galtzischen Juden, die nach unbekannten Zielen abgeschoben wurden. Der Kreuzzug der Offiziere der Nationalarmee geht unaufhaltsam weiter und das Weheklagen der Waisen und Witwen macht die Luft erzittern. Greise und Kinder werden nicht verschont, die Gefängnisse und Internierungslager sind vollgestopft. Mas einzige Verbrechen all dieser Leute ist, daß sie Juden sind." Alle Glaubens- und Stammesbrüder, die sich der Freiheit in einem Kulturlande erfreuen, werden aufgerufen, helfend für ihre unglücklichen Brüder in Ungarn einzugreifen. Ueber weitere Ausschreitungen wird noch folgendes gemeldet: Die gesamte jüdische Bevölkerung der Umgebung von K-ecskemet flüchtet. Die christliche Bevölkerung protestiert gegey die Gräuel, ist aber ohnmächtig . . . Die zu Fuß wandernden Flüchtlinge werden unterwegs von den Offizieren der Brachialgewalt ausgeraubt. Die Züge werden von einer eigens zu diesem Zwecke organisierten Patrouille inspiziert . . . Biese flüchtenden Juden haben aber auch vor Budupest, wohin sie sich wenden, Angst, denn an den Toren der Hauptstadt harren ihrer gewiß neue Schändlichkeiten der Brachialoffiziere. In der Gemeinde Kiskunmajsa wurden die Juden am letzten Pessachtage aus der Synagoge getrieben und unter Martern hingemordet, denen gegenüber Torturen der spanischen Inquisitoren ein Kinderspiel waren. Döhrnen. DieOJahlen für öie ffcfiecho-noroaftifcfie Kammer. Mrag, 20. April. Die vorläufigen Wahlergebnisse lasten bei aller Unvollkommenheit bereits die Richtlinien der kommenden Kammerpolitik klar hervortreten. Als stärkste Partei geht die tschechische Sozialdemokratie aus den Wahlen hervor, da ihr nicht weniger als 45 vom Hundert aller tschechischen Stimmen zugute gekommen sind. Auch unter den deutschen Parteien führen die Sozialdemokraten mit etwa demselben Stimmenanteil. Die Jüdischnationalen hatten für ihre eigenen Kandidatenlisten nirgendwo die Wahlzahl erreichen können, wiewohl sie insgesamt rund 80000 Stimmen auf sich vereinigten. Ihre Kandidaten werden wie die zwei deutschen Kandidaten Prags auf das zweite Skrutinium warten müssen. Leider hat auch die cmtisemische „Volkspartei" einen Zuwachs bis auf 49 Sitze erhalten. MoLsn. ünferludiuno 0er Pogrome. Ak erlitt, 16. April. In Berlin weilt zurzeit eine internationale Abordnung, bestehend aus dem französischen Sozialisten und Mitarbeiter der „Humanite", Renaudel, dem englischen Gewerkschaftsführer Shaw und dem holländischen Sozialisten Schabt. Die Delegierten reisen in diesen Tagen nach Warschau, um dort den Pogrombericht des amerikanischen Botschafters Morgenthau nachzuprüfen. Von Warschau begeben sie sich nach der ukrainischen Hauptstadt, s Wer SNtagalti. ©ehe 6 «nd von d»rt aus ist noch ein Besuch Rußlands geplant. %jikxtxlnt+ ein Bericht über Sie lMMcken Pogrome. London, 14. April. Eine herzerschütternde Sammlung von Dokumenten in englischer Sprache liegt in dem vom Kiewer Hilfskomitee verfaßten und vom Zentralkomitee für Rußland herausgegebenen Bericht über die jüdischen Pogrome in Südrußland (Jewish Pogroms in South Russia) vor, in welchem festgestellt wird, daß es während der ersten zwei Jahre der Revolution keine wirklichen Pogrome gegeben hat. Erst als das Direktorium von den Kommunisten niedergerungen wurde, begann die Serie der blutigsten Judenpogrome. Je öfter die Petljura-Trupprn gezwungen waren, vor den Kommunisten dtk besetzten Gebäude zu räumen/ desto grausamer behandelten sie die Juden, gegen die sie unter dem Schlachtruf: „Mordet die Juden und die Kommunisten!" losgingen. Die Zahl der Pogromopfer wird mit 30.000 angegeben, von denen 15.000 den regulären Truppen allein zur Last fallen. Am blutigsten ging es in den Monaten Mat, Juni und Juli zu. 372 Ortschaften zählt der Bericht auf, in denen die Juden durch die Pogrome gelitten haben, als deren indirekte Opfer auch jene zu gelten haben, die auf der Flucht erschlagen, aus den Eisenbahnzügen geschleudert wurden oder auf dem Wege buchstäblich verhungerten. Hierdurch erhöht sich die Zahl der Pogromopfer auf 70.000. Haarsträubend sind die Einzelheiten des Berichtes. Boguslaw hat in einer Woche fünfmal den Besitzer gewechselt und jeder Wechsel hatte einen Judenpogrom zur Folge. In Belomitza (Wolhynien) wurden alle jüdischen Familienväter ermordet. In Dubowo wurden Len Juden die Schädel gespalten und die Schwerverwundeten oder Toten in einen Keller geworfen. In Tschernobyl wurden die Opfer in den Strom geworfen, wo sie ertranken, wollte sich einer durch Schwimmen retten, wurde er angeschossen usw. Die Kosten der Hilfsaktion beliefen sich aus monatlich rund zwanzig Millionen Rubel. RrrMarrd. öMäiewismuL unS luSenkum 'Maris, 6. April. Nach einer „Journal"-Meldung aus Moskau hat die Sowjetregierung eine Proklamation erlassen, in der sie die jüdischen Gemeinden als gefährlich für die Erziehung des russischen Proletariats zum Kommunismus bezeichnet. Sie befiehlt infolgedessen die Schließung aller jüdischen Lehranstalten und Institutionen im ganzen Gebiete von Sowjetrußland. — Wie paßt dieses zum Gerede vom „jüdischen Bolschewismus?" öle Kage in Oüeffa. Marls, 15. April. Hier eingetroffene Flüchtlinge aus Odessa überbringen Schreckensnachrichten aus der einst so blühenden Jubengemeinde am Gchwarzen Meere. Das alte Regiment endete vor Uebergang der Stadt in di» Gewalt der Bolschivisten mit entsetzlichen Judenmetzeleien, von denen die Moldavastraßen, das Viertel der armen jüdischen .Bevölkerung am meisten betroffen wurden. Ausgeführt wurden die Pogroms von ten Soldaten des General Stöffel, der selbst den Befehl zur öffentlichen Hinrichtung vieler jüdischer Kaufleute gab, unter der Beschuldigung, daß sie angeblich Ware zurückhielten. Kurz bevor die Bolschewisten in die Stadt einzogen, trat aber eine allgemeine Panik ein. Alles ergriff die Flucht. Hunderttausend« zahlte man für einen Platz auf dem Schiff oder in der Eisenbahn. Gezahlt wurde nicht mit Geld, sondern mit Gold- und Silbergerätsn, Pelzen «nd anderen kostbaren I Gewändern. Die Lage der in der Stadt verr bliebenen Juden wurde unter den Bolschewisten noch kritischer^ Denktns Heere feierten Abschied von der Stadt, indem sie alles was erreichbar, in Brand steckten und die einziehendrn Bolschewisten suchten die Trümmerhaufen auf die letzte« Reste der jüdischen Hüte ab. Was tzhnen in dem Weg stand, wurde niedrrgemacht. Artttvita*. Ein neuer keifer des ameriftanitfHUdltdicn ttülfsroerhs. IlerV-B*rü, 12. April. Herr Felip Warburg schreibt uns: Dr. Julius Goldmann aus New-Iork, dessen langjährige Arbeit im Dienste der jüdischen Philanthropie ihm die Achtung und das Vertrauen der amerikanischen Judenheit erworben Hut, hat sich bereitgefunden, die Ausführung eines der größten und schwierigsten Werke zu übernehmen, das jemals ein amerikanischer Jude auf sich genommen hat. Er ist auf der „Mauretamia" nach Europa abgereist, um als oberster Leiter deS Joint Distribution Committee, e die vom American, vom Central- und vom Peoples Relief Committee aufgebrachten Gelder zur Verteilung zu bringen. Es ist die Aufgabe Dr. Goldmanns, dir Berichte aus den verschiedenen Ländern, in denen Hilfe für die jüdische Bevölkerung dringend nötig ist, entgegenzunehmen, mit den Regierung-Vertretern der in Frage kommenden Länder zu verhandeln, zusammenzuarbeiten mit dem amerikanischen Hilfskomitee für die europäischen Kinder, das unter der Leitung Mr. HooverS steht, dem Roten Kreuz und anderen Organisationen. Er hat seine auf diese Weise an Ort und Stelle gesammelten Informationen hem Joinr Distribution Committee writerz «geben, so daß das Komitee seine Geldbewilligungen sowie Kleider- und Lebensmittelverschiffungen, gestützt auf genare Sachkenntnis, vornehmen kann. föüvk&i+ Rüchfriff 068 öroßrabbiners. Londo«, 16. April. Wie aus Konstantinopel berichtet wird, hat der Großrabbiner, ChaimNahum Effendt, dem Justizministerium sein Abschiedsgesuch überreicht. In dem Gesuch dankt Chatm Nahum Effendi der türkischen Regierung für die Unterstützung, die ihm während seiner zwölfjährigen Amtstätigkeit von der Hohen Pforte zu teil geworden sei. Wie verlautet, soll der Grund zu feinem Rücktritt in den Schwierigkeiten liegen, die entstanden sind durch seinen Wunsch, die Teilnahme der Juden fremder Staatsangehörigkeit an den Wahlen durchzusetzen. NrrlcrWrrcr. Die Regelung 0er PaMinakrage. London, 25. April. Reuter berichtet wörtlich aus San Remo: Die Konferenz hat die Einverleibung der Balfour- Erklärung in den Friedensvertrag mit der Türkei beschlossen, die vorsieht, daß Palästina das nationale Heim der Juden werden soll unter Berücksichtigung der arabischen Bevölkerung. Ep ch an ge Telegraphe Agentur berichtet ferner unter demselben Datum: Der Dberfte Rat yat das Mandat für Palästina an Großbritannien gegeben, indem er Frankreich und Großbritannien die Regelung der Grenzfrage überläßt. Es ist ferner beschlossen, daß das Statut, das Großbritannien für Palästina auszuarbeiten hat, Bestimmungen über die Errichtung einer nationalen Heimstätte für die Juden gemäß der Balfour-Deklaration enthält. Der Schutz der religiösen Gemeinschaften, der früher von Frankreich ausgeübt wurde, soll in Zukunft den zuständigen Kons ulaten anvertraut werden. Die Frage der Bewachung der heiligen Stätten soll in Kürze geregelt werden.

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